Ordensschwestern: Sie leben Nachfolge Jesu

12. Juni 2013 in Kommentar


In ihrem Blick liegt ein Schimmer von der großen Liebe, die sie einst zu einem folgenreichen Schritt veranlasste. Doch vergessen wir inzwischen unsere Schwestern? Ein Gastkommentar von Anne-Madeleine Plum


Linz (kath.net) Den demographischen Wandel, deutlicher gesagt Überalterung durch zu wenig Nachwuchs, haben viele Ordensgemeinschaften unserer weltlichen Gesellschaft voraus. Längst machen traditionsreiche geistliche Gemeinschaften, allen voran aber die caritativen Orden, die schmerzliche Erfahrung, keinen oder nur sehr wenig Nachwuchs zu haben. Zumindest hier in Deutschland, hier in Europa. Natürlich – oder besser gesagt Gott sei Dank – gibt es auch die jungen Ordensfrauen, selbstbewusst und tatkräftig, emanzipiert und gleichzeitig bereit, sich den Forderungen ihres Ordens zu unterstellen. Doch so manche von ihnen wählt eher den Weg in einen kontemplativen Orden, aus nachvollziehbaren Gründen.

Wo wir einst in Schulen, Krankenhäusern, Kindergärten und anderen sozialen Einrichtungen an das Bild der Ordensschwester im weißen, grauen oder schwarzen Habit gewohnt waren, findet sich heute oft keine Spur mehr von ihnen. Und mit ihnen ging, nicht überall und gänzlich, aber doch spürbar, auch eine ganz bestimmte Atmosphäre der Einrichtung.

Die Schwestern mit den alten, manchmal so unverständlichen Namen – Praxedis, Mercedes, Heriberta, Augusta und wie sie hießen – wo sind sie eigentlich geblieben? Ihr Verschwinden geschah langsam und leise. Die Schwester, die am Wochenende und lange nach Dienstschluss noch auf Station war, die Schwester, die im Kindergarten schon vor allen anderen nach dem Rechten sah – die Schulschwestern, die Ansprechpartnerinnen für die Schülerinnen, weit über den Unterricht hinaus waren – sie fehlen, und nicht nur ihr oft unentgeltliches Engagement bis in die „Freizeit“ hinein hinterließ eine Leerstelle.

Und es scheint fast, als hätten wir unsere Schwestern schon vergessen. Dabei lebt so manche von ihnen durchaus geistig rege und ganz im heute. Aber sie wohnen oft abgeschieden, zurückgezogen in den Mutterhäusern ihre Gemeinschaften, auf den Krankenstationen oder dem Alterssitz, den man ihnen zuwies.

Viele von ihnen müssen sich einschränken. Aus einstigen Zimmern werden Zimmerchen, aus Fluren mit Andachts- und Kapellenräumen werden kleine Trakte im „Dienstbotengeschoss“ oder auch weit weg vom früheren Einsatzort. Freiwilliger Verzicht bestimmte ihren Lebensweg. Verzicht auf Geld, auf Karriere, auf Familie. Unfreiwilliger Verzicht verlangt ihnen auch im Alter oft noch große Einschränkungen ab. Und kaum einem scheint das aufzufallen. Kein Wunder, denn trifft man eine von ihnen, so beklagen sie sich nicht. Höchstens ein Bedauern ist zu hören. Ihr Recht auf ein Alter in Würde, in angemessener Umgebung, in Wertschätzung derer, für die sie einst alles aufgaben – dafür finden sich, so scheint mir wenigstens, nicht viele Fürsprecher unter uns.

Erinnern Sie sich noch an eine der Schwestern, denen Sie im Leben begegnet sind? Sehen Sie noch ihr Bild vor Augen, kennen Sie noch ihren Namen? Ich erinnere mich noch gut, besonders an drei, vier von ihnen. Die Englischlehrerin, der ich bis auf den heutigen Tag Freude an dieser Sprache - und an einem waschechten Londoner Dialekt – verdanke. Die im langen schwarzen Ordenskleid auf das Lehrerpult stieg, um uns den Unterschied von „on the desk“ und „under the desk“ zu erklären. Die feinsinnige Kunstlehrerin, die so wunderbar gestochen mit Feder und Tusche Worte ihrer Ordensgründerin aufschrieb. Die unglaublich belesene und geschichtlich bewanderte Ordensfrau, die so lebendig und kenntnisreich von unserer Stadtgeschichte zu erzählen weiß. Die so früh verstorbene Schwester, die in ihrem Ordenskleid so mädchenhaft und liebenswert, stets heiter und voll tröstlicher Anteilnahme für andere war.

Wo und wie leben unsere Schwestern von damals? Ordensschwestern können sich nicht gegen das Vergessen wehren. Nicht einmal – wie die bekannte Kabarettistin und spätere Ordensschwester Isa Vermehren – dagegen, dass man ihr Leben filmisch verzerrt oder gar völlig entstellt uninformierten Zuschauern vermittelt. Sie können sich nicht wehren gegen das Abgeschobenwerden durch eine Gesellschaft, die ihre Lebenshingabe, ihre Opferbereitschaft in großen Teilen nicht mehr versteht.

Es liegt an uns, sie zu finden und zu besuchen – an den abgelegenen Orten, in den kleinen Zimmerchen, den Fluren, in denen nur selten Besuch vorbeikommt. Sie tragen ein Schicksal, das möglicherweise so manchem von uns noch bevor steht, ob wir nun Familie haben oder nicht. Und sie tragen dieses Schicksal mit bewundernswerter Haltung, sei es das Vergessenwerden, die Einsamkeit in der kleiner werdenden Gemeinschaft, ob buchstäbliche Entbehrungen oder entbehrte Würdigung.

Und dennoch liegt ein Schimmer von der großen Liebe in ihrem Blick, die sie einst zu einem folgenreichen Schritt veranlasste. Sie leben Nachfolge Jesu und darin sind sie uns wirkliche Leitbilder. Leitbilder aus Fleisch und Blut, keine Wortkonstrukte auf Papier.

Und auch sie sind Zeit-Zeugen. Es ist an uns, sie vor dem Vergessen zu bewahren und von ihnen erneut zu lernen. Zu lernen, wie man mit dem Nachlassen eigener Kräfte umgeht, wie man altert ohne bitter zu werden, wie man im Glauben reift, auch wenn das eigene Leben keinem mehr zu nützen scheint. Zu lernen, wie man sich vorbereitet auf den nächsten großen Schritt, wenn der Radius der eigenen Schritte immer kleiner wird. Vielleicht auch zu lernen, wo ihr Weg sie mit Freude und Glück erfüllt hat, die bis heute anhält.

Kennen Sie „Ihre Schwester“ von damals noch?


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