«Wir brauchen ein großes Zeichen der Solidarität»

18. Juni 2013 in Interview


Syrischer Patriarch fordert mehr Zusammenarbeit der Kirchen. "Es wäre wichtig, dass die Menschen in Deutschland die Stimme der Ortskirche in Syrien hören - und nicht nur die immer gleiche Medienberichterstattung." - Von Barbara Mayrhofer (KNA)


Berlin (kath.net/KNA) Der griechisch-katholische Patriarch von Antiochien, Gregoire III. Laham (Foto), hat die westliche Öffentlichkeit aufgerufen, die Lage der Christen in Syrien nicht isoliert zu betrachten. Es sei wichtig, die gesamte syrische Bevölkerung in den Blick zu nehmen, sagte der 79-Jährige in Berlin im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Zugleich hob er die Bedeutung der Zusammenarbeit aller christlichen Konfessionen in Syrien hervor. Der Patriarch und weitere Kirchenobere aus Syrien waren zu Gesprächen mit Vertretern aus Politik und Kirche nach Deutschland gekommen.

KNA: Patriarch Gregoire, Sie sind hier mit vielen wichtigen Kirchenvertretern aus Syrien zusammengekommen. Was ist das Besondere an dieser Zusammenkunft?

Patriarch Gregoire: Wir sind sehr dankbar für diese Einladung, weil sie die ganze Vielfalt der syrischen Kirchen zusammenbringt. Es wäre aber auch wichtig, dass die Menschen in Deutschland die Stimme der Ortskirche in Syrien hören - und nicht nur die immer gleiche Medienberichterstattung. Gerade jetzt, wo sich die Situation so zuspitzt, müssen wir eine gemeinsame Stimme haben. Deshalb war auch mein Vorschlag, dass die Patriarchen und Bischöfe in Syrien eine gemeinsame Erklärung abgeben, in der die Position der Kirche deutlich wird. Das ist ganz wichtig für die Kirche in Syrien, aber genauso auch für die Kirche in Europa.

KNA: Sie haben es gerade selbst gesagt - die Lage spitzt sich zu. Was bedeutet das für die Christen in Syrien?

Patriarch Gregoire: Auch wenn wir hier über die Lage der Christen geredet haben, finde ich es wichtig, über alle Syrer zu sprechen, nicht nur über die Christen. Ich würde sie nicht isoliert betrachten, sondern im Kontext sehen. Alle Bürger Syriens sind betroffen von dem Konflikt. Eigentlich können wir unser Christentum im Nahen Osten nicht leben ohne den Kontext Islam. Wenn es den Muslimen gut geht, geht es uns auch gut. Deshalb ist es wichtig, dass wir zusammenarbeiten.

KNA: Was erwarten Sie von der deutschen Politik?

Patriarch Gregoire: Wir waren uns hier alle einig, dass es reicht mit den Waffen; sie können niemals etwas bringen. Deshalb ist es auch gut, dass Deutschland sich zurückgehalten hat. Es ist sehr schade, dass Frankreich, das ja viele Kontakte zum Nahen Osten hat, sich so hart und negativ verhält. Sie verstehen die Komplexität des Konflikts in Syrien nicht. Deshalb bitte ich auch darum, dass Deutschland seine außenpolitische Richtung beibehält. Vielleicht kann die Kanzlerin ja auch auf Frankreich einwirken. Das würde viel verändern.

KNA: Stimmt das Bild, das in Deutschland über Syrien gezeichnet wird, mit Ihrer Einschätzung überein?

Patriarch Gregoire: Ich wünsche mir, dass wir mehr persönlich eingeladen werden, von Politik und Kirche, damit sie Informationen aus erster Hand bekommen. Unsere Erfahrungen sind nicht aus den Fernsehprogrammen. Wir haben Kontakt mit unseren Leuten; wir sehen, was passiert. Entführungen, Ermordungen und Menschen, die flüchten müssen und alles zurücklassen: Das erleben wir. Auch meine Verwandtschaft ist unterwegs; sie sind zu Flüchtlingen geworden. Um solche Dinge zu erfahren, ist es wichtig, dass die Kirche in Deutschland auch die Kirche des Nahen Ostens hört. Mein Vorschlag ist aber auch, dass ein Bischof oder Kardinal zu uns kommt, einfach um mit uns zu beten. Keine Politik, keine Erklärungen, einfach nur mit uns gemeinsam beten. Das allein wäre für uns schon ein wichtiges Zeichen.

KNA: Was erwarten Sie außerdem von der Kirche im Westen?

Patriarch Gregoire: Erst einmal möchte ich mich bedanken, dass die Kirche in Deutschland immer so positiv und hilfsbereit reagiert. Wir wollen ein Komitee bilden, das sich darauf vorbereitet, was zu tun ist, wenn die Krise zu Ende ist. Mehr als 20 Kirchen wurden zerstört, genauso wie Schulen und andere soziale Institutionen. So viele Menschen haben alles verloren. Natürlich kann die Kirche nicht alles übernehmen. Aber sie hat eine Rolle, die sie wahrnehmen muss. Wenn wir als Ortskirche einen Plan haben, dann können wir uns an die Kirche in der ganzen Welt wenden. Wir brauchen ein großes Zeichen der Solidarität, nicht nur für die Kirche, sondern für die Menschen in Syrien.

KNA: Hat die Krise ihren Höhepunkt erreicht?

Patriarch Gregoire: Das ist schwer zu sagen. Es ist ganz unterschiedlich. In Damaskus haben die Menschen viel Angst, aber auch viel Gelassenheit. Die Leute sind es gewöhnt, dass es Explosionen gibt; aber direkte Kämpfe gibt es ja nicht. Dadurch ist der Alltag dort auch fast normal. In Homs und Aleppo ist das natürlich anders. Dennoch sehen die Menschen eine Wende, vor allem im Verhalten der westlichen Welt. Und das ist für sie ein Zeichen, dass sich etwas tut. Sie haben die Hoffnung, dass die Krise bis zum Ende des Jahres aufhört.

KNA: Wie ist die Situation in Ihren Gemeinden?

Patriarch Gregoire: Wir Bischöfe und Patriarchen versuchen, den Menschen Kraft zu geben. Und eines muss man sagen: Unsere Kirchen sind immer voll. Während der Fastenzeit und danach waren die Messen überfüllt. Die Leute sind tapfer, und wir sind dankbar, dass viele Menschen innerhalb Syriens ein neues Zuhause gefunden haben. Aber viele Familien konnten auch wieder zurück in ihre Heimat. Das hat uns große Hoffnung gegeben.

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