Jesus-Nachfolge ist Leidens-Nachfolge

18. Oktober 2012 in Spirituelles


Jesus dreht alle unsere Vorstellungen über angesehene Menschen um. Ein Kommentar zum Sonntagsevangelium von P. Bernhard Sirch


Illschwang (kath.net) B - 29. Sonntag im Jahreskreis. 1. Lesung: Jes 53, 10-11, 2. Lesung: Hebr 4, 14-16. Evangelium: Mk 10, 35-45

Ganz massiv steht im heutigen Evangelium die Aussage Jesu: "Die Herrscher, die Mächtigen missbrauchen ihre Macht über die Menschen. Bei euch aber soll es nicht so sein" (Mk 10, 42.43). Viele Menschen, selbst Katholiken, sind der Meinung, dass die Kirche ihre Macht missbraucht; z.B. in der Frage der Ehescheidung (Thema des letztes Sonntags), wobei sich die Kirche auf Grund der klaren Vorgaben Jesu: "Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen" (Mk 10, 4-9) beruft. Ganz gleich, wie die Ehescheidung gehandhabt wird, sie verursacht viel Leid. So kann man in den Zeitungen lesen: "Ein Familienvater bringt seine vier Kinder um, während die Mutter im Urlaub ist". Durch das klare Wort Jesu soll vor allem das abgrundtiefe Leid, das eine Ehescheidung mit sich bringt, vermieden werden! Jede Ehescheidung ist eine zu viel! Wichtig ist, dass man alles unternimmt, dass die Anzahl der Ehescheidungen und damit das Leid auf ein Minimum reduziert wird. Die Forderung um Erleichterung einer Ehescheidung ist vordergründig. Wir müssen die Ursache für eine Scheidung erkennen, so dass die Priorität in der Frage der Ehescheidung lauten muß: wie kann eine Ehescheidung vermieden werden.

Weil sich die Eheleute gemocht haben, haben sie geheiratet. Von einer idealen, harmonischen, glücklichen Ehe kann man sagen: 1 + 1 = 3. Wenn die Eltern zusammen arbeiten, dann ist der Erfolg größer, als wenn nur jeder für sich arbeitet. Die positiven Seiten einer Ehe muß man immer wieder hervorheben. Irgendwann hat es angefangen mit dem Misstrauen. Dass dieses beginnende Misstrauen nicht weiterwuchert, darauf muß man den Augenmerk legen und nicht, wie kann ich es den Eheleuten erleichtern, eine Scheidung herbeizuführen. Die Ursache der Ehescheidung muß bekämpft werden.

Wenn die Kirche in der Frage der Ehescheidung hart bleibt, so geht es nicht um die Herrschaft der Kirche, sondern um das Hinhören auf Jesus, um die Hilfe, um den demütigen Dienst am Wort Gottes und an den Menschen.

Nichts beschert den Deutschen einer Umfrage zufolge größeres Glück als ihr Partner oder die eigenen Kinder. In einer Erhebung der GfK Marktforschung Nürnberg landete die Partnerschaft mit 52,4 Prozent auf Platz 1 der häufigsten Glücksmomente, dich gefolgt von den Kindern mit 49,6 Prozent.

Dazu ein wunderschönes Liebesgedicht in mittelhochdeutscher Sprache:
"Du bist mein, ich bin dein: dessen sollst du dir gewiss sein.
Du bist eingeschlossen in meinem Herzen:
Verloren ist das Schlüsselchen: du musst immer darinnen bleiben".

Die 1. Lesung aus dem Buch Jesaja beginnt mit einer Aussage, die auf den ersten Blick sehr befremdend ist:

"Der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen Knecht,
er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab" (Jes 53, 10).

Es stellt sich sofort die Frage: Wie kann Gott Gefallen finden an einem zerschlagenen Knecht? Gewöhnlich denken wir, Gottes Gefallen wird sichtbar, wenn das Werk eines Menschen durch sichtbare Erfolge gekrönt wird. "Erfolge vorzeigen können" ist nicht die Sprache Gottes. Der "zerschlagene Knecht" ist Jesus Christus, auf ihn wird diese Deuterojesaja-Stelle gedeutet. Die Gottesknechtslieder (Jes 42,1–4.(7); 49,1–6; 50,4–9; 52,13 bis 53,12) sind eine Umdrehung aller unserer Wertvorstellungen. Deuterojesaia trägt wesentlich bei zum Verständnis des Blut schwitzenden Sohnes Gottes, der gegeißelt wird, eine Dornenkrone trägt und schließlich sein Kreuz, an dem er sterben wird, auf Golgotha trägt. "Der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen Knecht, er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab" (Jes 53, 10).

Der Herr findet auch heute "Gefallen an einem zerschlagenen Knecht" (Jes 53, 10). Viele Heilige sind uns ein leuchtendes Vorbild eines "zerschlagenen Knechtes" (Jes 53, 10): Sel. Anna Schäfer (Heiligsprechung am 21.10.2012 um 09:30 Uhr auf dem Petersplatz), Resl von Konnersreuth, Hl. P. Ruppert Meyer, Hl. Bernadette Subirous, Hl. P. Pio, usw. Viele Christen stöhnen als "zerschlagene Knechte" (Jes 53, 10) vor allem im Nahen Osten aber auch in vielen Familien und am Arbeitsplatz.

Jesus als der "zerschlagenen Knecht" (Jes 53, 10) ist auch für die Jünger nur schwer vermittelbar. Jesus selber hatte große Schwierigkeiten sein kommendes Leiden zu erklären. Bei der ersten Ankündigung seines Leidens und Sterbens "nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen" (Mt 16, 22.23).

Auf diese scharfe Reaktion stellt Jesus klar: Jesu Nachfolge ist Leidensnachfolge: "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen" (Mt 16, 24.25).

Bei der zweiten Leidensweissagung fügt Lukas an: "Doch die Jünger verstanden den Sinn seiner Worte nicht; er blieb ihnen verborgen, sodass sie ihn nicht begriffen. Aber sie scheuten sich, Jesus zu fragen, was er damit sagen wollte" (Lk 9,45).

Der eben gehörte Vorwurf Jesu Petrus gegenüber bringt das Thema auf den Punkt: "denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen" (Mt 16, 23). Für Gott ist es nicht entscheidend, welches Ansehen Menschen in dieser Welt und auch in der Kirche, ja auch unter den Jüngern haben.

Jesus dreht alle unsere Vorstellungen über angesehene Menschen um und macht seine Einstellung und Sicht klar, wenn er auf das Schicksal eines reichen und armen Mann eingeht: "Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war... Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden" (Lk 16, 19 -25).

Arme Menschen, die am Rande der Gesellschaft sind, die keine "Macht" haben, erreichen viel leichter ihr endgültiges Ziel wie Reiche. So ist es verständlich wenn Christus im heutigen Evangelium von den Jüngern verlangt, dass der "Erste" unter seinen Jüngern wie ein Sklave sein soll: "Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mk 10, 42-45).

Wer Christus nachfolgen will, der muß um die Aussage Gottes wissen: "Wen ich liebe, den weise ich zurecht und nehme ihn in Zucht" (Offb 3,19). Wenn der Herr einen Menschen heute "in Zucht nimmt" (Offb 3,19) dann sind es nicht so sehr äußere sichtbare Leiden, sondern der "zerschlagene Knecht" (Jes 53, 10) leidet unter psychischen Verletzungen.

Jesus spricht im heutigen Evangelium zum dritten Mal von seinem bevorstehenden Leiden. So beten wir im Kommunionvers: "Der Menschensohn ist gekommen, um sein Leben als Lösegeld hinzugeben für viele" (Mk 10, 45; bitte beachten sie: es heiß für "viele" und nicht für "alle").

Dass Christus als Hoherpriester "sein Leben als Lösegeld hingibt für viele" ( Mk 10, 45) ist das Thema der zweiten Lesung aus dem Hebräerbrief: "Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns an dem Bekenntnis festhalten. Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat. Lasst uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit. (Hebr 4, 14-16).

Wenn wir vor Gott hintreten, können wir nur um Erbarmen und Gnade bitten, wie wir es auch im Eröffnungsvers tun: "Ich rufe dich an, denn du, Gott, erhörst mich. Wende dein Ohr mir zu, vernimm meine Rede! Behüte mich wie den Augapfel, den Stern des Auges, birg mich im Schatten deiner Flügel" (Ps 17 (16), 6.8).

Es gab immer wieder Heilige, die die Stigmatisation hatten. Es gibt heute ebenso viele stigmatisierte Menschen: psychisch Leidende, wie auch Jesus psychisch gelitten hat, nicht nur äußerlich sichtbar: körperlich. Allen psychisch stigmatisierten Menschen möchte ich auf das immerwährende Gebet hinweisen. Nur in der engen Verbindung mit Gott können sie ihre psychischen Leiden überwinden.

Ich darf das Beispiel des Taumelkäfers (Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten, Nr. 174: "Es gibt so viel Wunderbares in der Natur! Zum Beispiel den Taumelkäfer. Sieben Millimeter ist er lang, ein schwarz brauner Geselle. Er saust im Zickzack durch unsere Teiche und Seen. Er ist ein kleiner Räuber: er schiebt sich meistens an der Oberfläche des Wassers entlang, weil da die meisten Insekten zu fangen sind. Das Besondere an ihm ist: er hat vier Augen! Lägen seine Augen nur über dem Wasser, würde er manches Tierchen auf dem Grund des Tümpels übersehen. Wären sie aber nur unter Wasser, so könnte er den Himmel nicht beobachten, wo so mancher Vogel auf ihn als Beute lauert. So hat er Augen, die zugleich in die Luft und ins Wasser sehen können: er hat Luft- und Wasseraugen. Und weil in seinem winzigen Gehirn alles gleichzeitig zusammenläuft, ist sein Sehen immer ein Ineinander und Beieinander von oben und unten, von Himmel und Erde". Wir brauchen auch vier Augen: zwei Augen für unser Leben hier auf Erden und zwei Augen für unser Ziel im Himmel. Die zwei Augen, die zum Himmel blicken, sollen uns Kraft geben für unser Leben hier auf Erden. Je mehr psychisches Leid der Mensch ertragen muß, um so mehr müssen die Augen zum Himmel blicken. Wir müssen beide Welten, Erde und Himmel, im Auge behalten! Ich wünsche Ihnen vier Augen: zwei Augen für die irdischen Belange und zwei Augen für den Himmel, um Kraft zu bekommen für die irdischen Be-lange. Durch die zwei zum Himmel gerichteten Augen tut sich für den betreffenden Menschen eine neue Welt auf, die auch die irdischen Belange grundsätzlich verändert und erträglich macht. "Der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen Knecht, er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab" (Jes 53, 10).

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