
14. November 2012 in Buchtipp
"Und warum ist dann dieser Ort so verwahrlost, wenn er so ein wichtiges Zeugnis für die Christen darstellt?" Leseprobe aus dem archäologischen Geschichtsroman Expedition Emmaus von Karl-Heinz Fleckenstein
Jerusalem (kath.net)
25. Dezember, 10.00 Uhr, Emmaus-Nicopolis.
Eine verwahrlostes Ruinenfeld. Überwuchert von Disteln und Dornen. Unkraut sprießt zwischen Mosaikfeldern. Dennoch wird das Gelände von den Resten einer ehemals mächtigen Kirche dominiert: Der Ort des Brotbrechens.
Mirjam versucht mit beredten Worten den 52 Besuchern Emmaus etwas näher zu bringen: "Auch wenn diese ehrwürdige biblische Stätte heute eher einem verlassenen Ruine gleicht, so sind ihre verfallenen Mauern immer noch ein sprechendes Zeugnis für die Realität des auferstandenen Christus. Die Menschen des Alten Testaments warteten jahrhundertelang auf das Herankommen des verheißenen Messias, bis sich endlich vor 2000 Jahren durch seine Geburt in der Grotte von Betlehem leiblich erkenntlich gezeigt hat.
Auch die Jünger von Emmaus warteten auf die Ankunft des Messias. Aber sie deuteten ihn politisch. Sie glaubten, er würde der Fremdherrschaft der Römer ein Ende setzen. Hingegen müssen sie seinen eigenen Tod als ein schmähliches Scheitern am Kreuz miterleben.
Ihr Adventus, ihr Reiseziel heißt jetzt Emmaus- ein bescheidenes Dorf, weit weg vom Schauplatz des Geschehens. Ein Ziel ohne Hoffnung. Doch der adventicius, der Fremde, der herankommt, bringt ihnen einen neuen Advent. Mit dem Zerbrechen seines irdischen Lebens erfährt Jesus eine zweite Geburt in seinem göttlichen, verklärten Leib. Emmaus ist die Ankunft des erhöhten Herrn.
Bedeutet nicht auch unser Leben ein Advent auf das Heute Gottes hin? An Weihnachten ist Gott in Jesus in der Grotte von Betlehem Mensch geworden. Seine Botschaft lädt uns ein, offen dafür zu sein, dass noch Größeres sich ereignen kann; denn der Herr ist erneut im Kommen, da er mitten in unserem Leben neu geboren werden will."
"Und warum ist dann dieser Ort so verwahrlost, wenn er so ein wichtiges Zeugnis für die Christen darstellt", möchte Herrn Schaumberger gern wissen.
"Diese Frage stelle ich mir auch jedes Mal, wenn ich die Stätte besuche", antwortet Mirjam, wobei eine gewisse Trauer in ihre Stimme mitschwingt.
"Die Eigentümer des Grundstücks sind die Karmelitinnen in Betlehem. Diese Nonnen leben als Klaussurschwestern hinter dicken Klostermauern. Was können sie schon tun?"
"Und wer lebt dort in dem riesigen, modernen Haus oberhalb der Ruine", bohrt Herr Schaumberger weiter.
"Das Haus ist zur Zeit an ein französisches, archäologisches Institut vermietet. Die Wissenschaftler beschäftigen sich mit prähistorischen Forschungen. Man versteht, dass sie dabei keinerlei Interesse an dem neutestamentlichen Ort hegen."
"Für mich gilt die Emmausstelle überhaupt als eine der schönsten Erzählungen bei Lukas", unterstreicht Rudolf. "Weil sie ein Stück unser eigenes Leben wiederspiegelt mit unseren Ängsten, zerbrochenen Illusionen und neu aufkeimenden Hoffnungen. Die Stätte hier spricht für sich selbst. Sie gehört zu den fünf topographischen Orten, an denen sich der Auferstandene selbst gezeigt hat. Ein Beweis dafür, dass wir Christen nicht irgend einem Phantom, einem Fantasma nachlaufen. Gerade hier können wir uns auf seine Fährte setzen, um ihm auch heute neu zu begegnen.
"Dabei ist es ein Jammer, mit ansehen zu müssen, wie die kostbaren Mosaike von Emmaus, die Kulturgüter einer vergangenen Glaubensepoche, durch Witterungseinflüsse und Vandalismus zugrunde gehen," seufzt Mirjam. "Sehen sie dort diese Schulklasse. Die trampeln achtlos auf den Mosaikfeldern herum. Gerade kratzen ein paar Halbwüchsige bunte Steinchen zusammen und stecken sie als Souvenir in die Hosentasche. Und wir stehen da und müssen untätig das mit ansehen. "Da möchte man am Liebsten sofort die Ärmel hochkrempeln und anfangen, aus Emmaus wieder einen pilgerwürdigen heiligen Ort zu machen", meint Rudolf unternehmungslustig.
"Wo sind denn eigentlich hier die Toiletten", unterbricht Frau Meisel mit ihrer irdisch-menschlichen Frage seinen idealistischen Sturm und Drang.
Mit einem verständnisvollen Blick wendet sich Mirjam ihr zu. "Liebe Frau Meisel. Ihre Frage ist mehr als berechtigt, wenn man schon über eine Stunde mit dem Bus unterwegs ist. Aber noch gibt es leider keine Toiletten hier. Aber eines Tages werden auch diese notwendigen Einrichtungen da sein. Das verspreche ich ihnen", betont die Reiseleiterin mit einer inneren Sicherheit, über die sie selbst einen Moment erstaunt ist.
"Emmaus muß wieder seinen würdigen Stellenwert finden", bläst Rudolf mit dem vollen Brustton der Überzeugung ins gleiche Horn. Das sind wir alle diesem Ort schuldig."
Der Autor Karl-Heinz Fleckenstein lebt seit 1981 in Jerusalem. Mit seiner Frau Louisa führt er Pilgergruppen auf die Spuren der Bibel. 1994 promovierte er in Biblischer Theologie an der Lateran-Universität in Rom. Bis 2005 arbeitete er als Gesamtkoordinator für das archäologische Ausgrabungsprojekt Emmaus-Nicopolis, die Tätigkeit, die ihn zu diesem Roman inspirierte.
Karl-Heinz Fleckenstein
Expedition Emmaus
Roman
Verlag Novum 2007
632 Seiten
22,30 EUR
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