Musste nicht der Messias all das erleiden?

5. Mai 2011 in Spirituelles


Ein Kommentar von P. Dr. Bernhard Sirch zum Sonntagsevangelium


Illschwang (kath.net)
A - 3. Ostersonntag (oder Ostermontag: A, B, C). 1. Ls.: Apg 2,14.22-33. 2. Ls: 1 Petr 1,17-21.
Betrachtung zum Ev. Lk 24, 13-35.

Sie sind heute an diesem Sonntag in den Gottesdienst gekommen, vielleicht, um etwas von jener inneren Ruhe und von jenem tiefen Frieden einer Kirche in sich aufzunehmen. Eine Kirche wird immer ein Ort sein, wo man von der Hetze der Zeit, vom Gehetztwerden von der Zeit aufatmen kann. Ein Schlüssel zu dieser inneren Ruhe und Gelöstheit ist das Gebet, die tägliche Betrachtung und die Meditation.

Ich möchte mit Ihnen heute eine Meditationsübung halten. Die Szene, die wir uns zum Meditieren wählen, in die wir eindringen wollen, ist das heutige Evangelium: die Begegnung des Herrn mit den zwei Jüngern, die nach Emmaus hinausgehen. Diese beiden Männer, diese Jünger Jesu sind in eine Glaubenskrise geraten, und zwar, obwohl sie der Herr darauf vorbereitet hat: dreimal hat er sein Leiden vorausgesagt. Immer wieder hat Jesus davon gesprochen: "am dritten Tag werde er auferstehen" (Mt 16,21; 17,23; Lk 9,22 und viele weiteren Stellen). Aber diese Vorbereitung ist wie ausgelöscht. Sie sind von der Tatsache der Kreuzigung so enttäuscht, daß sie nun sagen: "Wir aber hatten gehofft, daß er der sei, der Israel erlösen werde" (Lk 24, 21). Wir hatten eine strahlende Hoffnung. Diese Hoffnung aber hat uns betrogen. "Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist" (Lk 24, 21).

Manche Gläubige sind heute in der gleichen Lage. Wie die beiden Emmausjünger von Christus enttäuscht waren, so sind heute viele Gläubige von der Kirche enttäuscht und wenden sich wie die beiden Emmausjünger von der Kirche ab.

Und in ihrer Traurigkeit, da haben die Emmausjünger keinen Blick mehr für die richtigen Maße. Und so sagen sie denn: "Aber nicht nur das: Auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht" (Lk 24, 22-24). Diese Emmausjünger sind so verblendet und verbohrt, daß sie nicht daran denken: wenn doch der Leichnam nicht im Grab zu finden ist, vielleicht ist der Herr auferstanden. Diese beiden Emmausjünger sind erst von Jerusalem weggegangen, nachdem Petrus und Johannes beim Grab waren, wobei es von Johannes (20,8) heißt: "Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte" (Lk 20, 8). Das alles wird unter den Tisch gewischt, sie sind einfach verblendet, sie sehen sich in ihrer Hoffnung betrogen.

Damit sehen wir uns selbst: auch für uns gibt es derartige Krisen, wo eine leuchtende Hoffnung zusammenbricht, wo wir mit Gewalt völlig aus dem bisherigen Weg geworfen werden. Bisweilen kann man erleben, wenn Menschen, die tief getroffen wurden, Hilfen geboten werden, dann greift dies alles nicht mehr an, weil sie so ganz in ihren Kummer verbohrt sind. Es kann sein, daß ein Gläubiger in einer solchen Krise seinen Glauben verliert. In dieser Situation sind so manche Christen: in der Krise dieser Zeit. Auch so manche Priester meinen, die große Hoffnung, die die Kirche für sie war, diese große Hoffnung habe sie getäuscht, sie meinen sogar, es habe sich getäuscht ihr Glaube an Christus, den Sohn Gottes; und so haben schon der eine oder andere Priester und Gläubige Ihren Stand verleugnet, weil er in dieser Krise nicht fertig wurde.

Der Herr läßt so eine Krise zu, damit wir daran reif werden. Allerdings eine derartige Krise kann negativ ausgehen und keiner von uns ist absolut gesichert und besonders dann nicht, wenn ich das tue, was diese zwei Männer da taten: Sie gingen von den anderen weg. Sie gingen hinaus aus Jerusalem, sie trennten sich von den anderen Aposteln, sie trennten sich von den anderen Jüngern. Und die Gefahr ist groß, so wie ein verwundetes Tier, das sich in das allerverborgenste Dickicht des Waldes flüchtet und dort an seinen Wunden zugrunde geht, so ist es manchmal, wenn wir in einer solchen Krise stecken, dann mögen wir keinen Menschen mehr, dann ist uns auch die Gemeinschaft, in der man lebte, zum Ekel, und man möchte sich am liebsten von allen entfernen. Und das ist das Verkehrteste, was man tun kann. Wer dies tut, der ist schon auf dem Wege, daß er an der Krise scheitert.

Priester und Gläubige, die aus eigener Schuld von ihrem Amt entfernt wurden, müssen innerhalb der Kirche bleiben und dürfen nicht weggehen oder gar ausgestoßen werden, besonders Priester, die ihr Amt aufgeben mußten, weil sie trotz Reue kein Erbarmen gefunden haben. Ein Vorbild kann Jesus im Umgang mit den Emmausjüngern sein.
Und die zwei gehen von der Gemeinschaft weg, sie gehen hinaus, und dann trägt sich das zu, was oft ist, wenn zwei Menschen in der Krise sind, dann finden sich gerade diese Zwei, die in der Krise stecken. Gewiß, sie haben Verständnis füreinander, sie bohren sich miteinander nur noch tiefer in ihren Kummer.

Und nun trägt sich das Erschütternde zu; als sie sich so miteinander unterhielten und besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen: "Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen" (Lk 24, 15). Das ist eines der großartigsten Worte in der Schrift: die zwei Männer, die daran sind, ihre leuchtende Hoffnung zu begraben, die daran sind, an der Krise zu scheitern, die läßt der Herr, der gute Hirte nicht laufen, sondern er geht zu ihnen, er gesellt sich zu ihnen und zwar ohne daß die Jünger merken, daß er es ist. Wir sehen hier Jesus als Seelsorger. Er gibt die Jünger, die in die Irre gehen nicht auf, noch weniger verurteilt er sie, sondern wie er dem verlorenen Schaf nachgeht, bis er es findet, geht er mit den Emmausjüngern und redet mit ihnen über die Probleme, die sie haben. Wie viele Priester sind heute auf dem gleichen Weg wie die Emmausjünger? Auch die Priester brauchen Seelsorger, bei denen sie sich ausprechen können, heraussprechen können, was sie bedrängt. Die Emmausjünger haben nicht nach einem Seelsorger gerufen, sondern Jesus kam von sich aus auf die beiden Jünger zu. Jesus verurteilt nicht, sondern er führt die Jünger wieder zurück in seine Gemeinschaft.

Wie oft waren wir in einer solchen Situation, wie oft haben wir gewartet, daß uns jemand anspricht, daß jemand mit uns geht: wie viele Gläubige und Priester wären vielleicht noch innerhalb der Kirche, wenn sie, wie die beiden Emmausjünger recht-zeitig jemand gehabt hätten, der ihnen nachgegangen wäre? Jesus selbst naht sich ihnen und er ging mit ihnen in ihre Krise hinein. Und diese Gewißheit darf jeder von uns haben, daß der Herr im Dunkel der Krise bei uns ist.

Und nun können wir sehen, wie Jesus vorgeht. Er wartet nicht bis die Jünger bereits gescheitert sind, um dann diese beiden zu verurteilen, sondern er kommt, bevor es zu spät ist. Jesus steht nicht am Ende des Weges, um zu verurteilen, sondern er geht mit ihnen den schwierigen Weg.

Er bringt sie dazu, das Gift auszuspeien: "Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet" (Lk 24, 17). Und sie erzählten alles, was sich zugetragen hatte. Ignatius sagt, wenn so ein Mensch in der Krise steckt, dann verführt ihn der böse Geist dazu, daß er kein Wort mehr über die Lippen bringt. Der soll alles in sich hineinfressen, bis er daran zugrunde geht. Und das Entscheidende, was von den beiden Jüngern geleistet werden muß, ist: sich aussprechen, das Gift ausspeien. Wenn wir in einer solchen Situation sind müssen wir den Mut, die Demut aufbringen, sich auszusprechen beim Beichtvater oder einem guten Mitmenschen, von dem man weiß, daß er ein Wort des Trostes zur Verfügung hat und daß er einen nicht nur tiefer in das Dunkel hinunterstößt. Diese Demut müssen wir also haben, ruhig zu sagen, ich bin am Ende, ich kann nicht mehr, geben sie mir eine Hand, helfen sie mir. Herr, hilf mir, ich gehe zugrunde, so hat Petrus, der am Versinken war, gerufen. Wenn der Mensch redet, wenn sich der Mensch ausspricht, hat Jesus einen Ansatzpunkt, wo er anfangen kann, es herrscht keine Friedhofsstille.

Nachdem nun Jesus die beiden Jünger erzählen ließ, würden wir vielleicht erwarten, daß Jesus ihnen gut zuredet. Aber, der Herr geht zunächst einmal etwas unsanft mit ihnen um: "Da sagte Jesus zu ihnen: Begreift ihr den nicht?" (Lk 24, 25). Ihr Unverständigen! Und das wissen wir alle miteinander, es gibt Stunden in denen man auch zu sich selber sagen muß: O du Unverständiger, törichter Mensch. Und wenn mir in solch einer Situation ein hilfreicher Mensch begegnet, der mich zunächst einmal tüchtig schüttelt, der mich ausschilt, dann will ich ihm das nicht übel nehmen, sondern will mich freuen; manchmal braucht man einen derartigen Schüttler. O ihr Unverständigen: "Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? (Lk 24,25.26). Damit ist das Schlüsselwort formuliert. Das Ziel ist die Herrlichkeit, aber zu diesem Ziel der Herrlichkeit führt der Weg des Leidens, der Weg der Heimsuchung, durch das Dunkel zum Licht, durch das Kreuz zur Auferstehung. Das ist das große Grundgesetzt des Christentums. Wenn so ein Mensch immer nur durch Blumengärten wandelt, dann bleibt er ein Kindskopf, dann wird er nie reif. Jedes Christenleben ist immer in das Kreuz gestellt und an dieser Lehre drohen wir immer wieder irre zu werden, wenn das Kreuz sich zeigt in unserem eigenen Leben und wenn das Kreuz sich zeigt im Leben der Kirche. Auch in der Kirchengeschichte wechseln die Stunden von Golgota mit denen des Ostermorgens.

Wenn so eine Krise gewendet werden soll, so geschieht dies nicht allein vom Herrn, das geschieht auch durch die Mitarbeit der Menschen selber. "So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend. (Lk 24, 28.29). Mit anderen Worten: Jesus, unser Herr will genötigt sein. Es gibt dieses wunderbare Nötigen Christi. Dieses wunderbare Nötigen, was die Voraussetzung dafür ist, daß er uns ganz sein Bleiben schenkt, wie den beiden Emmausjüngern. Wir können uns fragen: Haben wir den Herrn schon einmal wirklich genötigt?

"Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben" (Lk 24,29). Und nun bricht das ganze Licht erst durch. "Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen" (Lk 24,30). Sie sind hier wieder eingetreten in die Gemeinschaft des Mahles. Und sie sind erstaunt, man muß das einmal miterleben, wie diese zwei mit Staunen auf die Hände des Herrn schauen. So etwas haben sie doch schon einmal erlebt. Da nimmt er das Brot und er segnet das Brot und er bricht es, und reicht es ihnen. Und da steht die Frage in ihnen auf: sollte das am Ende der Herr sein? "Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr" (Lk 24, 31). Hier auf dieser Welt, da ist uns dieses Erkennen des Herrn, diese Gotteserfahrung nur einen Augenblick gewährt und dann ist er wieder vorbei. Durch so eine besondere Gnade sind wir dem Herrn nahe und der Herr ist uns nahe. Und dieser Augenblick ist nur ein Anfang der ewigen Herrlichkeit.

Und nun geschieht etwas sehr Schönes. die beiden Jünger haben den Herrn gefunden, sie sind verwandelt, sie können diese Freude nicht für sich behalten. "noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück, und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen" (Lk 24, 33.34). Noch bevor sie ihre freudige Nachricht erzählen konnten rufen die Jünger den Emmausjüngern zu: Der Herr ist wirklich auferstanden. Das müssen wir einmal miterleben, wie da die Flammen dieser Männer zueinander schlagen und den Herrn, den Auferstanden verkünden. "Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach" (Lk 24,35).

Auch wir haben jetzt während dieser Eucharistiefeier den Herrn unter uns in Gestalt von Brot und Wein. Auch uns lädt der Herr, wie die Emmausjünger, ein zu seiner Mahlgemeinschaft. Er will uns jeden Sonntag hereinholen und uns bestär-ken. Mögen auch wir, wie die beiden Emmausjünger, erfüllt werden von der Gegenwart des Auferstanden, daß auch wir diese Freude nicht für uns behalten kön-nen, sondern diese Freude in unseren Alltag hinaus tragen und so Zeugen des Auferstanden sind.

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