Brauchen wir eine Mütterquote?

7. Februar 2013 in Deutschland


Pro und Kontra zur These der Soziologieprofessorin Hilke Brockmann: Mütter würden wegen ihrer Erfahrungen positiven Einfluss auf die Arbeitsorganisation nehmen


Wetzlar (kath.net/idea) Eine Mütterquote in der deutschen Wirtschaft und Politik – das fordert die Bremer Soziologieprofessorin Hilke Brockmann. Ihre These: Mütter würden aufgrund ihrer Erfahrungen positiven Einfluss auf die Arbeitsorganisation nehmen, Unternehmen kinder- und familienfreundlicher gestalten und zu einem anderen Zeitmanagement verhelfen. Dazu ein Pro und Kontra.

PRO
Über die Nützlichkeit von Quoten lässt sich streiten. Es ist problematisch, wenn die Auswahl geeigneter Kandidaten nicht nach Eignung, sondern aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Bevölkerungsgruppen entschieden wird. Wenn allerdings eine Gruppe wirklich eine Quote verdient hätte, dann die Mütter. Während kinderlose Frauen in den Chefetagen auf dem Vormarsch sind, ist es für Mütter nahezu unmöglich, in der Karrierebiografie den Anschluss zu halten. Kinder sind Karriereblocker – das ist die Erkenntnis, die gut ausgebildete Frauen vor einer Schwangerschaft zurückschrecken lässt. Immer noch sind viel zu wenige Arbeitgeber bereit, sich auf flexible Arbeitszeitmodelle und Schulungsangebote für Wiedereinsteigerinnen einzulassen.

Dabei unterschätzen sie das Potenzial von Müttern: Mit ihnen beweisen Firmen Zukunftsorientierung, die die kommende Generation im Blick hat. Und sie steigern ihre
Sozialkompetenz, denn die entwickeln Mütter in der Familienzeit in der Regel reichlich. Eine richtige Familienzeit über 3 oder gar 13 Jahre und danach die Chance, wieder im Berufsleben landen zu können, auf Wunsch auch in Teilzeit – das wäre eine faire Behandlung von Müttern und eine angemessene Würdigung der Leistung, die sie nicht für sich, sondern für die gesamte Gesellschaft in der Familienarbeitszeit bringen.

Wirtschaft und Politik fördern den demografischen Kollaps

Da Wirtschaft und Politik bislang die Benachteiligung der Mütter strikt ignorieren und damit weiter den demografischen Kollaps fördern, könnte man sie durchaus per Quote zur Verantwortung ziehen. Aber bitte nicht gekoppelt an die Auflage, dass Frau nach einem Jahr Erziehungszeit wieder einsteigen muss, sondern dann, wenn ihre Familiensituation es erlaubt.

Die Autorin, Susanne Mockler (St. Johann bei Reutlingen), ist Mutter von 8 Kindern. Neben der Familien arbeitet ist sie als freie Autorin und Fachreferentin für Familienfragen tätig.

KONTRA
Sicher bekommen in Deutschland zu wenig Frauen Kinder. Die meisten Frauen haben sogar einen Kinderwunsch, den sie nicht realisieren (können). Viele Gründe sind bekannt: lange Ausbildung und immer noch schlechte Möglichkeiten der Verbindung von Beruf/Ausbildung und Familie. Dagegen hilft auch keine Mütterquote. Eine so formulierte Erwartung an die Frauen würde das Problem aus meiner Sicht nur verschärfen, zumal in unserem Land Bevölkerungsplanung nach den Erfahrungen mit der Diktatur der Nationalsozialisten zu Recht skeptisch betrachtet wird. Wenn wir mehr Kinder wollen, müssen wir alle mehr Offenheit, mehr familiengerechte Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten und einen gelassenen und fördernden Umgang mit Kindern (wieder)entdecken. Schon heute unterstützen Kirchen und Gemeinden Familien mit Begleitung und Betreuungsangeboten. Mehr Familienbildung ist dabei wichtiger als ein Betreuungsgeld, das Müttern das Gefühl gibt, nach Hause abgeschoben zu werden. Spielen wir aber mit einer Mütterquote oder der Erwartung, dass jede Frau Kinder haben sollte, bevölkerungspolitische Ziele gegen individuelle Lebensentwürfe aus, verspielen wir die Freude mit Kindern! Diese Freude aber ist Grundbedingung und Lohn gelingender Familie!

Menschen ohne Kinder verdienen Respekt

Schon die Bibel respektiert neben der Heiligen Familie Menschen ohne Kinder, sogar Jesus selber. Wir sollten diesen Respekt auch bewahren, zumal es, wie ein chinesisches Sprichwort sagt, ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen, also auch Menschen, die Kinder aus anderer, als der Elternperspektive begleiten.

Die Autorin, Marlehn Thieme (Bad Soden bei Frankfurt am Main), ist Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und Direktorin der Deutschen Bank. Sie hat 2 Töchter.


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