'Imabe' war ein Pilotprojekt, das zur richtigen Stunde entstanden ist

24. November 2008 in Österreich


Katholisches "Imabe"-Institut - Festsymposion zur "Medizin der Zukunft" im Wiener Erzbischöflichen Palais


Wien (kath.net/PEW)
Mit einem Festsymposion im Wiener Erzbischöflichen Palais wurde am Freitagabend das 20-jährige Bestehen des katholischen "Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik" (Imabe) gefeiert. "Imabe" wurde 1988 auf Initiative von Medizinern, Juristen, Theologen und Philosophen in Wien gegründet. Ziel ist es, den Dialog von Medizin und Ethik in Forschung und Praxis auf Grundlage des christlichen Menschenbildes und der Menschenwürde zu fördern.

"'Imabe' war ein Pilotprojekt, das zur richtigen Stunde entstanden ist", erinnerte der St. Pöltner Bischof Klaus Küng bei der Eröffnung des Festsymposions. In der Bischofskonferenz habe sich vor allem der damalige Militärbischof Alfred Kostelecky für "Imabe" eingesetzt, so Küng. Kostelecky habe die Wichtigkeit der Fragen der Bioethik erkannt und darauf gedrängt, dass diese gut bearbeitet werden.

Er selbst, so Küng, habe seither oft auf die Hilfe des Instituts und seiner Fachleute zurückgegriffen. Als Beispiele nannte der St. Pöltner Bischof die Gesetzgebung für die künstliche Befruchtung, die Organtransplantation oder die Erarbeitung ethischer Leitlinien für Gesundheitsorganisationen.

Es sei wichtig, dass sich "Imabe" dem Thema Anthropologie zuwende. "Die Grundlagen des Menschseins werden gerade in der Medizin oft zu wenig beachtet", beklagte Küng, der selbst ausgebildeter Arzt ist: "Jeder ist ein Spezialist auf seinem Fachgebiet, aber Fragen, die in die Tiefe gehen, kommen zu kurz". Es gebe heute auf Grund des wissenschaftlichen Fortschritts "fantastische Möglichkeiten", aber auch "viele Gefährdungen".

Auch der Zweite Nationalratspräsident Michael Spindelegger brachte zum 20-Jahr-Jubiläum die Wertschätzung für die Arbeit des "Imabe" zum Ausdruck. "Angesichts der vielen Möglichkeiten, die die medizinische Wissenschaft aufzeigt, tun sich Spannungsfelder auf", sagte Spindelegger. Das "Imabe" sei in dieser Hinsicht für die Politik ein wesentlicher Wegbegleiter bei Entscheidungen. Gerade angesichts der rasanten Entwicklungen in der Biotechnik müsse man Schranken setzten und ethische Grenzen, etwa in der Forschung mit embryonalen Stammzellen oder beim Thema "Euthanasie" setzen, stellte er klar.

Bonelli: Medizin in Umbruchsphase

"Imabe"-Direktor Primarius Johannes Bonelli betonte zum Beginn des Festsymposions "Medizin, Ideologie und Markt", dass sich die Medizin in einer Phase des Umbruchs befinde. Ärzte würden mehr und mehr als Dienstleister gesehen, die Kundenwünsche zu erfüllen hätten. "Als Reaktion flüchten sich die Ärzte in eine Art 'Defensivmedizin', die sich nicht mehr dem Wohl des Menschen, sondern der rechtlichen Absicherung im Schadensfall widmet", sagte Bonelli. Es bestehe die Gefahr, dass sich die Medizin der Zukunft allein an Kundenwünschen und ökonomischen Selbstgesetzlichkeiten orientiere.

Beck: Gesundung ist umfassender Prozess

Der Wiener Naturwissenschaftler, Mediziner und Moraltheologe Prof. Matthias Beck betonte in seinem Statement den umfassenden Charakter des Prozesses der Gesundung. Studien hätten gezeigt, dass das Immunsystem, dass gleichsam die "innere Mitte und die 'Seele'" aller Gesundungsprozesse darstelle, eng mit dem "inneren Seelenleben" zusammenhänge und die seelische Gesundheit sich daher auch körperlich niederschlage.

Gesundheit sei - anders als die laut Beck verkürzte Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) - als "Interaktion" zwischen verschiedenen physischen, psychischen, sozialen und geistigen Aspekten zu verstehen, zu denen auch das religiöse Empfinden des Menschen zähle. Entsprechend sei Gesundheit ohne eine "innere Stimmigkeit" auf den Ebenen des "Körperlichen, des Seelischen und des Geistig-Spirituellen kaum zu erreichen", so Beck.

Heute könne man jedoch einen weitreichenden Verlust der Sensibilität für den Bereich des Geistig-Spirituellen feststellen, so Beck weiter. Gesundheit werde auf ihren physischen Aspekt reduziert, wie es etwa die Begriffe "Wellness" und "Fitness" vor Augen führen. Gesundheit sei jedoch "mehr als das Freisein von Krankheit und Schwäche", so Beck. Sie stelle ein ständiges Ringen um das Gleichgewicht der physischen, psychischen und geistigen Ebene dar, zu ihrem Begriff zählen daher - anders als es die WHO in ihrer Definition des Gesundheitsbegriffs formuliert - auch Phasen des Unwohlbefindens.

"Ordensspitäler setzen Maßstäbe der Menschlichkeit"

Michael Heinisch, Geschäftsführer der "Vinzenz Gruppe", die neben den Barmherzigen Brüdern größter Erhalter von Ordensspitälern ist, betonte in seinem Statement die Bedeutung der kirchlichen Krankenhäuser für einen "neuen Aufbruch zu mehr Menschlichkeit in der Medizin". Neben einer professionellen und hochwertigen fachlichen Betreuung sei es insbesondere das "Prinzip der Menschlichkeit", das die Ordensspitäler zu beispielgebenden Orten einer "neuen ganzheitlichen Heilung" machen.

Die Grundlage dieses Prinzips der Menschlichkeit stellen laut Heinisch "christliche Werte" wie etwa Barmherzigkeit, Hochachtung vor dem Patienten, Wahrhaftigkeit im Umgang mit dem Patienten sowie die soziale Verantwortung im Umgang mit den begrenzten finanziellen Ressourcen dar. Das Prinzip der Menschlichkeit soll sich laut Heinisch jedoch nicht nur im unmittelbaren Kontakt zwischen Arzt und Patient niederschlagen, es müsse auch die "organisatorischen Rahmenbedingungen" prägen. So sei es dringend geboten, in den Spitälern Abteilungen für klinische Psychologie und Seelsorge einzurichten, da diese einen "wertvollen Beitrag zur ganzheitlichen Gesundung" darstellen.

Die Beiträge des Symposions sind nachzulesen im Tagungsband "Medizin, Ideologie und Markt", der in der Reihe "Imago Hominis. Quartalsschrift für Medizinische Anthropologie und Bioethik" erscheint.

Lebensanfang und Lebensende, Stammzellenforschung, Umgang mit dem Leid

In seinem Vorwort zum Tagungsband "Medizin, Ideologie und Markt" betont der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn die herausragende Rolle des "Imabe" für die kirchliche Meinungsbildung auf dem Gebiet der medizinischen Anthropologie und Bioethik. Die "anerkannte moralische Kompetenz" der Kirche auf diesem Gebiet, die sich nicht im "Nein-Sagen" erschöpfe, gehe letztlich auch auf die Arbeit des "Imabe" zurück, dessen Gründung vor 20 Jahren "zukunftweisend" gewesen sei.

Zugleich verweist Kardinal Schönborn in seinem Vorwort auf drei zentrale ethische Herausforderungen der Gegenwart, die zugleich Arbeitsgebiete des "Imabe" darstellen: Die Fragen des Umgangs mit den Phasen des Lebensanfangs und des Lebensendes, die Frage der moralischen Bewertung der Manipulation von menschlichem Leben zu Forschungszwecken sowie den Umgang der Gesellschaft mit dem Leiden. Bioethik sei heute "zur Chefsache der Politik" geworden - umso wichtiger sei es da, ethische Grundsätze zu diskutieren und zu bestärken, die "wie Leuchttürme blinken" und so Entscheidungsprozesse in Politik und Medizin orientieren.

Konkret weist Kardinal Schönborn auf den wachsenden "Druck auf Mütter und Ärzte, zur Sicherheit alle Qualitätskontrollen durchzuführen" und damit ungeborenem behinderten Leben letztlich "kaum noch eine (Lebens-)Chance" zu bieten. Das Leben werde durch diese Mentalität "verfügbar" gemacht, zugleich führe diese Mentalität "zu einem Anspruch, es in Ausübung eines vermeintlichen Selbstbestimmungsrechtes beenden zu können oder beenden zulassen". Sterbehilfe sei jedoch "Hilfe beim Sterben, nicht Hilfe zum Sterben", so der Kardinal.

Im Blick auf die Stammzellenforschung betont Kardinal Schönborn die Fortschritte im Bereich der adulten Stammzellenforschung. Nur in einer Förderung dieser Technik könne man die zahlreichen ethischen Probleme umgehen, die sich durch die embryonale Stammzellenforschung ergeben. Kardinal Schönborn wörtlich: "Die ethische Problematik liegt darin, dass es beim Embryo um Jemanden geht und nicht um Etwas". "Es gibt keine Abstufungen in der Schutzwürdigkeit für ungeborene, kranke, behinderte und alte Menschen", so der Kardinal.

Darüber hinaus weist Kardinal Schönborn darauf hin, dass man "den Bogen überspannt", wenn man die Aufgabe der Medizin darauf richte, ein "leidfreies, gesundes Leben bis zuletzt zu ermöglichen". Zu einem "guten Leben" gehöre vielmehr auch "die Annahme des Leidens und damit auch die Sorge um den Leidenden", so der Kardinal. Ethische Brisanz gewinne diese Feststellung vor allem dort, wo wegen schwindender Gesundheitsbudgets der Ruf nach einem Ausschluss von Personengruppen von teuren medizinischen Verfahren immer lauter werde. In dieser Situation sei die Kirche aufgefordert, "sozialethische, christliche Aspekte der Verteilung der Mittel im Gesundheitswesen und die Diskussion über den 'Lebenswert' chronisch kranker und pflegebedürftiger Menschen in die Diskussion einzubringen".


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