Erkennt sich Benedikt XVI. in seinem Porträt wieder?

19. April 2013 in Chronik


In Rom wurde ein Michael-Triegel-Porträt des emeritierten Papstes enthüllt. Ratzinger-Bruder Georg findet das Porträt „grausam“. Von Paul Badde (Die Welt)


Rom (kath.net/Die Welt) Benedikt XVI., der „Papa emeritus“, hat sich in dem jüngsten Meisterwerk Michael Triegels nicht wieder erkannt, das am Dienstag zu seinem 86. Geburtstag in der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl in Rom enthüllt wurde. Anwesend war der Jubilar bei der Vernissage zum Vergleich leider nicht. Nichts wird ihn in die Öffentlichkeit zurück holen. Dessen Bruder Georg findet das Porträt „grausam“.

Ein Prälat in der Botschaft flüsterte, es sehe - neben dem Porträt Leo XIII. aus der Hand Franz von Lenbachs - aus, als habe Benedikt hier die falschen Pillen genommen oder eine missglückte zweiwöchige Cortison-Kur hinter sich.

Doch so bleibt er nun hier hängen, nachdem er auf einem ersten Versuch Triegels vor drei Jahren noch einen Tick hinterhältiger aussah (das nun in Regensburg hängt). Der kunstsinnige Pontifex hat das Porträt damals gleichwohl mit einer freundlichen Postkarte quittiert.

Dem Künstler genügte diese Reaktion völlig als Gunstbeweis. Der Rest der Debatte ficht ihn kaum an, am allerwenigsten sein Selbstbewusstsein.

„Wenn Raffael von Papst Julius II. zwei ähnliche Porträts schaffen konnte“, habe er sich gedacht, „dann kann ich das auch“. Außerdem wollen manche Exegeten nun - in dem neuen Porträt - in den Zügen des alten Papstes sogar ein Lächeln entdeckt haben. Das ist nicht weiter schwer. Hier lässt sich in aller Demut allerhand entdecken – doch sicher nicht der rätselhafte Entschluss, sich in die Unsichtbarkeit zurückzuziehen, mit dem der Papst aus Deutschland nun vielleicht am prominentesten in die Geschichte eingehen wird.

Denn es ist ja auch immer wieder von über 40 verschiedenen Schichten in den Ölbildern des 1968 in Erfurt geborenen Meistermalers die Rede, der schon auf ein höchst eindrucksvolles (und inzwischen immer teureres) Oeuvre zurück blicken kann. Viele Ebenen muss man deshalb auch unbedingt seinem jüngsten Porträt attestieren.

Natürlich hat ihm Benedikt XVI. nicht Modell gesessen, wofür sich Paul III. im 16. Jahrhundert unter dem Malerpapst Tizian selbstverständlich noch reichlich Zeit nahm. Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.

Jetzt wollte Gianfranco Kardinal Ravasi, der Präsident des Päpstlichen Kulturrats, deshalb auch ganz plötzlich das Porträt Triegels auf der Vernissage nicht mehr vorstellen, was er – im Pontifikat Benedikts – natürlich noch fest zugesagt hatte. The times they are a-changing.

Michael Triegel durfte aber – neben den zahllosen Fotos, die Porträtmalern heute natürlich immer zur Verfügung stehen – bei verschiedenen Audienzen in der ersten Reihe mit seinem Skizzenblock beim Papst dabei sein, der ihn am 3. März 2010 lächelnd mit dem hintergründigen Worten begrüßte: „Ah, da kommt also mein Raffael“. Eine sublime Rache für keine größere Nähe oder mehr Zeit sollte also keiner in dem Porträt erblicken dürfen.

Triegel hat den Papst auf seiner italienischen Reise wie Goethe „mit der Seele“ gesucht und wie es aussieht, ist er bei dieser Suche des nun unsichtbar Gewordenen nie wirklich an sein Ziel gekommen.

Ratzingers „Schönheit“, um es hier einmal unumwunden zu sagen, scheint in dem letzten Versuch in aller Opulenz so gut wie nicht erfasst, auch nicht seine Fragilität, seine Scheu, obwohl der hochbegabte Maler jedes Äderchen auf der Wange und jedes einzelne Haar mit feinstem Pinsel festgehalten hat. Das schneeweiße Haar leuchtet nicht wie in der Natur. Dieser Anspruch hätte aber wohl auch Tizian überfordert.

Fast scheint es deshalb, als hätte Triegel hier die Lebensuhr des alten Papstes in seinen Einzelteilen gekonnt auseinander genommen – ohne am Schluss der „Zeit“ des Pontifex habhaft geworden zu sein. Auch das aber hat bisher noch kein anderer geschafft.

Ein Geheimnis ist deshalb, wieso sich in den Vorstudien schon sehr ausgereifte Porträts finden, die Benedikt in seiner Substanz viel stärker erfasst zu haben scheinen als das Endprodukt.

Geheimnisvoll auffällig ist auch die Faszination, mit welcher der junge und ungetaufte Agnostiker auf seiner Staffelei als eines der führenden Mitglieder der Neuen Leipziger Schule in seinem Gesamtwerk um den Globus der christlichen Bilderwelt kreist wie ein Satellit in der Erdumlaufbahn: um die Kreuzigung, die Auferstehung, das Abendmahl, das Ave, die Himmelfahrt, die Kreuzabnahme, die Annunziation, die Visitation (mit zwei Embryos in einer Mandorla!) oder ein angenageltes Herz.

Es ist diese ergreifende Suche, der wir auch auf seiner Suche und in seinen Annäherungen nach dem wahren Gesicht Benedikts inmitten „von Bewunderung und Ablehnung“ vielleicht wieder am ehesten begegnen, die für den jungen Mann eben nicht mehr im Zeitalter Tizians und Raffaels oder von Lenbachs stattfand, sondern nach einer Jugend unter dem „monistischen Weltbild“ einer Diktatur, die er anders und doch ähnlich mit Joseph Ratzinger teilte – und nach den gemarterten Papstporträts Francis Bacons oder David Hockneys.

Dass ein guter „Porträtist des Geheimnis seines Gegenübers wahrt,“ wie Erzbischof Gerhard Ludwig Müller bei der Vorstellung sagte, gilt deshalb in der Kunst nicht unbedingt mehr als Credo.

Für den Chef der Glaubenskongregation spiegelt sich in dem Porträt „die Kraft der Liebe“ wie das „Erschrecken über Abgründe des Bösen, das sich kurz vor dem endgültigen Sieg wähnt über ‚Gott und das Lamm, das geschlachtet ward’“. Das ist liebevoll gesagt.

Tatsächlich ist Benedikt hier ohne jede Pose gemalt, ganz in Weiß, ohne Purpur-Mozetta, Stola, Pallium, nur als Lehrer mit einem Blatt in der Hand. Wir sehen nicht, was darauf geschrieben steht.

Foto: Michael Triegel malte für die Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl dieses Porträt von Papst Benedikt XVI.


Video: Michael Triegel über sein Papst-Porträt von Benedikt XVI.


Foto: © kath.net/Michael Hesemann


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