Staat half «unbarmherzigen Schwestern»

7. Februar 2013 in Chronik


Untersuchungsbericht zu Zwangsarbeit in irischen Mädchenheimen: Der irische Staat sei «fundamental und direkt» an der Aufrechterhaltung eines Systems von Zwangsarbeit in sogenannten Magdalenenheimen beteiligt gewesen. Von Jochen Hung (KNA)


Dublin (kath.net/KNA) Der irische Staat sei «fundamental und direkt» an der Aufrechterhaltung eines Systems von Zwangsarbeit in sogenannten Magdalenenheimen beteiligt gewesen: Zu diesem Schluss kommt eine eigens eingesetzte Untersuchungskommission, die am Dienstagabend ihren Abschlussbericht veröffentlichte. In Deutschland wurde der Fall durch den Film «Die unbarmherzigen Schwestern» bekannt, der 2002 den «Goldenen Löwen» der Filmfestspiele in Venedig gewann.

Die «Magdalene Laundries» (Heime für «gefallene Mädchen») wurden von vier irischen Frauenorden betrieben: den Sisters of Our Lady of Charity, der Congregation of the Sisters of Mercy, den Religious Sisters of Charity und den Sisters of the Good Shepherd. Die Heime wurden im 18. Jahrhundert als Reformanstalten für Prostituierte gegründet; sie entwickelten sich jedoch später als generelle Auffangstätte für junge Frauen, die aus verschiedenen Gründen aus der Gesellschaft ausgestoßen wurden.

Laut dem Bericht, der die Zeit von der Gründung der irischen Republik 1922 bis zur Schließung des letzten Heims 1996 untersucht, gehörten dazu unverheiratete Mütter, Vergewaltigungsopfer, Waisen, Obdachlose, geistig Behinderte und Frauen, die wegen Bagatellstrafsachen verurteilt waren. Die Opfer wurden auf Anweisung eines Gerichts oder von Angehörigen in die Heime eingeliefert, wo sie jahrelang ohne Bezahlung und unter oft menschenunwürdigen Bedingungen harte körperliche Arbeiten verrichten mussten.

Nach Angaben von Opfergruppen wurden viele Insassinnen auch körperlich oder psychisch misshandelt oder sexuell missbraucht. Die BBC berichtete am Dienstag über eines der Opfer, Maureen Sullivan. Sie wurde 1965 auf Anraten einer Nonne von ihrer Familie im Alter von zwölf Jahren in das «Magdalenenheim» in New Ross gebracht, nachdem Sullivans Stiefvater sie missbraucht hatte. Dort musste sie nach eigenen Angaben einen neuen Namen annehmen und sieben Tage die Woche unentgeltlich in der Wäscherei arbeiten, Rosenkränze binden und Pullover zum Verkauf herstellen.

Zwischen 1922 und 1996 gab es landesweit zehn solcher Heime, die meist als Wäschereien fungierten. Laut dem Untersuchungsbericht arbeiteten dort in dieser Zeit ungefähr 10.000 Frauen, von denen jede vierte von staatlichen Stellen überwiesen wurde. Die Opfergruppe «Justice for Magdalenes» (JFM) hielt diese Zahl jedoch für viel zu niedrig angesetzt; es fehlten lediglich entsprechende Akten. Frühere Schätzungen gingen von 30.000 Insassinnen aus.

Der irische Staat vergab, so der Bericht, lukrative Verträge an die Heime, ohne auf eine Durchsetzung von Bezahlung der Insassinnen und auf faire Arbeitsbedingungen zu achten. Auch dadurch habe er sich der Mittäterschaft schuldig gemacht. Darüber hinaus soll die Polizei die Frauen oft ohne geregeltes Verfahren «ad hoc» eingeliefert haben.

Die Untersuchungskommission wurde vor zwei Jahren eingesetzt, nachdem das UN-Antifolterkomitee die Praxis der «Magdalenenheime» mit Zwangsarbeit gleichgesetzt und die irische Regierung aufgefordert hatte, die Vergehen aufzuklären. Das Ausmaß der Misshandlung wurde erst 1993 bekannt, als einer der Orden eines der ehemaligen Heime für umgerechnet 1,75 Millionen Euro verkaufte. Der Fund von Gebeinen von 155 Insassinnen in namenlosen Gräbern auf dem Gelände löste einen Skandal aus und brachte eine öffentliche Diskussion ins Rollen.

Nach Angaben von JFM machten die Orden durch den Verkauf von Heimen während des Immobilienbooms in Irland 296 Millionen Euro Gewinn. Noch bis vor kurzem wiesen mehrere irische Regierungen eine staatliche Mitverantwortung des Staates von sich. Noch in der Befragung vor dem UN-Komitee 2011 erklärte der frühere Staatssekretär Sean Aylward, dass sich alle ihm bekannten Insassinnen freiwillig in dem Heimen aufgehalten hätten.

Noch am Abend entschuldigte sich nun Premierminister Enda Kenny bei den Opfern. Auch die betreffenden Orden begrüßten die Veröffentlichung des Untersuchungsberichts und entschuldigten sich bei den Opfern. Die Sisters of Our Lady of Charity of Refuge erklärten, man erkenne «mit Reue und Traurigkeit» an, dass viele Frauen die Zeit in der Obhut des Ordens mit «Angst, Leid, Einsamkeit und Schmerz» verbänden.

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