Im Wortlaut: Papstinterview bei Mexiko-Rückflug

23. Februar 2016 in Interview


Die vieldiskutierten Äußerungen von Papst Franziskus über Verhütung angesichts der Zika-Seuche nun in voller Länge und im Wortlaut im Gesamtkontext des Interviews.


VAtikan (kath.net) kath.net dokumentiert die Pressekonferenz mit dem Heiligen Vater auf dem Rückflug nach Rom von der Apostolischen Reise nach Mexiko (17. Februar 2016) im Wortlaut in der offiziellen Übersetzung des Vatikans

Pater Lombardi: Heiliger Vater, danke, dass Sie wie am Ende jeder Reise hier sind für ein zusammenfassendes Gespräch, für einen großen Überblick über die Reise; danke für Ihre Bereitschaft, auf viele Fragen unserer internationalen Gemeinschaft zu antworten. Wie gewöhnlich, haben wir die verschiedenen Sprachgruppen gebeten, sich untereinander zu verständigen und einige Fragen vorzulegen, aber natürlich beginnen wir mit den Kollegen aus Mexiko. So bitten wir Sie, den ersten beiden auf Spanisch zu antworten und danach auf Italienisch, weil mehrere Kollegen das besser verstehen.

Die erste Frage stellt Maria Eugenia Jimenez Calíz von „Milenio“ einer bedeutenden mexikanischen Tageszeitung.

Maria Eugenia Jimenez Calíz: Heiliger Vater, in Mexiko gibt es Tausende von Verschwundenen (desaparecidos), doch der Fall der 43 aus Ayotzinapa ist ein emblematischer Fall. Ich möchte Sie fragen, warum Sie sich nicht mit ihren Angehörigen getroffen haben, und auch eine Botschaft für die Angehörigen der Tausenden von Verschwundenen…

Papst Franziskus: Also, wenn Sie die Botschaften lesen – da gab es immer wieder Hinweise auf die Ermordeten, auf die Toten, auf die von all diesen Banden des Drogen- und des Menschenhandels geforderten Leben. Das heißt, ich habe von diesem Problem als einer der Plagen gesprochen, unter denen Mexiko leidet. Es gab einige Versuche, Personen zu empfangen, und es waren viele Gruppen, die sogar untereinander zerstritten sind, mit internen Kämpfen. Da habe ich es vorgezogen zu sagen, dass ich sie in der Messe alle sehen würde, in der Messe in Juárez, wenn sie wollten, oder auch in einer anderen, aber ich war dafür offen und bereit. Es war praktisch unmöglich, alle Gruppen zu empfangen, die andererseits auch untereinander aufgesplittert waren. Es ist eine Situation, die für mich, der ich Ausländer bin, natürlich schwer verständlich ist, nicht wahr? Doch ich glaube, dass auch die mexikanische Gesellschaft Opfer all dessen ist: der Kriminalität, dass man Menschen verschwinden lässt, dass Menschen „weggeworfen“ werden. Ich habe in den Ansprachen, wo ich nur konnte, darüber gesprochen, und Sie können das dort feststellen. Es ist ein tiefer Schmerz, den ich mitnehme, denn dieses Volk verdient eine solche Tragödie nicht.

Pater Lombardi Danke. Und jetzt geben wir das Wort an Javier Solorzano Zinser von „Canal Once“.

Javier Solorzano Zinser: Vielen Dank. Papst Franziskus, vielen Dank. Das Problem der Pädophilie hat in Mexiko, wie Sie wissen, sehr gefährliche, sehr schmerzliche Wurzeln. Der Fall von Pater Maciel hat tiefe Spuren hinterlassen, vor allem bei den Opfern. Die Opfer fühlen sich weiterhin nicht geschützt von der Kirche, viele von ihnen stehen weiter fest im Glauben, einige von ihnen haben sogar den Weg des Priestertums verfolgt. Ich frage Sie: Wie denken Sie über dieses Thema? Haben Sie irgendwann daran gedacht, sich mit den Opfern zu treffen? Und was meinen Sie allgemein zu der Idee, dass man die Priester, wenn sie schließlich für Fälle dieser Art entdeckt werden, nur in eine andere Pfarrei versetzt und weiter nichts… Wie sehen Sie diese Angelegenheit? – Und vielen Dank.

Papst Franziskus: Gut. Ich beginne mit dem zweiten Punkt. Ein Bischof, der einen Priester in eine andere Pfarrei versetzt, wenn ein Fall von Pädophilie entdeckt wird, ist verantwortungslos, und das Beste, was er tun kann, ist, seinen Rücktritt einzureichen. Ist das klar? – Zweitens: zurück zum Fall Maciel. Hier erlaube ich mir, den Mann zu ehren, der zu einer Zeit kämpfte, in dem er nicht die Kraft hatte, sich durchzusetzen, bis er sich schließlich durchsetzen konnte: Ratzinger. Kardinal Ratzinger – ein Applaus für ihn! – ist ein Mann, der die gesamte Dokumentation hatte. Als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre hatte er alles in der Hand, führte die Untersuchungen durch und kam näher, näher, näher, näher, und konnte in der Ausführung nicht darüber hinausgehen. Doch wenn Sie sich erinnern: Zehn Tage bevor der heilige Johannes Paul II. starb, sagte jener Kreuzweg der ganzen Kirche, dass die Schweinereien, der „Schmutz“ in der Kirche gesäubert werden musste. Und in der Messe Pro Eligendo Pontifice – er ist nicht dumm, er wusste, dass er ein Kandidat war – ging es ihm nicht darum, seine Position zu verschleiern, und er sagte genau dasselbe. Das heißt, er war der Mutige, der vielen geholfen hat, diese Tür zu öffnen. So möchte ich das in Erinnerung rufen, denn manchmal vergessen wir diese verborgenen Arbeiten, die das sind, was die Grundlagen dafür bereitet, den Topf aufzudecken. – Drittens: Wir arbeiten reichlich. Ich habe mit dem Kardinal Staatssekretär gesprochen und auch mit dem Team des Neunerrats der Kardinäle, und nachdem ich sie angehört habe, habe ich entschieden, einen dritten zusätzlichen Sekretär in der Kongregation für die Glaubenslehre zu ernennen, der sich nur mit diesen Fällen beschäftigen soll – denn die Kongregation schafft es nicht neben allem, was sie zu tun hat – also einen, der diese Dinge zu handhaben weiß. Außerdem wurde ein Appellationsgericht eingesetzt unter dem Vorsitz von Monsignore Scicluna, der die Fälle der zweiten Instanz behandelt, das heißt, wenn jemand Berufung einlegt. Die erste Instanz wird nämlich von der sogenannten „feria quarta“, der Mittwochs-Versammlung der Kongregation für die Glaubenslehre geprüft. Es ist nicht gerecht, dass ein Berufungsfall an die erste Instanz zurückverwiesen wird. Daher die zweite Instanz, die bereits ein auch legales Profil hat mit einem Verteidiger. Doch wir müssen zur Eile drängen, denn wir sind mit den Fällen ziemlich im Rückstand, denn es tauchen [weitere] Fälle auf. – Viertens: Eine weitere Einrichtung, die sehr gut arbeitet, ist die Kommission für den Schutz der Minderjährigen. Sie ist nicht strikt auf die Pädophilie-Fälle beschränkt, sondern allgemein auf den Schutz der Minderjährigen. Dort habe ich mich einen ganzen Vormittag lang selbst mit sechs Missbrauchsopfern getroffen – zwei Deutsche, zwei Irländer und zwei Engländer, Männer und Frauen –, und auch in Philadelphia habe ich mich mit Opfern getroffen. Auch dort hatte ich an einem Vormittag eine Versammlung mit ihnen. Das heißt, es wird gearbeitet. Doch ich danke Gott, dass der Topf aufgedeckt wurde, und man muss ihn weiterhin aufdecken und sich der Sache bewusst werden. Ich möchte abschließend sagen, dass es eine Scheußlichkeit ist, denn ein Priester ist geweiht, um ein Kind zu Gott zu führen, und dort wird es in einem teuflischen Opfer „verzehrt“ und zerstört. Und nun, was den Fall Maciel betrifft, kommen wir auf die Kongregation zurück: Es ist sind umfangreiche Maßnahmen ergriffen worden; die Kongregationsleitung steht teileweise unter Aufsicht, das heißt, der Generalobere wird vom Rat, vom Generalkapitel gewählt, aber den Vikar wählt der Papst. Zwei Generalräte werden vom Generalkapitel gewählt, und weitere zwei wählt der Papst. Auf diese Weise helfen wir, Altlasten zu überprüfen.

Pater Lombardi: Danke.

Papst Franziskus) Wer das nicht verstanden hat, möge einen Spanier bitten, ihm zu erklären, was ich gesagt habe…

Pater Lombardi: Jetzt erteilen wir Phil Pullella von Reuters das Wort, den alle Unsrigen sehr gut kennen.

Phil Pullella): Guten Abend, Heiligkeit. Sie haben heute sehr vielsagend von den Problemen der Migranten gesprochen. Auf der anderen Seite der Grenze läuft allerdings eine recht harte Wahlkampagne. Einer der Kandidaten für das Weiße Haus, der Republikaner Donald Trump, hat kürzlich in einem Interview gesagt, Sie seien ein Mann der Politik, und er hat sogar gesagt, dass Sie vielleicht auch eine Marionette, ein Werkzeug der mexikanischen Regierung sind für die Einwanderungspolitik. Er hat erklärt, dass er im Fall seiner Wahl eine 2.500 km lange Mauer entlang der Grenze bauen will; dass er elf Millionen illegale Einwanderer deportieren will, womit er Familien auseinanderreißt usw. Nun möchte ich vor allem fragen, was Sie zu diesen Anschuldigungen gegen Sie meinen und ob ein amerikanischer Katholik einen solchen Menschen wählen kann.

Papst Franziskus: Aber Gott sei Dank, dass er gesagt hat, ich sei ein Mann der Politik, denn Aristoteles definiert den Menschen als „animal político“ [spanische Übersetzung von zoon politikon, hier scherzhaft wörtlich interpretiert als „politisches Tier“ [Anm. d. Übers.)]: So bin ich wenigstens eine menschliche Person! Und dass ich eine Marionette bin…nun, vielleicht, ich weiß nicht… das überlasse ich Ihrem Urteil, dem Urteil der Menschen… Und dann: Ein Mensch, der nur daran denkt, Mauern zu errichten, wo auch immer, und nicht Brücken zu bauen, ist nicht christlich. Das steht nicht im Evangelium…Und die andere Frage, was ich raten würde, d.h. ihn zu wählen oder nicht zu wählen: Da mische ich mich nicht ein. Ich sage nur: Dieser Mensch ist nicht christlich, wenn er das so sagt. Man muss prüfen, ob er die Dinge so gesagt hat. Und darum halte ich ihm diesen Zweifel zugute.

Pater Lombardi: Vielen Dank. Und jetzt geben wir das Wort an Jean-Louis de la Vaissière von France Presse.

Jean-Louis de la Vaissière): Die Begegnung mit dem russischen Patriarchen Kyrill und die Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung ist in aller Welt als ein historischer Schritt gewürdigt worden. Aber jetzt, schon heute, fühlen sich in der Ukraine die griechisch-katholischen Christen verraten und sprechen von einem „politischen Dokument“ zur Unterstützung der russischen Politik. So ist in dem Gebiet der Krieg der Worte erneut aufgeflammt. Denken Sie, dass Sie nach Moskau gehen können; sind Sie vom Patriarchen eingeladen worden? Oder vielleicht nach Kreta, um das panorthodoxe Konzil im Frühling zu begrüßen?

Papst Franziskus: Ich beginne beim Letzten. Ich werde zugegen sein, im Geiste und mit einer Botschaft. Es würde mir gefallen, dorthin zu gehen und sie auf dem panorthodoxen Konzil zu begrüßen – sie sind Brüder. Doch ich muss respektvoll sein. Ich weiß jedoch, dass sie katholische Beobachter einladen wollen, und das ist eine schöne Brücke. Aber hinter den katholischen Beobachtern werde ich stehen, indem ich mit den besten Wünschen bete, dass die Orthodoxen vorangehen, vorangehen, denn sie sind Brüder, und ihre Bischöfe sind Bischöfe wie wir. Und dann: Kyrill. Mein Bruder. Wir haben uns geküsst, umarmt, und außerdem ein Gespräch von einer Stunde…

Pater Lombardi): …zwei Stunden!

Papst Franziskus: …zwei Stunden! Zwei Stunden, in denen wir als Brüder miteinander gesprochen haben, ehrlich und offen, und niemand weiß, worüber gesprochen wurde, nur das, was wir am Ende öffentlich gesagt haben und was sich auf das bezog, was wir bei dem Gespräch empfunden haben. – Drittens: dieser Artikel, diese Erklärungen in der Ukraine. Als ich das gelesen habe, war ich ein wenig besorgt, denn es war vielmehr Sviatoslav Shevchuk, der gesagt haben soll, das ukrainische Volk oder einige Ukrainer oder viele Ukrainer seien zutiefst enttäuscht und fühlten sich verraten. Zunächst einmal: Ich kenne Sviatoslav gut. In Buenos Aires haben wir vier Jahre lang zusammengearbeitet. Als er gewählt wurde – mit 42 Jahren, ein guter Mann! –, als er zum Großerzbischof gewählt wurde, ist er nach Buenos Aires zurückgekommen, um seine Sachen zu holen. Und da ist er zu mir gekommen und hat mir eine kleine Ikone der Muttergottes der Zärtlichkeit geschenkt und mir gesagt: „Sie hat mich mein Leben lang begleitet; ich möchte sie dir überlassen, der du mich in diesen vier Jahren begleitet hast.“ Es ist eines der wenigen Dinge, die ich mir aus Buenos Aires habe bringen lassen, und ich habe sie auf meinem Schreibtisch. Er ist also ein Mann, dem gegenüber ich große Achtung habe und auch Vertrautheit, wir duzen uns. Und darum schien mir das ein bisschen merkwürdig. Und ich habe mich an etwas erinnert, das ich Ihnen hier einmal gesagt habe: Um eine Nachricht, eine Erklärung zu verstehen, muss man die Hermeneutik des Ganzen suchen: Wann hat er das gesagt? Es wurde in einer Erklärung vom 14. Februar gesagt, am vergangenen Sonntag. Ein Interview mit Pater… – ich erinnere mich nicht an den Namen, ein ukrainischer Priester – in der Ukraine gegeben und veröffentlicht. Das Interview ist gut zwei Seiten lang, und diese Nachricht befindet sich im drittletzten, so kleinen Absatz. Ich habe das Interview gelesen und möchte folgendes sagen: Shevchuk erklärt sich – im dogmatischen Teil [des Interviews] – als Sohn der Kirche, in Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom, mit der Kirche. Er spricht vom Papst, von der Nähe des Papstes und von sich selbst, von seinem Glauben und auch von dem Glauben des orthodoxen Volkes dort. Im dogmatischen Teil gibt es keinerlei Schwierigkeit, der ist orthodox im guten Sinne des Wortes, das heißt katholische Lehre. Dann – wie in jedem Interview, so auch z. B. in diesem – hat jeder das Recht, seine persönliche Meinung zu sagen. Und das hat er nicht in Bezug auf die Begegnung getan, denn über sie sagte er: „Es ist eine gute Sache, und wir müssen vorangehen.“ In diesem zweiten Teil geht es um die persönlichen Gedanken, die jemand hat. Wenn ich zum Beispiel über die Bischöfe, die pädophile Priester einfach versetzen, gesagt habe, dass das Beste, was sie tun können, ist, zurückzutreten, dann ist das nichts Dogmatisches, sondern das, was ich denke. Und so hat er seine persönlichen Vorstellungen, über die man sprechen muss, und er hat ein Recht, sie zu haben. Alles, was er sagt, bezieht sich auf das Dokument: Da liegt das Problem. Über die Tatsache der Begegnung selbst sagt er: „Das ist der Herr, der Geist, der vorangeht, die Umarmung…“ Alles in Ordnung. Das Dokument? Es ist ein Dokument, über das man diskutieren kann. Und noch etwas anderes ist dazu zu sagen: Die Ukraine befindet sich in einem Moment des Krieges, des Leidens, mit vielen Interpretationen. Ich habe das ukrainische Volk viele Male sowohl beim Angelus als auch in den Mittwochs-Audienzen erwähnt und die Menschen um ihr Gebet und ihre Nähe gebeten. Doch die historische Tatsache eines Krieges… jeder hat seine eigene Vorstellung: Wie ist dieser Krieg? Wer hat ihn angefangen? Was ist zu tun? Was ist nicht zu tun?… Es ist klar, dass dies ein historisches Problem ist, aber auch ein existenzielles Problem des Landes, und es spricht vom Leiden. Und dort, in diesen Kontext stelle ich diesen Abschnitt, und von daher versteht man, was die Gläubigen sagen… Denn Sviatoslav sagt: „Viele Gläubige haben mich angerufen oder mir geschrieben und gesagt, dass sie zutiefst enttäuscht sind und sich von Rom verraten fühlen.“ Es versteht sich, dass ein Volk in jener Situation das so empfindet. Das Dokument ist in diesem Punkt der ukrainischen Frage diskutierbar, aber dort wird gesagt, dass der Krieg enden möge und man zu Übereinkünften kommen solle. Auch ich persönlich habe gesagt, dass die Vereinbarungen von Minsk vorangehen sollen und man nicht mit dem Ellenbogen auslöschen soll, was mit den Händen geschrieben wurde. Die Kirche von Rom, der Papst, hat immer gesagt: „Sucht den Frieden!“ Ich habe beide Präsidenten empfangen. Und darum, wenn er sagt, dass er das von seinem Volk gehört hat, verstehe ich das; ich verstehe das. Aber das ist nicht „die“ Nachricht. Die Nachricht ist das Ganze. Wenn Sie das ganze Interview lesen, werden Sie sehen, dass es da ernsthafte dogmatische Aussagen gibt, die bleiben, es gibt einen Wunsch nach Einheit, nach ökumenischem Fortschritt – er ist ein Mensch der Ökumene… Und es gibt einige Meinungen… Er hat mir geschrieben, als man von der Reise, von der Begegnung erfuhr, aber als ein Bruder, indem er seine Meinungen als Bruder kundtat… Mir missfällt das Dokument nicht, so wie es ist; es missfällt mir nicht, und zwar in dem Sinn, dass wir die Dinge respektieren müssen; jeder hat seine Freiheit, zu denken, und in dieser Situation ist es sehr schwierig. Und von Rom aus… Jetzt ist der Nuntius an der Grenze, wo gekämpft wird, und hilft den Soldaten, den Verletzten. Die Kirche von Rom hat viel Hilfe dorthin geschickt, sehr viel Hilfe. Und immer den Frieden suchen, die Vereinbarungen; man respektiere das Abkommen von Minsk… Das ist der Gesamtzusammenhang. Aber man muss nicht erschrecken wegen dieses Satzes: Das ist eine Lehre, dass eine Nachricht mit der Hermeneutik des Ganzen und nicht nur eines Teiles interpretiert werden muss.

Jean-Louis de la Vaissière: Hat Patriarch Kyrill Sie eingeladen, einmal nach Moskau zu kommen?

Papst Franziskus: Patriarch Kyrill … Ich möchte lieber – denn wenn ich eines sage, muss ich auch anderes und wieder anderes sagen – so möchte ich also lieber, dass das, worüber wir allein gesprochen haben, nur eben das ist, was wir öffentlich gesagt haben. Das ist eine Tatsache. Und wenn ich dieses sage, müsste ich auch jenes sagen … nein! Das, was ich öffentlich gesagt habe, das, was er öffentlich gesagt hat, das ist es, was man über die private Unterredung sagen kann. Andernfalls wäre sie ja nicht privat. Ich kann Ihnen aber das sagen: Ich bin glücklich hinausgegangen; und auch er.

Pater Lombardi: Vielen Dank für diese ausführliche Antwort zu einem grundlegenden Thema. Jetzt geben wir das Wort an Carlo Marroni, der die italienische Gruppe vertritt und von „Il Sore 24 Ore“ entsandt ist.

Carlo Marroni: Heiliger Vater, meine Frage betrifft die Familie, ein Thema, das Sie auf dieser Reise angesprochen haben. Im italienischen Parlament wird ein Gesetz über die zivilrechtlichen Lebenspartnerschaften diskutiert. Dieses Thema führt zu heftigen Auseinandersetzungen in der Politik, aber auch zu einer heftigen Debatte in der Gesellschaft und unter den Katholiken. Insbesondere wollte ich wissen, was Sie über das Thema der Adoptionen seitens zivilrechtlicher Lebenspartnerschaften denken und dann über die Rechte der Kinder im Allgemeinen. Danke.

Papst Franziskus: Zunächst: Ich weiß nicht, wie die Dinge im italienischen Parlament liegen. Der Papst mischt sich nicht in die italienische Politik ein. Bei der ersten Versammlung mit den [italienischen] Bischöfen im Mai 2013 war eines der drei Dinge, die ich gesagt habe: „Mit der italienischen Regierung, da habt ihr euch zu arrangieren“. Denn der Papst ist für alle da, und er kann sich nicht in die konkrete Innenpolitik eines Landes begeben. Das ist nicht die Rolle des Papstes. Und das, was ich denke, ist das, was die Kirche denkt und was sie bei vielen Gelegenheiten gesagt hat. Denn Italien ist nicht das erste Land, das diese Erfahrung macht; es sind viele Länder. Ich denke das, was die Kirche immer gesagt hat.

Pater Lombardi: Danke. Und jetzt geben wir das Wort an Paloma Garcia Ovejero von „Cope“, Spanierin, wie Sie wissen.

Paloma Garcia Ovejero: Heiliger Vater, seit einigen Wochen herrscht in vielen lateinamerikanischen Ländern, aber auch in Europa, große Sorge wegen des „Zika-Virus“. Das größte Risiko soll für schwangere Frauen bestehen, da gibt es Angst. Einige offizielle Stellen haben vorgeschlagen, Abtreibungen durchzuführen oder Schwangerschaften zu vermeiden. Kann die Kirche in diesem Fall die Auffassung des „geringeren Übels“ in Betracht ziehen?

Papst Franziskus: Abtreibung ist nicht ein „geringeres Übel“, es ist ein Verbrechen. Es heißt, einen aus dem Weg zu räumen, um einen anderen zu retten. Das ist das, was die Mafia tut. Abtreibung ist ein Verbrechen, ein absolutes Übel. Hinsichtlich des „geringeren Übels“: eine Schwangerschaft zu vermeiden ist ein Fall – wir sprechen von einem Konflikt zwischen dem fünften und dem sechsten Gebot. Paul VI. – ein großer! – hat in einer schwierigen Situation in Afrika den Ordensschwestern erlaubt, im Fall von Vergewaltigung Verhütungsmittel zu verwenden. Man darf nicht das Übel, eine Schwangerschaft allein zu vermeiden, mit der Abtreibung verwechseln. Die Abtreibung ist nicht ein theologisches Problem, es ist ein menschliches Problem, ein medizinisches Problem. Man tötet eine Person, um eine andere – im günstigsten Fall – zu retten oder gut durchkommen zu lassen. Abtreibung ist gegen den hippokratischen Eid, den die Ärzte ablegen müssen. Es ist ein Übel in sich, aber es ist am Anfang nicht ein religiöses Übel, nein, es ist ein menschliches Übel. Und es ist klar, da es ein menschliches Übel ist, wird es – wie jede Tötung – verurteilt. Eine Schwangerschaft zu vermeiden ist hingegen nicht ein absolutes Übel, und in gewissen Fällen, wie in dem Fall, den ich über den seligen Paul VI. erwähnt habe, war es klar. Außerdem möchte ich die Ärzte auffordern, alles zu tun, um Impfungen gegen die beiden Mücken, die dieses Übel bringen, zu finden – daran muss man arbeiten. … Danke.

Pater Lombardi: Danke. Jetzt bitten wir Ludwig Ring-Eifel von der deutschen katholischen Nachrichtenagentur „KNA“ um seinen Beitrag.

Ludwig Ring-Eifel: Eure Heiligkeit, in wenigen Wochen werden Sie den Karlspreis erhalten, einen der namhaftesten Preise der Europäischen Gemeinschaft. Auch einer Ihrer Vorgänger, der heilige Johannes Paul II., erhielt diesen Preis, er hat ihn sehr wertgeschätzt. Und es lag ihm auch viel an der europäischen Einheit, die jetzt ein wenig in Stücke zu gehen scheint – zuerst mit der Eurokrise und nun mit der Flüchtlingskrise. Haben Sie vielleicht ein Wort für uns in dieser Situation der Krise Europas? Danke.

Papst Franziskus: Erstens zum Karlspreis. Ich hatte die Angewohnheit, keine Auszeichnungen oder Doktorate anzunehmen; immer schon, nicht aus Bescheidenheit, sondern weil mir diese Sachen nicht gefallen. Eine Marotte zu haben ist gut, und es gefällt mir eben nicht. Aber in diesem Fall wurde ich – ich sage nicht „gezwungen, sondern – „überzeugt“ von der heiligen und theologischen Dickköpfigkeit eines Kardinal Kaspers, der von Aachen dazu ausgewählt wurde, mich zu überzeugen! Und ich sagte dann: „Ja, aber im Vatikan.“ Ich habe das gesagt, und ich biete den Preis für Europa dar: dass er eine Mit-Auszeichnung sei, ein Preis, damit Europa das machen kann, was ich in Straßburg als Wunsch ausgedrückt habe: dass Europa nicht die „Großmutter Europa“, sondern die „Mutter Europa“ sein kann. Zweitens. Neulich, als ich die Nachrichten über diese Krisen las – ich lese wenig, blättere nur eine Zeitung durch (ich sage den Namen nicht, um nicht Eifersucht zu erregen, aber es ist bekannt), ich schaue eine Viertelstunde und dann lasse ich mich vom Staatssekretariat informieren – , da gefiel mir ein Wort; es gefiel mir – ich weiß nicht, wer dem Wort zustimmt und wer nicht – die „Wiederbegründung der Europäischen Union“. Und ich habe an die großen Väter gedacht … Aber heute, wo gibt es einen Schuman, einen Adenauer? Diese großen Gestalten, die nach dem Krieg die Europäische Union begründet haben. Und mir gefällt diese Idee der Wieder­begründung: Wenn man sie nur machen könnte! Denn Europa – ich möchte nicht sagen, dass es einzigartig ist – hat eine Kraft, eine Kultur, eine Geschichte, die man nicht verschwenden darf, und wir müssen alles tun, damit die Europäische Union die Kraft und auch die Inspiration hat, um uns vorwärts gehen zu lassen. Ich weiß nicht; das ist es, was ich denke.

Pater Lombardi: Danke. Und jetzt geben wir das Wort an Anne Thompson von „NBC News“ weiter – wir sind in Amerika, wir sind gerade über Amerika –, wir geben an sie das Wort.

Anne Thompson: Danke, Pater Lombardi. Matteo wird mir helfen … Heiliger Vater, Sie haben auf dieser Reise viel über die Familien und über das Jahr der Barmherzigkeit gesprochen. Einige fragen sich, wie eine Kirche, die behauptet, „barmherzig“ zu sein, leichter einem Mörder vergeben kann als vielmehr dem, der sich scheiden lässt und wieder heiratet …

Papst Franziskus: Die Frage gefällt mir! Über die Familie haben zwei Synoden gesprochen, und der Papst hat das ganze Jahr in den Mittwochskatechesen darüber gesprochen. Und die Frage ist wahr, sie gefällt mir, denn Sie haben sie plastisch gut formuliert. Im nachsynodalen Dokument, das erscheinen wird – vielleicht vor Ostern –, wird in einem der Kapitel – es hat nämlich viele – all das aufgegriffen, was die Synode über die Konflikte, nämlich über die verwundeten Familien und die Seelsorge für die verwundeten Familien gesagt hat. Das ist eine der Sorgen; wie eine andere Sorge die Vorbereitung auf die Ehe ist. Stellen Sie sich vor: Um Priester zu werden, gibt es acht Jahre Studium, Vorbereitung, und dann, nach einer gewissen Zeit, wenn du es nicht schaffst, bittest du um Dispens und gehst, und alles ist in Ordnung. Um ein Sakrament zu schließen, das für das ganze Leben dauert, gibt es hingegen drei bis vier Treffen. Die Vorbereitung auf die Ehe ist sehr, sehr wichtig, denn ich glaube, dass es eine Sache ist, der die Kirche in der gewöhnlichen Pastoral – zumindest in meinem Land, in Südamerika – nicht viel Wert beigemessen hat. In meiner Heimat zum Beispiel – heute nicht so sehr, aber vor einigen Jahren – gab es die Gewohnheit – es hieß „casamiento de apuro“ –, schnell zu heiraten, weil ein Kind unterwegs war und um gesellschaftlich die Ehre der Familie zu decken. Da waren sie nicht frei, und oft sind diese Ehe ungültig. Und ich habe als Bischof meinen Priestern verboten, dies zu tun, wenn es das gab … Dass das Kind kommt, dass sie weiter verlobt sind, und wenn sie sich in der Lage fühlen, es für das ganze Leben zu machen, dass sie dann weiter gehen. Die Vorbereitung auf die Ehe aber ist mangelhaft. Ein weiteres sehr interessantes Kapitel ist dann die Erziehung der Kinder. Die Opfer der Probleme in der Familie sind die Kinder. Aber sie sind auch Opfer der Probleme in der Familie, welche weder der Mann noch die Frau wollen: zum Beispiel die Notwendigkeit der Arbeit. Wenn der Vater keine freie Zeit hat, um mit den Kindern zu sprechen, wenn die Mutter keine freie Zeit hat, um mit den Kindern zu sprechen … Wenn ich die Beichte eines Ehepaares, das Kinder hat, von Eheleuten höre, sage ich: „Wie viele Kinder haben Sie?“ Und einige erschrecken, denn sie sagen: „Der Priester wird mich fragen, warum ich nicht mehr habe …“ Und ich sage: „Ich werde Ihnen eine zweite Frage stellen: Spielen Sie mit Ihren Kindern?“ Und die Mehrheit – fast alle! – sagen: „Aber, Pater, ich habe keine Zeit; ich arbeite den ganzen Tag.“ Und die Kinder sind Opfer eines sozialen Problems, das die Familie verwundet. Es ist ein Problem … Mir gefällt Ihre Frage. Noch eine dritte interessante Sache. Beim Treffen mit den Familien in Tuxtla war ein Ehepaar, das in zweiter Ehe wiederverheiratet war, das in die Pastoral der Kirche integriert war. Und das Schlüsselwort, das die Synode verwendet hat – und ich werde es wiederaufgreifen – ist: die verwundeten Familien, die Familien der wiederverheirateten Geschiedenen und das alles in das Leben der Kirche „integrieren“. Aber vergessen wir nicht die Kinder im Mittelpunkt! Sie sind die ersten Opfer, sowohl der Verwundungen als auch der Situationen der Armut, der Arbeit, von all dem.

Anne Thompson: Heißt das, dass sie zur Kommunion gehen könnten?

Papst Franziskus: Das ist eine Sache … es ist der Zielpunkt. In die Kirche integrieren heißt nicht „zur Kommunion gehen“. Denn ich kenne wiederverheiratete Katholiken, die einmal, zweimal im Jahr in die Kirche kommen: „Aber ich möchte zur Kommunion gehen!“, als ob die Kommunion eine Auszeichnung wäre. Es ist eine Arbeit der Integration … alle Türen sind offen. Aber man kann nicht sagen: von jetzt an „können sie zur Kommunion gehen“. Das wäre eine Wunde auch an den Eheleuten, am Ehepaar, denn es ließe sie nicht diesen Weg der Integration gehen. Und diese beiden [in Tuxtla] waren glücklich! Und sie haben ein sehr schönes Wort gebraucht: „Wir gehen nicht zur eucharistischen Kommunion, aber wir gehen zur Kommunion, indem wir das Krankenhaus besuchen, diesen Dienst tun, jenes …“ Ihre Integration ist da geblieben. Wenn es mehr gibt, wird es der Herr ihnen sagen, aber … es ist ein Weg, eine Straße …

Anna Thompson: Danke.

Pater Lombardi: Lassen wir jetzt Antoine-Marie Izoard seine Frage stellen; damit kehren wir zur französischen Gruppe zurück. Er ist der Verantwortliche von „Imedia“, einer katholischen Nachrichtenagentur aus Frankreich.

Antoine-Marie Izoard: Guten Abend, Heiligkeit. Erlauben Sie mir, zunächst etwas scherzhaft zu sagen, dass wir Vatikankorrespondenten uns ein wenig wie Geiseln des päpstlichen Terminkalenders fühlen. Wir können nicht mit unseren Kindern spielen. Am Samstag findet die Jubiläumsaudienz statt; am Sonntag gibt’s den Angelus und von Montag bis Freitag schwimmt man in der Arbeit. Dann wünsche ich Alberto [Gasbarri] alles Gute [wenn er jetzt in Pension geht]. Er hat mich vor 20 Jahren, zusammen mit Pater Lombardi, bei Radio Vatikan eingeführt – man gehört zur Familie …

Eine etwas saloppe Frage hätte ich an Sie, Heiligkeit. Zahlreiche Medien haben es hervorgeholt und einen Wirbel um den „intensiven Briefwechsel“ zwischen Johannes Paul II. und der amerikanischen Philosophin Anna Tymieniecka gemacht, die, wie man sagt, eine große Zuneigung für den polnischen Papst hegte. Darf ein Papst, Ihrer Meinung nach, eine solch intime Beziehung zu einer Frau haben? Und dann – wenn Sie mir erlauben: Auch Sie haben eine bedeutende Korrespondenz; kennen Sie – oder kannten Sie – diese Art von Erfahrung …

Papst Franziskus: Ich wusste davon, von dieser freundschaftlichen Beziehung zwischen dem heiligen Johannes Paul II. und dieser Philosophin, als ich noch in Buenos Aires war. Man wusste davon; auch ihre Bücher sind bekannt. Und Johannes Paul II. war ein unruhiger Mensch … Im Übrigen würde ich sagen, dass ein Mann, der keine freundschaftliche Beziehung zu einer Frau zu unterhalten vermag – ich spreche hier nicht von den Misogynen: die sind krank – ein Mensch ist, dem etwas fehlt. Wenn ich einen Rat suche, wende ich mich an einen Mitarbeiter oder an einen Freund, einen Mann, aber schon aus persönlicher Erfahrung höre ich auch gerne die Meinung einer Frau. Sie geben dir einen so großen Reichtum! Sie sehen die Dinge auf eine andere Weise. Ich sage gerne, dass die Frau diejenige ist, die das Leben in ihrem Schoß aufbaut; sie hat – das ist ein Vergleich, den ich mache – sie hat dieses Charisma, dir Dinge zum Aufbauen zu geben. Die Freundschaft mit einer Frau ist keine Sünde; sie ist eben eine Freundschaft. Eine Liebesbeziehung mit einer Frau, die nicht deine Ehefrau ist, ist Sünde. Der Papst ist ein Mann; der Papst braucht auch die Gedanken der Frauen. Auch der Papst hat ein Herz, das eine gesunde, heilige Freundschaft mit einer Frau unterhalten kann. Es gibt heilige Freunde: Franziskus und Klara, Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz. Kein Grund, sich zu erschrecken. Aber die Frauen sind immer noch ein wenig … nicht gut angesehen, nicht völlig … Wir haben noch nicht das Gute erkannt, das eine Frau dem Leben des Priesters und dem Leben der Kirche zu geben vermag, im Sinne eines Ratschlags, im Sinne einer Hilfe oder einer gesunden Freundschaft. Danke.

Pater Lombardi: Vielen Dank. Jetzt haben wir hier Franca Giansoldati von „Il Messaggero“ für die italienische Gruppe.

Franca Giansoldati: Guten Abend, Heiligkeit. Ich komme zurück auf das Thema des Gesetzes, das vor der Verabschiedung durch das italienische Parlament steht: Es ist ein Gesetz, das in gewisser Weise auch andere Staaten betrifft. Denn auch andere Staaten prüfen Gesetze, welche die Verbindungen zwischen Personen gleichen Geschlechts betreffen. Es gibt ein Dokument der Glaubenskongregation von 2003, das ausführlich auf dieses Thema eingeht. Es widmet sogar ein Kapitel dem Verhalten, das die katholischen Abgeordneten im Parlament gegenüber solchen Gesetzesvorlagen einnehmen sollen. Und es wird ausdrücklich gesagt, dass die katholischen Parlamentarier nicht für diese Gesetze stimmen dürfen. Angesichts der großen Konfusion auf diesem Gebiet wollte ich Sie zunächst fragen, ob dieses Dokument von 2003 noch etwas wert ist und wie sich ein katholischer Abgeordneter wirklich verhalten soll.

Und dann eine andere Sache: Nach Moskau, nun Kairo: Gibt es ein weiteres Tauwetter am Horizont? Also ich beziehe mich auf die Audienz, die Sie mit dem – nennen wir ihn – „Papst der Sunniten“, mit dem Imam von Al-Azhar wünschen.

Papst Franziskus: Aus diesem Grunde ist Pater Ayuso in der vergangenen Woche nach Kairo gereist, um den Vertreter des Groß-Imam zu treffen und auch den Imam zu begrüßen. Pater Ayuso ist der Sekretär des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, dem Kardinal Tauran vorsteht. Ich möchte den Imam treffen. Ich weiß, dass es bei ihm Anklang finden würde, und wir sind dabei, einen Modus zu finden, natürlich über Kardinal Tauran; denn das ist der Weg. Auf diesem Weg werden wir es schaffen.

Nun zum ersten Punkt: Ich erinnere mich nicht genau an dieses Dokument der Glaubenskongregation von 2003. Ein katholischer Abgeordneter muss aber nach seinem gut gebildeten Gewissen abstimmen. Das, nur das will ich sagen. Ich glaube, das ist ausreichend. Und ich sage „gut gebildet“, weil es nicht das Gewissen „dessen, was mir scheint“ ist. Ich erinnere mich, als in Buenos Aires über die „Ehe“ der Personen gleichen Geschlechts abgestimmt wurde. Es gab ein Patt der Stimmen, und am Ende hat einer zum anderen gesagt: „Siehst du das klar?“ – „Nein“ – „Ich auch nicht“ – „Machen wir weiter“ – „Wenn wir weiter machen, erreichen wir nicht die Beschlussfähigkeit“. Und der eine hat gesagt: „Aber wenn wir die Beschlussfähigkeit erreichen, geben wir unsere Stimme an Kirchner!“; daraufhin der andere: „Ich gebe sie lieber an Kirchner als an Bergoglio!“ … und los. Das ist kein gut gebildetes Gewissen! Und bezüglich der Personen gleichen Geschlechts verweise ich auf das, was ich auf dem Rückflug von Rio de Janeiro gesagt habe und was im Katechismus der katholischen Kirche steht.

Pater Lombardi: Danke. Jetzt haben wir die letzte der vorgesehenen Fragen seitens Javier Martínez Brocal von „Rome Reports“ …

Javier Martínez Brocal: Heiliger Vater, vielen Dank für diese Reise nach Mexiko. Es ist uns eine Ehre gewesen, Sie zu begleiten und zu sehen, was wir gesehen haben. Wir sind noch nicht nach Rom zurückgekehrt und denken schon an künftige Reisen, um die Koffer wieder zu packen. Heiliger Vater, wann gehen Sie nach Argentinien, wo man Sie schon seit langem erwartet? Und wann kehren Sie nach Lateinamerika zurück oder reisen nach China? … Dann noch eine scherzhafte Frage: Sie haben auf dieser Reise oft vom „Träumen“ gesprochen: Was träumen Sie? Und vor allem, was ist Ihr Alptraum?

Papst Franziskus: China! Dort hinfahren, das würde mir gefallen!

Ich will etwas sagen – etwas, um dem mexikanischen Volk gerecht zu werden. Es ist ein Volk mit einem Reichtum, mit einem so großen Reichtum; es ist ein Volk, das einen überrascht. … Es hat eine Kultur, eine tausendjährige Kultur. … Wisst ihr, dass man heute in Mexiko fünfundsechzig Sprachen spricht, wenn man die indigenen Idiome alle zählt. Fünfundsechzig! Es ist ein Volk mit einem starken Glauben. Es hat Verfolgungen der Religion erlebt. Es gibt Märtyrer – ich werde jetzt zwei oder drei heilig sprechen. Und ein Volk kann man nicht einfach erklären, weil das Wort „Volk“ nicht eine logische Kategorie, sondern eine mystische ist. Und das mexikanische Volk kann man nicht einfach erklären, dieser Reichtum, diese Geschichte, diese Freude, diese Fähigkeit zu feiern, genauso wie die Tragödien, zu denen ihr gefragt habt. Ich kann nichts anderes sagen, als dass es dieser Einheit und dass auch diesem Volk gelungen ist, nicht zu scheitern. Nicht zu scheitern bei so vielen Kriegen und Sachen, die heute passieren … Dort in Ciudad Juárez gab es eine Abmachung über zwölf Stunden Frieden aus Anlass meines Besuchs. Danach werden sie den Kampf unter sich wieder aufnehmen, die Rauschgifthändler. … Ein Volk, das noch immer diese Vitalität hat, lässt sich nur von Guadalupe her erklären. Und ich lade euch ein, ernsthaft das Faktum Guadalupe zu studieren. Die Muttergottes ist dort. Ich weiß keine andere Erklärung. Und es wäre schön, wenn ihr als Journalisten … Es gibt einige gute Bücher, die erklären, die auch das Bild erklären, wie es ist und was es bedeutet. … Und auf diese Weise wird man dieses so große, so liebenswürdige Volk ein wenig verstehen können.

Pater Lombardi: Danke, Heiligkeit. Also, wir haben die Reihe der vorgesehenen Fragen abgeschlossen. Da war noch Frau Pigozzi, die uns etwas sagen wollte; ich weiß nicht genau, was. Wir reichen ihr gerade das Mikrofon.

Caroline Pigozzi von „Paris Match“: Ja, Heiliger Vater, guten Abend. Zwei Punkte. Ich möchte wissen, was Sie dann die Jungfrau von Guadalupe gefragt haben, weil sie so lange in der Kirche gewesen sind, um zur Jungfrau von Guadalupe zu beten. Und dann als zweites, ob Sie auf Italienisch oder auf Spanisch träumen.

Papst Franziskus: Ja, ich würde sagen, ich träume auf Esperanto … Ich weiß nicht, wie ich darauf antworten soll, im Ernst. Einige Male, erinnere ich mich, gab es einen Traum in einer anderen Sprache, aber träumen in Sprachen nein, mit Gestalten ja. Meine Psychologie ist so. Mit Worten träume ich wenig. Und wie war die erste Frage?

Caroline Pigozzi: Die erste Frage, Heiligkeit, war die: Sie haben lange Zeit verbracht, um zur Muttergottes zu beten …

Papst Franziskus: Ich habe eine Bitte für die Welt und für den Frieden ausgesprochen … Viele Sachen … Die Arme hat schließlich mit dem Kopf so gemacht. … Ich habe um Verzeihung gebeten; ich habe gebetet, dass die Kirche gesund weiterwächst; ich habe für das mexikanische Volk gebetet. … Und auch eine Sache, für die ich sehr gebetet habe, war die, dass die Priester wahre Priester, die Ordensschwestern wahre Ordensschwestern, die Bischöfe wahre Bischöfe seien, wie der Herr uns will. Dafür habe ich sehr gebetet. Aber dann sind die Dinge, die ein Sohn seiner Mamma sagt, ein wenig geheim … Danke, Caroline.

[…]

Papst Franziskus: Gute Reise! Vielen Dank für eure Arbeit und betet für mich. Und wisst, dass ich euch zur Verfügung stehe. Und spielt mit euren Kindern!

- Ende -

Papst Franziskus in stiller Mediation vor dem Gnadenbild der Muttergottes von Guadalupe - Man spürt, wie wertvoll unserem Papst dieser Moment ist!



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