'Der Hochgesang der göttlichen Herrlichkeit'

22. Mai 2008 in Spirituelles


Auszug aus Kapitel 17 im Buch: "Eucharistie erleben und verstehen" - Von Pfarrer Christoph Haider


Innsbruck (www.kath.net)
Das „Sanctus“ der Messe steht nicht zufällig kurz vor dem Mittelpunkt der Eucharistiefeier, es ist wie ein Schlüssel für das Verständnis des Ganzen. Wir haben es in der Liturgie mit dem heiligen Gott zu tun, der sich allerdings gerade im heiligen Geschehen so tief zu uns herabneigt wie in der Krippe von Betlehem oder am Kreuz in Jerusalem. Eben das wird uns im „Heilig, heilig, heilig“ vermittelt.

Weil im „Sanctus“ jedes Wort seine tiefe Bedeutung hat, sei es zunächst vollständig wieder gegeben: „Heilig, heilig, heilig, Gott, Herr aller Mächte und Gewalten. Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit. Hosanna in der Höhe. Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe.“

Zwei biblische Ereignisse fließen in diesem Gebetsruf ineinander: Das eine ist die eindrucksvolle Berufung des Jesaja im Jahre 739 vor Christus: „Im Todesjahr des Königs Usija sah ich den Herrn. Er saß auf einem hohen und erhabenen Thron. Der Saum seines Gewandes füllte den Tempel aus. Serafim standen über ihm. ... Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt. Die Türschwellen bebten bei ihrem lauten Ruf, und der Tempel füllte sich mit Rauch“ (Jes 6,1-2.3-4).

Das Berufungserlebnis als eine Erfahrung der Heiligkeit Gottes war derart einschneidend, dass Jesaja nicht anders konnte, als Zeit seines Lebens für „den Heiligen Israels“ einzutreten. Gleichzeitig ist Jesaja unter den alttestamentlichen Propheten derjenige, der wie kein anderer die frohe Botschaft des „Immanuel“ verkündete: Es wird eine Zeit kommen, in der es heißen wird „Gott ist mit uns“. Diese Verheißung hat sich erfüllt. Seit Nazaret und Betlehem ist das Unfassbare Wirklichkeit geworden. Wir können Gott ins Angesicht schauen, wenn wir das Gesicht Jesu betrachten. In Jesus Christus ist Gott wirklich mit uns.

Im „Sanctus“ der Messe ist nun die Schau des Jesaja – der Lobgesang der Engel auf Gottes Größe – mit einem zweiten biblischen Ereignis verknüpft, das Gottes Nähe verkündet: Der Einzug Jesu in Jerusalem. Das „Hochgelobt“, gleichsam die zweite Strophe des „Sanctus“, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf den demütigen Gott, wie er sich in Jesus am Palmsonntag auf einem Esel sitzend offenbart, und wie die Leute ihm zurufen: „Gesegnet sei er, der kommt in Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe“ (Mt 21,9). Das „Sanctus“ der Eucharistiefeier spannt somit den Bogen vom Himmel zur Erde: Es singt von einem Gott, der über alle Himmel erhaben und doch so menschenfreundlich ist, dass er in unscheinbarer Gestalt unter den Menschen wohnen will. Das „Heilig“ ist wirklich Drehscheibe für das einzigartige Gottesbild der christlichen Religion.

In der byzantinischen Liturgie, wie sie z. B. im Orientalischen Kolleg in Eichstätt gefeiert wird, betet der Priester das eucharistische Hochgebet halblaut in den Gesang des „Sanctus“ hinein. Die Wandlungsworte stehen buchstäblich im Schatten des Heiligliedes. Das ist ein eindrucksvoller Ausdruck dessen, was das „Sanctus“ („Heilig“) mit dem anschließenden „Benedictus“ („Hochgelobt“) wirklich will: Es will dem heiligen Gott im Himmel alle Ehre zukommen lassen. Zugleich grüßt dieses Lied den „Gott mit uns“, Christus, der in der Gestalt von Brot und Wein sich für uns hingibt, noch bescheidener als damals, als er auf einem Esel reitend in seine heilige Stadt einzog. Das „Sanctus“ ist also eine wunderbare Synthese von himmlischer Liturgie – von dem, was die Engel und Heiligen im Himmel tun, – und von demütiger Offenbarung Jesu, wie er sich in der Eucharistie für uns Menschen entäußert.

Ein Detail am Rande: In der deutschen Übersetzung des „Sanctus“ wird Gott als „Herr aller Mächte und Gewalten“ angeredet. Früher hieß es „Herr, Gott der Heerscharen“. Im Zuge einer „Entmilitarisierung“ des kirchlichen Sprachgebrauchs lehnte man sich an die Sprechweise des Apostel Paulus an, der wiederholt von Gottes unsichtbarer Schöpfung als den „Mächten und Gewalten“ spricht (z. B. Kol 1,16). Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, einfach das hebräische Urwort „Sebaot“ unübersetzt stehen zu lassen, wie es in manchen Sanctus-Vertonungen der Fall ist.

Unter „Jahwe Sebaot“ stellte sich das Alte Testament Gott als Heerführer vor: Wie ein König oder Feldherr von seinen Heeren umgeben ist, so ist der Herr umgeben von den Engeln, seinem himmlischen Hofstaat. Mit dem Verweis auf „Jahwe Sebaot“ zieht das „Sanctus“ uns Erdenbewohner gleichsam in den himmlischen Bereich hinein, in Gottes unsichtbare Schöpfung. Heute hat in der Esoterik astrologisches Gedankengut Hochkonjunktur: das Vertrauen in Sternzeichen, Energiefelder und Geistwesen. Da tut die Kirche gut daran, zu verkünden, dass Gott Herr des ganzen Universums ist. Sterne, Energien und Kraftfelder sind keine selbständigen oder gar göttlichen Mächte. Im „Sanctus“ der Messe stellen wir uns bewusst unter die Schutzherrschaft Gottes und seiner heiligen Engel.

Es erübrigt sich zu sagen, dass das „Heilig“ der Messe in der Regel gesungen werden sollte und zwar als einer der kirchenmusikalischen Höhepunkte; und dass man statt des Heilig-Liedes nicht „Lobe den Herren“, „Großer Gott“ oder „Halleluja“ nehmen darf, so feierlich und stimmungsvoll diese Lieder auch sein mögen. Am Heilig-Lied haben die Engel mitgewirkt, es ist nicht allein von Menschenmund verfasst. Für Musikgruppen, die den Gottesdienst mitgestalten, ist vielleicht der Hinweis hilfreich: Wie zum Höhepunkt bürgerlicher Feste oder bei Staatsempfängen die Nationalhymne eines Landes gespielt und gesungen wird, so ist das „Heilig“ eine internationale Gotteshymne, die von ihrem Wesen und ihrer Funktion her unaustauschbar ist. Es geht um den „Staatsempfang“ für Christus, unseren höchsten Herrn. Liturgische Gesänge sind nicht als Umrahmung gedacht, sondern als Teil der Liturgie selbst.

Schade, dass im deutschen Sprachraum wenige Heiliglieder als Volkslieder existieren, die sowohl vom Text her als auch von der Melodie her wirklich zufrieden stellend sind. Manche Gottesloblieder werden als zu trocken empfunden, um das Volk Gottes in himmlische Verzückung zu versetzen. Andere Heiliglieder wiederum weichen derart vom Originaltext ab, dass sie eigentlich liturgisch ungeeignet sind. Natürlich kann an Feiertagen der Kirchenchor im Namen der versammelten Gemeinschaft mit einem „Sanctus“ und „Benedictus“ aus der Feder von Palestrina, Bruckner oder Mozart die Ehre Gottes verkünden und das Herz der Versammelten erfreuen. Bemerkenswert ist das Phänomen, dass in neueren kirchlichen Gemeinschaften ein Liedgut heran wächst, das im Klang zeitgemäß und im Inhalt liturgiegemäß ist. Offenbar gibt es noch immer die Freude an sakraler Musik und gute zeitgenössische Komponisten.

Kann Menschen unserer Tage das Heilige vermittelt werden? Eine Beobachtung aus einer mehrjährigen Erfahrung in der Kinder- und Ministrantenpastoral: Kinder sind im Grunde besonders anspruchlose Gottesdienstteilnehmer. Als junger Kaplan meint man, nur mit einer aufwendigen Gottesdienst-Gestaltung Kinder faszinieren zu können und das liturgische Geschehen mit „kindgerechten“ Auflockerungen schmackhaft machen zu müssen. Im Laufe der Jahre belehren einen die Kinder, dass es viel einfacher geht. „Das Heilige“ berührt Kinder innerlich.

Ein Beispiel: In meinen beiden Pfarreien ist an Sonntagen und Feiertagen das „Wandlungsläuten“ üblich. Altarglocken und die große Kirchturmglocke läuten in unmittelbarem Anschluss an die Wandlungsworte. Schon oft war es so: Wenn recht viele unruhige Kleinkinder den Gottesdienst auf ihre Art mit Geräuschen begleiteten, im Augenblick des Wandlungsläutens wurde es auffallend still. Und nach manchem ganz schlicht gefeierten Schülergottesdienst stellte der eine oder andere Schüler die Frage: „Ist heute Abend wieder eine Messe? Dann möchte ich gern noch einmal kommen.“ Ein Zeichen, dass hier eine echte Gottesbegegnung stattgefunden hat! Eine Zehnjährige drückte ihre Freude am häufigen Mitfeiern der Werktagsmesse so aus: „Ich liebe es, in die Kirche zu gehen, denn da ist es so ruhig und friedlich.“

Mit freundlicher Genehmigung des St. Ulrich Verlags

KATH.NET-Buchtipp: Pfarrer Christoph Haider: Eucharistie erleben und verstehen


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