
6. November 2012 in Österreich
Österreichische Bischöfe tagen derzeit in Brüssel. Kapellari betont in Predigt, dass die katholische Kirche heute mehr denn je eine Weltkirche sei, nicht auf Europa fixiert, doch sie habe Europa mitgeprägt.
Brüssel (kath.net/KAP)
Predigt von Bischof Egon Kapellari bei der Abendmesse der österreichischen Bischöfe mit der deutschsprachigen Gemeinde in Brüssel am Montag, 5.11.2012 im Wortlaut
Liebe hier versammelte Christen, Brüder und Schwestern, und in Ihrer Mitte liebe Brüder im bischöflichen Amt und Dienst!
Die Österreichische Bischofskonferenz hält ihre Versammlungen, ebenso wie dies andere Bischofskonferenzen tun, in aller Regel im eigenen Land. Wir haben aber manchmal auch schon in Rom getagt und einmal in Jerusalem. Zum ersten Mal sind wir nun gemeinsam nach Brüssel gekommen.
Jerusalem, das ist sozusagen der Geburtsort der Kirche. Und Rom ist als Sitz der Nachfolger Petri, des Fischers aus Galiläa, der im Auftrag Jesu Christi zum herausragendsten Menschenfischer geworden ist, das Zentrum der katholischen Weltkirche: ein Zentrum, von dem beständig Impulse für Glaube, Hoffnung und Liebe in die ganze weltweite ökumenische Christenheit hinein ausgehen. Brüssel aber ist als Zentrum der Europäischen Union jene Stadt, in der als einem eminenten Knotenpunkt unzählige Wege von Menschen und Institutionen zusammentreffen, die sich für ein möglichst gemeinsames Europa engagieren.
Wir Bischöfe in Österreich haben vor dem Beitritt unseres Landes zur Europäischen Union metaphorisch von Europa als einem großen Bauplatz gesprochen, und wir haben die Katholiken unseres Landes dazu aufgerufen, auf diesem Bauplatz mitzubauen. Wir begleiten die Europäische Union und ihre Entwicklung in Solidarität, in hoffnungsvoller, aber auch kritischer Solidarität, so wie dies auch seitens vieler nachdenklicher Menschen und Gemeinschaften in Österreich und in anderen Ländern unseres Kontinents der Fall ist.
Die katholische Kirche ist, wie dies ein Präsident des "Club of Rome" vor Jahrzehnten gesagt hat, das älteste Globalinstitut auf unserer Erde. Und sie ist heute mehr denn je eine Weltkirche. Sie ist nicht auf Europa fixiert und vertritt nicht einen simplen Eurozentrismus, aber sie hat Europa bisher mehr und länger mitgeprägt, als alle anderen Kontinente. Dieses Erbe ist ein großer Auftrag mitzudenken, mitzureden und mitzubauen auf dem Bauplatz Europa. Europa darf sich im globalen Kontext nicht aufgeben und die Christenheit und unverwechselbar die katholische Christenheit darf sich im Kontext der Weltkirche nicht aufgeben.
Im Leben einzelner Menschen und ihrer kleinen und großen Gemeinschaften gibt es immer wieder Krisen. Davon ist die Menschheit und die Christenheit auch heute weltweit auf viele Weisen betroffen. Und aus unabweisbaren Gründen spricht man in Europa von einer Krise der Europäischen Union und auch von Krisen des Christentums in Europa. Es gibt Ermüdungen und Immunschwächen. Aber das Wort Krise kann hier gerechterweise nicht generaldiagnostisch verwendet werden. Es gibt millionenfach Lebenskeime in der Zivilgesellschaft und es gibt millionenfach Lebenskeime und Frischzellen in der Christenheit Europas, zumal auch in der katholischen Kirche. Dies können wir auch für Österreich bezeugen. Fehler und Mängel wollen und dürfen wir nicht kleinreden, aber mindestens mit den Augen des Glaubens können wir wahrnehmen, was Hölderlin vor bald 300 Jahren in seiner Patmoshymne gesagt hat: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Der Retter ist für uns zuerst und zuletzt Gott, der und in Jesus Christus ein menschliches Antlitz gezeigt hat und zeigt. Gott will freilich, dass wir unsere Begabungen mit Hirn, Herz und Hand auch selbst einsetzen, damit dieses Rettende Wirklichkeit werden kann.
Als Kirche suchen wir Allianzen für Werte, die nicht nur die Kirche, sondern die ganze Gesellschaft tragen und beseelen. Wir suchen zunächst ökumenische Allianzen innerhalb der Christenheit. Darüber hinaus suchen wir Allianzen mit allen Menschen die - wie eine bewährte Redensart sagt - guten Willens sind. Also Allianzen auch mit Menschen und Gemeinschaften anderer Religionen und auch ohne Bindung an eine religiöse Gemeinschaft.
Auf der Suche nach solchen Allianzen begegnen wir als Kirche freilich oft auch Misstrauen oder überhaupt einer Ablehnung. Wir tun dann gut daran, uns mit den Gründen dafür intelligent und fair auseinanderzusetzen. So mit dem Unbehagen ja der Furcht gegenüber dem Potenzial an Gewalt und Intoleranz in monotheistischen Religionen, das sich nicht nur in der Vergangenheit oft auf schreckliche Weise aktualisiert hat.
Gott wird heute an vielen Türen in Europa abgewiesen. Er wird behandelt wie ein Fremder. Es gibt in unseren Ländern und so auch in Österreich viel Gleichgültigkeit gegenüber Gott und dem Evangelium. Und es gibt da und dort einen aggressiven Atheismus. Es gibt aber auch eine ernsthafte Suche nach Gott und eine Bekümmertheit darüber, dass und wenn Gott fehlt. Und vor allem gibt es unzählige lebendige katholische Gemeinschaften und Gemeinden und zumal auch Pfarren.
Diesem pluralen Horizont sollten wir nicht vor allem mit Klagen und Anklagen begegnen, sondern mit aktiver Geduld. Der Akzent muss bei dieser Formulierung auf dem Wort "aktiv" liegen. Als Kirche in Europa befinden wir uns in einer Phase des Übergangs. Nicht Sprünge erscheinen da angesagt, sondern Schritte, beharrliche Schritte im täglichen, oft stolpernden Versuch zur Nachfolge Christi. Polemik und Arroganz behindern allemal eine echte Evangelisierung. Wir verstecken unsere Fehler nicht, aber wir brauchen und dürfen uns als katholische Kirche in keiner Weise verstecken. Wir tragen und beseelen ja in großem Maße die ganze Zivilgesellschaft und haben Grund zu einem guten katholischen Selbstbewusstsein. Als Kirche in Europa müssen wir aber gerade heute noch klarer erkennen, dass wir in Gebet und Liturgie auch stellvertretend für jene Menschen vor Gott stehen, die im christlichen Glauben angefochten sind. Und Stellvertretung ist darüber hinaus auch Gebet für das Heil der ganzen Menschheit.
Der Heilige Vater, Papst Benedikt XVI., hat noch als Kardinal Joseph Ratzinger säkularisierten Europäern vorgeschlagen, sie sollten sich auf ein herausforderndes existenzielles Experiment einlassen, indem sie versuchen so zu leben, als ob es Gott gäbe - etsi Deus daretur. Dieser Vorschlag war inspiriert durch das Argument der Wette in den "Pensées" von Blaise Pascal.
Ich denke, dass dieser Vorschlag des Papstes auch als Zu-Mutung im besten Sinn des Wortes Zumutung - also Mut zutrauen - in Gespräche über Politik und Religion in Brüssel und vielerorts anderswo in Europa eingebracht werden könnte, ja sollte.
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