Schule in der Krise

23. Juni 2008 in Deutschland


Das deutsche Bildungssystem züchtet Verlierer statt Leistungsträger - Eine Analyse von Christa Meves


München (kath.net/idea)
Die deutschen Schulen befinden sich in einer bedenklichen Krise. Dass dieses Faktum in der Öffentlichkeit so wenig zum Ausdruck kommt, liegt daran, dass die eigentlich Beteiligten – die Lehrer, die Schüler und deren Eltern – trotz eines erheblichen Pegels an Bedrängnis, Unmut, ja Leid und Schmerz in einer wenig zeitgemäßen Weise stillhalten und die Unbill der Situation, von einigen kargen Boykott-Ausnahmen abgesehen, resigniert schlucken, so als handle es sich um ein unabänderliches Schicksal. Dabei war das im letzten Jahrhundert bis zum Beginn der 70er Jahre in Deutschland existent: Überschaubare Schule mit einem brauchbaren Leistungssystem und einer verhältnismäßig kindgerechten Pädagogik. Wie wenig aber heute das Schulsystem seinem Auftrag gerecht wird, ist an zwei zutiefst bedenklichen Symptomen erkennbar: Über eine Milliarde Euro werden in Deutschland derzeit für Nachhilfestunden ausgegeben.

Ein neuer Stand hat sich entwickelt, nicht nur als Zubrot für rüstige Pensionäre allein. Private Nachhilfeinstitutionen sind zumindest in Norddeutschland selbst in Kleinstädten und Flecken wie Pilze aus dem neuen Nährboden geschossen. Und in einer erheblichen Zahl werden die Schulkinder mit der Diagnose ADHS (früher nannte man das Zappelphilipp) unter eine Hirndroge (das stark wirkende Medikament Ritalin) gesetzt – damit sie in der Schule die nötigen Lernerfolge aufweisen.

Tonnenweise, so berichtete jüngst ein Experte, würde Ritalin auf den deutschen Markt geworfen, ohne dass bekannt sei, wie die Spätfolgen dieser Medikation aussehen.

Psychopharmaka und Magie

Eindrucksvoll wird das Unzureichende der Schulsituation auch durch das Auftauchen weiterer Gewerbe sichtbar, die aus der Not lukratives Kapital zu schlagen suchen: Zum übermäßigen Gebrauch von Psychopharmaka kommt jetzt ein Boom von angepriesenen Mitteln zum Schulerfolg, die einen magischen Hintergrund haben. Von der Bach-Blüten-Therapie gegen Verhaltensstörungen, vom „Brain-Gym“ und einer sogenannten (und seltsam geschriebenen!) „Kinestetik-Bewegungslehre“ bis zum entängstigenden Edelstein in der Schultasche gegen Klausurenangst ist hier mittlerweile viel Bedenkliches möglich geworden. Es hat sich ein neuer Markt entwickelt. Wie Milben im kranken Gefieder eines Vogels hat er sich eingenistet und zehrt schulische Gesundheit weiter aus. „Mit der ‚Kinestetik’-Bewegungslehre bekommen Sie Lernprobleme jeglicher Art in den Griff", wird da z. B. behauptet.

Mit „Superlearning“ und „Psycho-Kniff“ preist man Methoden an, mit denen sich Schulsorgen angeblich beseitigen lassen.
Letzte Fluchtburg: Katholische oder evangelikale Schulen
Symptome dieser Art sollten die Verantwortlichen alarmieren. Das muss zumindest in den Kultusministerkonferenzen endlich auf den Tisch: Es ist eine Schulsituation entstanden, die dringend einer realistischen Analyse und einer umfänglichen Reform des Schulsystems bedarf; denn es klafft eine verheerende Lücke zwischen der Soll- und der Ist-Situation im Schulbereich.

Dieses ist zwar nördlich des Mains erschreckender als südlich davon; und dennoch können Bayern und Baden-Württemberg als Fluchtburgen für bewegliche Familien auch bereits nicht mehr gelten. Echte Ausweichmöglichkeit ist vielmehr karg gesät und auf einige private, meist katholische oder evangelikale Schulen sowie auf in- und ausländische Internate beschränkt.

Hauptursache: Gleichheitsideologie

Es ist dringend an der Zeit, dass aus der negativen Schulentwicklung der vergangenen 35 Jahre Bilanz gezogen und die Ursachen ohne Beschönigung ans Licht gebracht werden. Die Misere der Schule hat eine Hauptursache: die über den „Marsch durch die Institutionen“ tief ins Schulgefüge eingedrungene Gleichheitsideologie. Sie hat eine negativ wirkende Lüge an die Stelle der Wahrheit gesetzt; denn auf ihrem Boden ist die Verschiedenheit angeborener Begabungen nur noch unzureichend in Rechnung gestellt worden, und zweitens hat man seitdem verlernt, unterschiedliche Stadien der kindlichen Entwicklung zu berücksichtigen und sich realistisch auf sie einzustellen. Die Vereinheitlichung des Schulsystems, die diesem falschen Ansatz entsprang, hat außer vielen anderen unguten Auswirkungen vor allem die Überlastung der höheren Schulen mit Schülern bewirkt, denen es an der dort zu fordernden Leistungsfähigkeit fehlt – entweder, weil es ihnen an der notwendigen rational-logischen Intelligenz mangelt, oder weil ihre Leistungsfähigkeit durch psychische Beeinträchtigung unzureichend ist. Und diese haben sich im Zeitalter der Entmutterung durch Vernachlässigung und übermäßigen Fernsehkonsum, Video-Spielsucht und PC-Versessenheit voluminös gesteigert.

Zum Abitur mitgeschleppt

Unter dem Schlagwort, dass es möglich sei, Kinder zu „begaben“, werden dennoch Schülerscharen am Rande des Leistungsminimums bis zum Abitur mitgeschleppt und schließlich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – auch mit ihm ausgestattet. Und dann bricht das Desaster herein: Laut Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) entschwinden den Hochschulen 50% der Studierenden ohne Abschluss! Viele Abiturienten scheitern auf den Technischen Hochschulen, obgleich unser Land nichts mehr braucht als Ingenieure. 70.000 davon fehlen heute bereits den inländischen Betrieben! Dieser Entwicklung eines arbeitslosen akademischen Proletariats hat die Kultusministerkonferenz seit dem Pisaschock mit neuen Vorschriften zu begegnen versucht, und zwar vornehmlich mit einer Aufstockung der Leistungskontrollen. Tests, Klausuren, Jahresarbeiten, Klassenarbeiten in fast allen Schulfächern türmen sich seitdem vor Lehrern und Schülern auf, in einer solchen Unzahl, dass sie nicht im Entferntesten innerhalb des Schulunterrichts hinreichend vorbereitet werden können, jedenfalls nicht so, dass die sich schwertuende Mehrheit der Klasse dem geforderten Soll gewachsen sein kann. Im Zentralabitur werden in den naturwissenschaftlichen Fächern Themen vorausgesetzt, denen die Schüler im Unterricht nicht begegnet sind.

Ratlose Schüler – schimpfende Eltern

Das Chaos bewirkt einen jämmerlichen Zensurendurchschnitt, bewirkt die Entstehung von Angst oder Abgestumpftheit bei den Schülern, bewirkt Ratlosigkeit und Neigung zum „Schönen“ der Klausuren-Durchschnitte (damit sie nicht wiederholt werden müssen!) bei den Lehrern und ständig neue Schulsorgen bei den Eltern. Dieses Missverhältnis vor allem kurbelt die Nachhilfe-Industrie und den magischen Psychomarkt der merkantilen Scharlatane an. Dies aber bewirkt auch eine weitere Herabsetzung der Leistungsmotivation besonders unter den zartbesaiteten Schülern (und das sind die intelligenteren!), vor allem durch den Ärger mit ihren Eltern, die ihre Kinder durch Schimpfen anzutreiben suchen.

Hamburg: Nur 17% wählen Mathe und Physik

Dass auf diese Weise die vielen praktisch, musisch, künstlerisch oder sozial Begabten auf ein ihnen nicht gerecht werdendes, ihre Begabung unzureichend förderndes Gleis geschoben werden, ist ein besonders verbitterndes Faktum, ganz abgesehen davon, dass diese Art der Schulwirklichkeit auch keineswegs ein angemessener Nährboden für Überflieger – und das heißt für Hochbegabte – ist, auf die jede Gesellschaft im Konkurrenzkampf mit anderen angewiesen ist. Elite-Kinder haben sich im Schuleintopf so unscheinbar wie möglich zu verhalten (indem sie z. B. mit Absicht Fehler machen), um nicht von der Klasse (und oft sogar unisono von ideologisierten Lehrern!) als Außenseiter abgestempelt zu werden.

Die „progressive“ Schule sollte sich in später Stunde eingestehen, dass sie mehr als veraltet ist. Die Gleichheitsideologie hat sich einmal mehr auf diesem so wichtigen Sektor als schädlich erwiesen, weil sie der Realität der so verschiedenen Kinder und Jugendlichen nicht entspricht. Das Kurssystem in den beiden letzten Jahren vor dem Abitur mit der freiwilligen Wahl der Leistungsfächer durch die Schüler bewirkt bei vielen von ihnen keine Auswahl nach Fächern, die zum angepeilten Studium führen (wie geplant), sondern führt verständlicherweise zu einem opportunistischen Vorgehen: Den Maßstab bildet das berechtigte Streben der Schüler nach dem besten Notendurchschnitt im Abitur, um mehr Chancen für den Einstieg zur Berufsausbildung zu erlangen. In Hamburg wählen nur 17% der Schüler Mathematik und Physik. Damit aber fehlen die Voraussetzungen für ein Studium an den Technischen Hochschulen.

Überbewertete Einbahnstraße Abitur
Aber negative Erfahrungen mit unserem ideologisierten Schulsystem können doch nicht heißen, neue noch größere Einheitsschulen zu errichten, wie es in Hamburg und Schleswig-Holstein jetzt bereits in der Planung ist! So verfehlt unser Schulsystem sein Ziel, es fördert nicht optimal, es erhöht nicht durch angemessene Angebote den Lerneifer der Schüler, sondern es bringt ihn systematisch zum Schwinden. Es züchtet Verlierer statt Leistungseliten, die der Weltkonkurrenz gewachsen ist.

Schule im Computer-Zeitalter bedarf einer viel stärkeren Differenzierung. Sie sollte mit ihrem Verteilerkreis – den Begabungen gemäß, bei gleichwertiger Anerkennung von deren Verschiedenheit – spätestens bei den Elfjährigen ansetzen und den Jugendlichen bald schon mit Fachakademien zu Berufsabschlüssen verhelfen. Die überbewertete Einbahnstraße Abitur und Universität als Ideal für alle sollte endlich zum alten Eisen geworfen werden; dann wird es wieder lernfreudige Kinder, glückliche Lehrer und sorgenfreie Eltern geben – und die obskuren neuen Hilfsangebote könnten als überflüssig wieder vom Markt verschwinden.

Die Autorin, Christa Meves (Uelzen), ist Kinder- und Jugendlichenpsychotheraeutin.


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