Münster: Stefan Zekorn zum Bischof geweiht

14. Februar 2011 in Deutschland


Bischof Genn bei Weihe: 'Die innere Erneuerung der Kirche' kommt nicht nur aus 'Strukturveränderungen', sondern 'aus der Kraft der größeren Liebe und Hingabe an das Wort, das Jesus uns als die verborgene Weisheit Gottes erschlossen hat'


Münster (kath.net/pm) Gestern empfing Stefan Zekorn in Münster im St.-Paulus-Dom die Bischofsweihe durch seinen Diözesanbischof Felix Genn. Die Mitkonsekratoren waren sein direkter Amtsvorgänger, Bischof Franz-Josef Overbeck, sowie der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der früher ebenfalls Weihbischof in Münster gewesen war. Tausende Gläubige nahmen an der feierlichen Bischofsweihe des bisherigen Pfarrers von Kevelar teil.

Kath.net dokumentiert die Predigt von Bischof Felix Genn:


Verehrte, liebe Mitbrüder im Bischofs- , Priester- und Diakonenamt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, lieber Mitbruder Stefan! Immer wieder ist sie ein Thema, auch in diesen Tagen: Die Kirche mit ihren Strukturen und Ämtern, mit der Frage, wie sie die Menschen unserer Zeit für die Botschaft des Evangeliums gewinnen kann, mit dem, was sie falsch macht, und vieles mehr. Heute und in dieser Stunde ist sie in besonderer Weise Thema.

Auch Sie, liebe Schwestern und Brüder, die Sie nicht unmittelbar zur Kirche gehören, bewusst vielleicht zu ihr Distanz suchen und heute hier sind, weil Sie sich mit dem ernannten Weihbischof Stefan Zekorn verbunden wissen, begegnen mit uns allen, die wir uns zu diesem Gottesdienst versammelt haben, der Kirche in einer ganz festlichen und feierlichen Form, zugleich aber auch in der Weise, wie wir es Sonntag für Sonntag tun: Wir stellen uns unter das Wort Gottes und feiern das Geheimnis des Glaubens im Gedächtnis an den, der seinen Leib und sein Blut für uns und für die Vergebung aller Schuld dahingegeben hat. Das ist die tiefste und dichteste Form, Kirche zu sein: Das Wort Gottes zu verkünden und zu hören und so diese Gemeinschaft "im inneren Zusammenhang mit Christus und so mit Gott selbst zu halten", wie es Papst Benedikt einmal gesagt hat (Licht der Welt, 96). Dazu aber braucht es Menschen, die sich diesem Dienst zur Verfügung stellen, und in diesen Menschen verdichtet sich eigens, worum es der Kirche geht, uns im inneren Zusammenhang mit Christus und so mit Gott zu halten. Das kirchliche Dienstamt, in besonderer Weise das Bischofsamt, ist genau dafür da. Das ist seine Aufgabe, die Gemeinschaft derer, die sich freiwillig entschlossen haben, Christus anzugehören und so Gott zu finden, in diesem Ursprung zu bewahren und von diesem Ursprung her zu erneuern, sie immer wieder an diesen Ursprung anzubinden und so im Bund mit Gott zu bleiben.

Liebe Schwestern und Brüder, wer sich taufen lässt, trifft eine fundamentale Lebensentscheidung. Er tritt ein in die Glaubensgeschichte des Volkes Israel, das durch alle Jahrhunderte bekannt hat, im Bund mit Gott zu stehen. Immer wieder haben Prediger das Volk an diesen Ursprung erinnert und aufgezeigt, dass dieser Bund grundsätzlich für Leben und Tod entscheidend ist. Wir haben es z. B. eben in der ersten Lesung aus dem Buch Jesus Sirach gehört: "Der Mensch hat Leben und Tod vor sich; was er begehrt, wird ihm zuteil. Gott gab den Menschen seine Gebote und Vorschriften. Wenn du willst, kannst du das Gebot halten; Gottes Willen zu tun ist Treue" (Sir 15, 17.15). Welches Gottesbild zeigt sich hier, wenn Menschen bekennen, Gott gehe mit einem bestimmten Volk einen Bund ein und zeige ihm, wie durch die Gebote die Wege zum Leben zu finden sind! Da wird etwas offenbar von den Tiefen Gottes, ihm genügt es nicht, bei sich selbst zu sein, sondern Verbindung zu suchen, sich an den Menschen zu binden. Von diesem Geist ist er durchdrungen und beseelt.

Wir Christen bekennen, dass dieser Bund Gottes mit seinem Volk Person geworden ist in Jesus von Nazareth. In Jesus legt er das ganz und gar offen, was Paulus "das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor allen Zeiten voraus bestimmt hat" (1 Kor 2, 7), nennt. Paulus fügt ausdrücklich hinzu, dass diese Weisheit Gottes zu "unserer Verherrlichung" ist. Das heißt doch: Damit wir gut dastehen, damit wir unsere innerste Bestimmung finden, wirklich das Leben erlangen und uns nicht von falschen Vorstellungen täuschen lassen, die angeblich weise und gut sind.

In einer anderen Gemeinde der jungen Kirche, in der Gemeinde in Ephesus, hat derselbe Apostel oder ein Schüler von ihm die Christen darauf hingewiesen, sich nicht der Gefahr auszusetzen, "ein Spiel der Wellen, hin und her getrieben von jedem Widerstreit der Meinungen" (Eph 4,14) zu werden. Als Ziel ihres Christenlebens gibt er an: "Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten und in allem wachsen, bis wir ihn erreicht haben. Er, Christus, ist das Haupt" (ebd. 15). Aus diesem Zusammenhang hat unser neu ernannter Weihbischof das Leitwort für seinen bischöflichen Dienst gewählt: "Die Wahrheit in Liebe tun, um auf Christus zuzuwachsen." Es geht also genau darum, diese verborgene Weisheit Gottes, die seine Wahrheit ist, und die er in der Liebe zu uns Menschen bis zum Tod am Kreuz erwiesen hat, den Menschen zu verkünden, damit sie in diesen Christus hineinwachsen. Genau das geschieht in der Taufe: Jeder Einzelne wird mit Christus persönlich verbunden und zugleich wird er in die Gemeinschaft der Kirche hineingefügt, deren Haupt Christus ist. Man kann nicht in der Beziehung mit Christus wachsen, ohne zugleich mit seinem Leib, der die Kirche ist, verbunden zu sein.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir diesem Christus folgen, die Beziehung zu ihm pflegen und sie einem Wachstum aussetzen, kommen wir nicht daran vorbei, seinen Worten zuzuhören. Vielleicht haben Sie eben beim Text des Evangeliums gedacht: Das ist zu viel! Es mag ja gut sein, uns für unsere Lebenswege und unser Handeln einige Grundorientierungen zu geben, aber was Jesus da verlangt, geht über unsere Kräfte. Was sind das für Worte! "Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen" (Mt 5,28). Und: "Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen" (ebd. 37). Oder das Wort: "Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen" (Mt 5, 20). Dabei sind die Pharisäer und Schriftgelehrten ja selbst für diejenigen, die sich in religiösen Belangen weniger auskennen, Prototypen des frommen und gerechten Menschen - und da sollen wir noch weit größer sein!? Man kann es doch wohl auch übertreiben, kommt einem dann vielleicht über die Lippen. Sollte das die verborgene Weisheit Gottes sein, die Paulus verkündet und anpreist? Ist das die Wahrheit, die wir in Liebe tun sollen, durch die wir auf Christus zuwachsen? Ja, liebe Schwestern und Brüder: Hier werden uns die Tiefen Gottes enthüllt, und wir können verstehen, dass Paulus sagt, das sei "das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben" (1 Kor 2, 9b).

Mit diesen Worten sind wir ein wenig den Horizont abgeschritten, der mit der Aufgabe gemeint ist, die das Bischofsamt zu erfüllen hat, die Gemeinschaft der Glaubenden im inneren Zusammenhang mit Christus und so mit Gott selbst zu halten. Am schönsten kommt das in der Liturgie der Bischofsweihe zum Ausdruck, wenn beim Weihegebet über dem Haupt des Kandidaten das Evangelienbuch wie ein Dach ausgebreitet wird. Er hat sich unter dieses Wort zu stellen, das ihm Schutz und Schirm ist, das ihm aber auch aufgeladen wird. Er ist kein Manager. Sein Dienst ist nicht vergleichbar mit dem Leiter eines großen geschäftlichen Unternehmens. Freilich wird ihm in der Weihe der Geist der Leitung in besonderer Weise erbeten und verliehen. Aber es ist eine Leitung unter der Führung des Wortes Gottes, eine Leitung, die belastet, weil es nicht immer angenehm ist, die verborgene Weisheit Gottes zu verkünden; denn sonst hätten, um noch einmal unseren Bistumspatron Paulus zu zitieren, "die Machthaber dieser Welt den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt, hätten sie nämlich diese Weisheit erkannt" (ebd. 8). Es ist zu predigen von dem, der uns das Äußerste an Liebe geschenkt hat und deshalb das Äußerste an Liebe als unsere Antwort erwartet.

Im Bund mit diesem Gott zu stehen bedeutet, mit dem Gekreuzigten verbunden zu sein, der in der Tat dem Gericht verfallen war, um alles Zürnen der Menschen gegeneinander auf sich zu nehmen, der dem Hohen Rat verfallen war, weil er alle Bosheit, die wir einander nachsagen, getragen hat, ja, der dem Feuer der Hölle der Gottverlassenheit verfallen war, weil er alle Gottlosigkeit der Menschen ausgebrannt hat im Feuer seiner Liebe. Kann er deshalb nicht als derjenige gelten, der die letzten Bedingungen erfüllt hat, die dem Bund Gottes entsprechen? Nichts Geringeres hat Gott mit dem Bund vom Menschen erwartet als die Tatsache, so zu werden wie Er, so wie es im Alten Testament heißt: "Ihr sollt heilig sein, weil ich heilig bin" (Lev 11, 44). Das ist der Sinn der Gebote, deren Weisungen Jesus bis zum Letzten selber lebt, in der absoluten Treue, in dem Sein Ja ein Ja ist und nicht ein Ja und Nein zugleich. Deshalb kann er so radikal formulieren und uns bis auf den innersten Grund des Herzens reinigen, um im inneren Frieden mit unseren Gegnern zu stehen, um im Umgang miteinander lauter und nicht lüstern zu sein, um mit Auge, Hand und Fuß, mit dem ganzen Leib dem Bund entsprechend zu leben.

Papst Johannes Paul II. hat in seinem Schreiben zum neuen Jahrtausend gesagt, getauft zu sein bedeute, in die Heiligkeit Gottes einzutreten. Ich darf ihn hier einmal zitieren: "Jemanden zu fragen: Möchtest du die Taufe empfangen?, das schließt gleichzeitig die Frage ein: Möchtest du heilig werden? Es bedeutet, seinen Lebensweg vom Radikalismus der Bergpredigt leiten zu lassen: Ihr sollt vollkommen sein, wie es euer himmlischer Vater ist" (Mt 5, 48) (NMI 31).

Liebe Schwestern und Brüder, wollen wir das? Oder ist uns nicht eher daran gelegen, an der Oberfläche zu bleiben und uns mit Strukturveränderungen zu begnügen? Das wird die entscheidende Frage der kommenden Monate und Jahre sein. So sehr wir im Augenblick in unserer Diözese daran arbeiten müssen, unseren Pfarrstrukturen ein neues Gesicht zu geben, so sehr bleibt das nur ein erster und äußerer Schritt. Die innere Erneuerung der Kirche kommt aus der Kraft der größeren Liebe und Hingabe an das Wort, das Jesus uns als die verborgene Weisheit Gottes erschlossen hat. Strukturen und Ämter haben die Aufgabe, dieser inneren Reform zu dienen, uns zurückzuführen in die Grundform, in den inneren Sinn des Bundes mit Gott, in den tiefen Glauben, dass wir von daher alles verändern können. So wachsen wir auf Christus zu, in seine Gestalt und werden sein Leib, die Kirche.

Lieber Stefan, an diese Tiefen Gottes zu erinnern, um die Gemeinschaft der Kirche in ihrem Ursprung zu halten, wirst Du geweiht und gesandt. Von der Liebe geleitet die Wahrheit tun, um auf Christus zuzuwachsen, der das Haupt der Kirche ist: Das wird in Zukunft für Dich bedeuten, in unermüdlicher Geduld immer an die Wahrheit zu erinnern, nicht aufzuhören, dieser Wahrheit in Liebe zu dienen, damit jeder Einzelne von uns auf Christus zuwächst und in die Einheit und Gemeinschaft der Kirche hinein. Das ist mitunter sehr belastend, weil Du Missverständnissen, Anfechtungen, Lieblosigkeiten ausgesetzt wirst. Aber es ist auch schön, weil Du Dich selber immer wieder gehalten weißt von Ihm, dem Du gesagt hat: "Nimm mich, wie ich bin, und mach mich so, wie Du mich haben willst."

Liebe Schwestern und Brüder, so wollen wir jetzt beten, nicht nur für den erwählten Weihbischof und seinen zukünftigen Dienst, sondern auch für die Kirche von Münster und für uns alle, dass der Geist, der die Tiefen Gottes kennt, uns leitet und führt, auf Christus zuzuwachsen und so seine Kirche zu sein. Amen.

Foto: © Diözese Münster


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