
1. Jänner 2013 in Österreich
Grazer Bischof Egon Kapellari: Religion ist jetzt wieder ein Thema, das ständig und besonders auch in den Medien präsent ist - Bezogen auf das Christentum/ katholische Kirche überwiegt aber oft der Blick auf das Negative.
Graz (kath.net/pbg) Silvesterpredigt von Egon Kapellari (Foto), Bischof von Graz-Seckau, am 31. Dezember 2012 im Grazer Dom:
Das Jahr Benjamin
An der Schwelle zu einem neuen Kalenderjahr halten wir auch als Christen bewusst inne, obwohl das Kalenderjahr und das Kirchenjahr in ihrem Ablauf nicht völlig übereinstimmen. Die Achtsamkeit auf Schwellen ist wichtig für ein kultiviertes Leben, gleichviel ob es sich dabei um Raumschwellen oder um Zeitschwellen handelt. Ein Verflachen oder gar eine Beseitigung zuvieler Schwellen führt zu einer Banalisierung des Lebens.
Die Zeitschwelle zum Jahr 2013 ist flacher als die Schwelle zu einem neuen Jahrhundert oder gar Jahrtausend, die wir vor zwölf Jahren überschritten haben. Sie ist aber dennoch ein Anlass zu einem Rückblick auf Vergangenes, zu einem Rundblick in die ständig entschwindende Gegenwart und zu einem hoffenden Ausblick in die Zukunft, die trotz aller uns oft bange machender Ungewissheit unseren Wünschen und unseren Versuchen zu einer planenden Mitgestaltung offen steht.
Schwellen können Vorfreude aber auch Angst wecken. Die entscheidendsten Schwellen im Leben eines jeden Menschen sind die Geburt und der Tod. Ein neues Jahr wird oft mit einem Kind verglichen, weil es allemal das jüngste unserer Jahre ist. Von der dramatischen Geburt eines solchen Kindes erzählt das Buch Genesis, das erste Buch der Heiligen Schrift in einem wenig bekannten Text, den wir eben als Lesung dieser Andacht am Jahresschluss gehört haben. Da ist die Rede von der Geburt des Kindes Benjamin. Es war der zwölfte und letzte Sohn des biblischen Erzvaters Jakob. Rachel, die Mutter dieses Kindes, hatte eine schwere Geburt und spürte, dass sie daran sterben werde. Da wollte sie das Kind Ben-Oni nennen; das bedeutet Sohn meines Unheils. Der Vater aber wollte nicht, dass das Kind mit dem Stigma eines solchen Namens leben müsste. Er setzte daher ein Zeichen der Hoffnung dagegen, indem er den von der Mutter gegebenen Namen in hebräischer Sprache um Weniges veränderte, und er nannte den Knaben Benjamin, das bedeutet Sohn des Segens.
In Bezug auf ein neues Jahr und eine Schwelle zu ihm können und sollen wir als christlich Glaubende es halten wie der Erzvater Jakob. Nennen wir dieses junge, dieses jüngste unserer Jahre Benjamin Kind der Hoffnung, Kind des Segens.
Lebensmittel Hoffnung
Hoffnung ist ein Lebensmittel. Jeder Mensch braucht zum Überleben in jeder Situation etwas von dieser Hoffnung. Gleiches gilt für die Gesamtkultur und Zivilisation der Völker und Staaten. Die biblische Religion gründet ihre Hoffnung zuerst und zuletzt auf Gott. Vor diesem Hintergrund hofft sie auch auf Menschen im Rahmen der vielfältigen Beziehungen von Mensch zu Mensch. Diese Hoffnung gründet zu einem wesentlichen Teil auf Erfahrung. Über die Erfahrung mit Gott singt ein bekanntes Kirchenlied in großer sprachlicher Verdichtung mit den Worten: In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet.
Hoffnung kann auch enttäuscht werden und wir Menschen enttäuschen auch immer wieder Hoffnungen unserer Mitmenschen oder werden von ihnen enttäuscht. Auch konkrete und nicht nur kleine Hoffnungen auf Gott bleiben oft uneingelöst. Die durchgehaltene und alles umgreifende Hoffnung auf Gott als tragenden Grund des menschlichen Lebens hat das Leben der Erzväter und Erzmütter unseres biblischen Glaubens und das Leben unzähliger exemplarischer Christen entscheidend geprägt. Sie ist ein großer Schatz, ein Anker, an dem auch wir uns festhalten können.
Der biblische Glaube und seine Hoffnung sind eine Zumutung im besten, weil fundamentalsten Sinn des Wortes Zumutung. Sie trauen uns Mut zu: Mut zu einer Entscheidung für Gott, die manchmal ein dramatischer Sprung, aber öfter nur ein unspektakulärer Schritt auf einem Weg und über eine Schwelle ist. Wer solche Schritte tut, dem bleibt ein Weg durch dunkle Nacht und Wüste dennoch oft nicht erspart, aber dieser Weg führt immer wieder auch ins Licht und bleibt nach vorne offen zu seinem Ziel im ewigen Licht.
Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht(Jes 7,9). so lautet eines der elementarsten Worte der Bibel über den Glauben. Ein Prophet sagt es an einem dramatischen Wendepunkt der Geschichte Israels zu einem König, der unschlüssig und wankend geworden ist. Ins Positive gewendet lautet der Spruch: Wenn ihr glaubt, dann bleibt ihr, dann habt ihr Bestand. Vor diesem Hintergrund steht auch das Wort Ich glaube. Es wird gut, das wir als Diözese in das gemeinsam mit der ganzen Weltkirche begonnene Jahr des Glaubens mitnehmen. Es geht hier nicht um einen flachen Optimismus, sondern um eine tapfere, wetterfeste und immer wieder auch fröhliche Hoffnung, die in Gott gründet. Ich glaube. Es wird gut. ist daher auch die Überschrift dieser Predigt am Ende eines Jahres und am Beginn eines neuen Jahres.
Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch
Wie alle Jahre seit der Jahrtausendwende war auch das Jahr 2012 überschattet durch Schreckensnachrichten im globalen Horizont. Die von Medien präsentierten Jahreschroniken erinnern an Naturkatastrophen und an von Menschen gemachte Katastrophen zulasten vieler Einzelner und auch ganzer Völker. Sie erinnern z. B. an den Krieg in Syrien, an die politische Instabilität im Nahen Osten, an den oft auch religiös motivierten Terror in vielen Ländern, an immer ärger werdende Christenverfolgungen vor allem in Afrika und Asien und an die furchtbaren Massaker vor allem gegen Kinder und Jugendliche in den Vereinigten Staaten von Amerika.
Die Medien erinnern auch an die politische Instabilität in vielen Ländern Europas. Österreich ist im Vergleich dazu bedeutend stabiler. Aber der soziale Friede in Österreich ist gefährdet, wenn Armut, Arbeitslosigkeit, Politikverdrossenheit und Korruption zunehmen. Wie ich im Gespräch mit einer Tageszeitung vor kurzem gesagt habe, ist eine Eindämmung von Egoismus und Gier auf vielen Ebenen bei Einzel- und bei Gruppeninteressen zur Stabilisierung und Heilung des sozialen Ganzen unerlässlich.
Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch, hat der Dichter Hölderlin vor 200 Jahren in seiner Patmos-Hymne aus der Kraft eines in seiner Tiefe religiös begründeten Vertrauens gesagt. Viel von solchem Rettenden hat es auch im nun zu Ende gehenden Jahr 2012 gegeben. Die bekannte düstere Aussage von Thomas Hobbes, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, ist zwar viele Male bestätigt, aber auch unzählige Male widerlegt worden. Gerade große Katastrophen, aber auch leise Nöte wecken ja immer wieder auch helfende Kräfte auf. Sie wirken von Haus zu Haus, aber auch von Land zu Land. An diesem Rettenden waren weltweit ernsthafte Christen gewiss besonders stark beteiligt in Konsequenz ihres täglichen Versuchs, Christus nachzufolgen.
Im globalen Horizont aber auch in Europa ist Religion nach Jahrzehnten gegensätzlicher Tendenzen wieder ein Thema, das ständig und besonders auch in den Medien präsent ist. Religion erscheint hier sowohl in pathologisch verformter und daher zurecht kritisierter wie auch in humanisierender und edler Gestalt. Bezogen auf das Christentum und zumal auf die katholische Kirche überwiegt aber oft in ungerechter Weise der Blick auf das Negative, auf das nicht oder noch nicht Gelingende. Das gilt sowohl für einen Blick von außen wie von innerhalb der Kirche. Als Katholiken haben wir unsere Sünden und Defizite nicht zu verstecken. Wir sollten aber in einer Blickumkehr viel mehr das Gelingende, das Schöne, das Heilige in unserer Kirche wahrnehmen und dann auch Menschen außerhalb oder am Rand der Kirche zeigen in einer Synthese von Bescheidenheit und legitimem Selbstbewusstsein. Von diesem Positivem gibt es ja heute und auch in Österreich viel mehr, als weithin wahrgenommen wird.
Unsere Kirche in Schwachheit und Kraft
Unsere Kirche ist in Ländern wie dem unseren nicht gelähmt. Sie bewegt sich nicht im Galopp, aber sie bewegt sich. Diese Bewegung braucht aber unaufgebbar die Gemeinschaft mit der Weltkirche und mit dem Papst, dem Petrus von heute. Das dynamische Erbe des II. Vatikanischen Konzils ist ihr dabei auf den Weg mitgegeben. Dabei geht es um das ganze Konzil und nicht um eine Reduktion auf Kosten der Mitte und der Tiefe. Von Leonardo da Vinci stammt eine Handlungsanweisung, die ich in den vergangenen Jahren oft zitiert habe. Sie lautet: Wenn du nicht kannst, was du willst, dann wolle, was du kannst. Dieser schlichte Imperativ gilt auch allen Katholiken, die Christus inmitten der Kirche wirklich suchen und lieben. Jeder und jede von uns kann nicht wenig tun, um Kirche lebendiger und strahlungskräftiger werden zu lassen. Das Wissen um den christlichen Glauben ist bei vielen sehr defizitär. Das macht sie schwach, wenn es darum geht, auskunftsfähig zu sein angesichts der Frage, warum man eigentlich glauben soll und kann. Die Quellen für dieses Glaubenswissen liegen offen. Es gibt aber eine Holschuld bezogen auf das Gehen zu solchen Quellen und das Schöpfen daraus. Und es gibt für entschiedene Katholiken auch eine Bringschuld gegenüber religiös suchenden Menschen. Ihnen ist das Wasser aus diesen Quellen weiterzugeben. Religiöses Wissen allein würde aber keine missionarische Kraft haben, wenn dahinter nicht ein glaubhaftes religiöses Leben stünde. Es geht dabei um den täglichen Versuch zur Nachfolge Christi, um das nie aufgegebene Bemühen, als Christ vor allem auch ein Mitmensch zu sein.
Ich schließe diese Gedanken mit einem Wort der seligen Mutter Teresa von Kalkutta. Auf die Frage, was in der Kirche nicht in Ordnung sei What is wrong in the church? -, hat sie auf Englisch lapidar geantwortet: Me and you also Ich und du. Diese Reihenfolge sollten wir nicht umkehren. Gleiches sagt ein altes Gebet mit den Worten: Jesus, erneuere deine Kirche und fang bei mir an.
Wenn wir, liebe Christen, Brüder und Schwestern, uns an dieses Gebet halten, dann werden wir für viele Menschen ein Segen sein. Möge das neue Jahr, das dann jüngste Jahr unseres Lebens, also das Jahr Benjamin, auf diese Weise reich gesegnet sein.
Foto: (c) Diözese Graz-Seckau
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