
6. Juni 2012 in Interview
Rémi Brague im kath.net-Interview bei Heiligenkreuzer Tagung: Der Humanismus kann uns keinen archimedischen Punkt geben, von wo her wir etwas Positives über den Wert des Menschen sagen können
Wien (kath.net) Vor einem falschen Verständnis von Humanismus warnt der französische Philosoph Rémi Brague im Interview mit KATH.NET. Anlässlich der Tagung Diktatur des Relativismus im Stift Heiligenkreuz sprach Christof Zellenberg mit dem Philosophen zum Thema Ist das Dasein des Menschen ein Gutes?
Wer ist heutzutage kein Humanist? Das ist jeder. Aber es ist leicht, den Humanismus zu predigen, und schwierig, ihn zu begründen, und zwar deshalb, weil der größte Erfolg des neuzeitlichen Humanismus im Projekt eines so genannten ausschließlichen Humanismus zusammengefasst wurde, sagt Brague, der an der Pariser Universität Sorbonne und der Ludwig-Maximilians-Universität München lehrt.
Der Humanismus bestehe in der Möglichkeit, ohne irgendeinen Bezug auf Transzendentes auszukommen. Das bedeute: Wir brauchen keinen Gott, um etwa eine tragfähige Naturwissenschaft zu bilden - und das stimmt. Wir brauchen ebenso wenig einen Gott, um eine tragfähige Gesellschaft zu gründen. Eines aber könne der Humanismus nicht leisten: Uns den archimedischen Punkt angeben, von wo her wir etwas Positives über den Menschen sagen können. Es fehlt uns die Warte, von der her wir den Wert des Menschlichen bejahen könnten. Und zwar deswegen, weil dieses humanistische Projekt alles Transzendente in sich zurückgeholt hat. So seien wir in einer eigenartigen Lage: Wir kommen uns als das höchste Wesen vor, und auf der anderen Seite sind wir uns nicht mehr sicher, dass wir etwas wert sind.
Jean Paul Sartre habe gesagt, wir bräuchten einen Standpunkt von außerhalb des Menschen, um den Wert des Menschen festzustellen. Wenn wir darüber nicht verfügten, könnten wir einen Humanismus nicht begründen.
Damit die Spezies Mensch weiter bestehe, müsse sie sich fortpflanzen, dafür brauche sie aber gute Gründe, um die Last des Daseins anderen aufzuladen, die darüber nicht selbst entscheiden können. Könne dies nicht von einer äußeren Instanz bejaht werden und gäbe es keine weitere Perspektive als das diesseitige Leben, seien wir Mörder, weil wir neue Menschen zum Tode verurteilen.
Weitere Themen des Interviews sind der Unterschied zwischen der Vergötzung von Welt und Vernunft und der Vergöttlichung des Menschen als göttliches Projekt.
Das Video-Interview:
Foto: kathtube
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