
22. November 2012 in Spirituelles
Es ist ein Lernprozess für uns, kein Bestreben zu haben, Gewalt anzuwenden, sei physisch oder psychisch, mündlich oder schriftlich, wenn es um die Durchsetzung von Zielen geht. Kommentar zum Evangelium des Christkönigfestes von P. Bernhard Sirch
Illschwang (kath.net) Christkönigfest, 1. Lesung: Dan 7, 2a.13b-14; 2. Lesung: Offb 1, 5b-8; Evangelium: Joh.18. 33b-37
Die folgenden Gedanken über die Gewaltlosigkeit und Leidensfähigkeit Jesu haben ihren Anfang in der Krippe. Das Kind in der Krippe ist auf die Hilfe angewiesen und liefert sich so den Menschen aus. Das Kind in der Krippe kann gerade das Dunkel vieler Menschen von heute, die in einer Zwangsjacke der Gewalt stecken, erleuchten. Wir sollten nicht nur die Lichter am Christbaum anzünden, sondern in unseren Herzen. Möge das Licht Christi zu einem Lichtermeer in den Herzen der Menschen werden.
Nach der Gefangennahme am Ölberg wurde Jesus gefesselt zu Hannas und Kajaphas geführt, von dort ins Prätorium. Zu Pilatus sagten die Juden: "Wenn er kein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht ausgeliefert... Uns ist es nicht gestattet, jemand hinzurichten" (Joh 18, 30.31). Gefesselt, als Übeltäter abgestempelt, zum Tod verurteilt, sollte er ausgelöscht werden.
Zum Christkönigsfest im Lesejahr B wurde gerade diese Situation ausgewählt, um uns die völlige Andersartigkeit des Königtums Christi darzulegen: Jesus erklärt im Evangelium: "Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier" (Joh. 18,36). Sein Königtum kann in dieser Welt gar nicht angegriffen werden, unabhängig was mit Jesus geschieht. Jesu Königtum ist in dieser Welt gewaltlos, jeder Kampf wird vermieden. Der Macht dieser Welt wird keine Gewalt entgegengesetzt.
Bereits bei der Verhaftung Jesu wird die Gewaltlosigkeit Jesu sichtbar: "Simon Petrus aber, der ein Schwert bei sich hatte, zog es, schlug nach dem Diener des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab; der Diener hieß Malchus. Da sagte Jesus zu Petrus: Steck das Schwert in die Scheide!" (Joh 18,10.11). Dass Jesu Königtum nicht von dieser Welt ist, sehen wir an der Verspottung Jesu durch die Soldaten: "Sie legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden! Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf. Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an" (Mt 27, 28.30). Die Gewaltlosigkeit Jesu geht soweit, dass Jesus für seine Peiniger betet: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23, 34).
Es ist ein Lernprozess für uns alle, kein Bestreben zu haben, Gewalt anzuwenden, sei physisch oder psychisch, mündlich oder schriftlich, wenn es um die Durchsetzung von Zielen geht.
Ausübung der Macht, müsste vom Christen, von der Kirche verbannt werden. Die Gewaltlosigkeit gehört zu den Grundprinzipien der Lehre Jesu. Bereits in der Bergpredigt verkündet Jesus: "Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben (Mt 5, 5). Die Gewaltlosigkeit fordert Jesus auch von seinen Jüngern: "Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand" (Mt 5, 39). Bei dem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen "gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte" (Mt 13,27-30). Selbst unter den Aposteln hat Jesus nicht sauberen Tisch gemacht und Judas entfernt, obwohl selbst "Jesus im Innersten erschüttert war und bekräftigte: Amen, amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten" (Joh 13,21).
Wenn ein Mensch einer Gewalt ausgeliefert ist und er gewaltlos reagiert, muß sich dieser Mensch im Hinblick auf das Königtum Christi glücklich preisen, wie es Jesus tat. Dieses hilflose Ausgeliefertsein einer Macht, dieses Herfallen über Jesus: das Beschimpfen und Verspotten, ja Anspucken hat Jesus ertragen.
Diese Zeiten der tiefsten Verdemütigungen im Leben eines Menschen sind die größte Gnadenzeit unseres Lebens, vielleicht sind diese Zeiten in unserem Leben vor Gott glanzvoller als die nach außen hin glanzvollsten Zeiten; in diesem Zustand erleben wir die Nähe zum Königtum Christi, das nicht von dieser Welt ist. Jesu. sagt so ganz einfach: "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach" (Mk 8,34. Mt, 16,24. Lk 9,23).
Wir können uns fragen: erwarten wir einen solchen Christ-König? Das Christ-König-Fest ist das Fest aller seelisch und körperlich Geschundenen und Geschlagenen. Bischof Karpus, Bischof von Pergamum (gest. um 180) wurde nach schwerer Marter ans Kreuz geschlagen. Als endlich Feuer an den Scheiterhaufen um ihn angelegt wurde, begann er zu beten: "Gepriesen seist Du, Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, dass Du auch mich sündigen Menschen Deines Loses gewürdigt hast".
Am Ende des dramatischen Berichts über die Leidensgeschichte schreibt der heilige Evangelist Markus: Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn (Mk 15,39). Das Glaubensbekenntnis dieses römischen Soldaten, der dabei war, als die verschiedenen Etappen der Kreuzigung aufeinander folgten, versetzt uns immer wieder in Staunen. Als das Dunkel der Nacht sich anschickte, diesen in der Geschichte einzigartigen Freitag zu übermannen; als das Kreuzesopfer sich bereits erfüllt hatte und diejenigen, die dort waren, sich beeilten, um das jüdische Paschafest so zu feiern, wie es vorgeschrieben war, hallten diese wenigen Worte, die man von den Lippen eines nicht näher bekannten Kommandanten der römischen Truppe vernahm, angesichts eines so einzigartigen Todes in der Stille nach. Dieser Offizier der römischen Truppe, der an der Exekution von einem unter so vielen zum Tode Verurteilten beteiligt war, vermochte in diesem gekreuzigten Menschen Gottes Sohn zu erkennen, der in der erniedrigendsten Verlassenheit seinen Geist aushauchte. Sein schmachvolles Ende hätte den endgültigen Sieg des Hasses und des Todes über die Liebe und das Leben bedeuten müssen. Aber es war nicht so. Auf dem Golgatha-Hügel erhob sich das Kreuz, an dem ein Mensch hing, der bereits tot war, aber dieser Mensch war Gottes Sohn, wie der Hauptmann bekannte, als er Jesus auf diese Weise sterben sah, wie der Evangelist sagt.
Das Glaubensbekenntnis dieses Soldaten wiederholt sich jedes Mal, wenn wir den Passionsbericht nach Markus hören. In dieser Nacht halten genauso wie er auch wir inne, um das leblose Antlitz des Gekreuzigten zu betrachten, am Ende dieses traditionellen Via Crucis, der dank der Fernseh- und Radioübertragung zahlreiche Menschen aus allen Teilen der Welt zusammengeführt hat. Wir haben die tragische Episode eines in der Geschichte aller Zeiten einzigartigen Menschen wieder aufleben lassen, der die Welt nicht dadurch verändert hat, dass er andere umbrachte, sondern dass er zuließ, dass sie ihn, an ein Kreuz geschlagen, töteten. Dieser Mensch, einer von uns, der während er ermordet wird seinen Henkern vergibt, ist Gottes Sohn, der, wie uns der Apostel Paulus erinnert, Gott gleich war, aber nicht daran festhielt, wie Gott zu sein, sondern der sich entäußerte und wie ein Sklave wurde
Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz (vgl. Phil 2,6-8).
Die schmerzvolle Leidensgeschichte unseres Herrn Jesus ruft notwendigerweise sogar in den kältesten Herzen Mitgefühl hervor, ist sie doch der Höhepunkt der Offenbarung der Liebe Gottes zu jedem von uns. Der heilige Johannes stellt fest: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat (Joh 3,16). Christus starb aus Liebe am Kreuz. Im Lauf der Jahrtausende haben sich Scharen von Männern und Frauen von diesem Geheimnis verführen lassen und sind ihm nachgefolgt, indem sie gleichzeitig aus ihrem Leben ein Geschenk für die Brüder machten wie Jesus und dank seiner Hilfe.
Das sind die Heiligen und Märtyrer, von denen uns viele unbekannt sind. Auch in unseren Tagen gibt es so viele Menschen, die in der Stille ihrer täglichen Existenz ihre Leiden mit denen des Gekreuzigten vereinen und so zu Aposteln einer echten spirituellen und sozialen Erneuerung werden! Was wäre der Mensch ohne Christus? Der heilige Augustinus sagt es uns: Du hättest dich für immer in einem Zustand des Elends befunden, wenn er nicht mit dir Erbarmen gehabt hätte. Du wärst nicht zum Leben zurückgekehrt, wenn er nicht deinen Tod mit dir geteilt hätte. Du wärst ohnmächtig gewesen, wenn er dir nicht zu Hilfe gekommen wäre. Du wärst verloren gegangen, wenn er nicht gekommen wäre (Predigt 185,1). Also, warum ihn nicht in unserem Leben aufnehmen?
Halten wir in dieser Nacht inne, und betrachten wir sein entstelltes Gesicht: Es ist das Antlitz des Schmerzensmannes, der all unsere Todesängste auf sich genommen hat. Sein Antlitz spiegelt sich im Antlitz jedes gedemütigten und beleidigten, kranken oder leidenden, einsamen, verlassenen und verachteten Menschen wider. Durch das Vergießen seines Blutes hat er uns von der Sklaverei des Todes freigekauft, die Einsamkeit unserer Tränen zerstört und ist in all unsere Leiden und Ängste eingetreten. - Während das Kreuz auf dem Golgatha-Hügel steht, richtet sich der Blick unseres Glaubens, wie der hl. Paulus schreibt: Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden (Röm 6,8).
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