
10. Jänner 2013 in Chronik
Niederschläge bringen Verkehrschaos und Winterfreuden - Von Andrea Krogmann (KNA)
Jerusalem (kath.net/KNA) Strahlende Gesichter bei den Einheimischen, ungläubige Blicke bei den Touristen: «Was für eine Freude!» Der Ausruf des jungen Mannes kommt aus vollem Herzen, bevor er seiner Freundin einen Schneeball an die Mütze wirft. Seit den späten Abendstunden des Mittwoch hat es in Jerusalem fast ununterbrochen geschneit. Die seltene weiße Pracht lockt schon vor Sonnenaufgang begeisterte Schaulustige auf die Straßen. Schneemänner auf diversen Grünflächen und Straßenkreuzungen. Schulen und Kindergärten haben ohnehin geschlossen: Wenn's schon mal Schnee gibt, muss man es genießen - erfahrungsgemäß hält die Winterfreude nur wenige Stunden an.
Ein bisschen nass und verfroren sehen sie aus, die fünf jungen Amerikanerinnen, die in bunten Gummistiefeln vor der Klagemauer fürs Erinnerungsfoto posieren. Um drei Uhr nachts sind sie von Kiryat Moshe etliche Kilometer nordwestlich der Jerusalemer Altstadt «zum Schneeschauen» aufgebrochen - zu Fuß. Taxis oder Busse waren «zu dieser Zeit und bei dem Wetter» nicht zu haben.
Von der benachbarten Männerseite der Klagemauer dringen laute Halleluja-Rufe und Freudengesänge auf den Platz. Eine kleine Gruppe hüpft tanzend und singend durch den Schnee - zur Freude der Fotografen. Selbst die Sittenwächter nehmen es an diesem Tag nicht so genau. Ob nun weil wegen der dicken Winterkleidung das Geschlecht nicht so leicht erkennbar ist, oder einfach weil die Laune allgemein zum besten ist. Immer wieder sieht man eine Frau auf dem sonst strikt verbotenem Terrain.
Nicht ganz ernst gemeint ist wohl das «politische Statement» am anderen Ende des Platzes: eine große Schneefrau am Fraueneingang, das weiße Haupt mit einer Kippa bedeckt und den runden Körper eingehüllt in einen bunten Gebetsschal. Den «echten» Frauen ist das Tragen dieser traditionell männlichen Gebetsutensilien an der Klagemauer verboten. Ein Grund mehr für viele, sich mit der kühlen Dame ablichten zu lassen.
Zum Spießrutenlauf wird angesichts des orientalischen Übermuts die Durchquerung mancher engen Altstadtgasse. Jungs haben sich auf den Hausdächern postiert und zielen mit schweren Schneebällen auf alles, was sich bewegt - kein Entkommen möglich. Die Soldaten, die sonst für Ordnung sorgen, wärmen sich die eingeschneiten Finger an einem arabischen Kaffee. Eine asiatische Pilgergruppe hält dennoch eisern am Kreuzwegprogramm fest. Die meisten Touristen haben ihr Programm den erschwerten Bedingungen angepasst und mischen sich zum Beweisfoto unter die Einheimischen. Der Tempelberg bleibt ohnedies geschlossen; in der sonst trubeligen Grabeskirche verbreitet sich eine ungewohnte Stille.
Rund 20 Zentimeter Schneehöhe sind im Stadtzentrum zusammengekommen; in höheren Lagen sogar noch mehr. Jerusalem sieht an diesem Donnerstag die heftigsten Schneefälle seit 1992, sagen Wetterexperten. Rabbiner David Batzri kann das nur erfreuen. Denn die weißen Flocken, so der prominente Vertreter der mystischen Strömung der Kabbalah, seien eine Botschaft Gottes, um den Juden mitzuteilen, dass ihnen die Sünden vergeben seien.
Aber nicht alle Jerusalemer teilen Batzris Begeisterung über das Winterwetter: Die Autobahn nach Tel Aviv blieb bis zum Nachmittag geschlossen, und auch der öffentliche Verkehr - von der Jerusalemer Stadtverwaltung für diesen Tag als kostenlos deklariert - kam zeitweise zum Erliegen. Wer es mit dem eigenen Auto versuchte, kam in der hügeligen Stadt meist nur bis zur nächsten Erhebung: Winterreifen sind hier ein Fremdwort. Zu den Opfern des Schneetreibens gehörten auch katholische Bischöfe aus acht Ländern: Ihre für den Morgen geplante Abschlusspressekonferenz in Jerusalem musste abgesagt werden: Die Oberhirten saßen in Bethlehem fest.
Die tragische Komponente: Insgesamt forderte der nach Expertenaussagen stärkste Wintersturm seit 20 Jahren mindestens 17 Todesopfer im Libanon, in Jordanien, der Türkei, Israel und den Palästinensergebieten. Positiv wirkten sich die Regen- und Schneemassen allerdings auf den Wasserhaushalt Israels aus: Der See Genezareth, seit Jahren im kritischen Pegelbereich, stieg durch den seit fünf Tagen andauernden Sturm bereits um 60 Zentimeter an.
kathTube: Die Jerusalemer Jugend jubelt über den Schnee
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FOTO: Jerusalems Altstadt im Schnee - Foto vom 10.1.2013
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