
8. April 2013 in Kommentar
Der Wiener Psychiater Raphael M. Bonelli legt Ulrich Seidls Film Paradies: Glaube auf die Couch. Seine Diagnose: Hier wird normale mit pathologischer Religiosität verwechselt. Eine psychologische Filmkritik. Von Raphael M. Bonelli (Die Tagespost)
Wien (kath.net/Die Tagespost) Als Psychiater freut man sich, einen Film über pathologische Religiosität sehen zu können. Denn Religiosität ist aus psychologischer Sicht eine potente positive Ressource, die nach neuesten wissenschaftlichen Analysen der Duke University in den USA sehr stark mit psychischer Gesundheit assoziiert ist, insbesondere im Bereich von Suchterkrankungen, Depressivität und Suizidalität. Kurz gesagt: je religiöser, desto gesünder. Das Fehlen dieser menschlichen Ressource ist ein Defizit, das aus demselben Grund psychische Störungen fördern kann.
Ihre eher seltene, verdrehte und pervertierte Form hingegen nennt man in der Fachwelt pathologische Religiosität, um sie von der gesunden, normalen Form zu unterscheiden. Die beiden verhalten sich zueinander wie die Perversion (etwa Pädophilie) zur beglückenden menschlichen Liebe.
Weil die pathologische Form der Religiosität so selten ist, ist die filmische Darstellung für den Fachmann reizvoll. Diese jedoch nur dann, wenn das Phänomen kompetent und einfühlsam erfasst wird, wenn die Darstellung den Kern trifft und zum Nachdenken anregt.
Der österreichische Film Paradies: Glaube erhebt den Anspruch, dieses interessante Randthema zu behandeln. Leider ist er zumindest für Zuseher mit einem Minimum an psychologischem und religiösem Insiderwissen eine herbe Enttäuschung. Statt einer differenzierten Abhandlung des hochinteressanten Phänomens der pathologischen Religiosität werden hier klischeehafte Stereotype bedient, deren Realitätsferne kein wirkliches Warmwerden mit dem Film möglich macht.
Ein Psychiater und Neurologe mit langer klinischer Erfahrung muss hier klarstellen, dass die filmischen Darstellungen leider grob misslungen sind, zum Teil sogar mit dilettantischen Fehlern. Das beginnt mit der ungenügenden Darstellung der motorischen Ausfälle einer Querschnittslähmung.
Gröber patzt der Regisseur aber bei der Abhandlung der pathologischen Religiosität: Es gibt definitiv keine krankhaft-religiöse Frau, die aus Liebe das Kruzifix in sexueller Erregung abschleckt und anschließend damit masturbiert. Es gibt auch keine religiöse Gruppe, die Gott schwört, dass Österreich wieder katholisch wird. Psychiater erleben in der Praxis alle möglichen verdrehten und verqueren Fälle, aber nicht so, wie Ulrich Seidl sie phantasiert. Spannend das Urteil der F.A.Z. in diesem Zusammenhang: Seidls Blick ist letztlich ein pornographischer.
Allein die Szene des gemeinsamen Gebetes beweist das Unvermögen des Regisseurs, sich in pathologische Religiosität hineinzuversetzen. Geschweige denn in die echte, gesunde, die als Kontrapunkt der pathologischen zur Darstellung gebracht hätte werden müssen. Die Aufdringlichkeit der Hauptdarstellerin Maria Hofstätter, die Wandermuttergottes an den Mann zu bringen und die Szene der Diskussion mit dem unverheirateten Paar sind im Ansatz interessant und lassen kurz eine Hoffnung aufblitzen, dass doch Denkwürdiges eingefangen werden konnte, aber diese Hoffnung wird schnell durch allzu große Plumpheit in der Umsetzung zunichte gemacht.
Wenn bei einem Zuschauer das Minimum an religiösem Wissen fehlt, so mag ihn dieser Film vielleicht in seinem unwissenschaftlichen Vorurteil bestärken nämlich dass er ohnehin schon immer wusste, dass alle Religiösen psychisch krank sind. Unverständlich, warum sich der Regisseur keine Experten Neurologen, Psychiater und Religionswissenschaftler als Berater an die Seite geholt hat.
Die Abgrenzung von gesunder zu ungesunder Religiosität ist Präzisionsarbeit, keine Aufgabe für den vulgären Vorschlaghammer. Hätte Ulrich Seidl das nötige Fachwissen für sein Projekt gehabt, wären also seine Darstellungen absichtlich so fehlerhaft auf die Leinwand gebannt worden was nicht anzunehmen ist und ihm hier nicht vorgeworfen werden soll dann wäre sein Werk wohl als intentionaler Film einzuordnen, ähnlich dem viel diskutierten antireligiösen Jud Süß von Veit Harlan ein paar Jahrzehnte davor.
Es berührt unangenehm, wenn der durchgängig unmenschlich, grausam und borniert gezeichneten Hauptdarstellerin ein anfangs durchaus menschlich dargestellter muslimischer Ehemann an die Seite gestellt wird, der für religiöse Toleranz plädiert und für die Ehe kämpft. Dass er am Ende auch durchdreht und sie zu vergewaltigen versucht, wird ihm filmpsychologisch aufgrund der seelischen Grausamkeit seiner Frau praktisch verziehen. Hier ist eine überraschende Schuldzuweisung allzu schnell geschehen. Jörg Schöning zum Beispiel lässt sich im Magazin Spiegel zum Urteil hinreißen, dass die katholische Missionarin einen gnadenlosen Ehe- und Glaubenskrieg entfesselt.
Bemerkenswert, dass durch das Drehbuch die weibliche Hauptperson derart viel Antipathie auf sich zieht, dass ihr sogar der Vergewaltigungsversuch angelastet wird.
Der Focus etwa urteilt abschließend über den Vergewaltiger: Er achtet den Glauben seiner Frau. Über das Vergewaltigungsopfer hingegen kann man gleich anschließend lesen: Sie aber reagiert auf Nabils Versuche, seine Religiosität zu leben, mit verbalen und körperlichen Attacken, die sogar sadistische Formen annehmen.
Dass auch weibliches Fehlverhalten keine Vergewaltigung rechtfertigt, sucht man in dieser Filmkritik wie übrigens in manchen anderen leider vergeblich.
Anna Maria wird eben als Unmensch, ja als Ungeheuer vorgeführt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Die makabre Logik: Wenn schon jemand vergewaltigt werden soll, dann die, mit ihren Sexualkomplexen. Sie hat im Film keinerlei warme, menschliche Seite hier gibt es filmpsychologisch deutliche Parallelen zu Veit Harlans Machwerk. Zu Recht urteilt die Süddeutsche in diesem Zusammenhang: Fühlen kann man diese Figur nicht, anders als bei der Sextouristin Teresa in Paradies: Liebe gibt es keinen Moment, der es erlaubt, mit Anna Maria warm zu werden der Film gibt sie der Verachtung preis.
Man gewinnt als distanzierter Beobachter tatsächlich den Eindruck, die Hauptperson soll so überzeichnet werden, damit sich der Mob über sie empört beziehungsweise damit sie gehässig verlacht wird.
Es entspricht ja der Psychologie jeder Fremden- und Religionsfeindlichkeit, dass in der Entwertung des anderen eine häufig unbewusste, befriedigende Ich-Erhöhung steckt. Und in der Tat entschlüpfte dem Regisseur bei einem Interview, es sei ihm ein Anliegen, seinen Figuren unterschwellig komödiantische Aspekte zu verleihen. Entlarvend ist auch ein Satz der F.A.Z., der die Wirkung des Filmes auf den Betrachter beschreibt: Diese Anna Maria... kann sich dem letztlich verachtenden Blick des Regisseurs... nicht entziehen. Wir schütteln den Kopf, wenn wir ihr dabei zusehen..., wir lachen sie aus, wenn sie..., wir stehen so weit über ihr und neben ihr wie der Regisseur, der unsere Blicke leitet.
Es berührt unangenehm, wenn zur völlig missglückten Darstellung pathologischer Religiosität kontinuierlich Symbole gesunder Religiosität missbraucht werden und gerade damit die Grenze zwischen beiden Formen für den ungebildeten Laien verwischt wird. So wird im Film immer wieder ein realer religiöser Radiosender namentlich genannt und bildlich zur Darstellung gebracht, der in der Realität eine vollständig andere Botschaft hat nämlich die katholische als das fiktive Leben und die fiktive Sendung der fiktiven Anna Maria. Im Film hingegen hört das Ungeheuer erbarmungslos und fanatisch diesen Sender, während sie ihren armen, gelähmten Mann gleichzeitig seelisch misshandelt.
Seidl zeigte sich im oben bereits zitierten Interview zum Thema Religion für einen Erwachsenen erstaunlich wenig souverän: Ich habe lange Zeit meines Lebens gegen den Katholizismus angekämpft. Zwischen den Zeilen ist sogar seine Sehnsucht spürbar, dass sich Religionsvertreter über seinen Film öffentlich entrüsten und dass er nur fürchte, dass die Kirche mittlerweile zur Empörung zu schwach ist. Ob seine inneren Wünsche mehr dem PR-Effekt dienen oder seiner persönlichen Befriedigung, wäre ein interessanter Punkt, zu dem ein Psychiater ihn sicherlich gerne näher befragen würde.
Trotz der ungenügenden Darstellung und vor allem der fehlenden Abgrenzung von der wirklichen Religiosität ist doch immerhin das interessante Thema der pathologischen, also ichhaften Religiosität zur Diskussion gestellt. Die mediale Reaktion auf den Film ist aber intellektuell enttäuschend, wenn auch psychologisch hochinteressant: Sie verwechselt durchgängig pathologisch mit normal, Perversion mit Glück, gleichsam Pädophilie mit menschlicher Liebe. Die misslungene Darstellung pathologischer Religiosität wird weitgehend als eine längst fällige Kirchenkritik missverstanden und abgefeiert. All das könnte man fast für Satire halten, würde es nicht von Maria Hofstätter absolut überzeugend vorgeführt, urteilt der Spiegel.
Was der Katholizismus nicht hören will, titelt gar die Süddeutsche Zeitung. Seltsam, denn gerade die katholische Kirche hat wie keine andere Religion durch ihr Lehramt ein gesundes Regulativ für pathologische Abirrungen entwickelt und ist sehr wachsam für Fehlentwicklungen. Das darzustellen bleibt die Süddeutsche-Analyse schuldig, ebenso wie die Frage, warum die universal vorhandene menschliche Neigung zum Fanatismus in der katholischen Kirche so viel besser abgefedert wird als beispielsweise im Islam oder in amerikanischen Freikirchen. Auch die F.A.Z. schafft es weder im Titel (Wer glaubt, wird selig?) noch im Text, gesund und krank auseinanderzuhalten. Den Vogel aber schießt Die Welt ab, die sich Im Darkroom des Katholizismus wähnt und glaubt, Ulrich Seidl zeichnet im zentralen Teil seiner Filmtrilogie das Porträt einer gläubigen Katholikin.
Als Psychiater wundert man sich, wie besonders in Qualitätszeitungen gesund und krank so undifferenziert gleichgesetzt oder verwechselt werden können. Das ist ein grober Schnitzer, etwa wie wenn jemand die Pädophilie und die schöne menschliche Liebe über einen Kamm scheren würde. Denn die menschliche Liebe wie die gesunde Religiosität tut dem Menschen gut. Die Perversion hingegen nicht. Es bleibt uns Fachleuten also noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.
Der Autor, Raphael M. Bonelli (Foto), ist Psychiater und Psychotherapeut sowie Neurowissenschaftler an der Sigmund Freud Universität in Wien. Vor kurzem erschien von ihm im Pattloch-Verlag das Buch Selber schuld! Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen
kath.net-Lesetipp:
Selber schuld! Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen
von Raphael M. Bonelli
2013 Pattloch
ISBN 978-3-629-13028-0
Preis: 20.60 EUR
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