'Eltern' für 55 – meist – misshandelte Kinder

6. Oktober 2013 in Interview


Das evangelische Ehepaar Hilliger aus Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kindern von gewalttätigen oder drogenabhängigen Eltern Schutz zu bieten. Von Daniela Städter (idea)


Berlin (kath.net/idea) 50.000 bis 60.000 Pflegekinder gibt es in Deutschland. Ihre Zahl steigt Jahr für Jahr. Das evangelische Ehepaar Hilliger (sie Erzieherin, er Arzt) aus Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kindern von gewalttätigen oder drogenabhängigen Eltern Schutz zu bieten. Wenn das Jugendamt gefährdete Kinder schnell aus ihren Familien herausholen muss, ist Bettina Hilliger gefragt. idea-Redakteurin Daniela Städter sprach darüber mit der 55-Jährigen.

idea: Frau Hilliger, Sie haben in den letzten 22 Jahren 54 Kinder vorübergehend aufgenommen. Gerade wohnt das 55. Pflegekind bei Ihnen. Haben Sie noch die Namen und Geschichten aller Kinder im Kopf?

Hilliger: Aber sicher doch! Denn egal, ob ein Kind nur einige Tage bei uns ist oder viele Monate: Eine enge Beziehung zu dem Kind bauen mein Mann und ich trotzdem auf. Und da spielt auch das Alter keine Rolle: Unser jüngstes Pflegekind war drei Tage, das älteste zwölf Jahre alt. Letzteres ist aber die Ausnahme. Meistens nehmen wir Babys oder Kleinkinder bis sechs Jahre auf.

idea: Wie kommt es zu einem neuen Pflegekind? Ruft ein Mitarbeiter des Jugendamtes Sie an und sagt: „Frau Hilliger, wir müssen ein Kind unterbringen und kommen jetzt vorbei“?

Hilliger: Durchaus. Was wir machen, nennt sich Bereitschaftspflege: Von 9 bis 18 Uhr müssen wir auf eine Anfrage sofort reagieren und das Kind – manchmal auch zwei oder drei Geschwisterkinder – aufnehmen. Anfangs lag unser Schwerpunkt auf der Kurzpflege: Wir haben Kinder aufgenommen, bei denen beispielsweise eine alleinerziehende Mutter kurzfristig ins Krankenhaus musste. Aber das hat sich vor rund zehn Jahren geändert. Seitdem bekommen wir vor allem vernachlässigte und missbrauchte Kinder oder Kinder, deren Mütter einen Drogen- oder Alkoholentzug machen.

Der kürzeste Zeitraum, in dem wir ein Kind betreut haben, dauerte nur drei Wochen. Da musste die Mutter ins Krankenhaus. Die längste Zeit waren zwei Jahre. Der Junge kam mit einem Jahr zu uns und ging mit knapp drei Jahren. Er musste aus seiner Familie herausgenommen werden, weil der Vater regelmäßig gewalttätig war.

idea: Wann wussten Sie, dass diese Arbeit Ihre Berufung ist?

Hilliger: Für Kinder da zu sein, war schon als Jugendliche mein Wunsch. Damals wollte ich Säuglingsschwester werden. Wenn ich nicht geheiratet hätte, wäre ich sicherlich Kinderdorfmutter geworden. Doch ich habe geheiratet, und dann wollten wir erst mal unsere eigene Kernfamilie aufbauen. Nachdem wir unser fünftes Kind bekamen, lasen wir Ende 1990 in einer Zeitungsanzeige, dass in Berlin Familien gesucht wurden, die Kinder in Not übergangsweise aufnehmen. Wir wussten sofort: Das passt zu uns.

„Ich kann nicht mehr. Nehmen Sie das Kind!“

idea: Wann bekamen Sie das erste Pflegekind?

Hilliger: Schon im Mai 1991 haben wir das erste Kind aufgenommen. Die leibliche Mutter war völlig überfordert. Sie kam zum Jugendamt, setzte ihr Kind dort auf den Schreibtisch und sagte nur: „Ich kann nicht mehr. Nehmen Sie es.“

idea: Was haben Ihre Pflegekinder schon erleben müssen?

Hilliger: Wir hatten Kinder, die den Mordversuch an ihrer eigenen Mutter miterleben mussten. Wir hatten Kinder, die brutal verprügelt wurden.

Wir hatten auch Kinder, die sich beim Mittagessen panisch den Mund vollstopften, weil sie bisher nur sehr unregelmäßig zu essen bekamen und für sich gelernt hatten: „Wer weiß, wann es wieder etwas gibt.“

Wir hatten Kinder, die kaum sprechen konnten, aber die Worte „Pommes“ und „Cola“ kannten, weil es das Einzige war, was sie an der Imbissbude nebenan zu essen erhielten.

Wir hatten Kinder, die noch nie ein Bilderbuch in der Hand gehalten hatten.

Oder wir hatten ein Mädchen, bei dem das Fußkettchen mit der Haut verwachsen war: Das Kettchen war zu klein geworden und die Mutter hatte es nicht abgenommen.

Ich stand über Monate nachts an seinem Bett

idea: Bekommen Sie Wut, wenn Sie dieses Leid miterleben?

Hilliger: Eher Mitleid. Die Eltern sind oft selbst misshandelt worden. Das heißt nicht, dass ich die Taten beschönige! Aber ich will und ich darf sie nicht verurteilen. Gott liebt auch diese Menschen. Über das, was sie getan haben, muss natürlich geredet werden. Aber ich glaube, dass insbesondere junge, alleinerziehende und dann oft überforderte Mütter noch viel mehr unterstützt werden müssten.

idea: Wie geben Sie traumatisierten Kindern Halt?

Hilliger: Die Kinder haben Geborgenheit, Liebe, Anerkennung oder oft auch regelmäßiges Essen nicht kennengelernt.

Ganz wichtig sind deswegen Rituale. Wir zeigen ihnen, dass es jeden Tag verlässlich ein Mittagessen gibt.

Dass sie ein eigenes Bett mit Kuscheltieren haben – einen geschützten Raum, der immer mit Ruhe und Geborgenheit verbunden ist.

Und natürlich spielen wir regelmäßig mit ihnen und nehmen sie in den Arm. Zu uns kam ein Junge, der schlimme Verlassenheitsängste hatte. Über Monate habe ich nachts in seinem Zimmer neben seinem Bett gestanden und seine Hand gehalten, wenn die Ängste wiederkamen.

Wenn ausländische Väter beleidigt sind

idea: Was war Ihre bisher schwierigste Situation?

Hilliger: Das war 2007. Wir – unser Pflegekind und ich – hatten uns mit seinem leiblichen, ausländischen Vater an einem „neutralen Ort“ getroffen. Das sind Orte, die das Jugendamt vorschlägt, wenn die Eltern nicht wissen sollen, wo die Pflegeeltern wohnen.

Das Jugendamt hatte schon öfters die Erfahrung gemacht, dass sich ausländische Väter beleidigt und angegriffen fühlen, wenn ihnen der Sohn weggenommen wird. Deswegen diese Vorsichtsmaßnahme. Auf der Rückfahrt bemerkte ich, dass er uns in seinem Auto verfolgte.

Ich hatte Angst, dass er meiner jüngsten Tochter nach der Schule vor unserem Haus auflauern und sie entführen könnte, um dann die Herausgabe seines Sohnes zu erpressen.

Aber es ging alles gut: Ich konnte ihm „entkommen“. Er hat niemals herausgefunden, wo wir wohnen.

idea: Haben Sie sich einmal gefragt, warum Sie sich das antun?

Hilliger: Nein. Ich fürchte mich stattdessen vor dem Tag, an dem mir die Kräfte fehlen. Die Arbeit passt so gut in unser Leben: Wir haben ein großes Haus und einen großen Garten. Wir sind von den Nachbarn akzeptiert. Keiner beschwert sich, im Gegenteil! Wir erleben überall nur Wertschätzung.

Das Jugendamt braucht dringend Leute, die spontan reagieren und direkt von einer Minute auf die andere ein Kind in Not aufnehmen können. Wir wollen unsere Kraft und unsere Liebe für diese Kinder einsetzen.

idea: Haben Sie viele ausländische Kinder aufgenommen?

Hilliger: Ja, rund die Hälfte. Berlin hat einen hohen Ausländeranteil. Wir hatten schon türkische, rumänische, bulgarische, arabische und russische Kinder.

Der Junge musste zusammengeflickt werden

idea: Was war denn Ihre schönste Erfahrung?

Hilliger: Da gibt es so viele! Nur ein Beispiel: Wir haben einmal einen zweieinhalbjährigen schwer misshandelten Jungen bekommen. Er war zuvor drei Wochen im Krankenhaus „zusammengeflickt“ worden. Er hatte schlimmste Blutergüsse, einen Arterienriss und andere Trittfolgen.

Dieses Kind hatte überhaupt kein Vertrauen mehr zu Erwachsenen. Wenn ich ihn streicheln wollte, hat er sofort die Hände schützend an seinen Kopf gelegt. Er befürchtete den nächsten Schlag.

Aber als er uns nach einem Jahr wieder verließ, war er ein ganz normaler Dreieinhalbjähriger. Er zeigte wieder Vertrauen. Das war eine Sternstunde unserer Arbeit.

idea: Wie schwer fällt es Ihnen, die Kinder wieder abzugeben?

Hilliger: Sehr schwer! Wenn ein Kind uns wieder verlässt, gibt es auch mal Tränen.

Ich habe mir für die traurigen Momente ein kleines Schatzkästchen angeschafft. Dort bewahre ich Fotos von jedem Kind auf. Ich habe seine persönliche Geschichte aufgeschrieben und was wir miteinander erlebt haben.

Wenn es mir schlechtgeht, greife ich zu dem Kästchen und lasse die Kinder vor meinem Auge vorbeiziehen.

idea: Wohin kommen die Kinder anschließend?

Hilliger: Die meisten Kinder gehen danach in eine Dauerpflegefamilie. Während sie bei uns sind, prüft das Jugendamt, welche Familie für das Kind am besten geeignet ist. Dann kommen die „neuen Eltern“ zu uns. Sie bauen die Beziehung auf und wir lockern unsere enge Bindung. Der Abnabelungsprozess kann über Wochen gehen. Den Takt gibt dabei das Kind vor.

Sobald es bereit für die neue Familie ist, lassen wir komplett los. Für das Kind ist es die bestmögliche Lösung.

Die Alternative wäre, dass die Kinder übergangsweise im Kinderheim landen, bevor die Dauerpflegefamilie gefunden ist. Da gäbe es dann keine Eins-zu-eins-Betreuung. Das wäre für das Kind in seiner seelischen Ausnahmesituation ganz sicher nicht besser.

idea: In wenigen Fällen kamen die misshandelten und traumatisierten Kinder wieder zurück zu ihren Eltern. Ist es sinnvoll, die Kinder diesen seelischen Achterbahnfahrten auszusetzen?

Hilliger: In solchen Situationen kommt einem tatsächlich manchmal der Gedanke: War unsere ganze Liebe nicht in den Wind geblasen?

Leider werden öfters richterliche Entscheidungen gegen die Empfehlung des Jugendamtes getroffen. Aber umsonst wird unsere Arbeit auch hier nicht gewesen sein.

Eine Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes hat uns einmal gesagt: „Sie haben einen Stein der Verlässlichkeit gehoben. Der ist jetzt tief in den Seelen der Kinder verankert und kann ihnen nicht mehr genommen werden.“

idea: Wie haben Ihre eigenen Kinder auf die Pflegekinder reagiert?

Hilliger: Wir haben natürlich mit unseren Kindern gesprochen, ob sie sich immer mal wieder ein Geschwisterchen auf Zeit vorstellen könnten.

Sie waren einverstanden und es hat sie tiefgehend geprägt: Unsere älteste Tochter (32) ist Erzieherin geworden und hat im Kinderheim gearbeitet.

Die zweite (29) ist selbst schon geprüfte Pflegemutter. Und unsere jüngste Tochter (19) will beruflich auch in Richtung Pädagogik und Erziehung gehen. Sie hat einmal den schönen Satz gesagt: „Wir dürfen niemals aufhören, Pflegekinder aufzunehmen.“

Auch unsere drei Söhne (28, 26 und 23 Jahre alt) haben unsere Arbeit immer mitgetragen.

idea: Was war die höchste Kinderzahl, die Sie zeitgleich hatten?

Hilliger: 2013 hatten wir kurzzeitig sieben Kinder. Zwei unserer Kinder waren noch im Haus sowie zwei Pflegekinder. Dann kam der Anruf vom Jugendamt: drei Geschwisterkinder mussten ganz schnell untergebracht werden.

idea: Werden Sie vom Jugendamt für Ihre Arbeit bezahlt?

Hilliger: Wir bekommen einen Betrag, um den Unterhalt des Kindes decken zu können. Und es gibt eine Art Erziehungsgeld. Aber die Bezahlung ist niemals unser Antrieb gewesen.

idea: Wissen Sie, was aus den Kindern geworden ist?

Hilliger: Einen direkten Austausch haben wir mit zehn Kindern, bei weiteren zehn Kindern wissen wir, was aus ihnen geworden ist.

Vor zwei Jahren haben wir eine Art „Ehemaligentreffen“ organisiert. Zehn „unserer“ ehemaligen Kinder kamen, viele haben ihre Geschwister mitgebracht. Es war für alle eine spannende Erfahrung. Denn die meisten kannten sich ja untereinander nicht.

Unsere Erfahrung ist: Gott überfordert uns nicht

idea: Welche Rolle spielt der christliche Glaube für Sie?

Hilliger: Ohne meinen Glauben an Gott könnte ich diese Aufgabe nicht erfüllen. So können wir auch die Mütter der betroffenen Kinder betrachten: Gott hat jeden Menschen lieb. Und wir wissen, dass Gott uns niemals überfordert.

Wir hatten ein Kind, das bis zur Geburt die Drogen der Mutter mitkonsumiert hat. Kaum war es geboren, blieb es für vier Wochen zum Entzug im Krankenhaus. Es bekam Morphium und hatte unglaubliche Angstzustände. Dann kam es zu uns. Dieses Kind kam in den ersten Wochen nicht zur Ruhe. Länger als eine halbe Stunde hat es selten geschlafen. Der Schlafentzug ging tatsächlich an unsere Reserven. Aber es ging nie darüber hinaus. Gott gibt uns nie eine Aufgabe, die zu schwer für uns ist. Daran glaube ich felsenfest.

Er hat uns auch noch nie mit einem Kind überfordert. Und dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Ich kann aus voller Überzeugung sagen: Wir möchten mit keinem anderen Menschen tauschen.

idea: Vielen Dank für das Gespräch!

Bettina Hilliger wuchs mit drei Geschwistern in der DDR auf. 1979 durfte die Erzieherin mit 21 Jahren zwecks Familienzusammenführung nach Westberlin ausreisen. Dort heiratete sie den späteren Arzt Gerhard Hilliger. Das Ehepaar hat sechs Kinder und drei Enkel. Pflegekinder nehmen die beiden seit 1991 auf. Um sie bei der Arbeit zu unterstützen, ging ihr Ehemann 2011 in den Vorruhestand. Das evangelische Ehepaar ist Mitglied einer Brüdergemeinde in der Nähe von Berlin.


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