Zu den Orten der Kindheit

29. August 2009 in Buchtipp


Exklusiv auf kath.net: Neue Leseproben aus dem Roman Father Elijah des kanadischen Bestsellerautors Michael D. O'Brien - Kapitel 1,8


München (www.kath.net)
Hier lesen Sie jeden Samstag im Sommer exklusiv auf Kath.Net Abschnitte aus dem 1. Kapitel aus dem internationalen Erfolgsroman Father Elijah des kanadischen Autors Michael O’Brien, übersetzt von Gabriele Kuby.

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„Wenn Sie morgen früh abreisen, dann bleibt nicht viel Zeit, um zu den Orten Ihrer Kindheit zu gehen. Sie sagten, Sie würden mich hinführen. Haben Sie heute Nachmittag Zeit?“
„Ja. Würden Sie wirklich mitkommen?“
Plötzlich strahlte ein unkontrolliertes Lächeln über ihr Gesicht, und Elija machte innerlich einen Freudensprung.

Nach dem Mittagessen nahmen sie ein Taxis zum Nordende des Ghettos. Auf dem Weg deutete nichts darauf hin, daß in diesem Gebiet einst eine Stadt innerhalb der Stadt existiert hatte. Nichts schrie auf, keine Stimmen protestierten gegen die Katastrophe, die hier geschehen war. Blühende Bäume standen an den Straßenrändern. Kinder spielten sorglos in den öffentlichen Gärten. Er sprach nicht, und sie machte keinen Versuch, sein Schweigen zu brechen.

Als sie vor dem Marmordenkmal auf dem Umschlagplatz standen, sagte er: „Die Nazis haben Hunderttausende der Ghetto-Juden von hier aus deportiert. Hier begannen die Einsenbahnschienen. Sie führten nach Treblinka.“
„War Ihre Familie in einem dieser Züge?“
„Alle.“
„Haben einige überlebt?“
„Keiner.“
Sie gingen die Straße hinunter und bogen auf die Zemenhofa-Straße ein. Wortlos nahm sie seinen Arm. Er war wie betäubt und wunderte sich, daß die Geste ihn nicht berührte.

Ich bin alt, sagte er zu sich selbst. Die Leute, die uns anschauen, sehen nur eine junge Frau, die sich mit einem alten Mann auf einem Spaziergang unterhält. Eine Nichte mit ihrem Onkel. Eine Tochter mit ihrem Vater.

An der Ecke der Mila-Straße zeigte er ihr, wo er als Junge gelebt hatte.
„Wir wohnten im vierten Stock in dem Wohnhaus, das hier einmal stand, aber alles wurde zerstört. Die Deutschen sprengten das Ghetto, ein Gebäude nach dem anderen.“
„Ist nichts mehr übrig?“
„Garnichts.“

Dann erinnerte er sich an den Sprung im Pflaster, der einem Pferdekopf ähnelte. Er fand ihn und zeigte ihn ihr. Jemand hatte in den letzten Tagen die Form mit weißer Kreise nachgezogen. Bestimmt ein Kind.
„Hier habe ich mit meinem Bruder und meiner Schwester gespielt. Wir haben uns vorgestellt, daß der Ritter, der den großen Drachen von Krakau getötet hatte, nach seinem Sieg hierher gekommen war und mit der Spitze seines Schwerts dieses Zeichen in den Stein geritzt hat, als Erinnerung an seine Heldentat.“

Sie besuchten das Pawiak-Gefängnis und das Institut für Jüdische Geschichte. Um vier Uhr fragte sie, ob sie nicht in ein Cafe gehen könnten, sie müsse sich hinsetzen und etwas essen. Er spürte immer noch diese gräßliche Taubheit, darunter allerdings eine wachsende Spannung.
Am Rande der Altstadt fanden sie ein Bistro. Anna aß eine Kleinigkeit und trank ein Glas Wein dazu. Er bestellte einen Kaffee.

„Haben Sie eine Familie?“ fragte er.
Sie schaute ruckartig auf und senkte gleich wieder den Blick.
„Ich bin Witwe.“
„Das tut mir leid. Haben Sie Ihren Mann erst kürzlich verloren?“
„Vor einigen Jahren.“
„Gibt es sonst jemanden?“
„Zwei Kinder, die beide studieren.“
„Wie heißen sie?“
„Reden wir über mein Leben ein anderes Mal. Der heutige Tag gehört Ihnen. Erzählen Sie mir von Ihrer Vergangenheit.“

„Da gibt es nicht viel zu erzählen“, sagte er ausweichend.
„Oh doch!“
„Das ist nur noch Erinnerung. Wenn meine Generation gestorben ist, dann ist es nur noch eine Seite in einem Geschichtsbuch.“
„Meinen Sie? Ich glaube, die Welt wird das nicht vergessen. Warschau ist eine gespenstische Stadt. So viele Tote. An jeder Ecke gibt es diese Schilder, die an die Gefallenen erinnern.“
„Denkmäler sind eine Sache. Aber das ist nicht das Gleiche.“
„Das Gleiche wie was?“
„Es ist nicht das Gleiche, als mit den Überlebenden alt zu werden. Millionen von Geschichten wurden nicht an die nächste Generation weiter gegeben. Eine ganze Generation wurde ausgelöscht. Die wenigen von uns, die überlebten, wurden schon alt, als wir noch Kinder waren.“

Sie beobachtete eine Weile seine Augen. Schließlich wagte sie die Frage: „Bestimmt ist das wieder die Juristin in mir, Vater, aber ich habe das Gefühl, daß es mehr zu sagen gibt – etwas, das Sie zurückhalten.“
„Wenn ich anfangen würde das Mehr zu erzählen, würde es eine Ewigkeit dauern.“
„Ich habe Zeit“, antwortete sie leise.
„Es gibt noch einen Ort, der mir wichtig ist, genauso wichtig, wie der Ort, wo ich zu Hause war.“
„Zeigen Sie ihn mir?“
Er nickte.
Ein paar Minuten später bogen sie in eine Seitenstraße der Altstadt ein und standen vor dem Sophia Haus.
„Ein ganzen Winter lang lebte ich hier, in diesem Gebäude.“


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