Es ist das Gebot der Stunde, Christus berührbar werden zu lassen

26. August 2012 in Spirituelles


Jesus hat sich in der Kirche in den Sakramenten verleiblicht, damit alle Menschen heil werden, und zwar durch die Berührung mit uns. Über diesen Anspruch predigte Kardinal Meisner bei der Europawoche in Brauweiler


Brauweiler (kath.net) „Wenn der Mensch nur sich selbst begegnet, wird es langweilig und geistlos, er gähnt vor Überdruss, sein Herz und seine Phantasie trocknen aus. Alle Kultur lebt letztlich immer nur vom Kultus, d.h. von der Begegnung des Menschen mit dem lebendigen Gott.“ Daher sei es „ein Gebot der Stunde, Christus berührbar werden zu lassen“. Das sagte der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner in seiner Predigt zur Eröffnung der Europawoche in Brauweiler am Sonntag.

Christus habe sich ja nicht aufgelöst in reinen Geist, sondern sich verleiblicht in Zeichen, in den Sakramenten der Kirche. „Die Kirche hält diese Berührungsmöglichkeiten Christi in ihren Händen. Ja, die Kirche selbst ist diese Berührbarkeit.“

Daher muss der „heilende Saum seines Gewandes für den Menschen in greifbarer Nähe sein durch die Kirche.“ Wie Kranke im Schatten der Apostel heil wurden, müsse auch unser Land „mit solchen heilenden Schattenspendern flächendeckend überspannt werden, damit die Menschen, und zwar alle Menschen, heil werden. Ich glaube gar nicht, dass sie alle in erster Linie schon katholisch werden müssen, aber sie müssen zunächst heil werden, und zwar durch uns. Dazu ist Berührung notwendig, entweder durch das heilende Gewand selbst oder durch den Schatten, den es wirft: Ohne Berührung kein Heil!“

„Damit Christus berührbar wird, gibt es uns. Hier hat das geistliche Gewand, etwa von uns Geistlichen, seinen unaufgebbaren Platz. In einer durch und durch säkularisierten Welt ist Christus ein Paria, ein Unberührbarer geworden. Nur noch für das Auge des Menschen berührbar in unseren Kirchen und Kathedralen, in den Ordensfrauen und den Ordensmännern und den Priestern, die als solche auch in der Welt erkennbar sind.“

Die Predigt laut Manuskript im Wortlaut:

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Weil in der Vergangenheit das Wort, das im Anfang war, Mensch geworden ist, hat die Zukunft schon begonnen. Die Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft ist die Gegenwart. Nur wenn Christus, das ewige Wort des Vaters, heute, also gegenwärtig, berührbar ist und bleibt, wird Leben in Zukunft für den Menschen Wirklichkeit sein.

Wir müssten alle mit dem Evangelisten Johannes sagen dürfen: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens“ (1 Joh 1,1).

In einer technisierten Welt der bloßen Mittel ohne Sinn und Ziel trifft der Mensch immer und überall nur auf sich selbst. Und wenn der Mensch nur sich selbst begegnet, wird es langweilig und geistlos, er gähnt vor Überdruss, sein Herz und seine Phantasie trocknen aus. Alle Kultur lebt letztlich immer nur vom Kultus, d.h. von der Begegnung des Menschen mit dem lebendigen Gott, also im Gottesdienst.

Dort, wo in Schulen, Universitäten, Fabriken, Familien und Gesellschaften Gott nicht mehr vorkommt, erstreckt sich quer über die Medien aller Art, über die Seiten der Zeitschriften und Bücher eine große Leere, ein allgemeiner Überdruss.

Dabei geraten die Normen und Werte einer demokratischen Gesellschaft aus dem Blick der Menschen. Rechtsnormen und Verfassungswerte, Verträge und Wettbewerbsfreiheit, ethischer Standard und moralischer Grundkonsens verfallen und verkommen.

Es ist ein Gebot der Stunde, Christus berührbar werden zu lassen. Ohne diese Berührbarkeit Christi kommt der Mensch nicht über sich selbst hinaus. Er bleibt immer nur bei sich selbst und seinesgleichen.

Und damit gerät er in eine hoffnungslose Überforderung, weil er dann für alles zuständig wird, auch für das, was eigentlich in der Weisheit und Macht Gottes begründet ist. Die Menschen lösen wie Rechenmaschinen eine Vielzahl von Problemen. Aber das einzig wahre Problem, das einzig Notwendige, die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens, können sie nicht lösen.

Um es noch einmal zu betonen, die Folge davon ist die Erosion der ethischen Standards und des moralischen Grundkonsens der europäischen Zivilisation.

2. Europa leitet sich her von Jerusalem, Athen, Rom. Diese Linie ist die geistige Nabelschnur, die Europa Gestalt und Inhalt gegeben hat. Im Jahr 529 wurde die Athener Akademie aufgelöst, das Zentrum griechischer Philosophie und Bildung, und im gleichen Jahr hat der hl. Benedikt auf dem Monte Cassino sein berühmtes Kloster gegründet, indem das reiche Erbe der Antike in das christliche Europa hineingegeben wurde.

Und es ist berechtigt, hier die Abtei Brauweiler zu nennen, die im Jahre 1024 von sieben Benediktinermönchen aus der Abtei St. Maximin in Trier unter der geistlichen Leitung des Abtes Poppo aus dem alten Kloster Stablo in Wallonien besiedelt und von Pfalzgraf Ezzo und seiner Gemahlin Mathilde gestiftet worden ist. Ihre Tochter Richeza, die dann polnische Königin wurde, ist als Stifterin dieser schönen Abteikirche zu bezeichnen.

Brauweiler lag an einer bedeutenden europäischen Lebensader, die Ost und West und West und Ost miteinander verband und damit immer ein Umschlagsplatz für europäische Geistesart westlicher und östlicher Provenienzen galt.

Dieser Aufgabe ist sich unsere Kirchengemeinde von Brauweiler bewusst, indem man hier vor Ort eine Europawoche durchführt, die der Begegnung und der Verständigung von Menschen verschiedenster Herkunft gewidmet ist.

Vom Jahr der Klostergründung 1024 an, bis zu seiner Auflösung in der Säkularisation im Jahr 1802 war und ist das Kloster Brauweiler ein Mahnzeichen, das uns sagt: Wenn wir Christus in unserer Mitte nicht mehr greifbar machen können, dann greifen die Menschen letztlich ins Leere.

Wir beten im Herrengebet: Dein Reich komme! Das Reich Gottes ist schon gekommen, indem Gott selbst wirklich Mensch wurde, einer von uns, eingewickelt in Windeln, bekleidet mit einem Gewand und später eingehüllt in Grabtücher.

Christus hat uns bei seiner Geburt gleichsam angezogen und wie ein Kleid mit sich herumgetragen in Leben, Tod und Auferstehung. Und er hat uns in seinen Kleidern die Spuren seiner bleibenden Gegenwart hinterlassen. Darum sagt ja der Apostel Paulus: „Legt den Herrn Jesus Christus an!“ (Röm 13,14).

Christus hat sich nicht aufgelöst in reinen Geist, sondern seine Gegenwart in der Welt verleiblicht in Zeichen, in den Sakramenten, die für uns berührbar und greifbar sind. Die Kirche hält diese Berührungsmöglichkeiten Christi in ihren Händen. Ja, die Kirche selbst ist diese Berührbarkeit. Sie ist – wie die Theologen sagen – Ursakrament der Gegenwart Christi in der Welt.

Freilich werden Leute im Gegensatz zu Maria, der Mutter des Herrn, die vor Windeln, namentlich vor schmutzigen Windeln, zurückschrecken, ihre Berührungsängste mit der Kirche behalten. Und sicher werden Menschen, denen die blutigen Tücher des Gekreuzigten Unbehagen einflößen, mit dieser Kirche ihre Schwierigkeiten haben.

Aber Christus hat seine Gegenwart an diesen Berührungspunkt „Christus-Kirche“ gebunden. Das ist auch das Lebenszeugnis der hl. Edith Stein, Schwester Theresia Benedicta vom Kreuz, die wir als unsere Landsmännin bezeichnen können und die uns die Kirche als „Patronin Europas“ geschenkt hat. Am 9. August vor 70 Jahren hat sie dieses Lebenszeugnis in den Gaskammern von Auschwitz besiegelt.

3. Der Zukunft Leben geben, heißt, die Gegenwart mit der Kirche in Berührung bringen. In der kranken Frau des Evangeliums, die den Saum seines Gewandes von hinten berührte, da eine Kraft von ihm ausging, die alle heilte (vgl. Mt 9,20f), dürfen wir uns wieder finden. Der heilende Saum seines Gewandes muss für den Menschen in greifbarer Nähe sein durch die Kirche.

Ein staatlicher Verwaltungsbeamter der preußischen Kolonialmacht in der Zeit der Afrika-Kolonien war erstaunt über die Weigerung eines Missionspriesters, die Katechumenen so schnell wie möglich zu taufen. Aber am Ende versteht er dann doch dessen ganz auf das Evangelium bezogene Haltung, indem der Priester alle administrativen und insbesondere statistischen Besorgnisse zurückwies und die Taufbewerber in sehr bescheidenen Diensten die Liebe Christi fühlen ließ: „Sie sollen nur einmal anfangen, den Saum des Kleides Christi zu berühren“, sagte er. „Sie sollen seine unermessliche Liebe spüren. Und dann wird der Herr sie selbst verzaubern“.

Es hat einen tiefen Sinn, etwa auf die Gewandstücke zu schauen, die mit der Person Jesu, seiner Mutter und seiner Freunde in Berührung gebracht werden. Darum haben wir im Frühjahr die Heilig-Rock-Wallfahrt nach Trier gefeiert. Darin liegt das Revolutionäre im Christentum, dass in der Person Jesu Christi das Himmlische im Irdischen berührbar wird.

Wer mit seinem Finger Goldbronze berührt, dessen Finger wird golden. Wer Christus berührt, wird gleichsam christoaktiv, wie man negativ radioaktiv werden kann. Ein solch christoaktiver Mensch steckt alle anderen mit Christus an, die mit ihm in Berührung kommen.

Das Christentum hat sich nicht durch Propaganda ausgebreitet, sondern durch Ansteckung in der Berührung. Es ist und bleibt die einzige Aufgabe der Kirche, Christus berührbar zu machen.

4. Die Apostelgeschichte belehrt uns, dass schon der Schatten der Apostel, der die Kranken berührte, alle heilte. Darum legte man sie an die Straßen von Jerusalem, auf denen die Apostel zum Tempel gingen.

Unser Land muss mit solchen heilenden Schattenspendern flächendeckend überspannt werden, damit die Menschen, und zwar alle Menschen, heil werden.

Ich glaube gar nicht, dass sie alle in erster Linie schon katholisch werden müssen, aber sie müssen zunächst heil werden, und zwar durch uns. Dazu ist Berührung notwendig, entweder durch das heilende Gewand selbst oder durch den Schatten, den es wirft: Ohne Berührung kein Heil!

Ein solcher markanter Berührungspunkt war in den vergangenen Jahrhunderten das Kloster in Brauweiler. Mit seiner Auflösung ist nicht die ihm eingestiftete Aufgabe verloren gegangen: Berührungspunkt Jesu Christi zwischen Ost und West an der Europastraße zu sein.

Deshalb ist die Kirche in Europa hineingestreut in Pfarreien, Konvente, Familien, Gruppen, Gemeinschaften und in einzelne Christen. In allen Regionen gibt es Christen, damit die Menschen aller Regionen mit Christus in Berührung kommen.

Der Zukunft Leben geben, heißt, der Gegenwart Christus schenken, der das Heil der Welt ist. Keiner hat das intensiver tun dürfen als Maria, die Mutter Jesu selbst, in der die Kirche darum ihr eigenes Urbild schaut. Sie nahm ihn auf in ihre eigene Leibhaftigkeit. Sie wickelte ihn in Windeln, so wie man ihn später in die Grabtücher einwickeln wird.

Und darum ist Christus mit Maria lebendiger in unserer Welt als ohne sie. Er hat es so gewollt! Und so wird Christus mit dir und mit mir, mit uns, mit Brauweiler lebendiger in dieser Welt sein als ohne uns. Er hat es so gewollt.

Manche Menschen werden Christus nur kennen lernen, wenn wir uns dazu hergeben: dein Gesicht, dein Wort, deine Hand und deine Haltung nur werden Christus ihnen offenbaren können. Damit Christus berührbar wird, gibt es uns.

Hier hat das geistliche Gewand, etwa von uns Geistlichen, seinen unaufgebbaren Platz. In einer durch und durch säkularisierten Welt ist Christus ein Paria, ein Unberührbarer geworden. Nur noch für das Auge des Menschen berührbar in unseren Kirchen und Kathedralen, in den Ordensfrauen und den Ordensmännern und den Priestern, die als solche auch in der Welt erkennbar sind.

Täuschen wir uns nicht: „Kleider machen Leute!“, gerade Christenleute. Sie versinnbildlichen Christus: Wer euch sieht, der sieht mich, möchte der Herr auch heute sagen können.

Am Ende der Europawoche in Brauweiler sollten wir mit dem 1. Johannesbrief sagen können: „Was von Anfang an war, was wir (in Brauweiler) gehört haben, was wir mit unseren Augen hier gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens“, das uns allen eine gute Zukunft gibt. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln


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