Der Weg eines Künstlerpaares zu Gott – Hugo Ball und Emmy Hennings

28. Mai 2015 in Buchtipp


„Es ist etwas Schönes um die katholische Kirche. Sie ist wie eine ewige Mutter, die uns Eintagsfliegen in ihre Arme auffängt.“ Ungewöhnliche Biographien zwischen Dadaismus und dem katholischen Glauben. Von Alfred Sobel


Kisslegg (kath.net) „Es ist etwas Schönes um die katholische Kirche. Sie ist wie eine ewige Mutter, die uns Eintagsfliegen in ihre Arme auffängt.“ Dieses Bekenntnis schrieb 1917 der Freigeist Hugo Ball (1886-1927) an seine spätere Frau Emmy Hennings (1885-1948). Beide gehören zu den vergessenen Namen der deutschen Literatur und des Katholizismus. Für kurze Zeit standen sie im Rampenlicht der Öffentlichkeit, als sie während des I. Weltkriegs vor 100 Jahren die Kunstrichtung des „Dadaismus“ gründeten. Anschließend wandte sich Ball unter dem Einfluss seiner Frau Emmy, einer Konvertitin, dem Glauben zu und entwickelte sich zu einem großen geistlichen Schriftsteller. „Es ist ganz unmöglich, dies Leben auf eine rationale Formel zu bringen, versuchen Sie das lieber gar nicht“, schreibt Hermann Hesse im Rückblick auf das wilde Leben dieses Künstlerpaares

Ein Leben in der Bohème

Emmy Hennings war 1914 Chansonette in der Münchener Bohème mit unbändigem Lebenshunger, poetischer Begabung und Hang zur Religiosität. Bei einem Besuch einer ihrer Auftritte in der Schwabinger Künstlerkneipe ‚Simplizissimus’ verliebte sich der Dramaturg und Schriftsteller Hugo Ball in die exzentrische Künstlerin.

Beide befanden sich in einer existenziellen Lebenskrise. Emmy war verzweifelt über ihr Leben als drogenabhängige Schauspielerin, Sängerin und Dichterin mit rasch wechselnden Liebesbeziehungen und gelegentlichen Gefängnisaufenthalten, der Außenseiter Hugo hingegen suchte nach einer Beziehung, die ihn aus seiner Einsamkeit herausführten sollte.

Sie fanden sich, flüchteten 1915 als Pazifisten vor dem I. Weltkrieg in die neutrale Schweiz, trotzten dem Hunger und der Armut und schlugen sich in billigen Amüsierlokalen durch: Emmy als Sängerin und Tänzerin, Hugo als Klavierbegleitung und Texter. 1916 trat das Paar dann mit einem spektakulären Auftritt ins Rampenlicht der modernen Kunst. Es gründete in Zürich das ‚Cabaret Voltaire’, das zum Geburtsort des ‚Dadaismus’ wurde und bis heute die moderne Kunst wesentlich beeinflusst. Ball erfand Lautgedichte, wo sinnfreie Laute zu rhythmischen Klangbildern zusammengefügt wurden, was Ball mit den Worten begründete: „Mit diesen Tongedichten wollten wir verzichten auf eine Sprache, die verwüstet und unmöglich geworden ist durch den Journalismus.“

Es war ein turbulentes Leben: Nach den Dada-Abenden kniete das Paar vor einem Hausaltar mit naiven Heiligenbildchen und zur selben Zeit wurde Ball durch die Kantonspolizei der Zuhälterei und Gewalttätigkeit gegen seine drogenabhängige Verlobte verdächtigt.

Zwei sehr unterschiedliche Charaktere

Sie waren ein sehr ungleiches Paar: Emmy lebenshungrig, kontaktfreudig, impulsiv und religiös, Hugo hingegen ernst, ungläubig und intellektuell. In den ersten Jahren des Zusammenlebens stand ihre Beziehung immer wieder vor dem Scheitern, weil ihre Charaktere und Lebenseinstellungen zu unterschiedlich waren. Als Emmy eine Affäre begann, verfolgte Ball sie mit einem Revolver in der Tasche. Er gewann sie zurück und ermutigte sie, über eigene Erfahrungen mit Prostitution, Drogen und Inhaftierungen zu schreiben.

Auf dem Weg zum Glauben

Trotz ihres ungewöhnlichen Lebenswandels war Emmy, die 1911 zur katholischen Kirche konvertiert war, eine treue Kirchgängerin und betete täglich vor ihrem Hausaltar. Sie fühlte sich innerlich zerrissen zwischen Glaubenssehnsucht und Lebenshunger. Emmy war davon überzeugt, dass es für das Zusammenleben von Mann und Frau neben Leidenschaft auch eines gemeinsamen Glaubens bedürfe. Der Glauben war ihr zeitlebens wichtig und so begleitete sie den Freigeist Hugo Ball aus seinem Unglauben zum Katholizismus, während er ihr half, die Drogensucht und ihre Bindungsunfähigkeit zu bewältigen.

Ball selbst hatte trotz seiner katholischen Kindheit seinen Glauben frühzeitig verloren und war 1912 aus der Kirche ausgetreten. Beim Vortrag von Lautgedichten im ‚Cabaret Voltaire’ geschah 1916 etwas Besonderes: Ball fühlte sich unerwartet zurückversetzt in die Gottesdienste seiner Kindheit und im Nachhinein interpretierte Ball dieses Ereignis als ersten Impuls zur späteren Bekehrung und Rückkehr zur katholischen Kirche.

Sein Interesse am Glauben war geweckt, es begann seine ‚langsame Konversion’, wie er es nannte. Es war ein langer Weg. Während er zwischen 1916 und 1919 in Briefen und Schriften die katholische Kirche und das Papsttum noch heftig kritisierte, besuchte er zeitgleich mit Emmy Gottesdienste und betet mit ihr. Weitere Beweggründe, zum Glauben zu finden, waren Erfahrungen ‚schmerzlicher Art’, wie der ‚Krieg mit seinen Trostlosigkeiten’ und ‚moralische und ökonomische Depressionen’. Für Ball stillte der katholische Glauben 'das Bedürfnis nach geistiger Direktive' und 'nach einem sicheren Standort inmitten der Zusammenbrüche' der Nachkriegszeit.

Die Dada-Zeit des Paares dauerte nur wenige Monate, bis 1919 war Ball dann als politischer Journalist in einem Kreis von Kriegsgegnern mit Ernst Bloch aktiv und schrieb für eine Emigranten-Zeitung gegen Militarismus und Nationalismus.

Emmy Hennings Einfluss

Einen wesentlichen Einfluss übte auch Emmy Hennings auf Balls Konversion aus, durch gemeinsame Lektüre von Mystikern und Heiligen, den Besuch von Gottesdiensten, Gespräche über den Glauben und ihre Gebete vor dem Hausaltar.

Schon früh ahnte Emmy, dass es für eine Ehe neben Leidenschaft auch eines gemeinsamen Glaubens bedurfte. Das erklärt ihre rätselhaften Gedanken bei den ersten Treffen mit Hugo: „Eins ahnte ich zum voraus, dass dies der Mann war, mit dem ich beten konnte. Dies war das einzige Motiv, das mich bestimmte, mich ihm vollkommen anzuvertrauen.“ Diese Aussage verdeutlicht Emmys tiefe Sehnsucht nach einem gemeinsam gelebten Glauben, um ihren eigenen Zweifel ertragen und Fehltritte überwinden zu können. In der Begegnung mit Hugo erfüllte sich ihr religiöser Hunger und Herzenswunsch nach Glaubensgemeinschaft. Hugo hingegen sah in Emmy eine Frau, die auf dem Weg voranging, den er selber suchte und die ihn bei seinem religiösen Suchen unterstützte.

Ball und die Heiligen

1920 siedelte das Paar ins Tessin um und Ball begann, über sein bisheriges Leben nachzudenken und warf sich mit intellektuellem Heißhunger auf sein neues Interessengebiet: Den Katholizismus. Anregung erhielt er durch die ‚Acta Sanctorum‘, eine mehrbändige Sammlung von Heiligenleben.

1919 hatte er bereits die utopische Idee einer 'Internationalen der religiösen Intelligenz' entwickelt, die außerhalb von Staat und Kirche eine 'asketische, demütige, selbstlose und uneigennützige Elite' bilden sollten. Es sollten Menschen sein, die keine Macht und keinen Besitz anstreben und daher unabhängig sind. Nun stieß Ball auf die Heiligen. Ihre Lebensform der Hingabe an Gott und die Kirche sowie ihre Tugenden wie Opfer, Verzicht, Demut und Liebe waren die Werte, die Deutschlands Intelligenz brauchte.

Hugo war davon überzeugt, dass eine Erneuerung der Gesellschaft nur aus dem Inneren des Menschen erfolgen könnte und dass er bei sich anfangen müsse. Es ging dem Paar um eine innere Wandlung und Umkehr zum Glauben, was sie eng verband. Ball suchte nach Erlösung und war bestrebt, ein heiliges Leben zu führen.

Seine Konversion fand 1922 ihren Abschluss in der Generalbeichte in München und dem Wiedereintritt in die katholische Kirche. Nach seiner Hinwendung zum Katholizismus lebte Ball, der radikal dem einmal als richtig Erkanntem folgte, nicht eine gemäßigte, bürgerliche Version des Glaubens sondern einen integralen Katholizismus. Er favorisierte eine „berauschte Theologie“, dabei geriet er gelegentlich in einen Rigorismus, der die „Unbedingtheit der Nachfolge Christi“ nur in der Ausschließung aller säkularen Dinge zu erreichen glaubte.

Er wurde zu einem tiefreligiösen, der katholischen Kirche eng verbundenen Schriftsteller und bezog zu vielen Gewissheiten der Moderne eine Gegenposition. Wo schnelle Bedürfnisbefriedigung gepredigt und praktiziert wurde, lobte er die Askese, wobei Balls Katholizismus zugleich kindlich fromm und intellektuell reflektierend war. Das Glaubensleben des Paares nährte sich aus der Vielfalt katholischer Frömmigkeit wie hl. Messe, Rosenkranz, Gebete, Litaneien, Beichte, Lieder, Heiligenverehrung, Buße, Wallfahrten, Marienfrömmigkeit und Zuwendung zu Engeln.

Der engste Freund: Hermann Hesse

Das exzentrische Paar heiratete 1920 und zog sich in das Tessin zurück, wo es enge Freundschaft mit Hermann Hesse schloss und Ball als wenig beachteter geistlicher Schriftsteller arbeitete. Ball und Hesse diskutierten oft nächtelang über spirituelle Themen wie Psychoanalyse, Religion, Träume und Kunst. Im Gespräch mit Hesse entwickelte Ball einen Gedanken, der ihn bis zu seinem Tod begleitete: „Gestern abend im Gespräch mit Hesse ging mir das Wesen des Johannes Klimax auf. Es ist klar, dass die Leute schon damals um die Psychoanalyse wussten. Sie hatten nur einen anderen Namen dafür. Nur deuteten sie anders und ihre Therapie war begriffen im Exorzismus.“

Bei der Beschäftigung mit den Wüstenheiligen und dem Exorzismus ereigneten sich im Hause Ball plötzlich übernatürliche Phänomene, die Emmy wie folgt beschrieb: Ball „glaubte ähnliche Schläge zu empfangen, wie der Wüstenheilige, da er mit den Dämonen stritt... Die Anfechtungen wurden Hugo und auch mir und dem Kind so lästig, dass er die Arbeit abbrechen musste“. Später erlebten beide erneut 'einige Diabolismen' und fühlten sich durch unerklärlichen Lärm bedrängt. Obwohl Hugo an die personale Existenz von Dämonen als Träger des Bösen glaubte, ging das Paar mit diesen Erlebnissen sehr diskret um.

Durch die Hinwendung zum Glauben bekam das Leben des Paares - neben ihrer Liebe - den lange gesuchten Lebenssinn. Beide lebten bis zum frühen Tod Balls 1927 eine außergewöhnliche Liebes- und Glaubensgeschichte, wie man sie selten findet. Hermann Hesse, der beste Freund der beiden, bezeichnete dieses ‚wunderliche Paar’ als ‚eins der aufregendsten Phänomen des geistigen Deutschland’.

„Ich finde es unanständig, vorsichtig zu leben, ich kann es nicht“, fasste Emmy Hennings ihr Leben zusammen. Für Emmy wurde das Leben mit Hugo Ball, das für sie mit dem Tod innerlich nicht endete, in den folgenden Jahren zum zentralen Thema ihres schriftstellerischen Tuns.


Alfred Sobel, der Verfasser des Artikels, hat eine Biografie über das Paar Hugo Ball und Emmy Hennings geschrieben. Es ist unter dem Titel „‚Gute Ehen werden in der Hölle geschlossen’. Das wilde Leben des Künstlerpaares Hugo Ball und Emmy Hennings zwischen Dadaismus und Glauben“ im FE Medienverlag erschienen.

kath.net-Buchtipp:
"Gute Ehen werden in der Hölle geschlossen": Das wilde Leben des Künstlerpaares Hugo Ball und Emmy Hennings zwischen Dadaismus und Glauben
Von Alfred Sobel
Gebundene Ausgabe, 192 Seiten
Fe-Medienverlag 2015
ISBN-13: 978-3863571207
Preis 13,20 Euro

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Titelblatt des Buches ´Gute Ehen werden in der Hölle geschlossen´ von Alfred Sobel


Grab von Hugo Ball und Emmy Hennings / Ball auf dem Friedhof Sant’Abbondio in Gentilino im Jahr 1981. Das Grab existiert inzwischen nicht mehr


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