
16. Februar 2013 in Chronik
Polens Katholiken sehen im Rücktritt des Papstes einen Tabubruch. Staatspräsident: Mit dem Amtsverzicht verschwindet der letzte Fixpunkt. Von Oliver Hinz (KNA)
Warschau (kath.net/KNA) Der angekündigte Rückzug von Papst Benedikt XVI. macht vielen Polen Angst. Davon ist Staatspräsident Bronislaw Komorowski überzeugt. «Wir sind alle etwas zerrissen», sagte er am Freitag in einem Radiointerview. Denn mit dem Amtsverzicht des Kirchenoberhaupts verschwinde «der letzte Fixpunkt, der kraftvoll hält bis zum Schluss».
Für den rechtsliberalen Staatspräsidenten, der in den 80er Jahren in einem Priesterseminar als Geschichtslehrer arbeitete, steht fest: «Wir brauchen diesen Anker, die Überzeugung, dass etwas stabil ist», gerade weil manche Autoritäten instabil wirkten. «Sicher haben viele von uns deshalb Angst», so Komorowski.
Bestens erinnern sich die Polen, dass Papst Johannes Paul II. (1978-2005) trotz schwerer Krankheit die Leitung der Kirche nicht abgab. Bis heute wird er als polnischer Nationalheld gefeiert und von der Gesamtkirche seit 2011 als Seliger verehrt. Da wirkt der erste freiwillige Amtsverzicht eines Papstes nach mehr als 700 Jahren als ein Tabubruch.
Doch wie wohl die große Mehrheit der Polen respektiert auch Komorowski, dass Benedikt XVI. aus Gesundheitsgründen abdankt. Die «Verjüngung der kirchlichen Institutionen» sehe er optimistisch.
Der Generalsekretär der Polnischen Bischofskonferenz, Weihbischof Wojciech Polak, verteidigte ebenfalls den Amtsverzicht: «Dieser Rücktritt ist keine Flucht vor der Verantwortung oder eine Flucht ins Private und den persönlichen Komfort, sondern zeugt von Weitblick.»
Kritik von Katholiken am Papst ist zwischen Oder und Bug traditionell fast so selten wie ein weißer Rabe. Benedikt XVI. genießt in Polen hohes Ansehen. Vier von fünf Befragten schenkten ihm vor ein paar Jahren in einer Umfrage sehr großes oder großes Vertrauen.
Nur eine halbe Stunde nach der Rücktrittsankündigung starteten Polen bei Facebook die Initiative «BXVI - Wir danken für alles!». Mehr als 10.000 Menschen schlossen sich inzwischen an. In katholischen Internetforen schreiben Gläubige «Gott wird Dich für Deine Liebe zur Kirche auszeichnen» oder danken für sein «beharrliches und unerschütterliches Zeugnis des Glaubens».
Kein gutes Haar ließ dagegen der ehemalige Krakauer Jesuit und heutige Kirchenkritiker Stanislaw Obirek an der Amtszeit Benedikts XVI. Er nannte dessen Pontifikat «tragisch». Der Papst habe «ungeeignete Leute» für Ämter ernannt und eine «ganze Reihe schlechter Entscheidungen getroffen». Inspiriert durch den Rücktritt warb Obirek dafür, dass Päpste künftig immer für acht Jahre gewählt werden sollten. «Der erste Schritt ist immer der schwerste. Beim nächsten Mal wird es schon normal sein», sagte er auf RMF, Polens meistgehörtem Radiosender.
Am letzten Tag der Amtszeit des Papstes, dem 28. Februar, wird es in zahlreichen katholischen Kirchen Polens Dankmessen geben. Auch die polnischen Bischöfe versammeln sich am 5. März zu einem Gottesdienst in der Warschauer Kathedrale, um für das Pontifikat Benedikt XVI. zu danken.
Das Präsidium der nationalen Bischofskonferenz schrieb in einem Telegramm an den Papst: «Wir nehmen die Entscheidung im Glauben und Vertrauen an Dich, Heiliger Vater, an.» Besonders dankten die Polen ihm für die Seligsprechung von Johannes Paul II., den Polen-Besuch 2006 und die «an uns gerichteten polnischen Worte».
Regelmäßig sprach Benedikt XVI. beim sonntäglichen Angelusgebet am Petersplatz polnische Pilger in ihrer slawischen Landessprache an. Polens TV- und Radio-Stationen sendeten diese Sätze nur zu gern, auch wenn sie nicht ganz fehlerfrei ausgesprochen waren. Kein Wunder also, dass Benedikt XVI. als Freund des Landes so hoch geschätzt wird.
Polnische Facebook-Seite: BXVI - Wir danken für alles!
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