Albanien: 'Die Schwestern gehen immer zu den Ärmsten der Armen'

14. Dezember 2012 in Interview


Schwester Mirjam Beike aus der Ordensgemeinschaft „Vom Guten Hirten“ lebt seit drei Jahren in Albanien. Im kath.net-Interview berichtet sie über Alltag, Armut und Glauben in Albanien. Von Linda Noé


Tirana (kath.net/ln) „Die Schwestern gehen immer zu den Ärmsten der Armen“, sagt die Ordensfrau Sr. Mirjam Beike im kath.net-Interview. Sr. Mirjam (Foto) gehört zur Ordensgemeinschaft „Vom Guten Hirten“ und lebt in Albanien.

KATH.NET: Sie leben seit Oktober 2009 in Albanien, wo genau befindet sich ihre Ordensgemeinschaft?

Sr. Mirjam Beike: Vor drei Jahren haben die Schwestern vom Guten Hirten in Albanien eine Neugründung begonnen. Momentan haben wir zwei Niederlassungen, in einer Kleinstadt an der Grenze zu Griechenland- Korça, und in Tirana, der Hauptstadt. Ich selber bin in Tirana tätig, vorwiegend in der Peripherie, wo sich arme Leute aus dem Norden Albaniens ansiedeln. Es sind vorwiegend Katholiken, die aus den Bergen Nordalbaniens in diese Stadt ziehen, weil sie hoffen, hier bessere Lebensbedingungen zu finden. Sie ziehen in die Nähe der Großstadt, weil sie in den Dörfern weder ärztliche Versorgung noch eine Schule für ihre Kinder haben. Seit einem Jahr bin ich nun in dem Dorf „Kodra e kuqe“, was auf Deutsch „Roter Hügel“ bedeutet. Es erstreckt sich über mehrere Hügel, und es ist eine recht große Ansiedlung von Leuten, die aus dem Norden hierher gezogen sind.

KATH.NET: Wie kann man sich das Glaubensleben der albanischen Katholiken vorstellen?

Sr. Mirjam Beike: Seelsorgerisch wird dieses Dorf von den Franziskanern betreut, die nicht nur die Kirche in der Stadt versorgen, sondern auch die in mehreren umliegenden Dörfern. Außerdem kommen zwei Schwestern der „Missionaries of Charity“ (Mutter-Teresa-Schwestern) regelmäßig zu den armen Leuten, und bringen ihnen etwas Lebensmittel und Nahrung. Eine von den Schwestern ist Albanerin, und ich habe engen Kontakt zu ihr. Hier in Albanien ist die Armut leider immer noch so groß und allgegenwärtig, dass auch die Schwestern von Mutter Teresa oft mit ihren Lebensmitteln nicht kontinuierlich helfen können. Die Schwestern gehen immer zu den Ärmsten der Armen, so dass sehr viel weitere Not hier unbeantwortet bleiben muss.

In Albanien herrschte seit 1967 ein totales Religionsverbot, es wurde damit der erste atheistische Staat der Welt. Erst mehr als 30 Jahre später, am 04.November 1990, wurde der erste öffentliche Gottesdienst gefeiert, das war eine katholische hl. Messe, es folgten kurz drauf eine orthodoxe Messe und ein islamischer Gottesdienst. Das Glaubenswissen ist in diesen Jahren sehr stark geschwunden, und die meisten Albaner praktizieren heute keinen Glauben. Sie glauben aber an einen Gott, und bezeichnen sich alle als Kinder desselben Gottes.

Die Religionen haben in Albanien bis heute friedlich zusammengelebt, im Moment erscheint es aber nicht sicher, ob der Islam hier in Albanien durch den Einfluss aus Saudi-Arabien nicht eine radikale Tendenz bekommt. Sicher ist, dass Saudi Arabien viele Moscheen im Land baut. Die Albaner selber sehen diese Entwicklung auch mit Sorge. Es herrscht aber bis jetzt ein großer Respekt vor den Religionen und damit verbunden auch vor den Ordensleuten.

In Tirana gibt es etwas weniger als eine Million Einwohner, ca. 100.000 davon sind katholisch. Das Interesse der Albaner an der Religion ist nach einer anfänglichen Neugierde vor 30 Jahren inzwischen abgeflaut, dennoch kann man jährlich ca. 80 Erwachsenentaufen im Jahr in Tirana verzeichnen.

Ich persönlich glaube, dass die katholische Kirche Albaniens von der italienischen Frömmigkeit geprägt wurde. Nach dem Fall des Kommunismus bis heute, sind es überwiegend italienische Missionare, die hier ihren Dienst anbieten. Vor allem die Priester haben ein sehr starkes Bewusstsein ihrer Identität als Leiter der Pfarreien, und als Ausspender der Sakramente. Dabei sind sie sehr klar in der Verkündigung, die die grundlegenden Glaubenswahrheiten und die daraus resultierenden Lebenshaltungen darlegt. Die katholische Kirche wird auch vom albanischen Staat als eine Institution angesehen, die den Menschen Werte vermittelt, die im Kommunismus verloren gegangen sind und als solche anerkannt.

KATH.NET: Was ist Ihre persönliche Mission vor Ort?

Sr. Mirjam Beike: Die Felder, in denen ich tätig bin, sind zum einen die Armut und medizinische Unterversorgung, dann aber auch die Jugendarbeit in der Pfarrei, wo es im Moment besonders am Geld für den Sportplatz mangelt, der dazu dienen soll, die Jugendlichen von der Straße zu holen. Ein weiteres Herzensanliegen von mir ist auch die Ausbildung der Priester. Die nach dem Kommunismus geweihten Priester sind alle noch sehr jung, und die Arbeit, die die Jesuiten im Priesterseminar leisten ist sehr wichtig für die Zukunft der katholischen Kirche in Albanien. Da die Priester von den Spenden der Gläubigen leben müssen, haben sie es sehr schwer. Sie zu unterstützen ist mir ein Herzensanliegen geworden.

Die Priester und Ordensleute hier vor Ort sind sich sehr bewusst, dass unsere Hilfe in erster Linie geistlich sein sollte. Wir dürfen als katholische Kirche vor Ort nicht den Eindruck erwecken, wir seien nur gekommen, um Sachmittel und Geld zu verteilen. Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten wäre das Beste, oft ist dies aber sehr schwierig.

KATH.NET: Können Sie uns ein konkretes Beispiel geben, wie sich das Leben der Familien gestaltet, mit denen Sie in Kontakt stehen?

Sr. Mirjam Beike: Die Frauen, die jeden Sonntag zur hl. Messe kommen, laden mich in ihre Familien ein, damit ich sie kennenlerne, und natürlich haben sie immer auch Schwierigkeiten, die sie mir nahebringen. So war ich eines Tages in eine Familie eingeladen, in der die junge Mutter von zwei kleinen Kindern an Brustkrebs erkrankt war. Die Schwestern von Mutter Teresa haben ihr die Operation bezahlt, da die Familie, wie viele hier, keinen Anspruch auf Versicherungsleistungen hat. Nach der Geburt des zweiten Kindes scheint der Krebs wieder aufzutreten. Die nötigen Untersuchungen werden mit 350 Euro veranschlagt, das Geld ist in der Familie nicht vorhanden, und ich möchte ihnen aber die Untersuchungen ermöglichen, ebenso wie eine etwaige Therapie.

Ich besuche die Familie regelmäßig, und da seit einigen Wochen der Winter auch in Tirana begonnen hat, ist es inzwischen sehr kalt hier, die Familie hat keinen Ofen zum Heizen. Im Winter regnet es hier in Strömen, tage- und wochenlang. Als ich kam, war gerade ein sonniger Tag, und in einem Zimmer, das der Vater der Familie auf einem Balkon ausgebaut hatte, lief ein Ventilator – kalt! Er tat dies, damit die Wände trocknen, da sie in diesem Zimmer Schimmel an der Wand haben. Die Kinder leiden deswegen inzwischen unter Asthma. Es gibt nur einige Stunden am Tag Elektrizität, weil in diesem armen Viertel nie jemand seine Stromrechnung bezahlen kann. Die Familie hat eine Kochplatte, die sie nutzen, wenn der Strom von 10-12 Uhr angeht. Vorrangig ist hier erst mal ein Holzofen nötig, mit dem die Familie heizen und kochen kann. Holz ist am billigsten, man zahlt 30 Euro für eine Menge, die dann für ca. einen Monat reicht. Diesen Ofen werden wir diese Woche noch kaufen, einen gebrauchten, der ca. 150 Euro kosten wird. Das ist keine medizinische Hilfe, aber eine Hilfe, nicht (noch mehr) krank zu werden. Viele albanische Männer trinken und schlagen ihre Frauen, in dieser Familie sehe ich aber keinerlei Anzeichen dafür, und es herrscht immer eine friedliche angstfreie Atmosphäre, das merke ich auch an den Kindern. Der Mann selber kommt auch jeden Sonntag mit seiner Familie in die Kirche, auch bei strömendem Regen über 30 Minuten Fußmarsch. Mich beeindruckt das sehr.

KATH.NET: Wie kann man Ihre Mission am sinnvollsten und schnellsten unterstützen?

Sr. Mirjam Beike: Da es sehr teuer ist, auf dem Postweg Sachspenden zu uns zu schicken und kein direkter Hilfstransport in die Nähe unserer Niederlassung fährt, ist uns momentan neben dem Gebet am besten mit einer Geldspende geholfen- wenn Sie „Albanien Sr. Mirjam“ angeben“ kann ich das Geld direkt für die Menschen, die uns anvertraut sind, verwenden. 30 Euro in Albanien haben einen ähnlichen Wert wie 300 Euro in Deutschland oder Österreich, man kann also schon einiges damit erreichen.

Spendenkonto: • Kontoinhaber: Schwestern vom Guten Hirten • Konto.-Nr. 3909500 • BLZ: 400 602 65 • Bank: DKM Münster Iban: DE80 4006 0265 0003 9095 00; Bic: GENODEM1DKM


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