
11. Mai 2013 in Weltkirche
Langjähriger Bergoglio-Wegbegleiter skizziert Papst als Vertreter einer "Theologie des Volkes" und im Blick auf seine vielen Talente als quirliges "Ein-Mann-Orchester"
Wien (kath.net/KAP) Jorge Mario Bergoglio wirkt laut seinem langjährigen Wegbegleiter Juan Carlos Scannone seit der Wahl zum Papst glücklicher denn je: "Sein Gesicht strahlt jetzt noch viel mehr als früher. Theologisch könnte man sagen, man sieht ihm den heiligen Geist an", erklärte der 83-jährige argentinische Jesuitenpater im Gespräch mit "Kathpress".
Scannone kennt Bergoglio seit seiner Jugend. Er gilt als einer der Mitbegründer der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Scannone hat in Innsbruck und München studiert und besucht derzeit Österreich.
Er habe Bergoglio stets als tief spirituellen, vielbegabten und die Einfachheit praktizierenden Menschen erlebt, berichtete Scannone, der bereits 1957 seinen damals 20-jährigen Landsmann in Griechisch und Literatur unterrichtet hatte: Der heutige Papst musste diese Fächer nach der Matura als "Latinist" im zweijährigen "kleinen Seminar" nachholen, um ins Noviziat eintreten zu dürfen.
Auch später kreuzten sich die Wege der beiden Geistlichen immer wieder, und noch im April habe ihm Bergoglio bereits als Papst einen Brief geschrieben - "eigenhändig, sogar die Anschrift am Umschlag, und mit 'F., Santa Marta, Vatikanstadt' unterzeichnet", so Scannone.
Der Papst habe in seiner Zeit als Rektor als guter Autofahrer nie einen Chauffeur benötigt, sei jedoch später als Erzbischof auf Bus und U-Bahn umgestiegen und ganz ohne Auto ausgekommen, erklärte Scannone. Bereits anekdotisch auch die Angaben zu Bergoglios Kochkünsten: "Zu Weihnachten und Ostern kochte er für seine Hausgemeinschaft selbst. Meist gab es ein kleines Schwein".
Ein Multitasker
Beeindruckt zeigte sich der Jesuit von Bergoglios Alltag: "Innerhalb fünf Minuten arbeitete er an einem theologischen Artikel, wusch die Wäsche und beriet andere in geistlichen Fragen - so wie ein
'Ein-Mann-Orchester', ein viele Instrumente zugleich spielender Musiker."
Option für die Armen
Bedeutender für das Verständnis des heutigen Papstes sei laut Scannone allerdings die "Option für die Armen", die Bergoglio als Erzbischof von Buenos Aires praktiziert habe. "Er besuchte oft die Elendsviertel und unterstützte die hier tätigen Seelsorger immer, selbst wenn diese von der Drogenmafia verfolgt waren", so der Jesuit. Priester und Pastoralarbeiter habe Bergoglio auf die Straße - etwa auf die Bahnhofsplätze der argentinischen Hauptstadt - geschickt, "nach dem Motto, man darf nicht darauf warten, bis die Leute in die Kirche kommen, sondern muss zu ihnen gehen."
Als Hintergrund dieser Haltung bezeichnete Scannone die Theologie der Befreiung in ihrer argentinischen Ausprägung der "teologia del pueblo" (Theologie des Volkes). "Sie geht davon aus, dass die Armen Ideen von Gemeinwohl, Frieden und Gerechtigkeit besser bewahrt haben als die Mittel- und Oberschicht, die meist nach Europa und die USA blicken." Auch Volksfrömmigkeit sei beim einfachen Volk am ehesten anzutreffen. "Entsprechend ist für Bergoglio etwa die Marienverehrung viel mehr als Folklore oder Andacht, sondern Evangelisierung durch das Volk selbst", so Scannone.
Lateinamerikas ersten Theologenkongress über die Frage der Inkulturation des Evangeliums habe Rektor Bergoglio in San Miguel organisiert, führte der Befreiungstheologe als Argument für diese Verbindung an. Erwähnen müsse man hier jedoch auch Bergoglios späteres Engagement bei der lateinamerikanischen Bischofskonferenz von Aparecida 2007, wo der nunmehrige Erzbischof Berichterstatter und Leiter und Vorsitzender der Redaktionsgruppe des Schlussdokuments war und sich auch hier deutlich auf die Seite der Armen gestellt habe.
Papstwahl führt zu Glaubens-Boom in Argentinien
Wichtige Akzente habe Bergoglio zudem für den interreligiösen Dialog in seinem Heimatland gesetzt, das aufgrund seiner Einwanderer ein Schmelztiegel auch vieler Religionen und Konfessionen sei: "Dank der Vermittlung der katholischen Kirche ist Argentinien eines der wenigen Länder weltweit, in dem Muslime und Judentum in Dialog miteinander stehen", verdeutlichte Scannone. Zugute gekommen seien Bergoglio dabei persönliche Freundschaften, etwa mit dem Rabbiner Abraham Skorka, mit dem er sogar ein gemeinsames Buch veröffentlichte.
Insgesamt habe Papst Franziskus nicht nur durch seine argentinische Zeit, sondern auch durch die Wahl zum Papst tiefe Spuren bei seinen Landsleuten hinterlassen. "Die ganze Bevölkerung, auch die nicht katholisch oder indifferent gegenüber dem Glauben sind, sind sehr froh darüber.
Etwa in der Karwoche und Osterzeit sind viele wieder zur Beichte gekommen, die jahrelang keinen Kontakt mehr mit der Kirche hatten." Eine Lücke sei nicht entstanden, gelte doch Mario Aurelio Poli, der neue Erzbischof von Buenos Aires und frühere Weihbischof Bergoglios, als dessen "Schüler".
Die Armut bleibe weiterhin die "größte Herausforderung" der Kirche in seinem Land, betonte Scannone. "Es ist nicht zu verstehen, wie ein derart reiches Land so viele Arme haben kann. Die starke Mittelschicht, der einst 40 Prozent der Bevölkerung angehörten, ist unter den früheren neoliberalen Regierungen völlig verarmt und die soziale Kluft im Land enorm angewachsen", so Scannone.
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