Ein Tag des Geldbeutels, nicht des Herzens

12. Mai 2012 in Familie


Ann Jarvis, die Erfinderin des Muttertags: «Die Leute machen ein Geschäft aus meinem Muttertag. Es sollte ein Tag des Herzens werden, nicht des Geldbeutels». Von Angelika Prauß (KNA)


Bonn (KNA) Ann Jarvis, die «Mutter» des Muttertags, würde sich im Grabe umdrehen, hatte sie die Geschäftemacherei doch schon zu Lebzeiten auf die Palme gebracht. Gegen alle, die aus «ihrem» Ehrentag Kapital schlagen wollten, führte die einst umjubelte Initiatorin des Muttertags bis zu ihrem Lebensende Prozesse, wenn auch vergeblich.

Noch im hohen Alter soll der Methodistin beim Anblick eines Blumenladens die Zornesröte ins Gesicht gestiegen sein. «Die Leute machen ein Geschäft aus meinem Muttertag. Es sollte ein Tag des Herzens werden, nicht des Geldbeutels», wetterte sie erbost über das Treiben.

Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen: Als ihre geliebte Mutter am 7. Mai 1906 verstarb, war Ann Jarvis todtraurig. Trotz allem Vermögen, das die Mutter der Tochter hinterlassen hatte, war die Welt leer geworden. Als sich der Todestag der Mutter zum ersten Mal jährte, wurde ihr klar: Alle Mütter haben einen Ehrentag verdient - und zwar zu Lebzeiten. Vor 105 Jahren erklärte sie deshalb die Etablierung des Muttertags zu ihrem persönlichen Lebensziel.

Ein Jahr später bat die gläubige Christin ihren Pastor, am Todestag über die Mutterrolle in der Gesellschaft zu predigen. Die Ansprache fand großen Anklang. Jarvis verteilte zudem am Ende des Gottesdienstes weiße Nelken an die Kirchgänger - und war am nächsten Tag Gesprächsthema der Stadt. Die Idee von einem Gedenktag für alle Mütter verbreitete sich rasch.

Ermutigt von dem Erfolg, legte Jarvis erst richtig los: Sie schrieb Briefe an hochgestellte Persönlichkeiten in aller Welt, warb auf Flugblättern für den Ehrentag. Zunächst wurde sie für ihr Engagement belächelt. Das änderte sich bald: «Als sichtbaren Ausdruck unserer Liebe und Verehrung für die Mütter unseres Landes» erklärte 1914 der US-Kongress den zweiten Sonntag im Mai zum offiziellen Nationalfeiertag.

In Deutschland gibt es den Muttertag seit 1923: «Gedenke Deiner Mutter Güte, schenk ihr eine frische Blüte.» Mit diesem Slogan warben Floristen damals. Ein gewisser Rudolf Knauer soll von der amerikanischen Idee so begeistert gewesen sein, dass er sie nach Deutschland importierte. Jedoch nicht als treusorgender Sohn, sondern als cleverer Geschäftsmann und Beauftragter des Verbandes Deutscher Blumengeschäftsinhaber. 1925 machte Reichspräsident Paul von Hindenburg den Muttertag zum gesetzlichen Feiertag.

Bald wurde der Muttertag allerdings auch politisch aufgeladen: Schon Ende der 1920er Jahre nutzte die «Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung» den Tag, um vor einem Aussterben der Deutschen zu warnen und für die sittliche Reinhaltung des Volkes zu werben. Frauen mit sieben oder mehr Kindern konnten sich über ein Gedeck oder eine Anstecknadel freuen.

Schließlich instrumentalisierte der nationalsozialistische Staat den Muttertag. Kinderreiche Frauen bekamen am «Tag der deutschen Mutter», so seit 1939 der neue Name des Maisonntags, das Mutterkreuz angeheftet. Mit dem Krieg endete auch die Idee des Muttertages - vorerst, denn schon 1949 wurden wieder Blumensträuße und Konfekt verschenkt.

105 Jahre nach der Erfindung des Muttertags hält sich die Begeisterung bei vielen Frauen in Grenzen. Mit einem Tag im Jahr, an dem Blumen verschenkt und Mütter zum Essen ausgeführt werden, sei es nicht getan - so die Meinung vieler Frauen. Viele von ihnen wollen sich zudem nicht mehr auf die Mutterrolle festlegen lassen und fordern mehr Familienarbeit der Männer ein.

Jarvis übrigens starb 1948 im Alter von 84 Jahren in einem Altenheim der Stadt Philadelphia - verbittert, erblindet und völlig verarmt. Wie Ironie des Schicksals mutet es an, dass dankbare Blumenhändler ohne ihr Wissen die Kosten für ihre Pflege übernommen hatten.

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