
5. Juni 2012 in Interview
Die Ärztin Christa Wiesenberg lebt mitten im italienischen Erdbebengebiet. Sie berichtet im Interview von ihren Eindrücken. Von Petra Lorleberg
Spilamberto/Modena (kath.net/pl) Die Ärztin Christa Wiesenberg (Foto) wohnt im italienischen Erdbebengebiet, nur 30 km vom Epizentrum des ersten heftigen Bebens entfernt. Sie berichtet im kath.net-Interview, wie sie aktuell die Folgen von heftigen Erdstößen erlebt. Die praktizierende Katholikin ist bereits zum zweiten Mal mitten im Katastrophengebiet, sie überlebte auch schon mit knapper Not das Erdbeben im Jahr 2009 in L´Aquila.
kath.net: Frau Dr. Wiesenberg, Sie leben mitten im Erdbebengebiet. Wie ist die Lage vor Ihrer Haustür?
Wiesenberg: In den frühen Morgenstunden des 20. Mai wurde hier so ziemlich jeder aus dem Schlaf gerissen, als die Erde etwa 20 Sekunden lang bebte, das Epizentrum jedoch von hier, wo wir wohnen, etwa 30 km entfernt liegt. Niemand konnte genau wissen, was gerade geschehen ist.
Ein erster Blick aus dem Fenster zeigte jedoch, dass etwas geschehen war, das das Normale übersteigt. Dann kamen die ersten Nachrichten. Ein Erdbeben der Stärke 6,0 auf der Richterscala hat die Emilia Romagna erschüttert: sieben Tote, Dutzende Verletzte, Tausende Menschen obdachlos. Betroffen sind die Provinzen, Modena, Ferrara und Bologna, die jetzt in die Knie gezwungen wurden, so lauteten die ersten Nachrichten.
Dann erfolgte das zweite schwere Erdbeben am 29. Mai, das am Morgen desselben Tages die Stärke 5,8 auf der Richterscala erreichte, dann von zwei weiteren Erschütterungen der Stärke 5,4 und 5,2 im Tagesverlauf gefolgt wurde. Dazwischen unentwegt folgende Erdstöße. Allein während der ersten Nacht wurden 90 Nachbeben registriert. Der 29. Mai forderte 17 Menschenleben, die Zahl der Verletzten lag bei 350, die Obdachlosen nahmen bis auf 16.000 zu, wobei die Zahl derer, die verständlicherweise nicht mehr in ihre Häuser zurück wollten, weitaus höher ist.
Das dritte Beben ereignete sich vorgestern Abend und erreichte die Stärke von 5,1 auf der Richterskala. Menschen kamen diesmal nicht zu Schaden, der Sachschaden jedoch ist beträchtlich höher geworden.
Allerdings ist die psychische Belastbarkeit der Menschen hier nochmals um ein Erhebliches gesunken. Man muss irgendwie lernen, mit der Angst zu leben, und das in relativ kurzer Zeit. Zwischen dem ersten und dem zweiten Beben gab es kaum Zeit, zu seinem inneren Gleichgewicht zu finden und das ist es, was hier allen so sehr zusetzt.
Trotzdem besteht ein unglaublicher Zusammenhalt unter allen den Betroffenen, den vielen, vielen Helfern aus Feuerwehr, Zivilschutz, Italienischem Roten Kreuz, Seelsorgern und den unzähligen Freiwilligen, die hier sehr gut organisiert sind. Es wurden vier Krankenhäuser evakuiert, man geht derzeit davon aus, dass 900 Krankenhausplätze sowie 600 Altenheimplätze verlorengegangen sind, für die ein adäquater Ersatz geschaffen werden konnte. Die Menschen, die Hilfe benötigen, sind erst einmal versorgt, diejenigen, die sich selbst helfen können, werden entsprechend unterstützt und begleitet.
kath.net: Sie selbst leben in einem Haus, das nach den gängigen Kriterien als erdbebensicher eingestuft wird. Bleibt man da ruhig, wenn man aus dem Schlaf wach wird, weil die Erde wieder bebt?
Wiesenberg: Nun, ich für mich persönlich genommen habe erstaunlicherweise weniger Probleme mit der Situation. Ich weiß auch nicht, womit das zusammenhängt... Ich vertraue hier voll und ganz auf die göttliche Vorsehung, fühle mich im Glauben voll und ganz geborgen. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht mehr die Jüngste bin und in meinem Leben schon so einiges erleben und erfahren durfte
Mein Sohn reagiert in seinem Unterbewusstsein da wesentlich sensibler. Bei jedem größeren Erdstoß steigt bei ihm wie er es selbst sagt der Adrenalinspiegel, obwohl er bewusst keine Angst verspürt.
Allerdings bleibt man recht hellhörig, wenn es stärker bebt. Dann ist die Hand doch schnell am Schalter der Lampe, und wenn es daraufhin nicht finster bleibt und das elektrische Licht angeht, tourt man rasch wieder ab. Also so ganz ohne Reaktion bleibt man dabei nicht. - - -
kath.net: Was brauchen die Menschen in Ihrer Region momentan am nötigsten?
Wiesenberg: Aktuell brauchen die Menschen hier in dieser Region vor allem psychosozialen Beistand. Natürlich sind Tausende auf ganz elementare Hilfen wie Unterkunft (in Zelten, mobilen Einrichtungen, entfernter liegenden Hotels, bei Verwandten oder Freunden), Verpflegung, medizinische Versorgung etc. angewiesen, dabei bleibt zu bedenken, dass die Mittel/Lebensmittel im Moment zwar ausreichen, doch wie lange kann das am Ende dann wirklich so sein? Es ist wichtig, dass hygienische Vorkehrungen getroffen werden. Dass die Betroffenen die Möglichkeit haben, ihre Notdurft zu verrichten das ist ungeheuer wichtig (!) -, dass sie sich waschen können, dass die Kinder entsprechend versorgt und betreut werden und und und
Ich muss da wohl gar nicht alles erst aufzählen, was im normalen Alltag notwendig wird und einem erst so richtig zu Bewusstsein gelangt, nachdem in weniger als einer Minute die bisher gewohnte Umgebung zerstört worden ist. Es wird sich dann auf den zweiten Blick sozusagen zeigen, was für die betroffenen Menschen dringend erforderlich sein wird. Momentan jedenfalls ist für die lebensnotwendige Akutversorgung der Erdbebenopfer gesorgt.
kath.net: Schätzen Sie, dass die Menschen der betroffenen Region in, sagen wir, einem halben oder einem ganzen Jahr wieder einigermaßen zur Normalität zurückkehren können?
Wiesenberg: Die Geophysiker, Seismologen und Vulkanologen können ihrerseits noch kein grünes Licht geben, es bleibt weiterhin abzuwarten, wie sich die Dinge hier entwickeln. Dabei kann es nach Ansicht der Experten noch zu weiteren, auch größeren Beben im unmittelbaren Verlauf kommen. Es wird gesagt, dass die Erdstöße im Sinne von Nachbeben zwischen sechs Monaten und drei Jahren noch andauern können. Vorhersagen lassen sich Erdbeben nicht. Schlimm sind die Auswirkungen auf die wirtschaftliche Lage, wie sie nun entstanden ist. Viele Produktionsstätten sind zerstört, auch die Landwirtschaft ist empfindlich getroffen. In dieser Region hier befinden sich die wichtigsten Produktionsstätten des Landes. Man befürchtet soweit ich es wiederholt gehört habe dass die Emilia Romagna im schlimmsten Falle ihre Identität verlieren könnte. Nur ein Beispiel: die Hartkäseproduktion (Grana padano) wurde empfindlich getroffen, der Schaden geht weit in die Millionen. Ebenso die Produktion des auch in Deutschland bekannten und wohl beliebten Modeneser Balsamo-Essigs hat empfindliche Verluste hinnehmen müssen. Viele andere Betriebe und Produktionsstätten stehen hier erst einmal vor dem Aus. Ich glaube, dass das ganze Ausmaß erst viel später zu erfassen sein wird. Bis da eine Normalität in den produktiven Alltag zurückkehren kann, ich glaube, das lässt sich zum derzeitigen Moment nicht abschätzen.
kath.net: Frau Dr. Wiesenberg, Sie haben bereits schon einmal ein sehr schweres Beben mitgemacht. Wie ging es Ihnen damals und welche Folgen hatte dies für Ihr eigenes Leben?
Wiesenberg: Ach ja Das bleibt wohl unvergessen für einen selbst. Es war am späten Abend des Palmsonntags 2009, als die Erde zum wiederholten Male in L´Aquila bebte und mein Sohn (der gerade von seinem Apostolat aus Moskau zurückgekommen war) und ich gerade zu Bett gehen wollten. Durch diesen Erdstoß verging erst einmal die Müdigkeit, wir schauten im Internet nach. Dort wurde mitgeteilt, dass es sich um ein Beben der Stärke 4,2 der Richterskala handelte.
Wir brühten uns daraufhin eine Tasse Kaffee auf und diskutierten angeregt, dabei äußerte ich auch meine Absicht, dass ich mich sollte es in der Nacht heftiger beben unter den schweren Küchentisch begeben wolle, um schlimmstenfalls eine Pufferzone zu haben. Gegen 02:05 Uhr gingen wir zu Bett. Mein Sohn schlief eine halbe Treppe oberhalb von mir, direkt neben dem Glockenstuhl unserer Kirche.
Um 03:32 Uhr begann es laut zu tosen und zu krachen, zu wackeln und zu schwanken, es schien auch, als seien kreisende Bewegungen mit dabei. Jedenfalls gelang es NICHT, sich im Bett aufzurichten oder irgendeine gezielte Bewegung durchzuführen. Das Licht der Lampe am Bett brannte nicht, es war pechschwarz, auch von draußen kam kein Lichtschein. Dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall, die halboffene Tür schlug ganz auf und eine dichte Staubwolke verhinderte nahezu das Atmen. Irgendwelche Gegenstände fielen von oben auf mich herab ich dachte nur: Ein Erdbeben!
Ich rief und schrie nach meinem Sohn, kam nur unter Schwierigkeiten aus meinem Bett, unter meinen Füßen lagen spitze, harte Gegenstände, Steine, Glas. Meine Schuhe waren nicht zu tasten. Irgendwie gelangte ich zur Tür des Zimmers meines Sohnes, doch die gab keinen Millimeter nach und blieb fest verschlossen. Ich hörte meinen Sohn bald rufen: Ich bin o.k.! Mir ist nichts passiert! da war ich schlagartig die Ruhe selbst, obwohl ich noch immer nicht richtig atmen konnte und Staub und Sand in den Augen brannten. Kurzum: ich erwischte warum, weiß ich nicht! mein kleines Handy im Schutt unter mir. Ich konnte mit dessen Displaylicht die unmittelbare Umgebung erkennen. Die Tür ließ sich dann gegen die Steine und den Schutt einen Spalt weit öffnen, so, dass ich dem Sohn das Handy reichen konnte. Er konnte erkennen, wie der Schutt von innen seine Tür blockierte, konnte so viel davon beiseite räumen, dass er sich durch einen engen Spalt befreien konnte. Er erwischte rein zufällig (?) meine Sandalen unter dem Schutt vor meinem Bett.
Wir kamen nach knapp einer Stunde lebend aus dem Haus, froren dann entsetzlich, denn es lag an diesem 6. April Schnee und es gab Frost. Die Erde bebte immer wieder, man hörte Glas splittern und Steine fallen, es roch sehr konzentriert nach Gas, auf den Straßen standen die Menschen wie wir im Schlafanzug nur bekleidet, entsetzt über das, was gerade geschah, und doch gab es sofort einen unglaublichen Zusammenhalt untereinander. Aus einem dreistöckigen Haus Schreie von jungen Leuten. Sehr bald waren sie von Feuerwehrleuten über eine Drehleiter befreit. Der Gasgeruch verflüchtigte sich. Die ersten Helfer des Zivilschutzes brachten Decken und teilten Trinkwasser in kleinen Flaschen aus.
Jedes erneute Beben führte dazu, dass ein Großteil der Leute aufschrie, andere auch mein Sohn und ich - suchten zu beruhigen. Der Tag begann zu grauen, die ersten Toten wurden in unmittelbarer Umgebung von uns aus ihren Häusern geborgen. Hundestaffeln wurden eingesetzt, die Sirenen der Ambulanzen wetteiferten miteinander, bald flogen Hubschrauber über unseren Köpfen hinweg, denn zwei Krankenhäuser wurden evakuiert. Ich hörte den Ruf: Medico! und begab mich zu einer Gruppe von Feuerwehrleuten. Im Studentenwohnheim gab es Opfer. Ein Student lebte, war jedoch von einem Stahlträger eingeklemmt, musste befreit werden. Das konnte nur unter Schmerzstillung und der Aufsicht eines Arztes geschehen. Es konnte gelingen, doch leider kam für manche seiner Kommilitonen jede Hilfe zu spät.
Ordensschwestern standen - wie wir - im Nachtgewand auf der Straße. Sie hatten einen Stuhl bei sich und wir wechselten einander ab, um kurz einmal zu sitzen. Kapuzinerpatres, deren Kirche unterhalb der Hauptstraße eingestürzt und deren Konvent zum Teil eingestürzt war, brachten etwas Brot und ein paar Äpfel und verteilten dies unter uns alle. Dabei fiel auf, dass sich jeder nur ein kleines Stückchen davon nahm und davon dann an den Nächsten weitergab. Ich musste an die wunderbare Brotverteilung unseres Herrn denken
Zusammengenommen bleibt die Feststellung, dass wir (mein Sohn und ich) ohne die geringste Verletzung dieser Katastrophe entgangen sind, obwohl das Haus, in dem wir untergebracht waren, über uns zusammenstürzte. Der Tisch in der Küche, unter den ich gar nicht erst gelangte, war unter dicken Mauerbrocken zerborsten. Auf der Straße stand mein Auto zwischen anderen Autos geparkt. Alle Fahrzeuge vor und hinter dem meinen waren entweder ganz zerstört oder zumindest sehr stark beschädigt; an meinem Fahrzeug zeigte sich nicht einmal ein Kratzer. Ich neige ganz und gar nicht dazu, in allem schnell eine Art Wunder sehen zu wollen, hier aber sehe ich doch einen gewissen Wink des Himmels, nämlich weiterhin zur Verfügung zu stehen: und zwar ausschließlich zur Ehre Gottes. -
kath.net: Beten Sie, wenn die Erde bebt?
Wiesenberg: Nicht nur wenn die Erde bebt. Ich bleibe davon überzeugt, dass das Gebet zu unserem Leben gehören sollte WIE DAS TÄGLICHE BROT! Dass man in Nöten und Ängsten und in Bedrängnis sicher eher zum Gebet findet, das ist nun mal so. Der Herrgott, auch dessen bin und bleibe ich gewiss, erhört JEDES Gebet und JEDEN von uns. -
Zum Austausch mit Christa Wiesenberg im Forum
Frau Wiesenberg gab kath.net bereits vor einem Jahr ein Interview über ihren Glauben, Praktizierende Ärztin, praktizierende Katholikin: Zentral ist Jesus
© 2012 www.kath.net