
4. August 2003 in Interview
Gerade den der Kirche eher Fernstehenden scheine die Lehre von „Humanae vitae“ oft als "Lichtblick" für Ehe und Familie, meint Prof. Dr. med. Josef Rötzer im KATH.NET-Interview.
Wien (www.kath.net)
KATH.NET: Herr Professor Rötzer, sie arbeiten seit über 50 Jahren im Dienst der Natürlichen Empfängnisregelung (NER). Worin bestand das Wesentliche ihrer Entdeckung?
Rötzer: Mit Hilfe der ersten echten sympto-thermalen Methode, die von meiner Frau und mir 1951 gefunden wurde, konnte eine Form der Natürlichen Empfängnisregelung entwickelt werden, die es den Ehepaaren ermöglicht, sowohl die besten fruchtbaren Tage zu bestimmen (wichtig bei Kinderwunsch!), als auch eine absolut unfruchtbare Zeit. Letzteres erlaubt daher auch die Beratung jener Ehepaare, die bei Vorliegen von wichtigen Gründen eine Empfängnis vermeiden müssen (dazu ist kein Kontrazeptivum imstande!). Daneben können weitere unfruchtbare Tage mit unterschiedlicher Verlässlichkeit bestimmt werden. In dieser über 50jährigen Arbeit konnte durch viele Zeugnisse aufgezeigt werden, dass die Ehelehre der katholischen Kirche nicht nur nichts Unmögliches verlangt, sondern dass ein Leben bewusst eingebettet in den Zyklus der Frau lebbar ist und eine Bereicherung des ehelichen Lebens mit Vertiefung der ehelichen Liebe darstellt.
KATH.NET: Wie zuverlässig ist die NER?
Rötzer: In der Zusammenarbeit mit den Ehepaaren konnten wir unsere Regeln in zunehmendem Maße verfeinern. Wir haben mit Erfolg auch Frauen in Beratung, die aus wichtigen Gründen auf keinen Fall mehr schwanger werden dürfen, da es leicht ist, die absolut unfruchtbaren Tage nach dem Eisprungtermin zu bestimmen. Die Ehepaare sprechen gerne vom „Geschenk der sicher unfruchtbaren Tage“. Um unfruchtbare Tage am Beginn des Zyklus feststellen zu können, entwickelten wir eine Serie von sechs Regeln. Je nach persönlicher Eigenart des Zyklus lassen sich zu Beginn des Zyklus unfruchtbare Tage mit unterschiedlicher Verlässlichkeit bestimmen, bis hin zu einer Verlässlichkeit von fast 100 Prozent - aber niemals absolute 100 Prozent.
Dieser Punkt wird in unseren Ausbildungskursen ausführlich besprochen und den Ehepaaren die Entscheidung über ihr Verhalten freigestellt. Es ist unserer Meinung nach nicht möglich, die Zuverlässigkeit unserer sympto-thermalen Methode zur Vermeidung einer Empfängnis mit einem einzigen Pearl-Index anzugeben. Es hängt vom Ehepaar ab, welche Verlässlichkeit erreicht werden soll. Ein Ehepaar meinte dazu: „Das Schönste für uns an der Natürlichen Empfängnisreglung: Wir mussten nie an der Verlässlichkeit zweifeln – weil wir sie selbst bestimmen!“. Damit können wir zu Beginn des Zyklus verschiedene spezifische Vorgangsweisen mit unterschiedlicher Verlässlichkeit anbieten.
KATH.NET: Warum kennen viele Paare die NER nicht?
Rötzer: Ein großes Hindernis in der weiteren Verbreitung der natürlichen Methoden besteht darin, dass es kein Lehrbuch der Gynäkologie in deutscher Sprache gibt, in welchem eine richtige Darstellung von Messung der Aufwachtemperatur und Beobachtung des Zervixschleims zu finden ist. Dadurch kennt sich der Großteil der Ärzteschaft mit den Zyklusaufzeichnungen unserer Frauen nicht aus. Infolge dieser Unwissenheit wird die NER negativ beurteilt, was zu einer Verunsicherung der Frauen führt. Es gibt gute Bücher, die nur NER behandeln, diese werden aber offensichtlich von der Mehrzahl der Ärzte nicht gelesen.
KATH.NET: Wie setzt sich die Kirche für die Verbreitung der NER ein?
Rötzer: Bei der Mehrzahl der Bischöfe im deutschen Sprachraum fehlt noch immer das notwendige Verständnis und die Einsicht, wie wichtig die Beachtung der Lehre von „Humanae vitae“ und „Familiaris consortio“ für eine Gesundung von Ehe und Familie unserer Tage ist. Es ist erschreckend, dass in deutschen Diözesen die NER immer wieder als „natürliche Empfängnisverhütung“ dargestellt und angeboten wird. Zur Förderung der NER, eingebettet in eine verständlich dargebotene kirchliche Ehelehre, wurde im Februar 1986 das Institut für Natürliche Empfängnisregelung Prof.Dr.med.Rötzer (INER) zunächst für den deutschen Sprachraum gegründet (Deutschland, Österreich, Schweiz mit Fürstentum Liechtenstein, Deutsch-Südtirol in Italien). Begegnungen mit anderen Ländern haben dazu geführt, dass es auch zur Bildung von INER Italia, INER Polen, INER Kroatien und INER Paraguay kam.
Als Beispiele einer wirkungsvollen Unterstützung von bischöflicher Seite seien zwei Diözesen in Österreich erwähnt. In der Diözese Salzburg werden die vom Referat für Ehe und Familie angebotenen Kurse über die NER nur in Verbindung mit Darstellung der kirchlichen Lehre durchgeführt. Die Leitung dieses Referates hat Weihbischof P.Dr.Andreas Laun. Der Diözesanbischof von Feldkirch (Vorarlberg), Dr.theol. et Dr.med. Klaus Küng ist zugleich Familienbischof von Österreich. Er hat mit einigen Mitarbeitern die ständig wachsende „Bewegung Hauskirche“ gegründet, in deren Lehrmaterial die NER eine ausschlaggebende Rolle spielt.
In Treue zum Lehramt und im Vertrauen auf das Wirken der Gnade Gottes sollen alle kirchlichen Gremien und Institutionen, besonders aber die Familien selbst, auf die fundamentale Bedeutung der „Hauskirche“ für Kirche und Gesellschaft hingewiesen werden. Insbesondere unsere Mitglieder von INER arbeiten in dieser Bewegung mit und einige haben aus eigener Initiative Kursprogramme im Sinne der kirchlichen Lehre erstellt. Dabei konnte die Erfahrung gemacht werden, dass gerade den der Kirche eher Fernstehenden die Lehre von „Humanae vitae“ geradezu als „Lichtblick“ für Ehe und Familie erscheinen kann.
Weiterführende Links:
www.iner.org
www.zgow.de/kinderwunsch
Buchtipps:
Josef Rötzer, Natürliche Empfängnisregelung. Die sympto-thermale Methode - Der partnerschaftliche Weg, Herder, 13,30 Euro.
Josef Rötzer, Der persönliche Zyklus der Frau. Von der Vorpubertät bis in die Wechseljahre, Herder, 9,80 Euro.
Die Bücher können direkt bei KATH.NET in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung CHRIST-MEDIA (Linz) bestellt werden. Lieferung in alle deutschsprachigen Länder möglich. Es werden die anteiligen Portokosten zum Buch dazugerechnet. Die Bestellungen aus Deutschland werden in Deutschland aufgegeben, dadurch entstehen nur Inlands-Portokosten.
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