
17. Jänner 2009 in Chronik
Warum gibt es in Russland und manchen Nachbarstaaten eigentlich so viele Straßenkinder? Kommunismus und Kapitalismus und ihre Spuren. Ein Bericht von Tobias Jersak.
St. Petersburg (kath.net/idea) Julia (Name von der Redaktion geändert) ist 17 Jahre alt und aus einem staatlichen Kinderheim in St. Petersburg abgehauen. Wortkarg und ohne Papiere kommt sie im christlichen Schlupfwinkel Leben einem christlichen Kinderheim an, wo sie wie alle Jugendlichen freundlich begrüßt und aufgenommen wird.
Auch nach Wochen redet sie noch nicht, steht dem gemeinsamen Tischgebet und überhaupt allem Christlichen ablehnend gegenüber. Sie wendet den Kopf ab, wenn man sie anspricht oder sie kommt erst gar nicht aus ihrem Zimmer. Erst nach und nach kommt ihre Geschichte ans Licht, die Nadeleinstiche an den Unterarmen lassen sich irgendwann nicht mehr verbergen und nach jedem Spaziergang riecht sie nach Rauch, obwohl die im Schlupfwinkel untergekommenen Jugendlichen zugestimmt haben, nicht zu rauchen.
Nach kurzer Zeit haben die Mitarbeiter alle Kinderheime St. Petersburgs abtelefoniert und das Heim gefunden, aus dem sie nun schon zum dritten Mal abgehauen ist dort hat man gesagt, man nehme sie nun gar nicht mehr zurück und der Schlupfwinkel solle sie gleich behalten. Die Schule hat sie abgebrochen und im laufenden Schuljahr will sie auch keine Schule mehr aufnehmen, ohne Schulabschluss hat sie jedoch auch kein Anrecht auf eine der kostenlosen Lehrstellen für Waisenkinder.
Da die Sorgerechtsfrage nicht geklärt ist, müssen in einem umständlichen Prozess die Gerichte eingeschaltet werden. So verbringt Julia die meiste Zeit auf ihrem Zimmer, malt oder hilft nicht ganz freiwillig bei der Zubereitung des Essens. In die Großfamilie des Kinderheims wird sie trotzdem ganz mit hineingenommen, wenn alle zusammen im Wohnzimmer biblische Geschichten hören oder Gott anbeten.
Lebensfreude im Waisenhaus
Die Straßen- und Waisenkinder, die Jesus gefunden haben, sind so voller Liebe, dass sie nicht selten die anderen im Lobpreis anstecken und mitreißen, über den Gang tanzen und singen. Trotz der schweren Einzelschicksale liegt keine Schwermut auf dem Schlupfwinkel, sondern eine Leichtigkeit und Lebensfreude, die befreiend ist.
Irgendwann öffnet sich auch Julia, erzählt von Eltern, die sie verlassen haben, von frühen Abtreibungen in den Teenagerjahren, von ihrer vergeblichen Suche nach Liebe, die sie in die Drogen- und Nikotinsucht geführt hat. Aber Jesus an ihren Schmerz lassen, das will sie auch nicht dafür sind ihre eigenen Pläne zu groß, ihre Hoffnungen und Erwartungen.
Die Klärung des Sorgerechts ergibt, dass ihre ältere Schwester in Deutschland verheiratet ist, und Julia glaubt den Versprechungen des Westens nach Geld, Reichtum, Luxus und Freiheit. Wozu braucht man da Jesus? Der Antrag auf ein Visum nach Deutschland wird allerdings von den deutschen Behörden abgelehnt, da Julia minderjährig ist.
Ohne Schulabschluss, ohne Lehrstelle, ohne Familie, ohne Möglichkeit, das Glück im Westen zu finden, und ohne inneren Halt läuft Julia auch aus dem Schlupfwinkel immer wieder weg die Tür ist immer offen und kommt dreimal wieder zurück, angezogen von der Wärme und Liebe der Christen.
Woher kommen so viele Straßenkinder?
Schicksale wie dieses findet man viele in St. Petersburg. Woher kommen die vielen Straßen- und Waisenkinder in Russlands Großstädten? Die Antwort ist einfach: Die Kernfamilie ist zerstörerischen Kräften ausgesetzt und viele Familien sind schon zerstört.
Die erste zerstörerische Kraft war der Kommunismus: Systematisch wurde mehr als 70 Jahre lang versucht, jedes echte Leben in der Familie zu zerstören, die Familie mit dem System zu verschmelzen und die Kinder von den Eltern zu entfremden.
Das begann bereits wenige Wochen nach der Geburt, wenn die Mütter wieder arbeiten gehen mussten und ihre Kinder in staatliche Obhut gaben. Dort wurden sie von Kinderkrippe über Kindergarten, Ganztagsschule und Parteijugendorganisationen bis ins Erwachsenenalter vom Staat erzogen.
Wer heute als westlicher Besucher in St. Petersburger Wohnungen der Nachkriegszeit kommt, wundert sich regelmäßig über die maximal vier Quadratmeter großen Küchen von Dreizimmerwohnungen: Es war nicht vorgesehen, dass man zu Hause Mahlzeiten zubereitete und einnahm. Häusliche Tischgemeinschaft schied als Zentrum des Familienlebens aus. Die Entfremdung der Kinder von den Eltern hatte System und Methode.
Die nächste zerstörerische Kraft war der Kapitalismus: Mit dem Systemumbruch Anfang der 1990er-Jahre malte er dem gerade noch gefesselten Volk Versprechungen vor Augen, deren Einlösung auch im Westen zum Schiffbruch führt. Die Idee, mit Geld alles kaufen zu können, brach sich in einer Welt Bahn, in der alle alten Werte im Einsturz begriffen waren.
Mit dem Kapitalismus kamen Begierde, Zügellosigkeit und der Glaube an sich selbst und fegten mit dem Propagieren von Scheinfreiheiten alle Hemmungen weg. Mitmenschlichkeit war nie das Ziel kommunistischer Erziehung gewesen, nun setzte der Kapitalismus den Egoismus frei. Ehegatten wurden binnen kurzem zu Feinden.
Als keine kommunistische Fassade mehr gewahrt werden musste, brachen sich die unter der Decke gehaltenen Leidenschaften ungehindert Bahn: Häusliche Gewalt, Missbrauch und Ehebruch nährten sich aus jahrelang gezüchtetem Hass, Neid, Zank, Zorn, Hader, Habgier und Stolz.
Andere zerstörerische Kräfte wirkten als Katalysatoren dieses Prozesses: Alkohol, Drogen, Pornografie und Prostitution beschleunigten die Zerstörung der russischen Kernfamilie durch Zerstörung ihrer einzelnen Mitglieder.
Die Nationalitätenkonflikte und Bürgerkriege der zerfallenen Sowjetunion kamen ebenso hinzu wie die Auflösung des Systems selbst. Früher konnten Eltern ihre missliebigen Kinder einfach im Kinderheim abgeben, und wer politisch nicht auf Parteilinie war, dem konnten die Kinder weggenommen werden. In den 1990er-Jahren spie dann die zerfallende Sowjetunion mit dem Zerfall der Kinderheime und Kinderstraflager zusätzlich Millionen Straßen- und Waisenkinder aus.
Heute gibt es kaum mehr Straßenkinder, die aus Bürgerkriegsgebieten in den russischen Großstädten landen oder aus aufgelösten Kinderstraflagern in die Stadt streben. Heute nennt man diese Kinder auch nicht mehr Straßenkinder, sondern wie im Westen Sozialwaisen. Denn ihre Familien mögen existieren, aber so zerrüttet sein, dass sie nicht mehr für die Kinder sorgen können oder wollen.
Hinzu kommen die Folgeprobleme des neuen Russland: Alkoholsucht, Drogensucht, AIDS, Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten. Nicht selten reproduziert sich der Kreislauf, dass Straßen- und Waisenkinder selbst wieder Straßen- und Waisenkinder zeugen und gebären. So landen jährlich mehr und mehr russische Kinder in Heimen.
Offizielle Beschönigung
Offiziell wird das Problem beschönigt. In St. Petersburg, der westlichen Metropole, will man besonders europäisch sein und die Stadt auf europäischen Standard bringen. Dazu verbot die Gouverneurin zum 1. Januar 2006 jede offene Sozialarbeit. Seitdem gibt es keine Suppenküchen mehr, keine Hilfe auf der Straße, keine Sozialarbeiter, die zu den Armen, Kranken und Bedürftigen auf der Straße gehen dürfen einfach überhaupt keine offenen Angebote mehr.
Die Miliz wacht mit Argusaugen darüber, denn offiziell wurden Suppenküchen, Teemobile und Straßentreffs als Drogenverteilpunkte gebrandmarkt. Stattdessen bemüht sich die Stadt, den schönen Schein zu wahren und gemäß europäischen Standards in jedem Bezirk ein Auffangheim für Straßenkinder einzurichten das kann man dann gegenüber der Europäischen Union geltend machen, auch wenn es viel zu klein ausgelegt ist und die Kinder am Eingang ihre Dokumente vorzeigen müssen, ohne die sie nicht eingelassen werden. Welches russische Straßenkind hat schon seine Papiere bei sich?
Seit neun Jahren auf der Straße
Da sind christliche Initiativen gefragt, die unbürokratisch helfen. Eine derer, die seit vielen Jahren den Kindern auf der Straße hilft, ist Eleonora Muschnikowa. Sie tut das auf sehr russische Weise, ohne große Organisation und Büro, mit freiwilligen Mitarbeitern, denen sie wirklich vertraut, und durch gute Beziehungen.
Seit 1990 hat sie mehr als fünf Heime gegründet, bis 2006 unzählige Kinder auf der Straße in verschiedenen Formen der offenen Arbeit betreut und Beziehungen zu den Kinderheimen geknüpft, wo die Härtefälle landen: dem Schlupfwinkel Leben oder dem Kinderheim für AIDS-kranke Straßenkinder. Sie organisiert Spenden oder teure Medikamente und weiß, wo Hilfe nötig ist, die sie dann sofort weitergeben kann. Außerhalb der Stadt wurde mit deutscher Hilfe ein Kinderheim errichtet, das als Anlaufstelle in Krisenfällen für die umliegenden Dörfer dient. Auf dem Dorf bekommen die Menschen immer noch schneller mit, wenn familiäre Notsituationen eintreten und Kinder schnelle Hilfe brauchen. Hier hat sie 16-jährige schwangere Waisenmädchen aufgenommen, die aus einem staatlichen Heim geworfen wurden, und drei Jahre später einen Kindergarten eröffnet, damit die Mädchen sich als Kindergärtnerinnen ausbilden lassen und gleichzeitig ihre eigenen Kinder betreuen konnten. Doch am meisten liegen ihr jene Kinder auf dem Herzen, die schon seit Jahren auf der Straße leben. Einen Jungen dieser Gruppe kennt sie seit über neun Jahren.
Zwei Ziele: Nothilfe und ein Ausbildungszentrum
Ihr Handeln kennt zwei Ziele: in konkreten Notsituationen für diese Jugendlichen da zu sein und ihnen eine langfristige Lebensperspektive zu eröffnen. Die Notsituationen kommen jedes Jahr mit dem Wintereinbruch: Bis zu minus 30 Grad Celsius wird es dann kalt, manchmal wochenlang. Ohne konkrete Hilfe würden die Jugendlichen erfrieren. Deshalb mietete Eleonora früher im Winter eine geheizte Lagerhalle an, ein befreundeter Unternehmer spendierte gefütterte Schlafsäcke und freiwillige Helfer schenkten heißen Tee aus. Seit 2006/07 ist das nicht mehr möglich, die staatlichen Stellen versuchen Eleonoras Arbeit zu behindern und so muss sie jedes Jahr neu mit Charme und Chuzpe eine Möglichkeit finden, wo die hartnäckigen Straßenkinder den Winter überleben können. Letztes Jahr überredete sie einen Offizier, eine leerstehende geheizte Halle auf einem Kasernengebiet zu vermieten, Eleonoras Mitarbeiter bekamen Passierscheine für die Wache, und die Rekruten halfen, die eintreffenden Straßenkinder zu versorgen. Der alte Teeboiler aus Sowjetzeiten musste morgens um 9 Uhr angeschaltet werden, damit er um 17 Uhr das Teewasser erhitzt hatte. In diesem Jahr ist das auch nicht mehr möglich, so hat sie in diesem Winter eine Supermarktkette überredet, die geheizte Lagerhalle eines neu gebauten Supermarkts zu vermieten, so lange diese noch nicht gebraucht wird.
Langfristig war es Eleonoras Wunsch, ein Ausbildungszentrum zu eröffnen, wo auch diese Kinder einst eine Ausbildung machen können, wenn sie dem Leben auf der Straße den Rücken kehren wollen. Im März dieses Jahres ist das gemeinsam mit dem Projekt Hafen in St. Petersburg gelungen. Der Hafen bietet für Jugendliche aus staatlichen Heimen, die eine Ausbildung beginnen, ein zweijähriges Programm zur Lebensertüchtigung an, bei dem die Jugendlichen ihr Leben in Wohngruppen (getrennt nach Geschlechtern) teilen. Auch dort hatte man das Ziel, ein Ausbildungszentrum zu eröffnen und so nicht nur die Jugendlichen zu erreichen, die schon im Hafen-Programm untergekommen sind, sondern alle Jugendlichen aus St. Petersburger Kinderheimen. Gemeinsam mit Eleonora werden jetzt auch die Jugendlichen angesprochen, die nicht im Kinderheim leben, und die Angebote zur Berufsfindung und -ausbildung konsequent ausgebaut. Gegenwärtig kann man Schreinern, Modedesign und -herstellung, Frisörin, Keramik, Kochen, Videoerstellung, Programmieren und verschiedene Computerprogramme erlernen. In Zukunft ist an eine Ausweitung der Ausbildungsgänge und ein großes Zentrum gedacht, in dem die Jugendlichen auch angestellt werden können und ihre Produkte und Kenntnisse anbieten. Dort soll es dann eine Schreinerei, einen Schönheitssalon, jeweils eine Keramik- und Modeboutique, einen kleinen Verlag und ein Fotostudio geben. Ziel aller Arbeit mit Straßen- und Waisenkindern in St. Petersburg ist es, das Leben in Jesus Christus vorzuleben und zu den Hoffnungslosen zu tragen, sie zu ermutigen und zu Jüngern zu machen.
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