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Das Kindel-Wiegen, eine mittelalterliche Tradition der Weihnachtszeit

20. Dezember 2020 in Spirituelles, 2 Lesermeinungen
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„Das Kindlein-Wiegen wurde zu einem geistlich-szenischen Spiel, das das Verständnis der biblischen Botschaft nahebringen wollte.“ Hintergründe zu altem Liedgut. Gastbeitrag von Juliana Bauer


München (kath.net) In meinem letzten Beitrag zu dem Lied „In dulci jubilo“ nannte ich den alten Brauch des kindlichen Reigens um die in der Kirche aufgestellte Wiege mit dem Jesuskind. Voraus ging dieser Sitte das sogenannte Kindlein-Wiegen, das mit dem Krippen-Reigen in Spätmittelalter und Früher Neuzeit (16.Jh., 1.H. 17.Jh.) eng verknüpft wurde. Die Beleuchtung dieser in der Tat sehr alten, jedoch längst hinfällig gewordenen Tradition ist ausgesprochen faszinierend. Sie erhellt auch die Entstehung der uns überlieferten, zahlreichen Wiegenlieder, die sich jenem Brauchtum verdanken und in denen das neugeborene göttliche Kind den Mittelpunkt verkörpert.

Die bislang älteste Erwähnung dieser Sitte stammt aus dem 12.Jh. und ist im Innviertel beheimatet. In einer Niederschrift aus einem Frauenkloster jenes Kulturraums heißt es: „Sie stellen außerdem bildlich … die Kinderwiege des Heilands … dar.“ Es waren vor allem Novizinnen, die Puppen ähnliche, kostbar gekleidete Jesuskind-Figuren zur persönlichen Andacht erhielten. Wohl im 14.Jh. entwickelte sich in den Frauenklöstern der Brauch des Kindlein- oder Kindelwiegens, der sich offenbar aus dem Andachtsbrauch heraus ergab. Insgesamt steht dieser in direktem Zusammenhang mit den im 14.Jh. neu entstehenden, persönlichen Andachtsformen, welche das Kind Jesus und seine Mutter wie auch den leidenden Jesus, den Schmerzensmann (Ecce homo, mhd.: Erbärmde-Christus) und Maria, die Schmerzensmutter (Pietà) in das Zentrum der Betrachtungen rückte. Aus den Klöstern wurde das Kindelwiegen in den weihnachtlichen Gemeindegottesdienst aufgenommen und bildete dort einen Bestandteil der Weihnachtsliturgie. Während des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit verbreitete sich der Brauch in ganz Deutschland.

In den Kirchen war jeweils unterhalb des Altars eine Wiege oder Tragekrippe aufgestellt, in dem eine „schön angeputzte“, d.h. eine schön herausgeputzte Jesuskind-Figur lag. Sie war meist aus Wachs oder aus Holz; oft legte man auch ein „Fatschenkind,“ also ein Wickelkind, in die Wiege oder Krippe, dessen gesamter Körper, mit Ausnahme von Schultern und Kopf, mit feinsten Stoffen fest umschlungen war. Die Darstellung des Fatschenkindes (lat.fascia = Binde, Wickelband), das sich ganz in der Methode zeigte, wie Säuglinge im deutschen Sprachraum bis in das 19.Jh. hinein gewickelt wurden, geht auf die Textstelle des Lukas-Evangeliums zurück: „Ihr werdet ein Kind finden in Windeln gewickelt…“ (Lk 2,7). Die Kinder tanzten, hüpften und sprangen unter Singen von Weihnachtsliedern um die Krippe und klatschten dabei in die Hände, um ihre Freude über die Geburt Jesu kundzutun. Bei Liedern mit passender Melodie und entsprechendem Rhythmus wiegten sie das Jesuskind.

Das Kindlein-Wiegen und der Krippenreigen, an dem sich natürlicherweise vor allem Kinder, aber durchaus auch Erwachsene beteiligten, wurde zu einem „liturgischen Szenario“, zu einem geistlich-szenischen Spiel, das dem weitgehend leseunkundigen Volk das Verständnis der biblischen Botschaft nahebringen wollte.

Drei populäre Wiegenlieder

Zu den populärsten der weihnachtlichen Wiegenlieder zählen: „Joseph, lieber Joseph mein,“ „Lasst uns das Kindlein wiegen“ und „Zu Bethlehem geboren.“
Zunächst sei dem letztgenannten und jüngsten der drei vorgestellten Lieder dieser Gattung, das in vielen Weihnachtsgottesdiensten gerne gesungen wird, eine Betrachtung gewidmet.

Zu Bethlehem geboren, ist uns ein Kindelein

Das Lied entstand während der Zeit des 30-jährigen Krieges. Der Text wird dem Jesuiten und Mystiker Friedrich von Spee (1591-1635) zugeschrieben, die Qualität in Stil und Inhalt legen ihn als Verfasser ausdrücklich nahe. Text und Melodie in heutiger Form stammen aus dem Kölner „Geistlichen Psalter“ von 1638, wo es unter dem Titel „Hertzopffer“ gedruckt wurde. Als erste Veröffentlichung überhaupt gilt jene im „Geistlichen Psälterlein“ aus dem Jahr 1637. Die Publikation des Liedes erlebte Friedrich von Spee nicht mehr; er war zwei Jahre zuvor bei der Pflege Pestkranker gestorben.


Der Text veranschaulicht das „Wiegen“ in liebevoller Hinwendung zum neugeborenen, göttlichen Kind. Ansgar Franz (Die Lieder des Gotteslob, 2017) verweist auf dessen Aussage, die „von großer Liebe und mutiger Nachfolge bis in den Tod“ geprägt sei. Ein besonderes Weihnachtslied für das Jahr 2020, jenseits von „Stille Nacht“ und „himmlischer Ruh“?

Entsprechend sieht der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer, der sich mit dem Lied intensiv auseinandersetzte, in ihm eine „Liebesbeziehung“ zwischen dem neugeborenen Gottessohn und dem Gläubigen verbildlicht, eine „Liebesbeziehung, in die sich der Singende einwiegt;“ das Lied knüpfe, führt Schorlemmer weiter aus „eine wiegende Beziehung zu Bethlehem, um sich in das besungene Kind einzuwiegen.“ Die Worte öffnen das „Innere des Menschen,“ lassen „Herz und Verstand miteinander verschmelzen,“ sind „liebende Hingabe … im Sich-Schenken und Beschenkt-Werden.“ Schorlemmer stellt in seiner weiteren Interpretation die umfassende, große Hoffnung heraus, die mit der Geburt Jesu in die Welt gekommen ist, „mitten in eine Macht-Welt, in der die Welt-Macht gilt.“

Das beliebte weihnachtliche Lied, bestehend aus sechs Strophen, wurde schon bald in viele katholische Gesangbücher aufgenommen, etwas später fand es auch seinen Weg in zahlreiche evangelische.

Zu Bethlehem geboren

ist uns ein Kindelein,
das hab' ich auserkoren,
sein eigen will ich sein.
Eia, eia, sein eigen will ich sein.

In seine Lieb’ versenken
will ich mich ganz hinab;
mein Herz will ich ihm schenken
und alles, was ich hab’,
eia, eia, und alles, was ich hab’.

O Kindelein, von Herzen
will ich dich lieben sehr,
in Freuden und in Schmerzen
je länger und je mehr,
eia, eia, je länger und je mehr.

Die Gnade mir doch gebe,
bitt’ ich aus Herzensgrund,
daß ich allein dir lebe
jetzt und zu aller Stund’,
eia, eia, jetzt und zu aller Stund’.

Dich, wahren Gott, ich finde
in unser’m Fleisch und Blut;
darum ich mich dann binde
an dich, mein höchstes Gut,
eia, eia, an dich, mein höchstes Gut.

Laß mich von dir nicht scheiden,
knüpf’ zu, knüpf’ zu das Band
der Liebe zwischen beiden;
nimm hin mein Herz zum Pfand,
eia, eia, nimm hin mein Herz zum Pfand!

Laßt uns das Kindlein wiegen

Das zweitgenannte Wiegenlied, seit 1604 über einen Einblattdruck bekannt, wurde über solche Drucke im 17.Jh. verbreitet und zu einem der volkstümlichsten Weihnachtslieder jener Zeit. In seiner ältesten Quelle wird es wie folgt den Gläubigen nahegebracht: „Newe auserleßene Geistliche Lieder, welche nit allein lieblich zu singen: Sonder auch allen guthertzigen Christen gantz tröstlich und nützlich zu lesen und zu betrachten…“ („Gedruckt zu München…,1604“). Dreizehn Jahre später erschien das fünfstrophige Lied, das noch ganz den Geist der frühen Wiegengesänge (s.u.) und des Kindlein-Wiegens atmet und dem später viele weitere Verse hinzugefügt wurden, im „Kölner Gesangbuch.“ Unzählige Publikationen folgten, sowohl in den katholischen, als auch in den evangelischen Gesangbüchern.
Die fünf ursprünglichen Strophen seien hier vorgestellt.

Laßt uns das Kindlein wiegen
Laßt uns das Kindlein wiegen,
das Herz zum Kripplein biegen.
Laßt uns im Geist erfreuen,
das Kindlein benedeien:
„O Jesulein süß, o Jesulein süß.“

Laßt uns dem Kindlein neigen,
ihm Lieb und Dienst erzeigen
Laßt uns doch jubilieren
und freudig triumphieren
„O Jesulein süß, o Jesulein süß.“

Laßt uns dem Kindlein singen,
ihm unser Opfer bringen,
ihm alle Ehr erweisen
mit Loben und mit Preisen:
„O Jesulein süß, o Jesulein süß.“
Laßt uns sein Händlein und Füße
Sein feurigs Herzlein grüßen
Und ihn demütig ehren
Als unsern Gott und Herren!
O Jesulein süß!

Laßt unser Stimm‘ erschallen
Es wird dem Kindlein gefallen:
Laßt ihm ein Freudlein machen
Das Kindlein wird eins lachen.
O Jesulein süß!

Joseph, lieber Joseph mein –das älteste überlieferte Wiegenlied

Der wohl älteste und uns überaus bekannte Wiegengesang ist das Lied „Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen das Kindelein.“ Es ist wieder ein Lied, das dem ausgehenden 14. bzw. dem beginnenden 15.Jh. entstammt (vgl. In dulci jubilo); nachgewiesen ist seine Überlieferung u.a. in einer Leipziger Handschrift des 15. Jahrhunderts. In der diesjährigen Weihnachtszeit kann es für Katholiken an herausragender Bedeutung gewinnen, hat doch Papst Franziskus gerade ein Jahr des Hl. Josef ausgerufen.

Der Text wurde dem ersten Teil der Melodie des Liedes „Resonet in laudibus“ (Möge es im Lob erschallen) unterlegt, eines Weihnachtsliedes in lateinischer Sprache, das seit der Mitte des 14. Jahrhunderts mit unterschiedlichen Strophen und in vielzähligen Manuskripten bezeugt ist. Es erschien in katholischen wie später auch in lutherischen Traditionen, in ersteren mannigfach eingebettet in die Weihnachtskomplet oder Vesper. Offensichtlich ist, dass „Resonet“ vielerorts in Zusammenhang mit dem Kindelwiegen stand, im Besonderen mit dem Lied „Joseph, lieber Joseph mein,“ mit dem es in enger Verbindung seiner Entstehungsgeschichte steht und dem es, wie erwähnt, auch einen Teil seiner Melodie lieh. Verschiedene Quellen verweisen auf einen Wechselgesang zwischen „Resonet“ und dem genannten Wiegenlied. Wechselgesänge solcherart wurden auch in lutherischen Gottesdiensten in der Form des Quempas-Singens (Quem pastores laudavere = Den die Hirten lobeten sehre) zwischen Schülerchor und Gemeinde gepflegt (bei dem auch das „Resonet in laudibus“ nicht fehlte) – eine dem Mittelalter entnommene Tradition, die sowohl in Christvesper, Christmette und der Hauptmesse des Christtags, als auch auf den Straßen und Plätzen einen festen Bestandteil des weihnachtlichen Brauchtums darstellte.

Der Text des Wiegenlieds „Joseph, lieber Joseph mein“ zeichnete wohl der als „Mönch von Salzburg“ bekannte, jedoch anonym gebliebene Liederdichter des Spätmittelalters um das Jahr 1400 auf. Er fügte diesem zudem eine ausführliche Beschreibung der Aufführungsweise bei, die überdies die einstige Zusammengehörigkeit mit dem älteren Gesang „Resonet in laudibus“ deutlich macht:
„Zu den weihnachten der frölich hymnus: A solis ortus cardine (=Vom Tor des Sonnenaufgangs, ein im Mittelalter häufig gesungener Hymnus zum Weihnachtsfest) und so man das Kind wiegt über das Resonet in laudibus, hebt unser Frau an zu singen in einer Person: Joseph, liever neve min. So antwort in der andern Person Joseph: Gerne, liebe mueme min. Darnach singet der kor die andern Vers in einer diener weis, darnach den kor.“ Der mittelalterliche Text, in der Maria nicht nur eine „reine meit“ (später eine „reine Magd“) genannt wird, impliziert insbesondere durch die gegenseitige Anrede einen ausdrucksstarken bildlichen Hinweis auf die Jungfräulichkeit Mariens: Maria spricht Joseph als „Neve“ (Vetter=Cousin oder Neffe) an und er sie im Gegenzug dazu als seine „Muhme“ (Base=Kusine oder Tante).

Das Wiegenlied erfreute sich über Jahrhunderte hinweg mehrerer Textfassungen. Gedruckt in seiner heutigen Form und mit seiner Veröffentlichung der Gemeinde an die Hand gegeben, wurde es erstmals 1544 von Johann Walter, dem ersten lutherischen Kantor und Herausgeber des ältesten evangelischen Gesangbuchs. Das Weihnachtslied fand von da an Eingang in die Gesangbücher beider Konfessionen.

Hier seien nun die moderne, aus vier Versen bestehende Textfassung sowie die älteste überlieferte Fassung aus dem Leipziger Manuskript, die acht Strophen aufweist und von außergewöhnlichem Liebreiz ist, einander gegenübergestellt.

Heutige Liedfassung
Joseph, lieber Joseph mein,
hilf mir wiegen mein Kindelein,
Gott, der wird dein Lohner sein
im Himmelreich, der Jungfrau Sohn Maria.
Eia! Eia!

Gerne, liebe Maria mein,
helf ich dir wiegen das Kindelein.
Gott, der wird mein Lohner sein
im Himmelreich, der Jungfrau Sohn Maria.
Eia! Eia!

Freu dich nun, o Christenschar,
der himmlische König klar
nahm die Menschheit offenbar,
den uns gebar die reine Magd Maria.
Eia! Eia!

Süßer Jesu, auserkor’n,
weißt wohl, dass wir war’n verlor’n,
still uns deines Vaters Zorn,
dich hat gebor’n die reine Magd Maria.
Eia! Eia!


Fassung aus Leipziger Handschrift, 15.Jh., wohl Text des „Mönchs von Salzburg“
Joseph, liber nefe min,
hilf mir wiegen min kindelin,
das got musse din loner sin
in himilrich,
der meide kint Maria.«

»Gerne, libe mume min,
ich helfe dir wigen din kindelin,
das got musse min loner sin
in himilrich,
der meide kint Maria.«

Nu frów dich, kristenliche schar,
der himelische konig klar
nam die menschheit offenbar,
den uns gebar
die reine meit Maria.

Is súllen alle menschen zwar
mit gánzen frouden komen dar,
do man fint der selen nar,
di uns gebar
die reine meit Maria.

Uns ist geborn Emanuel,
als uns vorkundigit Gabriel,
des ist geziug Ezechiel,
o fronis el,
dich hot geborn Maria.

O éwigis vátirs éwigis wórt,
wor gót, wor mensche, der togunden ort
in hímil, in érde, hi und dort,
der salden pfort,
di uns gebar Maria.

O sússer Jesu userkorn,
du wéist wol, das wir wor verlorn,
stille uns dines vatirs zorn,
dich hot geborn
die reine meit Maria.

O kléinis kint, o grosser got,
du lidist in der krippen not,
der súnder hi vorhanden hot
der engil brot,
das uns gebar Maria.

 


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Lesermeinungen

 Octavianus 20. Dezember 2020 
 

Kulturhistorisch und philologisch sehr interessanter Beitrag!


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0
 
 Stefan Fleischer 20. Dezember 2020 

Ja,

die alten Kirchenlieder und die Volksfrömmigkeit von früher sind ein Schatz, welcher unserem verkopften Glauben und Glaubensleben äusserst wichtig und nützlich sein könnten. Ich frage mich oft, weshalb dieser so leichtfertig beiseitegeschoben wurde und wird. «Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen» heisst es in einem solchen. Von theologischen Spekulationen etc. ist da nirgends die Rede, von einer besseren Welt hier und jetzt auch nicht, dagegen von Dank und Gott, ohne welche man heute sehr oft glaubt, auskommen zu können.


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