
20. Oktober 2012 in Deutschland
Moralische Fragen und Traditionen werden immer unterschiedlicher beurteilt und gelebt.
Berlin (www.kath.net/ KNA)
Ein neuer Kulturkampf zeichnet sich nach Einschätzung evangelischer und katholischer Wissenschaftler in Deutschland ab. Es sei ein Konflikt zwischen religiös sensiblen und religiös unsensiblen Menschen, sagte der evangelische Berliner Theologe Rolf Schieder am Donnerstagabend in der Katholischen Akademie der Bundeshauptstadt.
Der Streit werde etwa in der Debatte um das Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts deutlich, erklärte der Professor an der Humboldt-Universität. Die Richter hatten die religiös motivierte Beschneidung eines Jungen als unzulässige Körperverletzung gewertet. Dies ignoriere, dass auch religiöse Traditionen für das Kindeswohl maßgeblich seien, kritisierte Schieder.
Nach Auffassung des Historikers Siegfried Weichlein gibt es einen Kulturkampf etwa in der Bewertung von Abtreibung und Euthanasie. Der Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg (Schweiz) wandte sich zugleich gegen Forderungen, die katholische Kirche müsse ihre Geschlossenheit wiedererlangen, die sie im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt habe. Katholisch zu sein, war nie klar und eindeutig, betonte Weichlein. Er wandte sich damit gegen die These des Publizisten Lorenz Jäger, der deutsche Katholizismus sei wegen seiner inneren Zerwürfnisse strukturell kampfunfähig.
Schieder, Weichlein und Jäger äußerten sich bei einer Veranstaltung zum 200. Geburtstag von Ludwig Windthorst (1812-1891). Er war im 19. Jahrhundert der bedeutendste katholische Politiker und wichtigste Gegenspieler von Reichskanzler Otto von Bismarck im Reichstag. Als Führer der katholischen Zentrumspartei erreichte Windthorst auch in seiner Kirche eine starke Machtposition, mit der er sich zeitweise gegen den Vatikan stellte.
Das Jubiläumsjahr für den Politiker solle diese geistesgeschichtliche Entwicklung des Katholizismus in Erinnerung rufen, betonte der Vorsitzende der Ludwig-Windthorst-Stiftung, Hermann Kues (CDU). Er ist auch Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfamilienministerium.
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