
14. Juni 2012 in Interview
Wie lebt ein 18-jähriger Abiturient, der im Glauben aufs Ganze geht? Rudolf Gehrig, bekennender Katholik, erzählt im kath.net-Interview von seinen Erfahrungen. Von Petra Lorleberg
Bad Kissingen (kath.net/pl) Gebet: Das ist ein kumpelhafter Dialog mit meinem Chef, wobei ich allerdings ständig aufpassen muss, dass auch er mal zu Wort kommt. So sagt der 18-jährige Rudolf Gehrig im kath.net-Interview. Der Abiturient ist für Überraschungen gut, so äußert er in seiner Jugendsprache über Papst Benedikt XVI.: Verzeihen Sie, wenn ich das so flapsig sage, aber ich finde den Kerl einfach nur genial! Und er legt Wert darauf, dass mehr zum Christsein dazugehört, als nur ein Fan zu sein, der Jesus-Zitate wie die Songtexte einer Band auswendig lernt, aber sie nicht umsetzt.
kath.net: Herr Gehrig, Sie sind fröhlich-bekennend als Katholik unterwegs. Wie haben Sie zu Ihrem eigenen "Ja" zum Glauben an Jesus Christus gefunden?
Rudolf Gehrig: Ich bin von Haus aus katholisch erzogen worden, das Gebet und der Gottesdienstbesuch ist wesentlicher Bestandteil in unserer Familie.
Ich habe als Junge mal die Bibel komplett durchgelesen, und obwohl das für mich eigentlich mehr als eine sportliche Leistung angegangen wurde, hat mich dieses Buch tief beeindruckt.
Nach den rebellischen Phasen in meinem Glaubensleben, in denen man die typischen kirchlichen Leitsätze erstmal alle hinterfragt (und dann am Schluss für richtig erkennt), war vor allem die Schule prägend, in denen ich plötzlich wie es schien mit meinem Glauben alleine dastand. Das hat Jesus und mich noch mehr zusammengeschweißt.
Schließlich war es auch der Tod meiner drei Monate alten Schwester vor drei Jahren, als ich ganz intensiv gespürt habe, dass erstens jedes Leid einen göttlichen Sinn hat und zweitens jedes Menschenleben und sei es noch so kurz - ein gottgewolltes ist!
kath.net: Beten Sie?
Gehrig: Na selbstverständlich!
Es ist ein kumpelhafter Dialog mit meinem Chef, wobei ich allerdings ständig aufpassen muss, dass auch er mal zu Wort kommt.
Neben festen Gebetszeiten wie früh, vor und nach dem Essen, dann um 20 Uhr das universale Vaterunser für das Leben, den Rosenkranz so gegen 21:30 Uhr und dem Abendgebet diese täglichen Stoßgebete, die je nach Situation unterschiedlich ausfallen. Schreien, jubeln, weinen, brüllen, lachen, flüstern, seufzen oder der einfache Blick zum Himmel, ein Kopfnicken zum Wegkreuz oder der Griff zum Rosenkranz.
kath.net: Wann ist es für Sie glaubensmäßig besonders dicht - wo sind Ihre persönlichen Glaubenshöhepunkte?
Gehrig: Am schwersten tue ich mir mit dem Gebet direkt nach dem Aufstehen. Und seltsamerweise in Zeiten, in denen ich im Höhenflug bin, weil mir alles zuzufliegen scheint. Mir ist es bis jetzt noch nicht richtig gelungen, eine Balance zu finden zwischen Erfolg, den ich dann oft mir zuschreibe, und meiner Freundschaft mit Gott, der ihn mir ja eigentlich schenkt. Leider vergesse ich das in solchen Momenten sehr oft und dann wird mein Gebet auf einmal sehr oberflächlich.
Wenn ich aber tatsächlich am Boden zerstört bin und anscheinend die ganze Welt auf mich eintritt, spüre ich Gottes Gegenwart so real wie sonst nie! Oft ist es aber auch die Gemeinschaft mit andern Gläubigen, die einen mit ihrem Feuer einfach anstecken. In solchen Situationen ist das Gebet total leicht, ja, läuft eigentlich schon fast von ganz alleine, weil man fühlt wie einem der Heilige Geist die Worte in den Mund legt.
kath.net: Die Heilige Eucharistie: Leib und Blut des gekreuzigten Herrn, es geht um Seine tatsächliche Gegenwart. Sagen Sie, Herr Gehrig, ist das nicht eine große Herausforderung für Ihren Glauben?
Gehrig: Das stimmt allerdings. Deshalb finde ich es auch wichtig, dass man gerade bei der Wandlung hochkonzentriert dabei ist.
Einen besseren Bezug zur Eucharistie bekam ich, als mir Bilder von sog. Eucharistischen Wundern gezeigt wurden, in denen sich einfache Brothostien in Fleisch verwandelt haben, welches bis heute nicht verwest ist.
Selbstverständlich gibt es auch da wieder Leute, die irgendeinen Trick dahinter sehen, den sich die böse Katholische Kirche ausgedacht hat, um ihre Gläubigen zu ärgern. Aber wer damit kommt, der WILL gar nicht glauben, der lacht wahrscheinlich noch in der Hölle über die tollen Effekte, die ihm glauben machen wollen, verdammt zu sein.
Wenn ich zur Kommunion gehe, bilde ich kurz vorher meine Hände zu einer Schale. Es mag naiv klingen, aber in diesem Moment lege ich alle meine Sorgen und Probleme, meinen ganzen seelischen Müll, den ich mit mir rumtrage, in diese kleine Schale, einen riesigen Berg, um sie gegen den winzigen Leib Christi auszutauschen. Und ich kann wieder aufatmen.
kath.net: Könnte man Sie auch mal mit dem Rosenkranz in der Hand oder in der Hosentasche erwischen?
Gehrig: Seit dem Weltjugendtag versuche ich jeden Abend den Rosenkranz zu beten, jedes Gesätz für ein bestimmtes Anliegen, und bis jetzt habe ich das auch durchgehalten.
Mittlerweile hängt mein Rosenkranz an der Gürtelschlaufe meiner Hose (habe ich mir bei einem Mönch abgeschaut), nach außen hin sichtbar. In der ersten Woche musste jeder in der Schule mal dran herumziehen, in der zweiten Woche gabs nur noch vereinzelt blöde Sprüche, seit der dritten Woche werde ich verwundert gefragt, wenn er mal nicht dranhängt.
kath.net: Zur katholischen Kirche gehört wesensmäßig das Papstamt dazu. Wie stehen Sie zu Papst Benedikt?
Gehrig: Verzeihen Sie, wenn ich das so flapsig sage, aber ich finde den Kerl einfach nur genial!
Er ist genau der Richtige zur richtigen Zeit! Er ist der einzige auf Gottes weiter Erde, der keiner politischen Lobby verpflichtet ist, sondern ganz allein Gott und der ihm anvertrauten Herde. Und er macht seine Sache gut.
Dass er bei dem Ärger, den wir Deutschen ihm mit unserm ZdK, BDKJ, Wir sind Kirche usw. machen, noch nicht durch die Decke gegangen ist, ist schon mal eine große Leistung.
Aber seine Worte haben eine solche Klarheit und eine Weitsicht, so eine Sprengkraft, dass ich bis jetzt noch kein einziges Buch von ihm ganz gelesen habe, weil mir aufgrund der inhaltlichen Masse schon nach wenigen Seiten der Kopf geraucht hat. Seine Worte sind wie ein Vollkorn-Sandwich mit vier Scheiben Käse und Salat auf 8 Scheiben Wurst: Von einem Bissen dieses Brotes zehrt man länger daran als von fünf Scheiben Weißbrot-Gerede mancher selbsternannter Heilsbringer.
Ich brauche mich für ihn vor meinen Freunden nicht zu schämen, im Gegenteil, in Momenten der Verlassenheit fühle ich mich besonders mit meinem großen Glaubensbruder verbunden, der ja viel mehr Gegenwind als ich aushalten muss.
kath.net: Katholischer Lifestile, nehmen wir als Beispiel die Ehrlichkeit: Schummeln in der Schule, Schwindeln und Notlügen, oder Ihnen gibt jemand an der Kasse versehentlich zu viel Wechselgeld zurück - welche Ziele haben Sie sich da für Ihr Verhalten gesetzt? Und: Wird man davon ernst und bitter?
Gehrig: Ja, da sind wir schon beim wunden Punkt Die Ehrlichkeit ist oftmals ein großes Problem bei mir. Da übertreibe ich mal bei der ein oder anderen Erzählung, erfinde mir einen Grund, um mich von dieser oder jener Arbeit zu drücken oder um mir einen Vorteil zu verschaffen, ich traue mich nicht, den andern zu kritisieren, bestimmte Dinge, die mir meine Eltern nicht erlauben, tue ich trotzdem heimlich. Oder wenn ich am Mittagstisch in einem unbeobachteten Moment meine Salatschüssel meinem Bruder zuschiebe.
Besonders mich selbst belüge ich sehr oft, indem ich mir einen Rudolf einreden will, der ich gar nicht bin oder Kritik an meiner Person arrogant abprallen lasse.
Ich will mit all dem aufhören, habe ich mir Anfang dieses Jahres das Ziel gesetzt.
Die Umsetzung geht schleppend voran, aber sie geht voran. Ich habe mich total gefreut, als sich eines Tages plötzlich jemand bei mir für meine Ehrlichkeit bedankt hat.
Sicher wird das auch ein ständiger Prozess mit gelegentlichen Rückfällen sein. Man wird zunächst einmal sehr enttäuscht sein, weil es einfach bequemer ist, sich die Dinge zurecht zu biegen.
Besonders bei meinen Eltern dachte ich mir immer wieder Habe ich doch gewusst, dass die das nicht erlauben werden, das habe ich jetzt davon!.
Aber dafür bekommt man das: Man kann viel ruhiger einschlafen und nach jedem Mal fühlt man, wie das zufriedene Lächeln Jesu das Herz warm anstrahlt.
kath.net: Und wenn dies mal nicht klappt: Ist für Sie die Beichte eine Option?
Gehrig: Auf jeden Fall! Sie ist auch die einzige Option. Im Gegensatz zum Atommüll würde auch in Milliarden von Jahren kein bisschen der Schuld abgebaut sein. Man lernt vielleicht, damit umzugehen, man gewöhnt sich vielleicht sogar dran, aber sie komplett wegnehmen kann nur die Beichte.
Ich schiebe sie gerne auf, lege mir Ausreden zurecht, warum ich JETZT gerade nicht kann, aber schon das allein ist Beweis genug, dass es höchste Zeit ist.
Bei der Beichte geht ich mit meinem von Sünden beschmutztem Gewand in die Wäscherei, um es von Jesus reinigen zu lassen. Dafür muss ich aber meine schmutzigen Kleider ausziehen, so dass ich auf einmal ungeschützt vor ihm stehe, während er sie wäscht. Das ist in dem Moment total unangenehm!
Wenn ich aber dann nach der Lossprechung wieder frische Sachen von ihm bekomme, ist das ein so unglaublich gutes Gefühl, das kein Vergleich richtig beschreiben kann!
kath.net: Wohin soll es bei Ihnen beruflich gehen?
Gehrig: Das würde ich auch gerne wissen. Es ist die P-Frage, mit der ich mich seit gewisser Zeit herumplage. Priester werden? Ich glaube, bestimmte Anlagen zu haben, die dafür sprechen könnten
Allerdings ist der Zölibat der große Prüfstein Zu groß ist der Wunsch nach einer Familie, in erster Linie die Sehnsucht danach, mit einer Frau mein Leben zu teilen.
Ich halte den Zölibat für richtig und wichtig (nur, damit ich mich auch mal zu diesem Dauerthema geäußert habe ), weil man anhand dessen wirklich sehen kann, ob ich es auch ernst damit meine, mein ganzes, ungeteiltes Herz in die Hand Jesu zu legen. Ansonsten kann ich kein richtiger Priester sein! Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich würde mein Herz gerne auch einer Frau schenken, natürlich so, dass Jesus auch weiterhin den größten Platz darin einnimmt.
Eine Berufung zum Apostolat spüre ich, aber mir wäre es mehr als Recht, wenn dies nicht den Weg des Priesters bedeutet. Ansonsten würde ich nämlich im Journalismus weitermachen und unter Umständen später den Weg zum Ständigen Diakon einschlagen.
Das Schreiben macht mir sehr viel Spaß (sieht man, glaub ich, an der ganzen Textfülle hier ) und ist sicher ein Teil meiner Berufung.
Aber ob ich als schreibender Priester oder schreibender Ehemann und Vater ende, wird mir Gott noch verraten müssen.
Ich weiß, dass er mir freistellt, seinem Ruf zu folgen oder nicht. Aber dafür kennen wir uns mittlerweile schon zu lange, als dass ich seinen Willen nicht erfüllen möchte.
Aber irgendwie liebe ich ihn noch zu wenig, als dass ich momentan einfach nicht genügend Vertrauen aufbringe, mich einfach in seine Arme fallen zu lassen, anstatt von vorneherein schon zu sagen: Dein Wille geschehe, mach, was du willst, aber mich bloß nicht zum Priester!.
kath.net: Was ist aktuell Ihre Lieblingsbibelstelle und warum?
Gehrig: Mt 16,24: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
Dieses Zitat zieht mich wieder etwas weg von dem Jesus-Bild, welches man uns heutzutage oft vermitteln will: Weg vom Jesus, der alles zwar gut, aber sicher nicht sooo ernst gemeint hat, weg von dieser Hippie-Gestalt mit langem Bart und Sandalen, die mit Gitarre am Lagerfeuer sitzt und Kumbaya my Lord singt. Diese Bilder blenden das Leiden Jesu Christi komplett aus! Ich weiß echt nicht, was das soll!
Zudem macht mir Mt 16,24 wieder mal deutlich, wie viel mir noch dazu fehlt.
Es wird mir klargemacht, dass mehr zum Christsein dazugehört, als nur ein Fan zu sein, der Jesus-Zitate wie die Songtexte einer Band auswendig lernt, aber sie oft nicht praktisch umsetzt, der ein Kreuz um den Hals trägt, aber wenn es ihm vor andern peinlich ist, dann unter dem T-Shirt, und der einen Rosenkranz sichtbar an der Hose trägt, aber wenn er ihn betet, dann oft sehr abgelenkt und zerstreut. So einer bin ich.
Diese Bibelstelle zeigt mir, woran ich noch arbeiten muss, vor allem auch bei der Selbstverleugnung, weil es doch oft so ist, dass ich MICH und MEINE Wünsche in den Vordergrund stelle und einen eventuell anders ausgerichteten Wunsch Gottes nicht beachte.
Rudolf Gehrig hat vor kurzem einen Preis für ein Engagement als Lebensschützer im Bekanntenkreis und auf facebook überreicht bekommen. Seine Rede zur Preisverleihung auf kath.net: 18-Jähriger: Beten ist die radikalste Form, sich einzumischen.
Foto: (c) Rudolf Gehrig
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