'First Lady' im Reich Gottes, weil Christus bei ihr immer primär war

27. Oktober 2010 in Spirituelles


Kardinal Joachim Meisner predigte beim Gebetstag der 'Frau aller Völker' in Köln – Kath.Net dokumentiert die Predigt im Wortlaut


Köln (kath.net) Mehr als 4000 Pilger und 60 Priester kamen am 23. Oktober zum Gebetstag der „Frau aller Völker“ in die Lanxess-Arena nach Köln. Mit dabei waren Joachim Kardinal Meisner von Köln, Bischof Jozef Punt von Haarlem-Amsterdam, Bischof Hauneckas aus Litauen und der Erzbischof von Lipa (Philippinen). Am Programm standen Gebetszeiten, Zeugnisse, Vorträge und ein Festgottesdienst.

Pater Paul Maria Sigl sprach über Maria, die Mutter aller Völker, die apokalyptische Frau und Siegerin. Durch sie führt uns Gott in eine neue Zeitepoche. Pater Paul Maria Sigl wies anschaulich auf die kirchlich anerkannten Botschaften von Fatima, Amsterdam und Akita hin. Seine Botschaft war: Maria will die Welt vor Katastrophen, Unheil und Krieg bewahren. Eine besondere Hilfe dazu ist das „Gebet der Frau aller Völker“, das Maria aus diesem Grunde gegeben hat.

Die Verbreitung dieses Gebetes sei deshalb so wichtig, weil dadurch das letzte Marianische Dogma von Maria als „Mittlerin, Miterlöserin und Fürsprecherin“ vorbereitet werden soll. Erst nachdem dieses von Maria bei den Erscheinungen von Amsterdam (1945-1959) gewünschte Dogma verkündet worden ist, wird der Welt Frieden geschenkt werden.

Ohne entsprechende Verankerung dieser Attribute Mariens im kirchlichen Volk wird der Papst dieses Dogma aber nicht verkünden. Pater Paul wies darauf hin, dass auch der Dogmatisierung der „Unbefleckten Empfängnis Mariä“ im Jahr 1854 die Verbreitung der „Wundertätigen Medaille“ (1830) vorangegangen ist.

Ordensschwestern und Laien gaben Zeugnis, wie sehr dieses Gebetsbild Gläubige, aber auch Andersgläubige und Ungläubige anspricht. Wer möchte nicht vor „Verfall, Unheil und Krieg“ bewahrt werden? Die Verbreitung des Gebetsbildes soll eine richtige „Weltaktion“ werden, so wünscht es Maria in den Botschaften von Amsterdam.

Höhepunkt des Gebetstages war die Heilige Messe mit einer Predigt von Joachim Kardinal Meisner. Der Kardinal begann mit einem Vergleich: In Japan sagen die Bischöfe, es seien „schon“ 0,4 Prozent der Bevölkerung katholisch, bei uns sagt man hingegen, es sind „noch“ 50 Prozent katholisch.

Wir müssen, so der Kardinal, vom „noch“ zum „schon“ kommen! Unter dem Kreuz waren es „schon“ drei, heute sind es 1,3 Milliarden. Dies ist möglich, wenn die Kirche mit Maria geht, sie „ist nicht nur eine Einladung zum Übergang vom Minus zum Plus, sie ist geradezu die Pforte, die Tür dazu.“

Der Kardinal stellte an Hand der Namen dreier Zisterzienerinnen-Klöster den Weg der Christen dar: „St. Marien zur Pforte“, Marienstern und Marienthal. Seit der Menschwerdung unseres Herrn ist Maria für uns die Pforte „die uns mit Christus in Berührung bringt. Seitdem ist sie für uns der Marienstern, der uns Orientierung und Wegweisung ist. Und seitdem ist sie für uns das Marienthal, das auch die Tiefen des Lebens am Herzen Gottes festmacht.“

Der Kardinal sprach auch die schmerzlichen Vorgänge der letzten Monate an. Er sagte: „Wir sind zu einer Kirche ‚ganz unten’ geworden“. Diese Erniedrigung ist aber auch eine Chance, denn dadurch kann „auch unsere Kirche, die sich in ihrer Demütigung und Verachtung neben Maria ganz unten weiß, nun zum deutlichen Zeugnis und zum laut vernehmbaren Echo der Barmherzigkeit Gottes werden.“

Der Gebetstag schloss mit einer feierlichen „Erneuerung der Weihe an das Makellose Herz Mariens“ nach dem Text von Papst Johannes Paul II. vom 25. März 1984.

Kath.Net dokumentiert die Predigt von Joachim Kardinal Meisner zum Gebetstag der „Frau aller Völker“ im Wortlaut:

Liebe Mitbrüder im Bischofs-, Priester und Diakonenamt,
verehrte ehrwürdige Schwestern,
liebe Schwestern und Brüder in Christus dem Herrn aus nah und fern.

Sie kennen sicher alle die Redewendung: „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er etwas erleben.“ Darin spricht sich die Erfahrung vieler Leute aus, die von einer solchen Reise wieder heimgekehrt sind.

Unvergesslich bleibt mir ein Erlebnis auf einer meiner Japanreisen vor einigen Jahren. Dieses Erlebnis zog sich wie ein roter Faden durch alle Abfahrten von Tokio über Hiroshima, Osaka, Kyoto. Ich habe nämlich dort immer die Bischöfe gefragt: „Wie viel Prozent katholische Christen gibt es denn in ihrem Bistum im Vergleich zur Gesamtbevölkerung?“ Und ich hörte überall die Antwort: „Schon 0,4 Prozent!“

Obwohl das Christentum seit 500 Jahren in Japan Fuß gefasst hatte, ist das eigentlich ein dürftiges Ergebnis. Und doch überall die gleiche Antwort: „Schon 0,4 Prozent!“

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich habe mir gedacht, wenn ein japanischer Bischof durch die Bistümer Deutschlands reist und dort die Bischöfe fragt: „Wie viel Katholiken gibt es denn in ihrer Diözese im Hinblick auf die Gesamtbevölkerung?“ Ich bin überzeugt, er würde überall die Antwort hören: „Noch 50 Prozent etwa im Erzbistum Köln, oder noch 4 Prozent im Bistum Magdeburg.“

Ich meine aber, liebe Schwestern, liebe Brüder, im Vergleich zu diesen beiden Beispielen: auf die Prozentzahl kommt es eigentlich gar nicht so sehr an. Aber es kommt sehr auf das kleine Wort, das vor der Prozentzahl steht, an. Ob es dort heißt „schon“ oder „noch“! Das „schon 0,4 Prozent“ zeigt eigentlich eine Kirche im Vormarsch, eine Kirche in der Hoffnung, eine Kirche in der Mission, eine marianische Kirche! Und eine Kirche mit „noch 50 Prozent“ oder mit „noch 4 Prozent“ zeigt eine Kirche im Rückzug, in der Resignation.

Am Kreuz konnte Jesus sagen: „Es sind unter dem Kreuz schon drei“: Maria, Johannes und Maria Magdalena. Und weil Maria unter den Dreien dabei war, wurden aus den Dreien bald 500 vor Pfingsten im Abendmahlsaal zu Jerusalem. Und weil dort Maria dabei war – die Apostel waren nämlich versammelt mit Maria, der Mutter Jesu – wie es ausdrücklich in der Apostelgeschichte heißt – kamen am Pfingstfest zu den 500 im Abendmahlsaal noch 3000 hinzu! Und meine Freunde, weil Maria in der Kirche immer dabei blieb, wurden wir aus den Wenigen bis heute 1,3 Milliarden katholischer Christen.

Sorgen wir dafür, dass Maria immer dabei bleibt in unserem Leben, in der Familie, in den Gemeinden, in den Gemeinschaften: dann haben wir eine große Zukunft! Maria bewegt uns zum „Transitus“, zum Übergang vom „noch“ zum „schon“, von der Resignation in die Hoffnung, von der Angst in die Freude, vom Verlust in den Gewinn: Maria ist nicht nur eine Einladung zum Übergang, vom Minus zum Plus, sie ist geradezu die Pforte, die Tür dazu!

An dem Fluss Saale bei Naumburg gibt es ein berühmtes Zisterzienserinnenkloster, das bis zur so genannten Reformation „Sankt Marien zur Pforte“ hieß. Maria bringt gleichsam am Anfang des Neuen Testamentes Christus zu den Menschen. In den Hirten von Bethlehem und in den Heiligen drei Königen und vom Kloster „Mariens Pforte“ von der Saale aus bringt sie dann im 15. Jahrhundert Christus nach Schlesien, nach Ungarn, nach Böhmen, in die ganze slawische Welt.

Gott selbst hat diese Tür vom Himmel zur Erde vom seinem Herzen zu den Menschen aufgemacht, indem er Maria ohne Makel der Sünde ins Dasein rief. Darum war und ist sie völlig für Gott, zu uns Menschen durchsichtig, durchlässig. Maria kann deshalb den Menschen Christus entgegen tragen, heute wie damals. Und liebe Freunde, Maria ist nicht unsere Lehrerin, nur einer ist euer Lehrer: Christus! – sagt das Evangelium.

Maria aber ist unsere Mitschülerin, und zwar die erste. Und sie ist die erfahrenste, und das macht sie so sympathisch. Sie ist ganz in die Pläne und Absichten Gottes mit den Menschen eingeweiht. Sie weiß, wie Christus zu uns kommt und wie wir zu Christus kommen. Das ist tröstlich für uns selbst.

Aber liebe Schwestern, liebe Brüder, wie wenig Eltern manchmal ihre Kinder kennen, das wissen sicher manche aus der Erfahrung mit den eigenen Eltern. Dass aber auch Maria ihr außergewöhnliches Kind zunächst nicht vollständig kannte, ist eigentlich gar nicht verwunderlich. Vergessen Sie nicht, er war ja nicht nur ihr Kind, und sie ist nicht nur seine irdische Mutter, er war ihr Gott und sie sein Geschöpf, eben seine Schülerin.

Und so hörte sie im Tempel von Jerusalem die Lektion ihres Sohnes, nachdem sie ihn vorher mit Josef drei lange Tage gesucht hatte: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Nicht Christus war von Maria weggegangen, er war geblieben in dem, was dem Vater gehört, aber Maria war mit Josef von Christus weggegangen – nicht bewusst, sie glaubten ja, dass er bei der Pilgergruppe dabei sei.

Gott, liebe Freunde, Gott wollte um unsretwillen, um der Menschen Willen, dass Maria die Christusferne aus eigener Erfahrung kenne und spüre! Als sie aber merkte, dass Christus bei der Heimreise nicht dabei war, ergriff sie tiefe Angst und sie kehrte sofort um, um ihn drei Tage lang zu suchen.

Liebe Freunde, gerade das macht mir Maria persönlich so sympathisch und noch liebenswürdiger als bisher. Denn sie ist mir eben auch eine Mitgenossin und Gefährtin in der Christusferne! Und dass sie mir auch sofort zeigt, wie man sofort von der Christusferne in die Christusnähe gelangt: Vom „noch“ ins „schon“, von der Resignation in die Hoffnung. Maria macht sich drei Tage lang auf, sie macht sich drei Tage lang auf die Suche.

Das sind, liebe Schwestern, liebe Brüder übrigens in der Heilsgeschichte die ersten Exerzitien in der Kirche: Sich aufmachen, ihn drei Tage lang suchen, bis man ihn gefunden hat. Dann hörte sie ihre Lektion, die sie nie mehr vergessen hat: „Wusstest du nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“

Liebe Schwestern, liebe Brüder, Maria war eine gelehrige Schülerin. Diese Lektion ist ihr immer im Bewusstsein geblieben. Sie wusste nun überall, dass er in dem ist, was dem Vater gehört. Als er am Ölberg Blut schwitzte, dann wusste sie: er ist in dem, wo der Vater wohnt. Als Judas ihn küsste, da wusste sie, er ist in dem, was dem Vater gehört. Und als er am Kreuz hing und als er in Freunde Ostern feierte, wusste Maria, dass er in dem ist, wo der Vater ist.

Maria, liebe Freunde, hatte den Übergang vollzogen, von der Angst in die Freude, von den „noch“ 40 und 4 Prozent in die „schon“ 0,4 Prozent. Wir sind alle eingeladen, wir Bischöfe an erster Stelle, wir sind eingeladen, mit Maria in die Tempelschule Jesu zu gehen, Mitschülerinnen und Mitschüler mit ihr zu sein und zusammen mit ihr nach den Weisungen des Herrn umzusteigen vom „noch“ ins „schon“!

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich darf sie jetzt alle persönlich fragen: „Wo wohnst du? In dem, was dem Vater gehört?“ Das, was dem Vater gehört ist das „schon“ und nicht das „noch“, das ist die Hoffnung und nicht die Resignation, das ist der Mut und nicht der Kleinglaube. Das wäre eine Frucht des heutigen gesegneten Tages hier in Köln, das jeder von uns ganz bewusst in dem ist, was des Vaters ist, im „schon“, im Vormarsch, in der Hoffnung, in der Zuversicht, in der Freude.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, mit Maria unterwegs sein, ist der Lebensstil eines Christen. Die Kirche verehrt Maria unter vielen Bildern. Eines der ältesten ist Maria als Meeresstern, der Orientierungsstern. Im Auf und Nieder theologischer Meinungen brauchen wir einen Orientierungspunkt, der über allen Zeiten steht, der also immer gilt; und das ist Maria!

Liebe Freunde, in allen Skandalen, Irritationen und Unterstellungen der vergangenen Monate brauchen wir einem Kompass, der uns unabhängig von den verschiedenen Tagesmeinungen und Vermutungen den Weg zeigt: Das ist Maria!

Maria ist nicht das Ziel des Weges, aber sie ist das große Zeichen über dem Weg, das uns die Richtung angibt. Ihre Orientierungsfunktion definiert der Engel indem er sagt: „Sei gegrüßt, Maria, du bist voll der Gnade, der Herr ist mit dir!“ Weil Maria ganz leer war vom eigenen Wollen, konnte sie nun ganz erfüllt werden vom Wollen Gottes, sie wurde voll seines Willens. „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir!“, sagt der Engel.

Und liebe Freunde, lassen sie mich das einmal so sagen: Das große Herzeleid Gottes mit uns besteht darin, dass er seine kostbaren Gaben uns vor die Tür trägt, aber wir sie vor der Tür unseres Lebens liegen lassen. Er wird sie einfach bei uns nicht los. Er kommt mit seinen Geschenken und wir nehmen sie nicht an, weil bei uns und in uns schon alles besetzt ist.

Es verhält sich mit Gott wie bei einer Bushaltestelle an der die Fahrgäste warten, bis der Bus kommt. Der Bus aber fährt vorüber, weil er voll und ganz besetzt ist. Die Wartenden, die zurückbleiben sagen resigniert zueinander: Das ist bei dieser Buslinie immer so.

Das ist die Tragik Gottes mit uns. Wir fahren an unserem wartenden Gott vorbei, weil bei uns alles besetzt ist, von unseren Interessen, von unseren Ideen und von unseren Plänen. Wir haben keinen Raum führ ihn. „Er kam in sein Eigentum und die seinen nahmen ihn nicht auf.“

Ein Gebot der Stunde heißt: Raum schaffen für die Fülle Gottes, Zeit haben für den ewigen Gott, in unseren Interessen Gott den ersten Platz, die Priorität einräumen, wie Maria! Maria ist die „First Lady“ im Reiche Gottes, weil Christus bei ihr immer primär und nie sekundär war.

Immer, wenn wir vor dem Altar zur Eucharistie niederknien, dann steht Gott vor uns und träumt einen hartnäckigen Traum: „Ob es mir diesmal gelingt, mit meinem Wort, mit meinem Leib und Blut, mit meinem Herzen bei euch und in euch Raum zu gewinnen, damit ich mit euren Herzen schalten und walten kann, als ob es mein eigenes Herz wäre, damit ich mit euren Händen hantieren kann, als ob es meine eigenen Hände wären und damit ich mit euren Füßen zu den Menschen gehen kann, als ob es meine eigenen Füße wären.“

Bei Maria ist ihm das gelungen. Sie war ganz leer von sich selbst und ganz erfüllt von der Gnade Gottes. „Du bist voll der Gnaden“. Sie war und ist ganz verfügbar für die Pläne Gottes. Darin ist sie uns Orientierungspunkt schlechthin.

Meine lieben Freunde, es gibt keine wesentlichere Übung im Leben eines Jüngers Jesu als die Frage: „Herr, was willst du, das ich tun soll? – Ich bin die Magd des Herrn – Vater dein Wille geschehe.“ Der Wille Gottes und dessen Befolgung in der Existenz Mariens ist unser Orientierungspunkt. Deshalb verehren wir sie als Meeresstern. Sie gibt den richtigen Kurs an – auch im Nebel und Sturm des Lebens.

In der Lausitz, im Osten Deutschlands, im Wohngebiet der katholischen Sorben, gibt es ein Zisterzienerinnenkloster, das ununterbrochen seit 750 Jahren existiert. Es trägt den Namen „Marienstern“. Mit diesem Namen erklären die Bewohnerinnen des Klosters Maria als die getreueste Verkörperung der Nachfolge Christi und als ihre eigenste, oberste Lebensnorm.

Seit 500 Jahren leuchtet Marienstern den wenig katholisch gebliebenen Christen in dem überwiegend ungläubig gewordenen Land wie eine Wegweisung für ein Hoffnungsreich. Auch unsere Häuser und Wohnungen sollten als Firmenschild die Bezeichnung Marienstern tragen. Wir folgen Maria und ihrem Sohn.

Und liebe Schwestern, liebe Brüder, im Magnifikat belehrt uns Maria, dass Gott nicht auf die Berge schaut, sondern dass Gott in die Täler blickt. „Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.“ Je tiefer im Tal, desto deutlicher stehen wir vor den Augen Gottes neben Maria.

Und darum gibt es in der Kirche wohl nur eine legitime Karriere, nämlich die Karriere nach untern, wie bei Maria. Der Herr vertraut sein Volk Maria ganz unten an. Und darum bekommt er aus dem Mariental ein so lautstarkes Echo. Weil Maria so still ist, ist das Wort Gottes in ihrem Leben so laut!

Ja, sie ist nicht Wort, sie ist nur Laut, der das Wort des Herrn deutlich verlauten lässt. Sie ist Echo und das Echo klingt umso deutlicher, je tiefer unser Adressat des Wortes steht – Maria in Nazareth.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, direkt an der Ostgrenze Deutschlands, an der Neiße, dem Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen, befindet sich ein weiteres Zisterzienserinnenkloster, das ebenfalls seit dem 14. Jahrhundert ununterbrochen existiert und den Namen Marienthal trägt. Die Schwestern waren den wenigen im 16. Jahrhundert katholisch gebliebenen Menschen eine Stärkung und ein Trost ganz unten in ihrer gesellschaftlichen Isolierung.

Beim letzten Hochwasser im August dieses Jahres wurde das Kloster von den Wassern der Neiße mit Schlamm und Schmutz völlig überflutet, wie noch nie in seiner 760jährigen Geschichte. Es ist wirklich ein Haus Mariens im Tal geworden. Aber nicht in einem idyllischen Tal, das wir in unseren Volksliedern besingen, sondern ganz unten in den Tälern von Schmutz, Schlamm und Sünde, die es in allen Völkern gibt.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, unsere arme Kirche ist in den letzten Monaten in ähnlicher Weise durch die verschiedensten Missbräuche gedemütigt und in den Schmutz getreten worden, wie ich das nie für möglich gehalten hätte. Wir sind zu einer Kirche „ganz unten“ geworden.

Und mein großer Trost: und damit zu einer Kirche ganz neben Maria! Sie definiert sich ja selbst als die Frau der Niedrigkeit: „Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.“ Und darum konnte bei ihr das Wort Gottes eine so klare und durchschlagende Antwort erfahren.

Meine Schwestern, meine Brüder, ich bin zutiefst davon überzeugt, dass auch unsere Kirche, die sich in ihrer Demütigung und Verachtung neben Maria ganz unten weiß, nun zum deutlichen Zeugnis und zum laut vernehmbaren Echo der Barmherzigkeit Gottes werden kann und soll. Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er herabgeschaut. Hier bin ich dabei, hier sind wir dabei, wie Maria.

Vielleicht ist das auch die größte Gnade dieser schmerzlichen Vorgänge, die wir in den letzten Monaten durchleiden mussten und müssen. Wo die Sünde groß ist, nimmt die Gnade Gottes überhand, sagt der heilige Paulus. Mit Maria, voll der Gnade, ohne Sünde wird aus diesem Minus ein Plus und aus diesem Verlust Gewinn und aus dieser Erniedrigung Erhöhung, aus Verzweiflung Freude.

Ich bin überzeugt, wir werden aus diesem Fegefeuer gestärkter und missionarischer herausgehen, als wir hineingeraten sind. Elisabeth sagt zu Maria: „Selig ist die, die geglaubt hat!“ Und wir sind wirklich selig, wenn wir glauben, wie Maria.

Gott ist Mensch geworden in Jesus Christus durch den Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau. Seitdem ist Maria für uns die Marienpforte, die uns mit Christus in Berührung bringt. Seitdem ist sie für uns der Marienstern, der uns Orientierung und Wegweisung ist. Und seitdem ist sie für uns das Marienthal, das auch die Tiefen des Lebens am Herzen Gottes festmacht.

Der Zisterzienserorden ist bis heute ein Marienorden. Und ein katholischer Christ ist nach dem Evangelium ein Marienmensch. Und darum liebe Freunde gilt für jeden Einzelnen von uns das Wort des Engels an Maria: „Der Herr ist mit dir!“ Du hast bei Gott Gnade gefunden. Und darum ist unser Berufslied nicht das Miserere sondern das „Freut euch des Lebens“. Amen.

Foto: (c) Horst Obereder


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