
23. Mai 2012 in Kommentar
Mit Facebook und Co. triumphieren der Zwang zur Öffentlichkeit, die Sucht nach Aufmerksamkeit, die Anbetung der Transparenz. Ein Kommentar von Alexander Kissler.
München (kath.net/idea) Am vergangenen Freitag wurde die Aktie des weltgrößten sozialen Netzwerkes Facebook erstmals an der New Yorker Börse gehandelt. Das 2004 gegründete Internet-Unternehmen mit Sitz in Kalifornien (USA) erreichte damit eine Marktkapitalisierung von rund ca. 82 Milliarden Euro. Es war damit wertvoller als der Sportartikelhersteller Adidas, der Automobilkonzern BMW und die Deutsche Bank zusammen!
Dabei sind sich die Finanzmarktexperten uneins, ob der Erfolg von Facebook anhalten wird. Schon macht das Wort vom Mega-Flop die Runde denn am Montag danach ging die Aktie deutlich auf Talfahrt.
Facebook kann mit weltweit über 900 Millionen aktiven Nutzern prunken, die pro Sekunde 37.000 Interaktionen durchführen wenn sie etwa einen Kommentar unter einen Eintrag schreiben oder ihre Zustimmung mit dem Gefällt mir-Knopf bekunden. Der Platzhirsch unter den sozialen Netzwerken stellt einen freien Raum zur Verfügung, in dem jeder sich darstellen, für seine Interessen werben und Gleichgesinnte finden kann eine Aufmerksamkeitsmaschine. Bereits 91 Prozent (!) der 14- bis 29-Jährigen in Deutschland haben ihr Facebook-Profil als lebende Visitenkarte.
Große Chancen aber auch große Risiken
Doch damit gehen große Chancen und Risiken einher. Gewiss sollten Christen das Netz nicht komplett denen überlassen, die es zu destruktiven Zwecken nutzen. Facebook kann auch christliches Engagement bündeln und verstärken.
Schwer wiegen jedoch die Folgen für eine Gesellschaft, in der kaum noch zwischen der Online- und der Offline-Welt, zwischen dem Leben da draußen und jenem mit Monitor und Smartphone unterschieden werden kann.
Schon heißt es, wer nicht vernetzt ist, sei gar nicht vorhanden. Damit wird schleichend das Maß an Entblößung zum Kriterium für ein gelingendes Leben. Mit Facebook und Co. triumphieren der Zwang zur Öffentlichkeit, die Sucht nach Aufmerksamkeit, die Anbetung der Transparenz.
Das wirklich Private das Geheime gar wird begründungspflichtig. Wer Herr seiner Lebensentwürfe bleiben will oder schlicht introvertiert ist, erscheint als finsterer Geselle, der etwas zu verbergen hat.
Kein Zufall, dass die Piraten dem Internet huldigen
Es ist kein Zufall, dass eine kirchenkritische Partei wie die Piraten dem Netz huldigt. Hinter dem Anspruch, alles in die Öffentlichkeit zu tragen, verbirgt sich ein Vorwurf gegen all die Menschen, die sich nicht öffentlich präsentieren wollen.
Zudem wird übersehen, dass jeder Nutzer einem Unternehmen gratis geldwerte Informationen liefert.
Es gilt neu zu lernen: Aufmerksamkeit ist nicht alles. Sie fällt oft dem Abseitigen zu. Das Leise hingegen buhlt nicht, die Tugend meidet das Schaufenster. In der Bibel spricht Gott in der Wüste oder auf dem Berg zu den Menschen.
Das Getöse der Aufmerksamkeitsindustrie kann taub machen für jenes innere Aufmerken, das nottut. In Zukunft sollte die Devise für Christen lauten: Schützt das Geheimnis, verteidigt die Stille!
Der Autor, Dr. Alexander Kissler (siehe Foto), ist Sachbuchautor und Kulturjournalist bei mehreren Zeitungen.
Foto: (c) www.alexander-kissler.de
© 2012 www.kath.net