Athener Erzbischof Hieronymus übt Kritik an EU

14. Oktober 2012 in Weltkirche


"Menschenwürde in Griechenland mit Füßen getreten" - Metropolit Arsenios von Austria überbrachte dem Oberhaupt der orthodoxen Kirche in Griechenland 35.000-Euro-Spende für Sozialprojekte


Athen (kath.net/KAP) Schwer enttäuscht von der Europäischen Union ist das Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Griechenland, Erzbischof Hieronymus von Athen. Er sei selbst ein starker Befürworter des griechischen EU-Beitritts gewesen, das heutige Europa habe aber nichts mehr mit der ursprünglichen Vision einer Solidargemeinschaft gemein, sagte der Erzbischof im Gespräch mit Journalisten aus Österreich, der Schweiz und Deutschland in Athen. Das griechische Volk erwarte sich nichts mehr von Europa, sagte der Erzbischof. Die Würde der Menschen werde mit Füßen getreten.

Zugleich zeigte sich das Oberhaupt der orthodoxen Kirche in Griechenland überzeugt, dass das Land die Krise überwinden könne. Große Hoffnungen setzte der Erzbischof in die Familie. Die Familienstrukturen in Griechenland seien noch weitgehend intakt, der familiäre Zusammenhalt noch gegeben. Das griechische Volk müsse seine Mentalität ändern, Hilfe nicht von anderen erwarten, sondern selbst verstärkt Initiativen ergreifen.

Die Situation sei auch für die Kirche sehr schwierig, sagte der Erzbischof. Da in Griechenland die Priester vom Staat bezahlt werden, seien sie auch von den bis zu 40-prozentigen Lohnkürzungen betroffen, vor allem für die Priester mit Familien sei dies eine dramatische Situation. Trotzdem versuchten alle nach Kräften, dem Volk beizustehen.

Wie am Rande der Begegnung in Athen zu erfahren war, beträgt das Gehalt des Athener Erzbischofs 2.100 Euro, das eines Bischofs 1.700 Euro, einfache Landpfarrer (und ihre Familien) müssten mit weniger als 700 Euro ihr Auslangen finden. Urlaubs- und Weihnachtsgeld wurden den Klerikern wie auch allen anderen Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst ersatzlos gestrichen.

Hilfe aus Österreich

Im Rahmen der Begegnung des Athener Erzbischofs mit den Journalisten überreichte der orthodoxe Metropolit von Austria, Arsenios (Kardamakis), den Reinerlös des Wiener Griechenfestes. 35.000 Euro wurden im vergangenen Juni in Wien für Hilfsmaßnahmen der Kirche in Griechenland gesammelt. Das Geld sei eine wertvolle materielle Hilfe, sagte Erzbischof Hieronymus, zugleich schenke es aber auch Hoffnung und Optimismus auf eine bessere Zukunft. Hieronymus kündigte an, die Spenden für den Betrieb eines Kindergartens zu verwenden, der sonst aufgrund der Krise geschlossen hätte werden müssen.

Beim Solidaritätsfest der griechisch-orthodoxen Kirche am 3. Juni begrüßte Metropolit Arsenios u.a. auch Kardinal Christoph Schönborn und den evangelischen Bischof Michael Bünker. Schönborn sprach damals wörtlich von einer "Schande", mit "welcher Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit" über die Griechen geredet wird, "als ob sie nicht unsere Brüder und Schwestern im gemeinsamen Schiff Europa wären". Bischof Bünker betonte, dass die Menschen Europas "jenseits aller Schuldenkrisen in Gemeinschaft zusammengehören". Metropolit Arsenios sagte: "Alle Meinungsmacher sollten nach Griechenland reisen, um sich mit eigenen Augen von Gastfreundschaft und Fleiß des griechischen Volkes zu überzeugen."

Bischof: Griechenland wird zu Tode gespart

Der Generalsekretär der Synode der Griechischen Kirche, Bischof Gabriel, hoffte im Journalistengespräch in Athen auf mehr Verständnis für die schwierige Lage der Griechen. Die Menschen seien frustriert, ihnen fehle im fünften Jahr der Rezession fast jede Perspektive. Die Hälfte der jungen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren seien arbeitslos. Den politisch Verantwortlichen in Europa müsse klar werden, "dass es so nicht geht". Griechenland werde zu Tode gespart. Es brauche vielmehr Investitionen, um die Wirtschaft anzukurbeln und Arbeitsplätze zu schaffen.

Österreichs Botschafterin in Athen, Melitta Schubert, zeigte sich vom Willen der griechischen Regierung überzeugt, Sparmaßnahmen und Strukturreformen umzusetzen. Das brauche aber freilich Zeit. Auch die Botschafterin forderte mehr gesamteuropäische Solidarität ein und erteilte allen Stimmen, die Griechenland aus der Euro-Zone ausschließen wollen, eine deutliche Absage. Wie groß die Armut im Land inzwischen ist, illustrierte Schubert mit Erfahrungen der SOS-Kinderdörfer. Immer mehr Eltern würden ihre Kinder dort "abliefern", weil sie sie daheim nicht mehr ernähren können.

Kirche hilft mit Suppenküchen und Sozial-Supermärkten

Metropolit Arsenios besuchte im Rahmen seines Athen-Aufenthalts gemeinsam mit den Journalisten auch zahlreiche Sozialprojekte der orthodoxen Kirche in Athen. So werden beispielsweise in mehr als 70 Pfarren rund 10.000 Essensportionen täglich ausgegeben. 3.000 Lebensmittelpakete werden monatlich ebenfalls über die Pfarren verteilt. Dazu kommen nochmals spezielle Hilfsprogramme für kinderreiche Familien, die besonders unter der Wirtschaftskrise leiden. Die Kirche betreibt auch über ihre Hilfsorganisation "Apostoli" drei Sozial-Supermärkte sowie eine Reihe von Gesundheitszentren, in denen unversicherte und verarmte Menschen kostenlos medizinisch versorgt werden.

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