Die bizarre Gerichtsshow des Paolo Gabriele

2. Oktober 2012 in Aktuelles


Am ersten Prozesstag der "Vatileaks"-Affäre hat der angeklagte Ex-Kammerdiener des Papstes sein gestörtes Verhältnis zur Realität offenbart. Das Gericht steht nun vor einer schwierigen Aufgabe. Von Paul Badde/DieWelt


Rom (kath.net/DieWelt)
Am ersten Tag des Prozesses zu der Enthüllungsaffäre "Vatileaks", an dem der Ex-Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele ausführlich selbst zu Wort kam, hat er weitgehend gestanden, eine große Anzahl vertraulicher Dokumente illegal aus dem Papstpalast heraus geschafft zu haben.

Er habe keine Mittäter gehabt, führte er vor dem Gericht aus, habe sich aber mit einer Vielzahl von Gleichgesinnten und anderen Menschen ausführlich über den desolaten Zustand der Kirche und seinen Seelenzustand ausgetauscht.

In dieser Seele aber muss es wohl ausgesehen haben und immer noch aussehen wie in dem sehr großen Schrank in seiner Wohnung, wo die Gendarmerie des Vatikans wild durcheinander Zeitungsausschnitte, geheime Dokumente, ausgedruckte E-Mails, Unterlagen über die Freimaurer oder auch einen Goldklumpen in einem Schuhkarton fand – oder einen Scheck an Papst Benedikt XVI. über 100.000 Euro, von dem Gabriele einfach "nichts wusste".

Sein Anzug sitzt auch heute noch tadellos

Sein Anzug sitzt auch heute noch tadellos. Er springt automatisch auf, wie früher, als Georg Gänswein, der Privatsekretär des Papstes, den Gerichtssaal betritt, sein ehemaliger Vorgesetzter, mit dem er so eng zusammen gearbeitet hatte wie kein anderer, und lächelt leise, als der davon berichtet, dass er ihn niemals verdächtigt hätte.

Doch wer hört, wie er sich über die fatalen Möglichkeiten auslässt, mit denen seiner Ansicht nach der Papst in seinen Entscheidungen zu manipulieren sei (weil Benedikt XVI. am Mittagstisch auch manchmal Fragen stellte anstatt nur immer gebieterisch neue Wahrheiten zu verkünden), der kommt kaum umhin, an das Durcheinander in Gabrieles Schrank zu denken, aus denen die Gendarmerie 82 Kartons und Couverts voller Diebesgut heraus tragen musste.

Immer wieder schließt er die Augen, als wolle er in das reiche Innere seiner Seele blicken, in dem er sich selbst schon lange nicht mehr zurecht zu finden scheint. Angefangen habe er mit seinen Diebstählen im letzten Jahr, gibt er zu Protokoll, und zuckt doch mit keiner Wimper, wenn nachher in der Aussage des Privatsekretärs davon die Rede ist, dass auch geheime Dokumente aus den Jahren 2006, 2007 und 2008 bei ihm gefunden worden seien.

Er will aus Instinkt gehandelt haben

Er habe nach seinem "Instinkt" gehandelt, gibt er als Motiv für die Auswahl der Dokumente an, die er scheinbar wahllos kopierte – wären da nicht auch deutsche Papiere gewesen, die er gar nicht lesen konnte. Die ersten Papiere habe er auch "aus rein persönlichen Motiven" herausgeschafft ohne Absicht, sie jemals veröffentlicht zu sehen.

Gianluigi Nuzzis Meisterwerk, in dem er all diese Dokumente im Mai plötzlich zwischen zwei Buchrücken wieder fand, habe deshalb auch keinen mehr überrascht als ihn selbst.

"Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, einen Grund für das zu suchen, was mir zugestoßen ist", sagt er einmal. Ähnlich könnte auch ein Schlafwandler vor Gericht argumentieren. Vielleicht hat ihn das Gericht ja auch deshalb – im Gegensatz zu den anderen Zeugen – nicht auf die Bibel schwören zu lassen.

Es sei für ihn zwar kein Verbrechen gewesen, dass er vertrauliche Dokumente im Palast des Papstes kopiert habe, doch irgendwann sei ihm dann doch der Gedanke gekommen, dass er für sein Verhalten vielleicht noch einmal Rechenschaft ablegen müsse.

Viele Kontakte auf drei Minuten Fußweg

Das habe er dann jedoch spirituell verstanden und habe sich einem Pater Giovanni anvertraut, dem er einen ganzen Packen (so dick wie zwischen seinen Daumen und Zeigefinger passte) gestohlener Papiere übergab – der habe ihn dann darauf hingewiesen, dass es nicht recht sei, was er da tue.

Doch Pater Giovanni war wohl nicht der einzige Ratgeber, dem er sich anvertraute. Ebenso häufig sah er sich selbst auch mit Kardinal Paolo Sardi zusammen (der ihn vor Jahren für seinen Dienst in den päpstlichen Palast empfohlen hatte) oder mit Ingrid Stampa, der ehemaligen Vertrauten des Papstes, die als Nachbarin bei ihm im Haus an der Vatikanmauer wohnte.

Auch Kardinal Sardi habe er lange als einen "spirituellen Führer" empfunden, als "erste Anlaufstelle" für "unlösbare Geheimnisse". Das könne er heute nicht mehr sagen.

Denn überhaupt habe er so viele Kontakte gehabt, dass die drei Minuten Fußweg, die der 46-jährige Familienvater nach Dienstschluss bis zu seiner Wohnung zurückzulegen hatte, schon manchmal bis in den Nachmittag dauerten, so sehr kam er hier mit diesem und jenem und wieder einem anderen Bekannten ins Gespräch.

Komplizen soll es nicht gegeben haben

In seinen Verhören habe er ja schon eine Reihe von Namen genannt. Er habe mit einer "enormen Zahl von Personen" gesprochen, denen er im Geist des Evangeliums immer mit einem offenen Ohr und offenem Herzen begegnet sei. Nur "Komplizen", nein, die habe er keineswegs gehabt. Das könne er auf das allersicherste ausschließen.

Kurzum, was den Vorwurf "schweren Diebstahls" betreffe, so fühle er sich unschuldig im Sinne der Anklage. Schuldig fühle er sich allerdings, das Vertrauen des Papstes missbraucht zu haben, dem er so nah war wie kein Laie sonst und den er liebe "wie einen Sohn".

Auch da muss ihm allerdings wieder etwas durcheinander gegangen sein, von dem Altersunterschied zwischen ihm und dem 85-jährigen Pontifex einmal ganz abgesehen – denn auch Kardinalstaatssekretär Bertone hat vor kurzem einmal vom Leid des Papstes gesprochen, der "Paolo Gabriele wie einen Sohn geliebt hat".

Beobachtung wegen Suizidgefahr

Das Gericht steht also vor der schwierigen Aufgabe, mehr als nur eine Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt, ihren Sinn und ihre Plausiblität zu prüfen – darunter zum Schluss auch Gabrieles Behauptung, er sei anfangs in einer Zelle eingesperrt gewesen, in der er nicht einmal seine Arme richtig hätte ausstrecken können. Zudem habe sich das Licht nicht löschen lassen.

Das war nicht neu. Schon im Juni ist darüber berichtet worden, dass Paolo Gabriele wegen potentieller Suizidgefahr rund um die Uhr beobachtet werden müsse.

Der Pressesprecher des Vatikans, Pater Federico Lombardi, fügt dieser Aussage hinzu, dass unabhängige juristische Experten damals zudem die erste provisorische Zelle aufgesucht und befunden hätten, dass sie sich im Einklang mit internationalen Standards befunden habe.

Ferner habe es in jenen Tagen 39 Untersuchungen des Häftlings gegeben, die sicherstellen sollten, dass das leibliche und seelische Wohlergehen des einzigen Häftlings im Vatikan auch in den Tagen der Einzelhaft gewährleistet sei. So bald wie möglich sei er danach in eine größere Zelle verlegt worden.


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