Rebellion im Vatikan?

13. September 2015 in Weltkirche


Die Kritik an der jüngsten Reform von Papst Franziskus - Von Thomas Jansen (KNA).


Vatikanstadt (kath.net/ KNA)
In einer Apotheke nur wenige Schritte von den vatikanischen Mauern entfernt, hängt ein Porträt von Papst Franziskus neben der Ladentheke. Darunter ein Schild: «Blutdruck-Kontrolle zwei Euro».

Bei manchem Monsignori aus dem Vatikan könnten beim Anblick des Fotos derzeit womöglich deutlich erhöhte Werte auftreten. Das zumindest legen manche Unmutsäußerungen über Franziskus' jüngste Reform der Ehenichtigkeitsprozesse nahe, die in diesen Tagen in Rom zu vernehmen sind. In der «Zeit»-Beilage «Christ & Welt» wurde gar von einem angeblichen «Dossier» ranghoher Kurienmitarbeiter in deutscher Sprache berichtet, in dem Reform scharf kritisiert werde. Die Rede ist von einem «organisierten Widerstand» gegen Franziskus.

Auf den ersten Blick kommt dieser Unmut durchaus überraschend: Schließlich schien es nahezu einhelliger Konsens unter Kirchenrechtlern, Bischöfen und Kardinälen, dass die derzeitigen Verfahren zur Klärung der Gültigkeit einer Ehe oft viel zu lange daueren. Sowohl die Verteidiger der geltenden kirchlichen Morallehre als auch Befürworter von Reformen hatten sich dafür ausgesprochen. Gerade jene, die etwa eine Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu Kommunion ablehnen, hatten eine Vereinfachung als alternative Reform mit dem Gütesiegel dogmatischer Unbedenklichkeit ins Spiel gebracht.

Wie also kam es soweit, dass man in diesen Tagen an der Kurie auch auf offene Verärgerung über den Papst trifft? Ein Motiv ist zunächst die Art und Weise, wie die Reform zustande kam. Franziskus hat zum wiederholten Male eine wichtige Entscheidung getroffen, ohne die zuständigen vatikanischen Behörden im üblichen Umfang einzubinden. In diesem Fall schuf er für die Ausarbeitung der Reform im vergangenen Jahr eigens eine neue Kommission. Dabei hatte eine andere Kommission, die bereits auf Geheiß von Benedikt XVI. vom Päpstlichen Rat für die Gesetzestexte zu diesem Zweck eingerichtet wurde, schon Vorschläge zu diesem Thema erarbeitet. Franziskus ist zwar nicht an den Dienstweg gebunden. Doch auch ein Papst macht sich keine Freunde, wenn er seine Mitarbeiter wiederholt übergeht.

Als weiteres Motiv kommt hinzu, dass die Reform manchem zu weit geht: Vor allem die Einführung eines Schnellverfahrens unter Leitung des Bischofs, das bereits binnen 45 Tagen abgeschlossen sein soll, ruft Widerspruch inner- und außerhalb des Vatikan hervor. Kritiker sehen darin eine «Scheidung auf katholisch». Franziskus selbst war sich der Gefahr, dass das Prinzip der Unauflöslichkeit der Ehe hierdurch infrage gestellt werden könnte, durchaus bewusst. Gerade deshalb will er solche Fälle den Bischöfen vorbehalten. Sie seien die «größten Garanten für die Einheit der Kirche». Kritiker treibt jedoch die Sorge um, dass ein Bischof, der sich im Studium etwa auf Religionspädagogik oder Kirchengeschichte spezialisiert hat, womöglich nicht der größte Garant für die Einhaltung kirchenrechtlicher Grundsätze sein könnte.

Die bevorstehende Bischofssynode über Ehe und Familie verleiht dem Unmut zusätzliche Sprengkraft. Fachliche Einwände verbinden sich mit der aktuellen kirchenpolitischen Debatte über die Morallehre: Manche Kritiker von Reformen in der kirchlichen Lehre über Ehe und Familie sehen in der Ehenichtigkeitsreform nur den Auftakt für weitere einschneidende Reformen des Papstes, etwa im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Dass Franziskus die Reform nicht der in drei Wochen beginnenden Bischofssynode zur Beratung vorgelegt hat, gilt nach dieser Lesart als Beleg dafür, dass der Papst ohnehin am Ende seinen Willen durchsetzt.

Ist Franziskus also im Vatikan tatsächlich «unter Wölfen», wie es ein aktueller Buchttitel nahe legt? Wie stark der Widerstand gegen den Papst aus Argentinien im Vatikan ist, lässt sich schwer abschätzen. Denn selbst wenn man nur die höheren Posten zählt, wirken in der Leitung der Weltkirche immerhin einige Hundert Mitarbeiter. Was die meisten dazu denken, bleibt unbekannt. Dass es seit dem Amtsantritt von Franziskus im Vatikan ein beständiges Grummeln gibt, ist hingegen kein Geheimnis. Aber auch unter Benedikt XVI. wurde in der Kurie bisweilen deutlicher Unmut artikuliert, etwa in der Affäre um den Holocaust-Leugner Williamson oder nach der Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte.

So viel lässt sich allerdings sagen: Wer im Vatikan mehr als einen Sturm im Wasserglas hervorrufen möchte, schreibt etwaige kritische «Dossiers» auf Italienisch - nicht auf Deutsch. Und: Verhindern konnten die Kritiker die Veröffentlichung der Reform offenbar nicht, obwohl manche schon vor einiger Zeit davon wussten. Franziskus hat sich durchgesetzt.

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