Woelki prangert Abtreibungspraxis in Deutschland an

14. Februar 2016 in Deutschland


100.000 Abtreibungen pro Jahr in Deutschland - Update: Die Predigt jetzt in voller Länge!


Düsseldorf (kath.net/ KNA/pek)
Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki hat die Abtreibungspraxis in Deutschland angeprangert. Der Erzbischof verwies am Samstagabend in Düsseldorf auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes, wonach es seit langem bundesweit pro Jahr rund 100.000 Schwangerschaftsabbrüche gibt. «Als Christen wehren wir uns dagegen, dass in unserem Land diese hunderttausendfache Abtreibung als die Normalität einer liberalen, humanen und aufgeklärten Gesellschaft ausgegeben wird.»

«Was ist das für eine Liberalität, die die Freiheit auf Kosten der Schwächsten propagiert?», sagte Woelki bei einer ökumenischen Andacht zum Auftakt der Fastenzeit. Wie zu Beginn ihres Lebens werde wehrlosen Menschen oft auch am Ende Lebensrecht und Würde abgesprochen. Keine Gesellschaft und kein Staat könnten darauf verzichten, das Lebensrecht jedes Menschen zu schützen, sei er «jung oder alt, geboren oder ungeboren, behindert oder nicht behindert».

Laut Woelki sind die Lebensbedrohungen komplex. «Offenkundig wurden etwa das Leben und die Würde Hunderter Frauen in der Silvesternacht durch marodierende Banden junger Männer mit ganz unterschiedlichem Migrationshintergrund bedroht», sagte er. Bedroht seien auch Emanzipation und Freiheit in den Ländern, aus denen diese jungen Männer kämen. «Da ist der hoffnungsvolle arabische Frühling sehr schnell wieder verblüht», so der Kardinal.

Der Erzbischof rief dazu auf, jedem Anzeichen von Menschenverachtung und Lebensbedrohung entgegenzutreten. Wer von Obergrenzen bei der Flüchtlingsaufnahme fordere, «hat nicht verstanden, was Menschlichkeit bedeutet.» Woelki verurteilte auch die Angriffe auf Flüchtlinge in ihren Unterkünften.

Erschreckend sei auch, dass wegen ihres Glaubens geflohene Christen hierzulande von Flüchtlingen bedroht werden. In Deutschland müsse das Recht auf Religionsfreiheit gelten, für Christen wie Muslime. Religionsfreiheit müsse aber auch Christen in islamischen Ländern gewährt werden.

Der Kardinal rief auch dazu auf, gegen die Lebensbedrohungen in Zeiten der Globalisierung anzugehen. So verwies er auf Menschen im Süden, die im Müll einer Metropole nach Verwertbarem aus Handyschrott der reichen Länder suchen.

kath.net dokumentiert die Predigt des Kölner Erzbischofs Rainer Maria Kardinal Woelki am 13.02.2016 anlässlich der Ökumenischen Passionsandacht in Düsseldorf in voller Länge:
Biblischer Bezug: Seht, welch ein Mensch! (Joh. 19,5)

Liebe Schwestern, liebe Brüder,
irgendwann in den 80er-Jahren. Es sind die Zeiten des sog. Kalten Krieges. Ein Beitrag im Radio – leider weiß ich nicht mehr, von wem und auf welchem Sender – aber der Inhalt, der ist mir bis heute sehr präsent. Ein Kabarettist unkt über die wechselseitigen Verwerfungen zwischen Ost und West … und witzelt dann – nach einer ganzen Reihe von Zuschreibungen und Vorverurteilungen –, dass man sich erzähle, so ein kleiner Russe, also so ein neugeborenes, kleines, von menschlicher Verblendung noch völlig unbelastetes Kind – wenn man das auf dem Arm hielte, dann sei so ein Kind doch tatsächlich genauso liebenswert und menschlich wie eines aus dem Westen …

Ecce Homo – seht, welch ein Mensch! So lautet der biblische Vers, an dem entlang unsere heutige Ökumenische Passionsandacht ausgerichtet ist; es ist für mich der Satz dieser Tage. Es ist aber auch der Satz unserer Welt- und unserer Religionsgeschichte. Allein dieser Radiobeitrag aus Zeiten des Kalten Krieges macht deutlich, wie sehr die Frage, ob der Andere auch ein Mensch sei, unsere jüngere Zeitgeschichte berührt hat. Aber auch die fast entschwindende Zeitgeschichte, die Zeit des Nationalsozialismus‘, ist eine Zeit gewesen, in der die Menschlichkeit genau deswegen auf der Strecke blieb, weil es Herrenmenschen gab, die den anderen das Menschsein abgesprochen haben. Da zeigten einige mit dem Finger und mit Waffen auf andere und sagten: „Das ist kein Mensch …“ Auch das berühmte kleine Mädchen mit dem roten Mantel aus Steven Spielbergs filmischem Meisterwerk ‚Schindlers Liste‘ war so ein Geschöpf Gottes, dem Ideologie und Untertanengeist das Menschsein absprachen und das Leben raubten. Unser Glaube weiß, dass niemandem das Menschsein abzusprechen ist – noch nicht einmal den Tätern; der Glaube weiß, dass es unsere christliche Pflicht ist, Leben zu schützen, zu behüten und zu verteidigen. Auch wenn dabei die Frage, wann das zu schützende menschliche Leben beginnt, immer wieder virulent diskutiert werden mag – für Christinnen und Christen ist klar: Das Leben eines Menschen ist vom ersten Moment seiner Existenz an bis zum letzten Augenblick ein heiliges Gut. Gott allein ist der Herr über Leben und Tod.

Er selbst stellt sich schützend vor das Leben des Menschen mit seinem Gebot: Du sollst nicht töten! Daher hat niemand das Recht, über menschliches Leben zu verfügen, auch nicht in den ersten zwölf Wochen! Wo sich Menschen zu Herren über Leben und Tod aufwerfen, haben sie den Weg der Menschlichkeit bereits verlassen. Das gilt auch für die Gesellschaft, auch für unseren Staat. Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche allein in Deutschland bewegt sich seit vielen Jahren im Bereich von 100.000 und mehr Fällen (vgl. Statistisches Bundesamt; 2014: 99.715 Fälle / 2012: 106.815 Fälle). Ecce homo – seht, welch ein Mensch! Als Christen wehren wir uns dagegen, dass in unserem Land diese hunderttausendfache Abtreibung als die Normalität einer liberalen, humanen und aufgeklärten Gesellschaft ausgegeben wird. Was ist das für eine Liberalität, die die Freiheit auf Kosten der Schwächsten propagiert? Und so wie in seiner Wehrlosigkeit am Anfang des Lebens, so ist der Mensch auch am Ende seines Lebens oftmals in einer Situation, in der manche ihm die Lebensqualität, das Lebensrecht und die Würde absprechen. Ich bin froh und dankbar, dass die Entscheidungen des Deutschen Bundestages im vergangenen Herbst einen deutlichen Beitrag zum Schutz und für die Würde kranker und sterbender Menschen geleistet haben. Leben – ganz gleich wie anfänglich, wie alt, wie gebrechlich oder wie versehrt: es ist einmalig und kostbar! Es ist uns von Gott geschenkt, und wir? Wir haben es zu hüten! Das Lebensrecht ist das Grundrecht eines jeden Menschen!

Keine menschliche Gesellschaft, auch nicht der Staat, kann darauf verzichten, das Lebensrecht des Menschen – und zwar jedes Menschen – anzuerkennen und zu schützen, sei es jung oder alt, geboren oder ungeboren, behindert oder nicht behindert. Weil wir an die Würde des Gott geschenkten Lebens glauben, deshalb ist es notwendig, jedem Anzeichen von Menschenverachtung entgegenzutreten - auch wenn das zum Teil erheblichen Mut und Zivilcourage erfordert! In Gottes Namen und im Namen Jesu Christi, seines Sohnes – welch ein Mensch! – gilt es, all denjenigen entgegenzutreten, die das Leben anderer bedrohen. Dabei ist die Bedrohung des menschlichen Lebens komplex. Bedroht wird es auf unterschiedlichste Weise – gleichermaßen offenkundig wie subtil, nicht nur am Beginn und am Ende des Lebens. Offenkundig wurden etwa das Leben und die Würde hunderter Frauen in der Silvesternacht durch marodierende Banden junger Männer mit ganz unterschiedlichem Migrationshintergrund bedroht. Bedroht wird in vielen Ländern, aus denen diese jungen Männer kommen, alles, was mit Emanzipation und Freiheit zu tun hat; da ist der hoffnungsvolle arabische Frühling sehr schnell wieder verblüht!

Bedroht ist das Leben in den Ländern, in denen Bürgerkrieg und IS-Terror wüten – wer hier von Obergrenzen bei der Aufnahme von Flüchtlingen spricht, hat nicht verstanden, was Menschlichkeit bedeutet. Bedroht ist das Leben, wo Menschen als Flüchtlinge in bürokratischer Ausweglosigkeit stranden – nicht wenige – vor allem Irakerinnen und Iraker – treten seit Monaten die Rückreise in ihre Heimat an. Lieber zu Hause Mensch sein, als hier ein Nichts, so empfinden das manche. Bedroht ist das Leben vieler Flüchtlinge in ihren Unterkünften – die Zahl der Übergriffe steigt und steigt.

Es ist unglaublich, dass Menschen, die Schutz vor Terror und Tod suchen, in unserem zivilisierten Land um ihr Leben bangen müssen. Erschreckend dabei ist, dass in manchen dieser Einrichtungen selbst das Leben von Christinnen und Christen, die um ihres Glaubens willen in ihrer Heimat oft auf das Grausamste verfolgt wur-den, bedroht ist, bedroht von Menschen, die mit ihnen das Flüchtlingsschicksal teilen. Und die Sorge wächst, dass Politik und Behörden solche Bedrohung nicht ernst genug nehmen könnten. Christenverfolgung ist kein Thema längst vergangener Zeiten.

Christenverfolgung ist aktueller denn je. Weltweit sind Christen nämlich die am meisten verfolgte Glaubensgemeinschaft. Allerdings ist für solche Verfolgung in unserem Land kein Platz, weder für eine Verfolgung von Christen noch für eine von Muslimen. Wir stehen ein für das Recht auf Religionsfreiheit, das ein Menschenrecht ist. Das allerdings gilt auch für Christen in muslimischen Ländern! Das fordern wir ein! Bedroht ist das Leben auf unserer Welt an so vielen Orten von vielem mehr. In Zeiten der Globalisierung wird uns allen erschreckend mehr und mehr bewusst, dass die Art und Weise, wie die einen leben, mit der Art und Weise zusammenhängt, wie die anderen leben. Wir sind globale Nachbarn – seht, welch ein Mensch, der meine Kleidung genäht hat. Seht, welch ein Mensch, der meine pflegebedürftigen Eltern betreut. Seht, welch ein Mensch, der da im Müll einer Metropole auf der Südhalbkugel nach Verwertbarem aus meinem Handyschrott sucht … Seht welch ein Mensch – das sagten sie schon einst, als sie Jesus mit einer Dornenkrone geschunden dastehen sahen. Sie hatten ihn geopfert. Sein Leben zählte nicht mehr. Und doch. Sie hielten inne. Es ging etwas von ihm aus, das unzerstörbar war und ist: Seine gott-menschliche Würde. Die konnten sie ihm nicht nehmen! Die kann einem keiner nehmen – kein Mensch, auch keine Gesellschaft und kein Staat kann die einem anderen nehmen! Denn diese Würde ist ja einem jeden von uns von Gott geschenkt. Wir sind sein Ebenbild!

Wir stehen, liebe Schwestern und Brüder, am Beginn unseres Weges auf Ostern hin. Ostern zeigt uns, wozu Gott fähig ist. In seinem Sohn, den er von den Toten erweckt hat, schenkt er uns ein neues Leben, dem der Tod nichts anhaben kann, ein Leben, das keine Macht der Welt zerstören kann.
Spätestens hier spricht Gott zum Leben eines jeden Menschen sein Ja. Setzen wir diesem göttlichen Ja nicht unsere Gleichgültigkeit oder gar unser Nein entgegen. Denn Gott ist ein Freund des Lebens! Seien wir deshalb alle gemeinsam mit ihm Freunde des Lebens! Amen.

Wichtige Predigt von Kardinal Woelki zur Ökumenischen Passionsandacht in Düsseldorf - Der Kardinal mahnt besseren Schutz des Lebens an!


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