Die Bergpredigt - Der Weg zum Leben

10. Februar 2014 in Spirituelles


Die Bergpredigt ist kein „neues Gesetz“, das ein altes ablöst. Vielmehr erhebt sie den Anspruch, jegliches gesetzliche Denken und Handeln in Bezug auf Gott zu überwinden. Von Bischof Heinz Josef Algermissen


Fulda (kath.net/pbf) Mit den acht Seligpreisungen (Mt 5, 1-12a) wird die Bergpredigt (Kapitel 5-7) eingeleitet. Matthäus stellt Jesus als den Lehrer auf dem Berg vor. Um ihn sind die Jünger und die vielen Menschen, die das Volk Israel repräsentieren. Wie einst Gott am Sinai dem Volk des Alten Bundes die Gebote gab, so verkündet Jesus nun auf dem Berg in Galiläa dem Gottesvolk des Neuen Bundes seine Weisungen.

Die Bergpredigt ist die erste große Rede Jesu im Matthäus-Evangelium. Der Evangelist weist auf den Zusammenhang hin: Jesus zog in Galiläa umher, verkündete das Evangelium vom Reich Gottes und heilte die Menschen von Krankheiten und Leiden. Viele Menschen folgten ihm. Und noch ehe davon die Rede ist, was die Menschen, die Jesus folgen, tun sollen, wird gesagt, wer sie sind. Vor dem Imperativ steht der Indikativ: Sie sind „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“. Nach dieser Zusage ergibt sich alles andere.

Die Zuwendung Gottes ist das erste, das Tun folgt als Konsequenz daraus. Es ist wie bei Liebenden, bei denen es ja auch nicht heißt: Wenn du dieses oder jenes tust, liebe ich dich, sondern weil ich dich liebe, kann ich vielleicht Unmögliches vollbringen.

Die Bergpredigt ist kein „neues Gesetz“, das ein altes ablöst. Vielmehr erhebt sie den Anspruch, jegliches gesetzliche Denken und Handeln in Bezug auf Gott zu überwinden. Wer sich von Jesus befreien lässt und die Gesetze der Macht dieser Welt durchschaut, kann es schaffen, auszusteigen aus dem Sog der Milieustrukturen seiner Umwelt. Mit neuen Augen wird er auch einen neuen Blick bekommen für die Armen, die Trauernden und die Gewaltlosen.

Die Armen: Es sind diejenigen, die „im Geiste“ arm sind, denen das Sein wichtiger ist als das Haben, die sich nicht in die Zwänge des Lebens pressen lassen, weder in den Konsumzwang noch in Imponiergehabe und Machtgelüste.

Die Trauernden sind diejenigen, die noch mitleidensfähig sind und sich berühren lassen vom Leid und Elend der Welt. Sie haben das Weinen noch nicht durch Härte ersetzt.

Die Gewaltlosen sind ausreichend frei in ihrem Innern, um dem Gesetz der Welt nicht zu folgen. Es sind die, die aussteigen aus der Spirale der Gewalt, die den ersten Schritt tun können und es nicht nötig haben, ihr eigenes Ich gewaltsam durchzusetzen. Sie können andere anders sein lassen.

Ist das alles eine Utopie? Ja, in dem Sinn, dass die Seligpreisungen sowie die ganze Bergpredigt auf dieser Erde bisher keinen Ort (= outopos) der Realisierung gefunden haben. Aber ein Ziel muss ja nicht deshalb schon unerreichbar sein, weil bislang noch niemand dort angekommen ist.

Immer wenn ich in der Fuldaer Michaelskirche, meiner Privatkapelle und Lieblingskirche, die Hl. Messe feiere, stehe ich ergriffen am Altar unter dem Rotundengewölbe, vergegenwärtige mir, dass Menschen seit 1200 Jahren hier gebetet haben und immer noch beten. Und dann werde ich angezogen von den acht uralten Säulen, die mich umgeben und auf die acht Seligpreisungen als Weg zum Leben hinweisen. Das gibt mir je neu den Anstoß, mich aufzumachen, um wenigstens kleine Schritte auf dem Weg der Bergpredigt zu schaffen.

Bischof Algermissen / Fulda über den Heiligen Bonifatius, den Glauben, die Nähe zum Petrusamt und die dringend nötige Neuevangelisierung


Foto Bischof Algermissen (c) Bistum Fulda


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