„Wenn Bischöfe, Priester, Gläubige besorgt sind, haben sie das Recht frei ihre Bedenken zu äußern“

6. Juli 2023 in Aktuelles


Kardinal Müller: „Die Entscheidung, wer Präfekt der wichtigsten Kongregation wird, die dem Papst unmittelbar in seinem universalen Lehramt zuarbeitet, steht dem Heiligen Vater allein zu. Er muss sie in seinem Gewissen vor Christus verantworten.“


Rom (kath.net/pl) „Die Entscheidung, wer Präfekt der wichtigsten Kongregation (oder des Dikasteriums) wird, die dem römischen Papst unmittelbar in seinem universalen Lehramt zuarbeitet, steht dem Heiligen Vater allein zu. Er muss sie auch in seinem Gewissen vor Christus, dem Herrn und Haupt Seiner Kirche, verantworten. Das schließt nicht aus, dass weltweit viele Bischöfe, Priester und Gläubige besorgt sind. Sie haben das Recht frei ihre Bedenken zu äußeren (Lumen gentium 37).“ Darauf weist der emeritierte Präfekt der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Kardinal Müller, im Interview mit Michael Haynes für „LifeSiteNews“ hin. kath.net liegen die Antworten des Kardinals auf Fragen nach der Ernennung des umstrittenenen argentinischen Erzbischofs Victor Manuel Fernandez zu seinem Nachnachfolger im deutschsprachigen Original vor, wir zitieren aus diesen Originalantworten. Müller selbst war von Papst Benedikt XVI. 2012 als Präfekt der Glaubenskongregation berufen worden, Papst Franziskus verlängerte 2017 die Amtszeit Müllers nicht mehr.

Müller führte im Interview zunächst im Blick auf die grundsätzliche Ausübung des Papstamtes aus, dass die seinerzeit von ihm „kritisierte Meinung, dass jede beliebige Diözese zum Sitz des Petrusnachfolgers werden könne“, im „2. Kanon der Konstitution ‚Pastor aeternus‘ schon von den Vätern des I. Vatikanum direkt als häretischer Widerspruch zum geoffenbarten Glauben qualifiziert (Denzinger-Hünermann 3058)“ werde. „Der Begriff der ‚vollen, höchsten und universalen Gewalt des Papstes über die Kirche‘ (Lumen gentium 22), also die plenitudo potestatis“, habe „nichts, gar nichts“ damit zu tun, wie sich weltliche Potentanten mit unbeschränkter Befehlsgewalt „auf eine höhere Macht berufen“. Der Interviewer hatte zunächst in seiner Frage darauf hingewiesen, dass Müller in der Vergangenheit bereits einige Aussagen von Fernandez als „ketzerisch“ bezeichnet habe. Dann hatte der Interviewer danach gefragt, welche Gefahr Fernandez in Zukunft als Leiter der Glaubenskongregation darstelle, nicht zuletzt auch angesichts seines Schreibens und seiner Förderung von „Amoris Laetitia“ als Erlaubnis der Kommunion für Geschiedene und zivilrechtlich „Wiederverheiratete“.

Der emeritierte Präfekt der Glaubenskongregation antwortete weiter, „die Kirche des dreifaltigen Gottes“ benötige „auch keine Neugründung oder Modernisierung, so als ob sie ein baufällig gewordenen Haus geworden wäre und als ob schwache Menschen den göttlichen Baumeister übertreffen könnten. Sie ist schon in Christus ein für allemal geschichtlich begründet und in ihrer Lehre, Verfassung und Liturgie in Gottes Heilsplan vollkommen konzipiert.“ Die Kirche diene „im Heiligen Geist“ „den Menschen fortwährend als Sakrament des Heils der Welt“. Dabei sei ihre Lehre „nicht ein Programm, das von Menschen verbessert und aktualisiert werden müsste, sondern das treue und vollständige Zeugnis der eschatologischen Offenbarung Gottes in seinem Mensch gewordenen Sohn ‚voll Gnade und Wahrheit‘ (Joh 1, 14), erklärt der Kardinal.

Müller erläuterte, dass es die Aufgabe des Dikasteriums sei, „im Dienste des päpstlichen Lehramtes aufzuzeigen, wie die Glaubenslehre biblisch begründet ist, wie sie sich dogmengeschichtlich entfaltet hat und wie sie in ihrem Gehalt vom Lehramt verbindlich ausgedrückt wird.“ Dabei beziehe sich „der religiöse Gehorsam, den alle Katholiken dem Gesamtepiskopat und insbesondere dem Papst schulden“, „nur auf die übernatürlichen Wahrheiten der Glaubens- und Sittenlehre (inklusive der natürlichen Wahrheiten in der Ontologie, Erkenntnislehre und Ethik, die die Vorrausetzungen der Erkennbarkeit des Wortes Gottes in unserem menschlichen Verstand bilden)“. Aber „für ihre Privatmeinungen können Papst und Bischöfe keinen Gehorsam beanspruchen und schon gar nicht für Lehren und Handlungen, die der Offenbarung und dem natürlichen Sittengesetz widersprechen würden“. Müller, der langjährig Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität in München gewesen war, führte weiter aus, dass dies „schon im Jahre 1875 die Deutschen Bischöfe gegen die Missdeutung der Lehren des I. Vatikanum seitens des deutschen Reichskanzlers Bismarck“ erklärt hatten, und dem Papst Pius IX. ausdrücklich zugestimmt habe (Denzinger-Hünermann 3115; 3117).

Grundsätzlich sei die Situation so, sagte Kardinal Müller: „Papst und Bischöfe sind gebunden an die Heilige Schrift und die Apostolische Tradition und keineswegs Quellen einer zusätzlichen oder vermeintlich auf den heutigen Stand der Wissenschaft zu bringenden Offenbarung.“ Dann zitierte er Lumen gentium 25: „Eine neue öffentliche Offenbarung als Teil der göttlichen Glaubenshinterlage (divinum depositum fidei) empfangen sie jedoch nicht.“

Auf die Frage danach, dass Erzbischof Fernandez in der Vergangenheit vertreten habe, dass sexuelle Beziehungen zwischen noch nicht verheirateten, aber bereits zusammenwohnenden Paaren nicht immer eine Sünde sei, und wie diese Aussage mit der zukünftigen Verantwortung von Fernandez zu vereinbaren sei, erläuterte Müller, dass „Jesus selbst“ unter „Berufung auf den ursprünglichen Willen des Schöpfers … gegen die hartherzigen Pharisäer, die mit der Lebenswirklichkeit ihrer Zeitgenossen und der Unerfüllbarkeit der Gebote Gottes argumentieren, die Ehescheidung und Wiederheirat als Ehebruch bezeichnet (Mt 19,9).“ Der Kardinal führte weiter aus, „alle schweren Sünden schließen uns solange vom Reich Gottes aus, bis sie bereut und vergeben sind (1 Kor 6, 10). Die Barmherzigkeit Gottes besteht darin, dass er den reuigen Sünder wieder mit sich versöhnt durch Jesus Christus. Keineswegs können wir uns selbst rechtfertigen mit Verweis auf unsere Fragilität, um in der Sünde, d. h. dem tödlichen Widerspruch zum heiligen und heiligenden Willen Gottes, zu verharren.“

Gleichzeitig wies Müller aber deutlichst darauf hin, dass davon zu unterscheiden sei „der pastoral sensible Umgang mit den vielen Menschen, deren Ehe und Familien aufgrund eigener oder fremder Schuld beschädigt oder zerbrochen sind“. Doch habe die Kirche deswegen dennoch „nicht die Vollmacht die geoffenbarten Wahrheiten über die Einheit der Ehe (Monogamie), ihre Unauflöslichkeit und ihre Fruchtbarkeit (Annahme der Kinder als Geschenk Gottes) zu relativieren. Eine gute Pastoral gründet auf einer guten Dogmatik, weil nur ein guter Baum mit gesunden Wurzeln auch gute Früchte hervorbringt.“

Der Interviewer erwähnte, dass Erzbischof Fernandez einmal eingeräumt habe, dass er selbst in vielen Punkten „progressiver als der Papst“ sei. Dann fragte der Interviewer, welchen Rat Kardinal Müller dem künftigen Präfekten der Glaubenskongregation geben würde, damit er die Glaubenslehren treu bewahren könne.

Müller antwortete mit dem Hinweis, dass die Kirche in Lateinamerika „die Hälfte ihrer Mitglieder verloren“ habe. „Im synodalen Deutschland haben öffentlich allein im Jahre 2022 mehr als 500.000 Katholiken ihre Gemeinschaft mit der Kirche aufgekündigt. Überall sind die Priesterseminare leer, die Klöster werden geschlossen, der Prozess der Dechristianisierung Amerikas und Europas wird von kirchenfeindlichen ‚Eliten‘ raffiniert und gewaltsam vorangetrieben.“ Angesichts dessen könne „nur ein Narr“ „von einem Frühling in der Kirche und einem neuen Pfingsten“ sprechen.

Der emeritierte Präfekt der Glaubenskongregation wies eigens darauf hin, dass „das Lob der Mainstreammedien für die progressiven Reformer“ sich bisher noch nicht niedergeschlagen habe „in einer Hinwendung der Menschen zum Glauben an Jesus Christus. Denn allein auf den Sohn des lebendigen Gottes können sie im Leben und Sterben allein ihre Hoffnung.“

Er nannte es angesichts der evidenten Fakten „sträflich naiv“, „hier noch in den alten kulturtheoretischen Kategorien von progressiv/liberal und konservativ zu denken oder die Gläubigen auf der politischen Skala von ‚rechts bis links‘ einzuordnen“.

Denn es komme „nicht darauf an, wo wir uns im ideologischen Spektrum einordnen, sondern ob wir ‚dem sich in Christus offenbarenden Gott den Gehorsam des Glaubens‘ leisten und seiner Offenbarung willig zustimmen. Wir orientieren uns nicht an Menschen und ihren Ideologien, sondern am Sohn Gottes, der allein von sich sagen kann: ‚Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.‘ (Joh 14,6).“

Müller selbst stellte dann aber fest, dass man durchaus bezweifeln könne, „ob mein Rat von den betreffenden Adressaten erwünscht ist“. Doch „was es mit der Lehre der Kirche von dem wahren und heilbringenden Glauben“ auf sich habe, „und worauf der Präfekt und sein Dikasterium im Hinblick auf das universale Lehramt des römischen Papstes verpflichtet sind, lassen wir lieber die Väter des II. Vatikanums sagen: ‚Dieser Glaube kann nicht vollzogen werden ohne die zuvorkommende und helfende Gnade Gottes und ohne den inneren Beistand des Heiligen Geistes, der das Herz bewegen und Gott zuwenden, die Augen des Verstandes öffnen und es jedem leicht machen muss, der Wahrheit zuzustimmen und zu glauben. Dieser Geist vervollkommnet den Glauben ständig durch seine Gaben, um das Verständnis der Offenbarung mehr und mehr zu vertiefen.‘ (Dei verbum 5).“

Archivfoto: Kardinal  Müller im Presseraum des Vatikans (c) Michael Hesemann


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