Kritik am Kirchentag: Warum nicht missionarisch zu Jesus einladen?

6. Mai 2013 in Deutschland


Evangelikale Christen kritisieren den evangelischen Kirchentag: Wo blieb die Mission? - Warum waren Juden, die Jesus Christus als den Messias erkannt hätten, oder Befürworter eines uneingeschränkten Schutzes ungeborener Kinder unerwünscht?


Hamburg (kath.net/idea) Die Meinungen über den Deutschen Evangelischen Kirchentag vom 1. bis 5. Mai in Hamburg sind geteilt: Während Kirchenvertreter und Politiker eine weithin positive Bilanz zogen, kommt von theologisch konservativer Seite teils heftige Kritik. Der EKD-Ratsvorsitzende, Nikolaus Schneider (Berlin), erklärte auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, der Kirchentag sei „Kraftquelle und Kreativstätte zugleich“ gewesen. Das Motto des Treffens „ „Soviel Du brauchst“ (2. Mose 16,18) habe dazu geführt, „dass wir auf vielfältige Weise über das rechte Maß unserer Bedürfnisse nachgedacht haben“. Die Pointe zur biblischen Geschichte hinter der Kirchentagslosung bestehe darin, dass sich die Gier und das Horten nicht lohnten: „Gott ließ verderben, wenn im Übermaß gehortet wurde.“ Der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm (München), zeigte sich „begeistert“ vom Kirchentag. Dort sei „die Lust am Christsein, am Glauben“ spürbar gewesen. Zugleich seien die Fragen der Zeit angesprochen worden. Angesichts des friedlichen Miteinanders sagte der Bischof: „Christen brauchen keine Polizei. Das ist anders als bei Fußballspielen.“ Der Landesbischof der gastgebenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Gerhard Ulrich (Schwerin), sprach von einem „großen Glaubensfest“. Der Kirchentag habe einmal mehr gezeigt, „dass Kirche und Glauben immer politisch sind“.

Evangelische Allianz sieht Licht und Schatten

Lob und Tadel äußerte der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Präses Michael Diener (Kassel). Besucher von Bibelarbeiten, Feierabendmahlen und Gottesdiensten hätten „einen reichen Schatz geistlicher Erfahrungen“ mit nach Hause nehmen können. Das Vorurteil, beim Kirchentag gehe es „nur“ oder „vor allem“ um Politik, sei so falsch wie unausrottbar. Das Treffen trage „erheblich“ dazu bei, gesellschaftliche Entwicklungen im Licht der christlichen Botschaft zu deuten: „Manches Mal zu (politisch) einseitig und insgesamt dennoch sachdienlich und wesentlich“. So sei es in diesem Jahr „hervorragend“ gelungen, das Thema „Inklusion“ neben wirtschaftsethische Fragestellungen zu positionieren.

Warum wird nicht missionarisch zu Jesus Christus eingeladen?

Zugleich richtete Diener kritische Anfragen an das Treffen: „Warum verzichtet der Kirchentag darauf, in einem immer säkulareren und atheistischeren Umfeld missionarisch zu Jesus Christus einzuladen?“ Die Verantwortlichen des Kirchentages müssten sich ferner „bei allem lobenswerten Einsatz für die Ausgestoßenen und Stimm-losen“ fragen lassen, warum Juden, die Jesus Christus als den Messias erkannt hätten, oder Befürworter eines uneingeschränkten Schutzes ungeborener Kinder unerwünscht seien. Als ein „echtes Skandalon“ bezeichnete es der Präses, dass der Kirchentag Personen öffentlich Raum gebe, die polyamouröse Beziehungen – Liebesbeziehungen zu mehreren Partnern gleichzeitig – als christlich ethisch verantwortbar bezeichneten. Zugleich würden aber Beratungsangebote für Homosexuelle, „die ihre sexuelle Identität nicht finden können, von jeglicher Teilnahme“ ausgegrenzt.

Bekennende Gemeinschaften: Wo war das evangelische Profil?

„Zwiespältig“ erlebte auch der Vorsitzende der Konferenz Bekennender Gemeinschaften, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg), den Kirchentag. So habe es „viel gute Gemeinschaft“ sowie zahlreiche „interessante Vorträge“, Gottesdienste, Bibelarbeiten und Konzerte gegeben: „Andererseits vermisste man bei der Überfülle des Angebotes die Konzentrierung auf die Mitte des christlichen Glaubens: auf Jesus Christus.“ Angesichts eines „Pluralismus pur“ habe man vergeblich das evangelische Profil gesucht. Den Ausschluss messianischer Juden vom Kirchentag nannte Rüß „unchristlich und unbewusst antisemitisch“. Im Vordergrund des Kirchentages habe ein „innerweltliches Verständnis von Gerechtigkeit“ gestanden, das mit vielen moralisch-wirtschaftspolitischen Appellen verbunden gewesen sei. Die Foren seien weitgehend bestimmt gewesen von der Genderideologie, der feministischen Kirchentagsübersetzung der Bibel und der Relativierung von Glaubenswahrheiten im interreligiösen Dialog. Rüß: „Man war mehr diesseitsorientiert. Himmel und Ewigkeit mussten bei diesem politischen Engagement zurücktreten.“ Der Kirchentag sei „mehr sozialpolitisch als christusorientiert“ gewesen.


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