
19. Juli 2012 in Chronik
Hermann Scheipers begeht sein 75-jähriges Priesterjubiläum. Von Andreas Otto (KNA)
Dresden (kath.net/KNA) Hermann Scheipers (Foto) kennt keinen Ruhestand. Er ist fast ein Jahrhundert alt und immer noch von einer Mission getrieben. Ob vor Schülern oder bei Katholikentagen, den jüngeren und jungen Menschen muss er von damals erzählen - als er 1940 als junger Priester von den Nazis verhaftet und ins KZ Dachau gebracht wird. Er überlebt den Krieg und kommt erneut in Bedrängnis, diesmal durch die rote Diktatur in der DDR. Am Dienstag wird Scheipers 99 Jahre alt; und nur zwei Wochen später, am 5. August, feiert er in Ochtrup sein 75-jähriges Priesterjubiläum.
Der Geistliche stammt aus dem Ort im Münsterland. Weil es aber dort in den 1930er Jahren zu viele Priester gibt, entschließt er sich, nach Bautzen in die mitteldeutsche Diaspora zu gehen. Dort empfängt er die Priesterweihe, um dann als Kaplan in der Landpfarrei Hubertusburg zu wirken. Offenbar mit einigem Erfolg. Wegen seiner selbstbewussten katholischen Jugendarbeit gerät er ins Visier der Nazis, die ihm erst mal den Führerschein wegnehmen. Weil Scheipers sich um polnische Zwangsarbeiter kümmert, mit ihnen Messen feiert und ihnen die Beichte abnimmt, wird er schließlich im Oktober 1940 verhaftet und fünf Monate später ins KZ Dachau eingeliefert. In seiner Akte, die Scheipers zufällig in die Hände fällt, liest er die wahre Begründung für die Festnahme: «Scheipers ist ein fanatischer Verfechter der katholischen Kirche und deswegen geeignet, Unruhe in die Bevölkerung zu tragen.»
Der Priester wird - besonders entehrend - gemeinsam mit Kriminellen nach Dachau gebracht. Beim Transport meint einer von ihnen salopp: «Na, haste falsch gesungen auf der Kanzel?» Als Gefangener «Nummer 24255» durchlebt Scheipers die Hölle. «Ihr seid ehrlos, wehrlos und rechtlos. Ihr habt hier zu arbeiten oder zu verrecken», begrüßt der Lagerkommandant die neuen Insassen. Wie viele der in Dachau inhaftierten Priester schuftet Scheipers als Feldarbeiter, bekommt überwiegend wässrige Suppe zu essen. Wer nicht spurt, wird ausgepeitscht, an den Armen aufgehängt oder mit eiskaltem Wasser übergossen. Viele sterben. «Man konnte nur fluchen oder beten», erinnert sich Scheipers.
1942 steht er nach einem Schwächeanfall kurz vor seiner Ermordung. Seine Zwillingsschwester Anna fährt nach Berlin zum Reichssicherheitshauptamt und blufft dort den Leiter der Priesterabteilung: Man erzähle sich überall im Münsterland, ihr Bruder solle vergast werden. Und falls es so komme, würden das die Katholiken dort nicht hinnehmen... Die Zivilcourage zeigt Wirkung.
Bei aller Bedrohung ist sich Scheipers der Hilfe Gottes gewiss. «Diese Nähe habe ich sehr häufig spüren dürfen.» Unvergessen ist, wie ihm ein mitgefangener Priester vor dem Transport in den Tod seine Brotration gibt. «Jedes Mal, wenn ich die Messe feiere und das Brot breche, denke ich daran.» Im April 1945 gelingt Scheipers schließlich bei einem Todesmarsch Richtung Bad Tölz die Flucht.
Nach dem Krieg arbeitet er wieder an früherer Wirkungsstätte. Als Priester in der Diözese Dresden-Meißen widersetzt er sich den Machthabern im DDR-Unrechtsstaat. Als Scheipers nach der Wende seine Stasi-Akte sichtet, bekommt er einen gehörigen Schreck. 15 Spitzel waren auf ihn angesetzt worden. Aus den Papieren geht hervor, dass ihm ein Prozess wegen staatsfeindlicher Hetze angehängt werden sollte. «Aus genau demselben Grund saß ich in Dachau», so Scheipers.
Seit seiner Pensionierung lebt Scheipers wieder im Münsterland - und macht sich von dort aus ungeachtet von Altersbeschwerden immer wieder auf, um als Zeitzeuge über seine Erlebnisse zu berichten. Davon gibt auch sein mehrfach aufgelegtes Buch «Gratwanderungen - Priester unter zwei Diktaturen» Auskunft. Auch dieses ist ein Zeugnis für seinen unerschütterlichen Glauben, den er in einem Wort von Romano Guardini ausgedrückt findet: «Die Geborgenheit im Letzten gibt Gelassenheit im Vorletzten.»
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Foto Prälat Herman Scheipers: © Bistum Dresden-Meissen
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