„Können wir akzeptieren, dass sich Bischofskonferenzen widersprechen?“

21. März 2019 in Weltkirche


Kardinal Sarah: „Kirche stirbt, weil Hirten Angst haben, in aller Wahrheit und Klarheit zu sprechen.“ – „Jene, die lautstark Änderungen und Brüche ankündigen, sind falsche Propheten. Sie suchen nicht das Gute der Herde“. Von Jeanne Smits/LifeSiteNews


Vatikan (kath.net/LifeSiteNews/pl) In seinem jüngsten Buch „Le soir approche et déjà le jour baisse“ [Der Abend naht, der Tag ist fast vorbei], ein Zitat aus der der Emmaus-Jünger-Perikope des Lukasevangeliums], entschied sich Kardinal Robert Sarah dafür, sich für die „desorientierten Katholiken“ auszusprechen, die verletzt sind von der tiefen Krise, in der sich die Kirche befindet.

„Ich kann nicht länger schweigen. Ich darf nicht länger schweigen“, schrieb Kardinal Sarah in seinem einleitenden Absatz. Er hat die „dunkle Nacht“ der Kirche voll erfasst: „sie ist im Geheimnis der Missetat verfangen und davon geblendet“.

Tage vor der Veröffentlichung des Buches in Frankreich am 20. März wurde seine Einführung online veröffentlicht und gibt einen Vorgeschmack auf einen wirklich packenden Text, der die heutigen Probleme direkt ins Visier nimmt: sexueller Missbrauch, aber auch Relativismus in der Lehre, sozialer Aktivismus und mangelndes Gebet, falsche Anschuldigungen von generalisierter Homosexualität und Heuchelei sowie die Zweifel der Gläubigen, die die Feinde der Kirche in ihrer Mitte sehen.

Kardinal Sarah, Präfekt der Kongregation für Gottesdienst und Sakramentenordnung, sagt, er biete keine Strategie an. Stattdessen verkündigt er die zeitlosen Antworten, ohne die alle Anstrengungen nutzlos sind: ein tief verwurzeltes Gebetsleben, Treue zu den wahren Lehren der Kirche (anstatt die katholische Lehre zu verkürzen, wie es „so viele Hirten“ machen), geschwisterliche Nächstenliebe üben, Petrus lieben.

Aber seine Worte reden keineswegs das Leiden klein, durch das die Kirche gerade geht.

Kardinal Sarah zögert nicht, mit den Worten von Papst Paul VI. vom „Rauch des Satans“ zu sprechen, der in die Kirche eingedrungen ist und offen die „Verräter“ bezeichnet, die wie Judas Iskariot zu „Agenten des Bösen“ geworden sind. „Sie haben versucht, die reinen Seelen der Kleinsten zu verunreinigen. Sie haben das Bild von Christus erniedrigt, das in jedem Kind gegenwärtig ist“, damit hätten sie auch so viele treue Priester erniedrigt und verraten, schrieb er.

„Die Kirche geht durch das Geheimnis der Geißelung“ durch die Hand derer, „die sie lieben und beschützen sollen“, warnte Kardinal Sarah.

Die Ursache für den sexuellen Missbrauchsskandal könne jedoch nur in früheren Treuebrüchen gefunden werden: „Die Krise, die der Klerus, die Kirche und die Welt durchmachen, ist radikal eine spirituelle Krise, eine Glaubenskrise.“

Der afrikanische Kardinal erinnert daran, dass das „Geheimnis des Judas“ – ein von Papst Franziskus übernommener Ausdruck – darin besteht, sich von den Lehren Jesu zu entfernen, dies kann daher mit dem Geheimnis des Bösen in unserer Zeit verglichen werden.

„Jesus hat ihn wie alle Apostel gerufen. Jesus hat ihn geliebt! Er hatte ihn geschickt, um die Gute Nachricht zu verkünden. Aber nach und nach wurde Judas Herz von Zweifeln übernommen. Unmerklich begann er über die Lehre Jesu zu urteilen. Er sagte zu sich selbst: Dieser Jesus ist zu fordernd und nicht effizient genug. Judas wollte das Reich Gottes durch menschliche Mittel und nach seinen persönlichen Plänen sofort auf die Erde bringen.“ Er hörte auf, mit Jesus zu beten, und „suchte Zuflucht in den Angelegenheiten der Welt“, murmelte wahrscheinlich in seinem Herzen: „Ich werde nicht dienen“, als Jesus beim letzten Abendmahl seine Füße wusch, schrieb Kardinal Sarah. „Er erhielt die Kommunion, als seine Pläne bereits abgeschlossen waren. Es war die erste sakrilegische Gemeinschaft der Geschichte. Und er hat verraten.“

Kardinal Sarah zufolge werden heute dieselben Fehler und Verrat begangen: „Wir haben das Gebet aufgegeben. Das Übel eines effizienten Aktivismus hat sich überall eingeschlichen. Wir möchten die Organisation großer Unternehmen nachahmen. Wir vergessen, dass nur das Gebet das Blut ist, das das Herz der Kirche bewässern kann… Wer nicht betet, hat bereits verraten. Er ist bereits auf jeden Kompromiss mit der Welt vorbereitet. Er folgt den Fußspuren von Judas. „

Der Kardinal hat harte Worte für dieses Verlassen der katholischen Lehre. Hier sieht er die Ursache der aktuellen Skandale gegen Sexualmissbrauch:

„Wir tolerieren jegliche Fragestellung. Die katholische Lehre ist herausgefordert, und im Namen von selbsternannten intellektuellen Haltungen erfreuen sich Theologen daran, das Dogma zu dekonstruieren und die Moral ihrer tiefsten Bedeutung zu entziehen. Relativismus ist die Maske eines als Intellektuellen getarnten Judas. Wie können wir überrascht sein, dass so viele Priester ihre Verpflichtungen brechen? Wir erniedrigen die Bedeutung des Zölibats, wir fordern das Recht auf ein privates Leben, was das Gegenteil der Mission des Priesters ist. Einige gehen so weit, das Recht auf homosexuelle Aktivitäten zu beanspruchen. Ein Skandal folgt dem anderen, an dem Priester und Bischöfe beteiligt sind.“

Kardinal Sarah sagt seinen Mitpriestern weiter, dass sie alle mit Anklagen belastet sein werden, obwohl diese in Wahrheit nur für eine Minderheit zutreffen. Aber davon „sollen Ihre Herzen nicht beunruhigt werden“, fügte er hinzu und erinnerte daran, dass Christus selbst mit den Worten „Kreuzigt ihn!“ verhöhnt wurde. Sarah bat sie, sich nicht durch „voreingenommene Forschung“ beunruhigen zu lassen, die die Hirten an der Spitze der Kirche als „unverantwortliche Kirchenmänner mit einem anämischen inneren Leben“ darstellen.

„Priester, Bischöfe und Kardinäle ohne Moral werden auf keinen Fall das leuchtende Zeugnis von mehr als 400.000 Priestern auf der Welt beschmutzen, die jeden Tag loyal, freudig und auf heilige Weise dem Herrn dienen. Trotz der Gewalt der Angriffe, die sie verwüstet, wird die Kirche nicht sterben. Das ist die Verheißung des Herrn, und Sein Wort ist unfehlbar. „

Er wendete sich besonders an jene Katholiken, die in Zweifel geraten sind, und er sprach von Judas „subtilem Gift“ des Verrats. Der Teufel „möchte, dass wir (die Kirche) als eine menschliche Organisation in der Krise sehen“, dabei ist sie eigentlich „Christus ist, der sich selbst fortsetzt“ [Anm. des Übersetzers: Also „Christus auf seinem Weg durch die Zeiten“]. Satan treibt die Gläubigen zu Spaltung und Schisma, indem er sie „glauben macht, dass die Kirche betrogen habe“. Doch die Kirche verrät nicht. Die Kirche voller Sünder ist selbst ohne Sünde. In ihr wird immer genug Licht für diejenigen sein, die Gott suchen.“

Kardinal Sarah warnte die gläubigen Katholiken vor der Versuchung, „die Dinge selbst in die Hand nehmen zu wollen“ – eine Versuchung, die zur Spaltung durch Kritik und Zerreißen führen würde. „Zögern Sie nicht (…), die Sünde anzuprangern, indem wir mit unserer eigenen beginnen.

„Ich zittere bei der Vorstellung, dass das nahtlose Gewand Christi wieder auseinandergerissen werden könnte. Jesus litt Schmerzen, als er die Spaltungen der Christen im Voraus sah. Lassen Sie uns Ihn nicht erneut kreuzigen“, flehte der Kardinal.

Er sei nicht auf der Suche nach Beliebtheit oder Erfolg, beharrte Kardinal Sarah. „Dieses Buch ist der Schrei meiner Seele! Es ist ein Liebesschrei für Gott und für meine Brüder. Ich schulde euch, ihr Christen, die einzige Wahrheit, die rettet. Die Kirche stirbt, weil Hirten Angst haben, in aller Wahrheit und Klarheit zu sprechen. Wir haben Angst vor den Medien, vor der öffentlichen Meinung und vor unseren eigenen Brüdern. Doch der gute Hirte legt sein Leben für seine Schafe nieder.“

In Bezug auf die verwirrten Katholiken, die er anspricht, ermahnte Kardinal Sarah sie und besonders die Priester zum Gebet. „Wer nicht betet, verdammt sich“, schrieb er und zitierte dabei St. Alphonsus. „Es geht nicht darum, Gebete anzuhäufen. Es geht darum zu schweigen und anzubeten, auf die Knien zu gehen, mit Angst und Respekt in die Liturgie einzutreten. Diese ist das Werk Gottes, kein Theater.“

Er fährt mit seiner Meditation fort: „Liebe Freunde, wollen Sie die Kirche wieder auf ihre Füße stellen? Dann gehen Sie auf die Knie! Dies ist der einzige Weg! Wenn Sie etwas anderes tun, wird das, was Sie tun, nicht von Gott sein. (…) Wenn wir unsere Köpfe nicht wie Johannes an das Herz Christi legen, werden wir nicht die Kraft haben, Ihm bis zum Kreuz zu folgen. Wenn wir uns nicht die Zeit nehmen, auf den Herzschlag unseres Gottes zu hören, werden wir Ihn im Stich lassen, wir werden Ihn verraten, wie die Apostel selbst es getan haben. „

Neben dem Gebet ist in der gegenwärtigen Krise die Glaubwürdigkeit der Lehre unabdingbar. Kardinal Sarah ist sich der Gründe für die heutige Verwirrung klar bewusst. „Wie können wir akzeptieren, dass sich Bischofskonferenzen widersprechen? Wo Verwirrung herrscht, kann Gott nicht wohnen!“, schrieb er.

„Die Einheit des Glaubens setzt die Einheit des Lehramtes in Raum und Zeit voraus. Wenn uns eine neue Lehre gegeben wird, sollte sie immer in Übereinstimmung mit der vorhergehenden Lehre interpretiert werden. Wenn wir Brüche und Revolutionen einführen, durchbrechen wir die Einheit, die die heilige Kirche im Laufe der Jahrhunderte regiert.“ Er betonte: „Jene, die lautstark Änderungen und Brüche ankündigen, sind falsche Propheten. Sie suchen nicht das Gute der Herde.“

Treue zur Wahrheit bedeutet, das Kreuz anzunehmen, schrieb Kardinal Sarah und fügte hinzu, dass Christus diese Treue von neuem verlangt.

„Er schaut uns direkt in die Augen und fragt jeden von uns: Wirst du mich verlassen? Willst du aufgeben, den Glauben in all seiner Fülle zu lehren? Wirst du den Mut haben, meine wahre Präsenz in der Eucharistie zu predigen? Wirst du den Mut haben, diese jungen Leute zum geweihten Leben aufzurufen? Wirst du die Kraft haben zu sagen, dass die sakramentale Kommunion ohne regelmäßige Beichte den Sinn verlieren könnte? Wirst du die Kühnheit haben, an die Wahrheit über die Unauflöslichkeit der Ehe zu erinnern? Wirst du die Liebe haben, um dasselbe für diejenigen zu tun, die drohen, dich dafür zu verfolgen? Wirst du den Mut haben, die Geschiedenen und Wiederverheirateten einzuladen, ihr Leben zu ändern? Wirst du den Erfolg bevorzugen oder wirst du mir folgen? Bitte Gott, dass wir mit Petrus voller Liebe und Demut antworten können: ‚Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast die Worte des ewigen Lebens.‘ (Joh 6,68)“

All dies erfordert „die Liebe des Petrus“, schrieb Kardinal Sarah: „Das Geheimnis des Petrus ist ein Geheimnis des Glaubens. Jesus hat sich entschieden, seine Kirche einem Menschen anzuvertrauen. Damit wir nicht vergessen, ließ er ihn dreimal angesichts alles verraten, bevor er ihm die Schlüssel seiner Kirche überreichte. Wir wissen, dass das Schiff der Kirche einem Menschen nicht wegen seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten anvertraut wurde. Aber wir wissen, dass dieser Mensch immer vom göttlichen Hirten unterstützt werden wird, um sich an die Herrschaft des Glaubens zu halten.“

Dies sei der Grund, keine Angst zu haben, fügte er hinzu und sprach von dem „goldenen Faden der unfehlbaren Entscheidungen der Pontifexe, Nachfolger von Petrus“, im Gegensatz zu dem „schwarzen Faden der menschlichen und unvollkommenen Taten der Päpste, Nachfolger von Simon“, doch auch darin fühlen wir noch „die kleine Nadel, die von der unsichtbaren Hand Gottes geführt wird“.

In demselben Abschnitt seiner Einführung machte Kardinal Sarah klar, dass von Katholiken nicht erwartet wird, dass sie blind sind:

„Liebe Freunde, Eure Hirten sind mit Fehlern und Unvollkommenheiten überhäuft. Aber es geht nicht darum, dass Ihr die Einheit der Kirche aufbaut. Fürchtet euch nicht davor, den katholischen Glauben, die Sakramente des göttlichen Lebens, zu fordern. Erinnert Euch an die Worte des Hl. Augustinus: ‚Wenn Petrus tauft, tauft Jesus. Aber wenn Judas tauft, ist es immer noch Jesus, der tauft!‘„

Und er fügte hinzu: „Wenn Ihr glaubt, dass Eure Priester und Bischöfe keine Heiligen sind, dann seid IHR Heilige für sie. Tut Buße, repariert schnell Fehler und Feigheit [der Priester und Bischöfe]. Das ist der einzige Weg, um die Last des anderen zu tragen.“

Bei der vierten Ermahnung des Kardinals geht es um „geschwisterliche Nächstenliebe“. Er reflektiert über die Kirche als Mutter, die uns die Arme öffnet: „In ihrem Leib kann uns nichts bedrohen. Christus hat seine Arme ein für alle Mal am Kreuz geöffnet, damit die Kirche ihre Arme öffnen kann, um uns mit ihr, mit Gott und untereinander zu versöhnen. Dies ist ein Aufruf gegen die Spaltung, die“ Jesus verfolgt“.

Kurz gesagt: Kardinal Sarah fordert die Gläubigen auf, „die Größe und Transzendenz Gottes“ anzuerkennen, die wir bis zum Tod lieben sollen – die einzige Bedingung, die es uns ermöglicht, die Worte zu hören, die dem heiligen Franz von Assisi gesagt wurden: „Gehen und repariere meine Kirche.“ Kardinal Sarah fügte hinzu :“Geh, repariere deinen Glauben, deine Hoffnung und deine Nächstenliebe. Geh und repariere dein Gebet und deine Treue. Dank dir wird meine Kirche wieder zu meiner Heimat werden.“

Diese Worte wurden am 22. Februar während des Gipfeltreffens zu sexuellem Missbrauch im Vatikan unterschrieben, in dem Moment, als schreckliche Anklagen gegen die Kirche erhoben wurden, vor allem gegen diejenigen ihrer Mitglieder, die ihrer überzeitlichen Lehre am treuesten waren.

Kardinal Sarah 2017 zu Besuch beim emeritierten Papst Benedikt XVI.



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