Die letzte Botschaft von Fatima

18. Jänner 2017 in Interview


„Die Gottlosigkeit unserer Zeit wird kein gutes Ende nehmen.“ Interview mit Michael Hesemann. Von Yuliya Tkachova


Rom (kath.net) Der Historiker und Autor Michael Hesemann geht im Interview auf das dritte Geheimnis von Fatima ein.

Yuliya Tkachova: Herr Hesemann, Ihr neues Buch „Das letzte Geheimnis von Fatima“ ist Ihr drittes Buch über die berühmte Marienerscheinung von 1917. Gibt es denn ein bislang unveröffentlichtes Geheimnis?

Michael Hesemann: Das ist bereits mein drittes Buch über Fatima oder, genauer gesagt: die dritte Version meines Buches über Fatima. Denn die Grundgeschichte, die Erscheinungen von 1917 und das Schicksal des dritten Hirtenkindes Lucia, die 2005 verstarb, ist natürlich weitgehend die gleiche geblieben.

In der ersten Version, „Geheimsache Fatima“ von 1997 fragte ich, was in dem damals noch unter Verschluss gehaltenen „Dritten Geheimnis“ – genauer gesagt: dem dritten Teil des am 13. Juli 1917 offenbarten „Geheimnisses von Fatima“ – stehen könnte, was seine strikte Geheimhaltung rechtfertigen würde.

Dann, im Juni 2000, veröffentlichte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, das „Dritte Geheimnis“ im Auftrag von Papst Johannes Paul II., und so diente mein zweites Fatima-Buch, „Das Fatima-Geheimnis“ vor allem den Zweck, die Geschichte dieses „Geheimnisses“ zu rekonstruieren und seine großartige theologische Deutung durch den Kardinal, der später Papst werden sollte, darzustellen. Diese war jedoch von einem gewissen Optimismus geprägt, der uns alle zur Jahrtausendwende erfüllte; den Glauben, dass mit der Bekehrung Russlands und dem Ende des Kalten Krieges tatsächlich die von der Gottesmutter versprochene „Zeit des Friedens“ gekommen sei und dass das neue Jahrtausend einen neuen Aufbruch der Kirche, eine Reevangelisierung Europas einleiten würde.

Daher dachten wir alle, das Dritte Geheimnis mit seinen düsteren Bildern könne sich nur auf die Vergangenheit beziehen: es verdichte in einem geradezu apokalyptischen Bild das Leiden und die Verfolgung der Kirche durch die atheistischen Systeme des 20. Jahrhunderts, Kommunismus und Nationalsozialismus, gipfelnd in dem Anschlag auf das Leben des Papstes am 13. Mai 1981, der nur durch die Einwirkung Mariens, ihre mütterliche Hand, vor dem im Fatima geschauten Schicksal bewahrt worden sei.

Dabei wurde diese Deutung eigentlich schon am 11. September 2001 wieder hinfällig, als eine ganz andere Bedrohung für die Welt und die Kirche am Horizont erschien, nämlich der Islamismus. Da war es schon so etwas wie eine glückliche Fügung, dass mein Buch nicht, wie geplant, im Frühjahr 2001 erschien, sondern ein Jahr später – sein ursprünglicher Verlag, Humboldt, hatte Konkurs angemeldet, ein anderer Verlag, Kopp, es praktisch aus der Konkursmasse herausgekauft. So konnte ich zumindest diesen neuen Aspekt erwähnen, der sich jetzt, in den nachfolgenden 15 Jahren, immer deutlicher entfaltete und jetzt letztendlich eine völlige Neubewertung des „Dritten Geheimnisses“, aber auch der Quellen und Kommentare, die uns seitdem zugänglich gemacht wurden, notwendig machte.

Daher jetzt, im Vorfeld des großen Fatima-Jubiläums 2017, das quasi das Ende des ersten „Fatima-Jahrhunderts“ markiert, das neue Buch. Es enthält zwar nach wie vor die ganze Geschichte von Fatima, ist aber um all diese neuen Erkenntnisse und natürlich die Geschehnisse, darunter echte Zeichen und Wunder, der letzten 16 Jahre erweitert worden.

Tkachova: Widersprechen Sie jetzt also der Deutung des „Dritten Geheimnisses“ durch Kardinal Ratzinger aus dem Jahre 2000?

Hesemann: Das würde ich nie wagen, wenn dieser nicht selbst „grünes Licht“ dazu gegeben hätte. Und das gleich vor der ganzen Welt, als er 2010, mittlerweile als Papst Benedikt XVI., nach Fatima reiste.

Damals erklärte er bei gleich zwei Gelegenheiten, im Papstflieger vor der Presse und in seiner Predigt bei der Festmesse auf dem Pilgerplatz von Fatima, dass sich das „Dritte Geheimnis“ sehr wohl auch auf die Zukunft beziehe, dass es, so wörtlich, „Realitäten der Zukunft der Kirche aufzeigt, die sich nach und nach entfalten und zeigen“; „wer glaubt, dass die prophetische Mission Fatimas beendet sei, der irrt sich.“

Wie ernst er es damit meinte, sieht man daran, dass Kardinal Bertone, der selbst ein Interviewbuch über Fatima herausgegeben hatte, dieses revidieren musste. In der ersten Auflage, die auch ins Deutsche übersetzt wurde, hieß es noch: „Die Journalisten wollen einfach nicht wahrhaben, dass die Prophezeiung sich nicht auf die Zukunft bezieht, sondern sich in der Vergangenheit erfüllt hat.“ In der italienischen zweiten Auflage fehlt dieser Satz. Stattdessen heißt es jetzt: „Wie es schon klugerweise festgestellt worden ist, betrifft sie (die Prophezeiung) aber auch das Martyrium der Kirche, wie es sich in die Jahrhunderte hinein fortsetzt, auch in unser 21. Jahrhundert.“ Deutlicher kann man ein „oh, sorry, wir waren wohl doch zu optimistisch“ kaum formulieren. Das ist ja auch gar nicht verwerflich. Natürlich ist jede Deutung vom Zeitgeist geprägt, natürlich erscheint eine Prophezeiung in einem anderen Licht, je aktueller sie wird.

Aber bitte: Wenn Papst Benedikt XVI. selbst seine Deutung aus dem Jahre 2000 relativiert und offen zur Diskussion stellt, weshalb sollte man dieser Einladung nicht folgen, solange man sich dabei von der Liebe zur Kirche leiten lässt.

Tkachova: Glauben Sie, dass es im Vatikan noch Geheimnisse zum Thema Fatima gibt, etwa einen unveröffentlichten Teil des „Dritten Geheimnisses“, wie italienische, deutsche und amerikanische Autoren spekulierten?

Hesemann: Nein, das ist Unfug. Schwester Lucia selbst hat ja bestätigt, dass es kein anderes „Drittes Geheimnis“ als jenes, das im Jahr 2000 veröffentlicht wurde, gibt oder gab.

Was wir natürlich nicht wissen, ist, was sie in ihren diversen Briefen den verschiedenen Päpsten persönlich geschrieben hat. Auch ihre Gedanken zu dem längst veröffentlichten ersten und zweiten Teil des Geheimnisses wurden erst in den letzten Jahren, nach ihrem Tod im Februar 2005, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Etwa ihre feste Überzeugung, dass der Text der Marienbotschaft von 1917 auch auf die Schoah, den Holocaust, Bezug genommen hatte. Allein diese vielen bislang unbekannten Details, die auch durch Kardinal Bertones TV-Auftritte und die Diskussion um ein fiktives „viertes Geheimnis“ ans Tageslicht kamen, machten ein neues Buch notwendig, das schon deshalb um ein Drittel umfangreicher ist als mein letztes Werk zum Thema.

Und dann galt es natürlich, zu erzählen, welche Rolle Fatima im Pontifikat Benedikts XVI. spielte und heute unter Papst Franziskus spielt; immerhin hat er sein ganzes Pontifikat unter den Schutz der Gottesmutter von Fatima gestellt, hat das Gnadenbild nach Rom geholt und schon vor einem Jahr seinen Besuch zum Fatima-Jubiläum im Mai 2017 angekündigt.

Durch ihn hat auch das Dritte Geheimnis noch einmal größte Aktualität bekommen. Nach Pius XII. und Johannes Paul II. ist er der dritte Papst, dem das Prädikat „Fatima-Papst“ zusteht; auch, weil er an einem Fatima-Tag gewählt wurde und den Namen nicht nur des Poverello von Assisi, sondern auch des seligen Francesco von Fatima trägt.

Tkachova: Sie haben schon in den beiden ersten Versionen Ihres Buches Parallelen zwischen der Fatima-Botschaft und anderen Prophezeiungen aufgezeigt. Spielen diese auch jetzt noch eine Rolle?

Hesemann: Mehr denn je! Der hl. Giovanni Don Bosco sah ebenso die Verwüstung des Vatikans und das Martyrium des Endzeit-Papstes wie der hl. Papst Pius X., wobei keiner von ihnen einen Hinweis darauf gibt, um welchen Papst es sich dabei handeln könnte. Den finden wir erst in der angeblichen Päpsteprophezeiung des hl. Malachias – niemand weiß, wer wirklich ihr Autor war, einige Autoren tippen auf den hl. Philip Neri – mit ihren bislang immer so treffenden Papstmottos.

Danach wäre Franziskus vielleicht der letzte römische Papst, Petrus II. Romanus, dessen Namen man als Warnung vor einem drohenden Märtyrertod verstehen könnte. Er soll „während der letzten (oder: „der schlimmsten“) Verfolgung der Kirche“, während „vieler Trübsale“ regieren, sogar von einer Zerstörung der „Siebenhügelstadt“ Rom ist die Rede. Wir wissen natürlich nicht, ob wir diese Verse ernst nehmen müssen, zumindest aber sollten sie uns dazu aufrufen, für den Papst zu beten, wie er es selbst ja auch immer wieder wünscht.

Denn Tatsache ist, dass sich allein 2015 die Zahl der wegen ihres Glaubens ermordeten Christen im Vergleich zum Vorjahr weltweit verdoppelt hat, wie das christliche Hilfswerk „Open Doors“ im Januar 2016 in seinem Jahresbericht bekanntgab. Über 100 Millionen Christen werden heutzutage bedroht, unterdrückt, schikaniert oder diskriminiert.

Der islamische Staat lässt keinen Zweifel daran, dass sein Ziel letztendlich Rom ist, wo man mit Sicherheitsvorkehrungen reagiert, wie man sie noch nie erlebt hat, nicht einmal unmittelbar nach 9/11. Das alles macht doch ziemlich nervös.

Und darum ist es heute umso wichtiger, umso dringlicher, dem Appell von Fatima zu folgen und zu beten und Buße zu tun. Denn das allein kann die prophezeiten Ereignisse abwenden…

Tkachova: Aber hieß es denn nicht in der Marienbotschaft, dass eine „Zeit des Friedens“ kommen würde, wenn der Papst Russland dem „Unbefleckten Herzen Mariens“ weihen würde? Oder hat diese Weihe noch nicht stattgefunden?

Hesemann: Sie hat stattgefunden und die Gottesmutter hat ihr Versprechen gehalten. Wörtlich lautete dieses: „Der Heilige Vater wird mir Russland weihen, das sich bekehren wird, und der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden.“

Diese Weihe hat der hl. Papst Johannes Paul II. am 25. März 1984 vollzogen.

Ich weiß, dass diese Tatsache von einigen Katholiken bestritten wird, weil der Papst gleich die ganze Welt und nicht explizit Russland weihte beziehungsweise diese spezifische, kirchenpolitisch heikle Weihe „in pectore“ vorgenommen hat.

Aber Schwester Lucia hat bei mindestens fünf Gelegenheiten schriftlich bestätigt, dass ihr anschließend die Gottesmutter erschienen sei und offenbart habe, dass sie diese Weihe als gültig akzeptierte. Das wurde mir persönlich von ihrer Nichte bestätigt, die ich im Dezember noch interviewte, aber auch von ihrem Dolmetscher Carlos Evaristo und von einem der engsten Vertrauten des Postulators der beiden Seherkinder Francisco und Jacinta, Pater Kondor, denen gegenüber Schwester Lucia ebenfalls die volle Gültigkeit der Weihe Russlands bestätigte.

Und tatsächlich hielt die Gottesmutter Wort: Innerhalb eines Jahres kam Gorbatschow an die Macht, innerhalb von sieben Jahren war der Kommunismus in Russland überwunden, die Sowjetunion kollabiert, ganz Osteuropa befreit. Und die Friedenszeit? Sie dauerte ganze 25 Jahre, was wir übrigens schon in der Marienbotschaft von La Salette vorausgesagt finden, wo von 25 Jahren des Friedens und „reichlicher Ernten“ die Rede ist, die uns „vergessen lassen, dass die Sünden der Menschen die Ursachen“ für alle Leiden, Kriege und Katastrophen sind.

Lucia selbst erklärte um 1996: „Ja, unsere Herrin hat den Frieden versprochen im Blick auf alle Kriege in der Welt, die durch den gottlosen Kommunismus entfacht werden, nicht aber im Blick auf die Bürgerkriege, die es immer gab und geben wird.“ Der Kommunismus ist also endgültig überwunden und Russland – auch wenn das jetzt furchtbar politisch inkorrekt klingt – keine Gefahr mehr, im Gegenteil, die Botschaft bestätigt, dass es sich bekehrt hat, während jetzt leider der Großteil des Westens den Glauben verliert.

Sollte der Welt also eine neue Gefahr drohen, dann wird diese weder von Russland noch von China oder Nordkorea ausgehen, denn der Kommunismus ist überwunden – sondern von jener Macht, auf die schon der Name „Fatima“ verweist, die Geschichte des Erscheinungsortes, aber auch das Jahr 1917, das nicht nur das Jahr der Oktoberrevolution, sondern auch des Arabischen Aufstandes war, aus dem das heutige Chaos im Nahen Osten letztendlich hervorging.

Tkachova: Hand aufs Herz: Prophezeit das Dritte Geheimnis vielleicht doch das Ende der Welt, wie wir sie kennen?

Hesemann: Nein, das auf keinen Fall. Denn wir finden in der Fatima-Botschaft versteckt zwei kleine Hinweise darauf, dass es weitergeht. Sie sind das eigentliche „letzte Geheimnis“ von Fatima: Da ist einmal der Satz von Schwester Lucia, ans Ende des „Zweiten Geheimnisses“ gesetzt: „In Portugal wird man stets das Dogma des Glaubens erhalten etc.“ Und dann, in der Vision des „Dritten Geheimnisses“, das Schlussbild: Mit dem Blut der Märtyrer tränken die Engel „die Seelen, die sich Gott näherten“.

Beides sind Hinweise auf die große Apostasie, den großen Glaubensabfall, den wir in der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart erleben: Die Seelen haben sich von Gott entfernt, ja die Menschen leben, als ob es Gott nicht gäbe, und das, obwohl sich das größte Wunder unserer Zeit, die Bekehrung Russlands, vor unser aller Augen ereignet hat.

Diese Gottlosigkeit provoziert neue Kriege und Katastrophen. Das ist keine „Drohbotschaft“, das sind keine Strafen eines zornigen Gottes, sondern schlichtes Ursache-Wirkung-Prinzip. Gottlosigkeit, eine Abkehr von den Gesetzen der Schöpfung und der Gnade des Schöpfers, führt ins Verderben; diese Erfahrung haben Kulturen, Staaten und Regime zu allen Zeiten gemacht.

So wird auch die Gottlosigkeit unserer Zeit kein gutes Ende nehmen, und sei es, dass sie uns die Verachtung der Völker der islamischen Welt bringt, die sich eingeladen fühlen, hier für „Zucht und Ordnung“ in ihrem Sinn zu sorgen, die vermeintlich „Ungläubigen“ auf den „Pfad Allahs“ zurückzutreiben. Doch das Blut der Märtyrer unserer Zeit wird wieder zu Christensaat, wie es Tertullian bereits bezeichnete, und führt dazu, dass die Seelen sich erneut Gott zuwenden.

Aus den Trümmern eines Konfliktes, den unser Gebet allein verhindern kann, wird auf jeden Fall etwas Neues entstehen, ob nun in Rom oder in Portugal, wo „das Dogma des Glaubens erhalten bleibt“, denn bis in alle Zeiten gilt, was der Herr in Caesarea Philippi versprochen hat: Nicht einmal den Mächten der Unterwelt wird es gelingen, Seine Kirche zu überwältigen. Am Ende, das ist seit Fatima gewiss, wird immer Mariens Unbeflecktes Herz triumphieren!

Tkachova: Danke, Herr Hesemann, für dieses Interview!



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