Instrumentalisierung der Kinder für gesellschaftspolitische Absichten'

30. Jänner 2013 in Aktuelles


Die Aufklärungsbroschüre "Ganz schön intim" genügt "weder entwicklungspsychologisch, noch ethisch oder anthropologisch" den Mindestanforderungen an eine angemessene Sexualpädagogik. Von Christian Spaemann


Wien (kath.net) Die
Stellungnahme von Christian Spaemann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin,
zu den Unterrichtsmaterialien für die Sexualerziehung Sechs- bis Zwölfjähriger ‚Ganz schön intim’ vom Verein SELBSTLAUT im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur bei der Pressekonferenz von Elternvertreter und Verbänden in Wien am 27. Jänner 2013:

Anliegen der vorliegenden Unterrichtsmaterialien

Die im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur im März 2012 fertig gestellten Materialien für die Sexualerziehung Sechs- bis Zwölfjähriger vermitteln nicht in erster Linie biologische Informationen.[7] Das Hauptanliegen scheint darin zu liegen, vorhandene Vorstellungen von Sexualität offenzulegen, für diese eine gemeinsame Sprache zu finden und sie anhand der Materialien spielerisch zu überprüfen und zu erweitern. Förderung der Selbstwahrnehmung, Wahrnehmung von eigenen Grenzen und Grenzen anderer sollen die Autonomie der Kinder in ihrer Beziehungsgestaltung stärken und der Prophylaxe gegen das Zulassen sexueller Übergriffe dienen (S. 4).


Reflexion der Grundlagen


Beim Lesen der Materialien stellt sich die Frage, auf welchem theoretische Hintergrund sie basieren und in wieweit die Inhalte von diesem Hintergrund bestimmt sind. Dabei lassen sich folgende maßgebliche Ansätze identifizieren.

Gendertheorie

Zunächst fällt auf, dass die vorliegenden Materialien von der Gendertheorie durchdrungen sind. Hierbei handelt es sich um eine, in den USA der 90-iger Jahre entstandene Kulturtheorie, die den Zusammenhang zwischen biologischem Geschlecht, sozialer Geschlechtsrolle und sexuellem Begehren als gesellschaftlich konstruiert postuliert, seine Auflösung anstrebt und so weitreichende gesellschaftspolitische Implikationen hat. Dass die Autoren diesem radikalen Ansatz verpflichtet sind, machen sie gleich auf den ersten Seiten deutlich: „Die Festlegung, ab welcher Größe und Form der Genitalien, bei welchem Chromosomensatz und sonstigen biologischen Merkmalen ein Baby als Mädchen oder Bub ausgewiesen wird, ist von Menschen festgelegt und unterliegt Wandlungen und sich verändernden Wertvorstellungen, medizinischen Parametern und gesellschaftlichen Normen“ (S. 7). Die Auflösung des binären Geschlechtssystems wird vorausgesetzt. Dem entsprechend wird bedauert, dass sich „trotz vieler Bearbeitungen von Schulbüchern und sonstigen Medien, die auf die Diversitäten der Lebensformen von jungen Menschen reagieren…. das Bild der klassischen Mutter-Vater-Kind-Familie als anzustrebendes Ideal hartnäckig halte“ (S 43).

Normativer Pluralismus

Diesem, aus der Gendertheorie folgenden Normativen Pluralismus wird in den vorliegenden Unterrichtsmaterialien die Struktur von Geschlecht, Geschlechts-beziehungen und Familie untergeordnet. Die Dualität der Geschlechter wird bereits im Genetischen aufgelöst: Chromosomen sind irgendwie lustig und geben keine klare Auskunft über das Geschlecht (S. 112). Es gelte „einem Schubladendenken zu Körperbildern und -normen spielerisch etwas entgegenzusetzen“ (S. 48), „weibliche und männliche Geschlechtsorgane“ seien jeweils untereinander „so verschieden … wie Menschen überhaupt“ (S. 57). Eine Betonung der Intersexualität unterstreicht diesen Ansatz (S. 58ff). Entsprechend dieser Pluralität der Geschlechtsbeziehungen wird die genitale Sexualität zwischen Mann und Frau gegenüber den Kindern als eine mögliche von vielen sexuellen Handlungen dargestellt, wobei auch deren Fruchtbarkeit in ein relativierendes Licht gerückt wird. Unter dem Titel „Wie kommen Babys wirklich zu uns?“ (S. 124ff) kommt die Zeugung durch genitalen Beischlaf nur als eine von acht Möglichkeiten vor, zu denen u. a. künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft und Samenbank gehören. Das Wissen um diese Vielfalt der Möglichkeiten, an ein Kind zu kommen, sei für die Kinder entlastend (S. 121). Diese sollen auch erfahren, dass der Akt zwischen Mann und Frau selbst noch einmal einer von vielen möglichen sexuellen Aktivitäten zwischen den Geschlechtern ist: „…Oder die beiden berühren sich an anderen Stellen des Körpers und werden aufgeregt, so dass aus dem Penis vorne Samenzellen heraus fließen und davon ein Teil vielleicht über die Finger der Frau selber in die Scheide gelangt.“(S. 124). Zu diesem Kontext gehört eine entsprechende Pluralisierung des Familienbildes. Die hierfür empfohlenen Materialien (S. 37) zeigen 16 Bilder von Familien.[10] Lediglich auf zwei dieser Bilder ist eine Kernfamilie mit Vater-Mutter und Kindern zu sehen. Diese beiden Bilder sind mit einem ironisierenden Kommentar versehen.

Hedonismus

Bei der Suche nach orientierenden Leitgedanken darüber, wann und wo sexuelle Aktivitäten im Leben des Menschen ihren Platz haben und verantwortet werden können, trifft man auf hedonistische Prinzipien: „Geschlechtsverkehr haben Erwachsene und Jugendliche, weil sie sich gern haben und einander auch körperlich-sexuell nahe sein wollen und/oder weil es ihnen einfach Spaß macht. (S. 22)“ Eine Grenze wird lediglich gegenüber Erwachsenen gesetzt, da „Kinder… von sich aus keinen Geschlechtsverkehr mit Erwachsenen“ wollen (S. 22). Kriterien, die über die persönliche Zustimmung und das angenehme Gefühl hinausgehen, finden sich nicht. Auch finden sich gegenüber den Kindern keine Bewertungen sexueller Praktiken, Lebensweisen oder Ausdrucksweisen. Bei der Klärung des Begriffs „Hure“ ist von „Sexarbeit“ die Rede, die „sehr schwere Arbeit“ ist und „oftmals nicht freiwillig ausgeübt“ wird (S. 23). Bei der Frage nach dem Umgang mit sexuellem Vokabular wird ohne orientierende Vorgaben, allein auf die subjektive Empfindungen der Kinder abgestellt: „Mit Schüler_innen können andere Ausdrücke für ‚Sex haben’ gesucht und aufgeschrieben werden, z. B. Liebe machen, Sex machen, schnackseln, vögeln, ficken, miteinander schlafen…. , wobei wieder zu überlegen wäre, welche Begriffe von Kindern als angenehm erlebt werden, welche als unangenehm, welche als neutral. Jedenfalls geht es um das Signal, dass es erlaubt und passend ist, in der Wortwahl unterscheiden und wählen zu dürfen“ (S. 81).


Kritik

Wissenschaftlichkeit der Gendertheorie

Die den Materialien zugrunde liegende Gendertheorie wird von Entwicklungs-biologen und -psychologen durchgehend abgelehnt.[3] Die These, dass das soziale und biologische Geschlecht entgegen dem individuell empfundenen gesellschaftlich und erzieherisch erworben sei, ist mehrfach widerlegt worden.[3] Den chromosomalen und körperlichen Unterschieden von Mann und Frau entsprechen signifikante Unterschiede in der neurobiologischen Funktionsweise des Gehirns und in den damit verbundenen psychologischen Reaktionsweisen und Fähigkeiten von Mann und Frau.[4] Diese Unterschiede lassen sich bereits von Geburt an feststellen[2], sind weltweit kulturübergreifend stabil[11] und haben pädagogische Implikationen.[9,12,13] Alle Versuche, sie durch soziale Umgebungsbedingungen zu neutralisieren sind gescheitert.[3] An der die menschliche Evolution bestimmenden Zweigeschlechtlichkeit ändert weder das Phänomen von homosexueller (ca. 1,5-3%) oder transsexueller Empfindung (ca. 0,003-0,01%) etwas, noch die Tatsache, dass es seltene sexuelle Entwicklungsstörungen genetischer und hormoneller Art gibt (0,01-0,02%), die die geschlechtliche Zuordnung erschweren oder in Frage stellen können. Wenn in den vorliegenden Materialien die Hälfte der gezeigten Geschlechtsorgan-Installationen intersexueller Art sind (S. 57 ff) und die Kinder aufgefordert werden solche Installationen nachzuahmen, kann man erkennen, dass hier Kinder für die Ideologie Erwachsener instrumentalisiert werden. Erziehung und Pädagogik haben in differenzierter Weise an die Unterschiede zwischen den Geschlechtern anzuknüpfen.

Darstellung der familiären Realität

Der entgegen den wissenschaftlichen Daten zugrunde gelegte normative Pluralismus zeigt sich auch im Familienbild. Die in den Materialien vorgenommene Marginalisierung der herkömmlichen Familie geht an der gesellschaftlichen Realität vorbei. Drei Viertel der Kinder leben bei ihren leiblichen Eltern.[14] Der Rest lebt in Patchwork-Familien, die an der herkömmlichen Familie orientiert sind sowie bei alleinerziehenden Eltern.[14] Der Anteil derer, die in anderen Familienstrukturen, wie z. B. auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren leben, ist verschwindend gering. Nahezu 100 Prozent der Kinder wachsen in ihrem Selbstverständnis in einem Vater-Mutter-Narrativ auf. Dieses Narrativ ist in der Zeugung durch Mann und Frau, der heterosexuelle Ausrichtung von gut 97 Prozent aller Menschen und in dem Bedürfnis nach Identitätsentwicklung durch einen gleichgeschlechtlichen und gegengeschlechtlichen Elternteil begründet. Insofern stellen die vorliegenden Unterrichtsmaterialien eine Ideologisierung des Schulunterrichts entgegen der Realität und auf Kosten der Kinder dar, deren Bedürfnis nach Orientierung gesellschaftspolitischen Interessen von Minderheiten untergeordnet wird.

Umgang mit familiärem Leid

Was durch die Pluralisierung des Familienbildes geschieht, ist der Versuch, Leid durch Umdefinition der Familie zu entsorgen. Da das Narrativ der Kinder auf Vater und Mutter ausgerichtet ist, stellen alle Familienformen, in denen ein Elternteil fehlt eine Verletzung des Kindes dar, die verarbeitet werden muss. Von daher ist die Aussage in den Materialien, dass „für jedes Kind… die Form, in der es selbst lebt, die normale und nahe liegende“ ist (S. 63), nicht richtig. Kinder fragen bereits im Alter zwischen drei und fünf Jahren intensiv nach einem fehlenden Elternteil. Mag diese Frage auch durch die Erfahrung induziert sein, dass andere Kinder Vater und Mutter haben, so ist die Intensität dieses Fragens und die Intensität des Suchens bis in das frühe Erwachsenenalter hinein keineswegs durch die soziale Konvention zu erklären. Die sich ergänzenden Qualitäten mütterlicher und väterlicher Fürsorge für die psychische Entwicklung ist vielfach belegt.[9[ Es ist daher für Kinder nicht förderlich, wenn ihr Leid beschönigt wird. Pädagogen sollten daher in sensibler Weise an das berechtigte, durch Brüche in ihrem Familiengefüge bedingte Leid der Kinder anknüpfen.

Abgrenzung der Themen

Ein gravierender pädagogischer Mangel der Materialien ist die unzureichende Differenzierung zwischen Exploration, Information, Gefühlswahrnehmung und sexuell-sinnlicher Erfahrung. Hier finden fließende Übergänge statt, die unsachlich und unter dem Aspekt der Frühsexualisierung und des Kinderschutzes bedenklich sind. Die Exploration findet vor allem in der Phase der Doktorspiele zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr statt. Sie hat mit sexuellen Empfindungen nichts zu tun sondern entspricht einer natürlichen Neugier des Kindes. Mit Beginn der Schulzeit explorieren die Kinder üblicherweise nicht mehr gegenseitig ihre Geschlechtsorgane, wie dies noch in den Materialien behauptet (S. 79) und dargestellt wird (S. 89). Informationen sind sachbezogen und werden den Kindern unter Berücksichtigung ihrer Fragen, in Inhalt und Sprache altersgemäß vermittelt. Von solch einer sachlichen Vermittlung ist in den vorliegenden Unterrichtsmaterialien wenig zu finden. Die Gefühlswahrnehmung, der sich einige Abschnitte der Materialien widmen, hat mit Sexualität im engeren Sinne nichts zu tun. Das Hinlenken kindlicher Aufmerksamkeit auf sexuell-sinnliche Selbsterfahrung hat in der Sexualpädagogik Sechs- bis Zwölfjähriger keinen sinnvollen Platz, wird in den Materialien aber ständig mit den anderen Themen verbunden.

Frühsexualisierung

Die Kinder werden in den Materialien weit vor ihrer Pubertät mit Erfahrungen wie z. B. Selbstbefriedigung ausführlich konfrontiert (u. a. S. 23 u. 88), die sie in diesem Alter in der Regel noch gar nicht gemacht haben. So heißt es: „Viele Menschen, auch manche Kinder, berühren ihre Geschlechtsteile gern, weil das ein angenehmes Gefühl machen kann. Das wird auch Selbstbefriedigung oder Masturbation genannt …„Es ist…bewiesen, dass Masturbation nicht schädlich ist. Wichtig ist nur, dass man sich einen guten Ort für sich selbst und Zeit sucht. Das ist in der Schule oder in der U-Bahn oder wenn Besuch da ist, nicht passend“ (S. 88). Da ist von „sicheren Rahmen“ die Rede, in dem sich die Kinder „ihrer Sinnlichkeit widmen können“ (S. 9), „Gefühle und Wünsche aller beteiligten Kinder in intimen Situationen und bei sexuellen Aktivitäten sollen…von ausdrücklich gewünschten und freiwilligen sexuellen Handlungen abgelöst werden“ (S. 16), wobei zu „einer selbstbestimmten Sexualität…die explizite Freiwilligkeit und das kommunizierte Einverständnis bezüglich spezifischer körperlicher/sexueller Aktivitäten“ gehöre (S. 16). Auf einer Zeichnung von Helge Streit (S. 83), die den Kindern in der Gruppe gezeigt werden soll (S. 81), sieht man Kinder, die mit erigiertem Glied masturbieren und erkennbar genitalen Geschlechtsverkehr haben. Dass es sich hierbei um Kinder handelt, ist völlig eindeutig und wurde von mehreren Kindern, denen das Bild gezeigt wurde, bestätigt. Dennoch wird betont, dass es sich hierbei um Erwachsene handele (S. 81), wobei sich die Frage stellt, ob sich die Autoren damit rechtlich schützen wollen. Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist es unzulässig, dass Pädagogen im Kontext der Sexualität bei Schulkindern die Frage „Was ich mit meinem Körper alles machen kann“ und „was die angenehmste … Berührung ist und wie das mit Berührungen bei den Geschlechtsteilen ist“ (S. 87 f) zum Thema zu machen.

Umgang mit kindlicher Scham

Die bei Kindern in der vorgesehenen Altersgruppe ausgeprägte Schamhaftigkeit wird durch die Liste von „Momos Wörter“ (S. 110 ff) verletzt. Es ist nicht angemessen, Kindern ab sechs Jahren eine Liste mit Begriffen wie Kondom, Klitoris, Eier, Selbstbefriedigung, Porno, Orgasmus, Schamlippe und Verhüten, vorzulegen, wenn sie diese nicht selber fragend ins Spiel bringen. Nach den Autoren geht es darum, „verschiedene Körperteile, auch Geschlechtsteile, ohne Scham besprechbar zu machen“ (S. 110). „Angenehme und unangenehme Berührungen“ sollten thematisiert, „Selbstbefriedigung und Intimität… zum Thema gemacht werden“ (S. 110). Dazu ist festzustellen, dass es nicht Aufgabe von Pädagogen in öffentlichen Einrichtungen sein kann, die Schamgrenze der Kinder zu manipulieren.

Prävention

Was die Prävention anbelangt, reicht es nicht, mit Kindern Grenzen in Bezug auf das, was ihnen angenehm und unangenehm ist herauszuarbeiten. Sie auf angenehme sexuelle Gefühle und Selbstberührungen bis hin zur Selbstbefriedigung aufmerksam zu machen und ihnen zu sagen, dass sie immer da Grenzen setzen sollen, wo ihnen etwas unangenehm ist, kann gerade nicht vor sexuellen Übergriffen schützen. Hier wird die sexuelle Autonomie von Kindern völlig überfordert. Es fehlt in den Materialien an klaren Orientierungen und Vorgaben, wo Grenzen zu setzen sind.

Wertorientierung

Auffällig ist, dass in den vorliegenden Unterrichtsmaterialien die anthropologische Frage nach dem Sinn von Sexualität nicht einmal berührt, geschweige denn altersgemäß vermittelt wird. Die spezifisch menschliche Fähigkeit, Sexualität und Fruchtbarkeit in eine dauerhafte Beziehung zu integrieren, wird gänzlich außer Acht gelassen, ja durch die hedonistische Perspektive verstellt. Genau diese Fähigkeit ist aber von grundlegender Bedeutung dafür, selber einmal eine stabile Familie gründen zu können, in der Kinder gezeugt und aufgezogen werden. Sie müsste gegenüber den Kindern als Leitbild angesprochen werden. Dies entspricht den Wünschen und langfristigen Zielen der Jugendlichen, wie die Schellstudien eindrucksvoll belegen.[1] Dies entspricht auch den Interessen jeder Gesellschaft, die an ihrer Zukunft interessiert ist. Hierfür wäre das Thema Sexualität und Verantwortung in wertorientierter und kindgemäßer Weise anzusprechen. Die Darstellung von kopulierenden Katzen und Mäusen neben der Sexualität von Menschen (S. 83) ist in diesem Zusammenhang abzulehnen. Der Vergleich menschlicher Sexualität mit der der Tiere ist nur beim Thema Fruchtbarkeit angemessen. Auf diesem Hintergrund wird auch klar, dass es nicht verantwortet werden kann, Geschlechtsverkehr bei Jugendlichen (Jugend beginnt ab dem 13. Lebensjahr) als etwas Selbstverständliches darzustellen, wie dies mehrfach geschieht (u.a. S. 18 u. 22). In den Materialien ist immer wieder davon die Rede, dass Geschlechtsverkehr Erwachsene und Jugendliche haben. Dies obwohl sich früher und wechselnder Geschlechtsverkehr nachteilig auf psychische Gesundheit und spätere Bindungsfähigkeit von Jugendlichen auswirkt und trotz Aufklärung über Verhütungsmöglichkeiten Frühschwangerschaften und Abtreibungen begünstigt.[8]


Abschließende Beurteilung


Abschließend kann festgestellt werden, dass die vorliegenden Unterrichtsmaterialien weder entwicklungspsychologisch, noch ethisch oder anthropologisch den Mindestanforderungen an eine für Kinder der Altersstufe sechs bis zwölf angemessene Sexualpädagogik genügen. Sie sind gekennzeichnet durch Ideologisierung der Inhalte, Instrumentalisierung der Kinder für gesellschaftspolitische Absichten, fehlende Wertorientierung und Grenzüberschreitungen der Intimität der Kinder. Sie leisten keinen Beitrag zum Schutz vor sexuellen Übergriffen sondern stellen selber einen Übergriff auf kindliche Sexualität dar. Die institutionelle Verwendung der vorliegenden Materialien sollte von den hierfür Verantwortlichen kritisch überprüft werden.

Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Dr. med. Mag. phil. Christian Spaemann

Literatur
[1] Albert M, Hurrelmann K, Quenzel G, Schneekloth U. Jugend 2010: Die 16. Shell Jugendstudie. Diskurs: Kindheits- und Jugendforschung. 2011; Jg. 6(2):199 - 205.
[2] Baron-Cohen S et al (2005). Sex differences in the brain: implications for explaining autism. Science 310(5749):819-23.
[3] Bischof-Köhler, Doris (2006). Von Natur aus anders – Psychologie der Geschlechtsunterschiede. Stuttgart: W. Kohlhammer.
[4] Brizendine, Louann (2006). The Female Brain, New York: Road Books/Random House.
[5] Campbell, A. (2002). A mind of her own: The evolutionary psychology of women. Oxford: Oxford University Press. (Second Edition due 2012).
[6] Fivaz – Depeursinge, Elisabeth u. Corboz-Warnery, Antoinette (2001). Das primäre Dreieck – Vater, Mutter und Kind aus entwicklungstheoretisch-systemischer Sicht, Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.
[7] Ganz schön intim, Sexualerziehung für Sechs – Zwölfjährige, Unterrichtsmaterialien, erstellt vom Verein SELBSTLAUT im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur, http://www.selbstlaut.org/
[8] Grello, Catherine M. et al., (2006). No strings attached: the nature of casual sex in college students in: The Journal of Sex Research, Vol. 43, No. 3, August 2006: 255-267.
[9] Grossmann, Karin u. Grossmann, Klaus, E. (2002). Bindungen - das Gefüge psychischer Sicherheit. Stuttgart: Klett-Cotta.
[10] Lebensformen und Beziehungen Modul 6 http://www.selbstlaut.org/_TCgi_Images/selbstlaut/20070423184157_SL_modul06.pdf
[11] Lippa, R. A. (2009). Sex differences in sex drive, sociosexuality, and height across 53 nations: Testing evolutionary and social structural theories. Archives of Sexual Behavior, 38, 631-651.
[12] Matzner, Michael et al. (Hrsg.), (2008). Handbuch Jungen-Pädagogik, Weinheim: Beltz-Verlag.
[13] Matzner, Michael et al. (Hrsg.), (2010). Handbuch Mädchen-Pädagogik, Weinheim: Beltz-Verlag.
[14] Statistisches Bundesamt – Mikrozensus , https://www.destatis.de/DE/Meta/AbisZ/Mikrozensus.html

Die Seitenzahlen im Text beziehen sich auf die, auf der Homepage des Vereins SELBSTLAUT veröffentlichte Fassung der Unterrichtsmaterialien:
http://www.selbstlaut.org/

Foto Christian Spaemann: © Christian Spaemann


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