
9. Jänner 2013 in Kommentar
Die Menschen haben sich Gott ausgedacht, um sich das Zusammenleben zu erleichtern, behauptete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Dazu ein Kommentar des evangelischen Theologieprofessors Hans-Peter Großhans / idea
Münster (kath.net/idea) Die Menschen haben sich Gott ausgedacht, um sich das Zusammenleben zu erleichtern, behauptete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel (Hamburg) in seiner Weihnachtsausgabe. Dazu ein Kommentar von Hans-Peter Großhans, Professor für Systematische und Ökumenische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster.
Warum glaubt der Mensch an höhere Mächte, fragt der Spiegel in seiner Titelgeschichte und sucht so die Überschrift Die Erfinder Gottes ausfindig zu machen. Der Autor hat dazu nicht Theologen, sondern Psychologen, Anthropologen und Soziologen befragt. Gleichwohl vermag er die Erfinder Gottes nicht ausfindig zu machen. Er geht mehr den Motiven nach, die Menschen veranlasst haben könnten, Gott zu erfinden und Religion als eine nützliche Illusion in ihr Leben einzuführen. Dabei wird klar: Die meisten Menschen sind religiös möglicherweise sogar von Natur aus. Dagegen erscheint der Atheismus als ein großes Missverständnis von Menschen, die sich selbst auf ihr biologisches Dasein reduzieren. Religion ist also ein wesentliches Element in der Geschichte der Menschheit das ist die besondere Erkenntnis, die der Spiegel präsentiert.
Warum die göttliche Aufsicht besser ist
Durch die Religion hätten Menschen gelernt, in großer Zahl zusammenzuarbeiten. Die göttliche Aufsicht, die menschliche Herzen durchschaut, sei der entscheidende Kick für eine bessere Arbeitsmoral gewesen. Offensichtlich arbeiten Menschen lieber unter der Aufsicht Gottes als unter der doch häufig problematischen Aufsicht von Mitmenschen. Doch diese machtkritische Schlussfolgerung übersteigt die Vorstellungskraft der vom Spiegel referierten Religionsforscher.
In vielen Kulturen hat jedoch nicht Gott die Aufsicht inne, sondern die verstorbenen Vorfahren. Vor diesen muss man sein Leben rechtfertigen. Dagegen ist es befreiend, wenn Menschen darauf vertrauen, dass Gott, der Vater Jesu Christi, ihnen zuschaut und ins Herz schaut. Denn dieser Gott ist weder ein Traditionswächter noch ein Geheimdienst, sondern ein Gott, der mit Freude jedes seiner Geschöpfe anschaut. Seine Sorge besteht nicht darin, wie er Menschen disziplinieren kann, sondern er hilft ihnen, ihr Glück und Heil zu finden. Im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht die Versöhnung aller Menschen mit Gott und untereinander. Dies wird nicht wie in einem totalitären Staat durch eine Überwachungsreligion ermöglicht, sondern durch die Hingabe Gottes an uns Menschen, die auch die Augen von Menschen füreinander öffnet.
Woran es dem Spiegel-Titel mangelt
Der große Mangel des Spiegel-Titels liegt darin, dass er alles Religiöse über den gleichen Leisten schert. Gerade in der evangelischen Theologie war immer klar, dass bei Religionen nicht alles gut ist. Sinn, Unsinn und Wahnsinn liegen hier ebenso nah beieinander wie Glaube und Aberglaube. Zudem ist die Religionsgeschichte eine Geschichte der Entdeckung nicht der Erfindung Gottes durch den Menschen. Wie bei allen wichtigen Dingen des Lebens braucht der Mensch auch bei Gott Zeit, um zu verstehen, was Gott von sich zeigt. Anders als Religionswissenschaftler, Psychologen und Anthropologen versuchen Theologen nicht, Motive für die Erfindung Gottes zu finden, sondern gehen davon aus, dass Gott den Menschen entdeckt und gefunden hat. Von diesem menschenfreundlichen Gott aus ist der kritische Blick evangelischer Christen auf die bunte Welt des Religiösen geprägt. Und mit dem Mensch gewordenen Gott führen Christen heiter und befreit ihr Leben.
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