
15. Dezember 2002 in Chronik
Tugenden und Werte spielen im Meisterwerk von J. R. R. Tolkien eine große Rolle. Seine Briefe geben Einblick in die Schreibwerkstatt des Autors. Ein Beitrag aus der Wiener Kirchenzeitung.
"Alles, was ich schreibe, ist ganz davon bestimmt, dass ich Katholik bin",hielt der Literaturprofessor und Schriftsteller John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973)einmal fest. Wobei er für sein Meisterwerk, "Der Herr der Ringe", klarstellte: "Denkt nicht, dasses Theologie ist!" Werte und Tugenden spielen in der tolkienschen Trilogie eine große Rolle,wie Mark Eddy Smith im neu erschienenen Taschenbuch "Tolkiens ganz gewöhnliche Helden" (Schulte& Gerth) herausgearbeitet hat. Es beginnt schon bei der Auswahl des Ringträgers:Nicht ein "magisch" begabter, den Kräften des Bösen gewachsener Zwerg, Elb oder Mensch wirdausgewählt, sondern ein Hobbit, für den Abenteuer aller Art ein "ärgerlicher,störender, unbehaglicher Zeitvertreib"sind. Hobbits sind alles andere als Helden.
Aber: "Im Herzen auch des fettesten und furchtsamsten Hobbits liegt einSaatkorn des Muts verborgen (allerdings oft tief) und wartet auf eineentscheidende undausweglose Gefahr, die es wachsen lässt." (Bd. 1) Im Laufe der Geschichteerhalten die HobbitsGelegenheit, über sich selbst hinauszuwachsen und das zu verwirklichen, wasin ihnen steckt.Natürlich begehen die Hobbits und auch die anderen Gefährten Fehler. Jedeseingestandene und erkannte Versagen hat jedoch Auswirkungen in zweierleiRichtungen. Zum einen reift die Gruppe dadurch und wird demütiger. Zum anderen tun sichdurch Fehler neueTüren auf, die schließlich wieder zum Guten führen. Boromir, der Frodo denRing wegnehmenwollte, bezahlt dafür zwar mit seinem Leben; er kann aber in seiner letztenStunde noch diebeiden Hobbits Merry und Pippin vor den Verfolgern retten. Trotz Not undVerfolgung geben die Hobbits nicht auf. Pippin beginnt, von Merry zu lernen, zu welchen Taten einHobbit in der Lage ist. Die Tatsache, dass sie in den Händen der Orks grausam leiden, führtnicht dazu, dass sie sich später ähnlich grausam verhalten; sie wahren sich eine innere Freiheitund Reinheit.
Der rote Faden, der die Trilogie durchzieht, ist die Barmherzigkeit. Siespielt im Kampf gegen das Böse eine Schlüsselrolle. Bereits Bilbo und später auch Frodo zögern immerwieder, die Kreatur Gollum zu töten, obwohl sie die Möglichkeit dazu hätten,denn "ohne Notwollte er nicht töten". Niemand ahnte, dass es einzig und allein diesesMitleid ist, das die Mission schließlich gelingen ließ.
"Opferbereitschaft" ist eine weitere Tugend, die "Der Herr der Ringe"vermittelt. Gandalf, der Zauberer und Anführer der Expedition, kommt im ersten Buch ums Leben, als erdas Ungeheuer, den Balrog, bekämpft. Vernünftiger wäre es gewesen, sichselbst und Frodo inSicherheit zu bringen, da die beiden ja die wichtigsten Mitglieder derGemeinschaft sind. Gandalf ist jedoch mehr als ein Anführer: Er ist ihr Freund und bereit, für seineFreunde sein Leben hinzugeben. Seine letzten Worte sind kein Hilfeschrei, sondern einRat: "Flieht, ihr Narren!"
Gandalfs Hauptbegabung besteht darin, die Alltagstugenden in den anderen zuwecken und Hoffnung zu schenken. Er rüttelt sie auf der Basis eines gesundenRealismuswach: Die Lage ist ernst, aber es gibt Hoffnung. Er macht ihnen klar, dassdas bisschen, dasalle geben können, dringend gebraucht wird. Zum "Anti-Helden" Frodo notierte Tolkien in einem Brief: "Frodo hat in derTat als Held ,versagt': Er hat nicht bis zu Ende durchgehalten, er hat nachgegeben, wolltebetrügen." Er sei jedoch kein "moralischer Versager" gewesen, denn: "Uns selbst müssen wir ohne Kompromissdas absolute Ideal vor Augen halten, denn wir kennen nicht die Grenzenunserernatürlichen Kraft (und Gnade), und wenn wir nicht nach dem Höchsten streben,werden wir sicherlich auch das für uns Bestmögliche nicht erreichen. Bei anderen müssenwir in jedem Fall, von dem wir genug wissen, um ein Urteil zu fällen, einen Maßstab anlegen,der durch ,Erbarmen' gemildert wird." Man müsse "bei dem anderen die Grenzen seiner Kraftberücksichtigen und diese gegen die Gewalt der besonderen Umstände abwägen."
"... gefragt, wie es meinem Hobbit geht"
"Andauernd werde ich gefragt, wie es meinem Hobbit geht", schrieb J. R. R.Tolkien am 15. Oktober 1937 in einem Brief. Zwei Monate später teilte er dem Verlag mit,das erste Kapitel einer neuen Geschichte über die Hobbits geschrieben zu haben, es heiße "Ein langerwartetes Fest" - "Frohe Weihnachten", grüßte der Autor. Einen guten Einblick in TolkiensSchreibwerkstatt und die Entstehungsgeschichte des "Herrn der Ringe" geben seine Briefe. Nach demKinderbuch "Der kleine Hobbit" sei ihm die Fortsetzung "aus der Hand" geraten, klagteTolkien.
Er schreibt am 13. Oktober 1938, "dass die Geschichte ihren eigenen Verlaufnimmt, dass die,Kinder darin vergessen werden und dass sie beängstigender wird als derHobbit ... Sie ist,erwachsener'." "Die Finsternis der heutigen Zeiten hat etwas Einflussdarauf gehabt",notiert er. "Persönlich glaube ich nicht, dass einer der beiden Kriege (undnatürlich auch nicht dieAtombombe) Einfluss auf die Handlung oder die Art ihrer Abwicklung hatte.Vielleicht auf dieLandschaft", schreibt er 1960. Ein Jahr später hält er fest, dass das Buch"nicht ,für Kinder' odereine bestimmte Sorte Menschen geschrieben ist, sondern um seiner selbstwillen".
Er mute aber Kindern durchaus Anspruchsvolles zu: "Wir alle brauchenLiteratur, die unser Maßüberschreitet ..." Einen guten Wortschatz erwerbe man "nicht durch Lesen vonBüchern, die nach einer bestimmten Vorstellung vom Wortschatz der eigenen Altersgruppegeschrieben sind", schreibt Tolkien im April 1959."Man erwirbt ihn aus Büchern, die über einenhinausgehen." Inden Briefen finden sich auch Details wie die Anfrage eines Katzenzüchtersaus Cambridge an den Verlag, ob er Siamkätzchen mit Namen aus dem "Herrn der Ringe" registrierenlassen könne.Tolkiens Antwort: "Leider gehören Siamkatzen für mich zur Fauna von Mordor,aber dem Katzenzüchter brauchen Sie das nicht zu sagen."
Als der Verfasser der Einleitung zur schwedischen Ausgabe des "Herrn derRinge" den Ring mit dem Nibelungenring verglich, war Tolkien erzürnt: "Beide Ringe waren rund,und damit hört die Ähnlichkeit auf. Einem Leser, der Tolkien um Hilfe bei einer akademischenArbeit über dessen Werke bat, antwortete er etwas gereizt mit einem Zitat von Gandalf aus "DerHerr der Ringe" (Bd. 1): "Wer etwas zerbricht, um herauszufinden, was es ist, hat den Pfadder Weisheit verlassen." Sein schärfster Kritiker, der die gesamte Trilogie mündlichvorgetragen bekam, war der Schriftsteller C. S. Lewis. "Die Hobbits mochte er eigentlich niesonderlich", schrieb Tolkien 1967: "Aber sehr viele Leser mögen sie und hätten gern noch mehr von ihnen."
Aus: J.R.R. Tolkien, Briefe, hg. von H. Carpenter, Hobbit Presse,Klett-Cotta, ca. 25 Euro.
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Autorin: Petra Biermeier
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