Nähe und Ferne

25. Jänner 2013 in Aktuelles


Eine Flaschenpost ins Meer der Kommunikationsgemeinschaft: Anregung zu einer Seinsphilosophie auf der Basis der Grundbegriffe Nähe und Ferne. Von Robert Spaemann


Rom (kath.net/as/Welt) Am 10. Januar stellte der deutsche Philosoph Robert Spaemann bei einer Tagung an der Päpstlichen Universität „Santa Croce“ in Rom die italienische Übersetzung seines Werkes „Die Frage Wozu? Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens (mit Reinhard Löw), München 1981 (Neuausgabe als: Natürliche Ziele. Klett-Cotta, Stuttgart 2005), mit dem Titel „Fini naturali“ vor. Camillo Kardinal Ruini ist der Verfasser des Vorwortes der italienischen Ausgabe und Autor einer der Vorträge bei der Studientagung.

Kath.net veröffentlicht den von Paul Badde gekürzten und überarbeiteten Vortrag, den Robert Spaemann zu jenem Anlass in Rom gehalten hat. Anliegen des Autors ist es, eine Seinsphilosophie auf der Basis der Grundbegriffe der Nähe und Ferne vorzuschlagen: „Eine solche Theorie würde unabsehbare und überraschende Konsequenzen haben. In meinem Leben habe ich diesen Gedanken bisher nur als Flaschenpost ins Meer der Kommunikationsgemeinschaft geworfen. Noch hat sie niemand geöffnet“.


Lebensprozesse können wir nur verstehen, wenn wir sie als gerichtete Prozesse begreifen, in denen sich ein „Aus-Sein-auf“ realisiert, also so etwas wie ein Trieb, der sich nicht reduzieren lässt auf Kausalprozesse. Wo es aber um Zielgerichtetheit geht - das hat schon Duns Scotus (1266 – 1308) gesehen - gibt es auch so etwas wie das Verfehlen dieses Zieles, also Fehler der Natur.

Im Physikalischen gibt es solche Fehler nicht. Hier gibt es nur Fehler des Physikers oder Astronomen, deren Voraussagen durch das Experiment falsifiziert werden. Die Sterne machen keine Fehler. Ein Hase aber, der mit drei Beinen geboren wird, ist Opfer eines Fehlers, obwohl die physikalischen Prozesse, die die Infrastruktur der Organischen bilden, immer fehlerfrei bleiben. Der Hase kann seinen Selbsterhaltungstrieb nicht verwirklichen. Aber wie steht es mit der Löwin, die ihren Jungen nicht das Jagen beibringt und deren Junge sich deshalb nicht werden ernähren könne? Die Löwin versteht ihr Triebziel nicht. Oder wie ist es mit Menschen oder Tieren, die die spezifische Anziehungskraft nicht spüren, die vom anderen Geschlecht ausgeht? Die Abwesenheit dieses mächtigen Triebes oder der Wechsel des Triebzieles ist offensichtlich eine Anomalität, weil auf dieser Anziehungskraft die Fortexistenz der Gattung beruht. Oder denken wir an die Pädophilie. Es wäre verantwortungslos, einen Pädophilen zum Leiter eines Internats zu machen, das heißt, ihn nicht in dieser Hinsicht zu diskriminieren.

Aber all diese Beispiele zeigen, dass eben nicht jede Art von triebhaftem Zielgerichtetsein als „natürlich“ bezeichnet werden kann. Menschen sind Triebwesen wie alle Lebewesen. Aber sie sind nicht nur Triebwesen. Aristoteles schreibt, dass das menschliche Handeln zwei Komponenten impliziert: „Orexis“, also das triebhafte Begehren, und „Logos“, das ist die Fähigkeit, das subjektive Triebziel objektiv dem Maßstab der Vernunft anzueignen oder aber zu korrigieren. „Orexis“ schafft einen offensichtlichen und ersten Grund, etwas Bestimmtes zu tun. Der Logos entscheidet über den Stellenwert dieses ursprünglichen Grundes. Hunger ist ein ausreichend ursprünglicher Grund, um zu essen. Es kann aber sein, dass der Arzt mir verboten hat, in den nächsten 24 Stunden zu essen. Oder es ist Fastenzeit. Lauter Gründe, diesen ursprünglichen Grund herabzustufen.

Menschen werden nicht blind vom Trieb gesteuert, sondern sie interpretieren den Trieb. Ein Tier, das chronisch appetitlos ist, hört einfach auf zu fressen und stirbt schließlich. Menschen dagegen wissen, dass Essen und Trinken der Ernährung und der Erhaltung des Lebens dienen. Sie gehen deshalb zum Arzt, um die Appetitlosigkeit zu überwinden. Und Menschen wissen, dass der Beischlaf die Fortexistenz der Menschheit ermöglicht, und suchen bei Unfruchtbarkeit wiederum den Arzt auf. (Das absichtliche Unfruchtbarmachen des Beischlafs ist ein Kapitel für sich, das hier nicht erörtert werden soll.) Was ich zeigen möchte, ist, dass „physis“, „Natur“ immer die Artnatur einer Spezies ist. Die Dinge, insbesondere die lebendigen, sind nicht einfach ein „dies-da“. Sie sind ein „Dies-Da“ nur als ein „So-und-So“. Also dies-da ist zum Beispiel ein Mensch, ein Tier oder eine Pflanze einer bestimmten Art. Ihre Natur ist ihre Artnatur. Denn auch der fehlgeleitete Trieb hat ein Ziel, aber dies ist nicht das Ziel der „Natur“. Der Drogensüchtige kann den destruktiven, also unnatürlichen Charakter seiner Sucht erkennen und sich einer Therapie unterziehen. Er ist zu einem zweiten Entscheidungsprozess fähig, der eine unmittelbare Befriedigung des Triebzieles suspendiert.

Das Natürliche ist also das einer Art Entsprechende. Hierin liegt der Grund dafür, dass die Leugnung der zielgerichteten Verfasstheit der Welt immer verbunden ist mit einer Position, die die Frage offen lässt, ob es Allgemeinbegriffe wirklich gibt oder ob das nur menschliche Konstruktionen sind. Der Nominalismus etwa, der dem dramatischen Universalienstreit des Mittelalters entwachsen ist, leugnet die Artnatur. Er kann nur immer neu mit dem Finger auf dies da und das da zeigen. Wir sind es nach dieser Ansicht, die Dinge und Individuen in Klassen zusammenfassen. Aber aufgrund wovon ordnen wir einen Gegenstand einer Klasse zu? Die Antwort lautet in der Regel: aufgrund von Ähnlichkeit. Aber ein Zwergpinscher ist einer Katze ähnlicher als einer Dogge. Dennoch gehören Pinscher mit Doggen zusammen. Aufgrund wovon? Aufgrund von Verwandtschaft.

Aber was heißt Ähnlichkeit? Bertrand Russell hat geschrieben, dass der Nominalismus am Begriff der Ähnlichkeit scheitert. Er könnte Gruppen von Ähnlichem nicht durch eine gemeinsame Eigenschaft kennzeichnen außer eben durch ihre Ähnlichkeit. Ich habe hingegen lange gedacht, dass der Begriff des Ähnlichen ein letzter Grundbegriff zu sein scheint, der wie der Begriff des Seienden keiner anderer Art und keinem anderen Genus mehr zugeordnet werden kann. Das war, wie ich jetzt denke, ein Irrtum.

Ähnlichkeit meint nämlich eine Art von Nähe, nämlich qualitative Nähe. Der komplementäre Begriff ist der der Entfernung. Andere Formen der Nähe sind räumliche Nähe, quantitative, also messbare Entfernungen. Wieder andere sind zeitliche Nähe und Distanz, wieder andere sind mathematische. Die Fünf ist näher bei der Sechs als bei der Sieben. Oder denken wir an größere und geringere Grade der Verwandtschaft. Oder an verschiedene Grade emotionaler Nähe, an Liebe, Freundschaft und so weiter.

Hier sind wir in der Tat bei einem Letzten angelangt. Alles was ist, steht zu anderem, was ist, in Beziehungen der Nähe und Ferne. Absolute Nähe gibt es nicht. Absolute Nähe wäre Identität. Absolute Ferne, also unendlich weite Entfernung, aber ist Nicht-Sein. Wenn es im Psalm heißt, dass Gott unsere Sünde weit von uns tut, dann heißt hier „weit“ unendlich weit, und unendlich weit heißt: Es gibt das Entfernte gar nicht mehr. Einen unendlich weit entfernten Stern kann es nicht geben. Wenn er einen Ort hat, hat er eine bestimmte Entfernung zu uns, also eine bestimmte Nähe.

Was ich gern schreiben würde, wozu ich aber zu alt bin, wäre eine Seinsphilosophie auf der Basis der Grundbegriffe Nähe und Ferne. Eine solche Theorie würde unabsehbare und überraschende Konsequenzen haben. In meinem Leben habe ich diesen Gedanken bisher nur als Flaschenpost ins Meer der Kommunikationsgemeinschaft geworfen. Noch hat sie niemand geöffnet.


Bild: Robert Spaemann vor der Kirche Santa Maria sopra Minerva beim von Gian Lorenzo Bernini entworfenen Elefanten: „Sapientis Aegypti/ insculptas obelisco figuras/ ab elephanto/ belluarum fortissima/ gestari quisquis hic vides/ documentum intellige/ robustae mentis esse/ solidam sapientiam sustinere". © Paul Badde


© 2013 www.kath.net