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09 November 2019, 12:00

Die Stunde der Laien
Gedanken zu Beginn eines neuen Jahres, das wohl weiterhin im Zeichen der Kirchenkrise steht - Von Guido Horst / VISION 2000
Wien (kath.net/VISION2000.at)
Der Himmel ist grau und starke Windböen wehen einem den feinen Regen direkt ins Gesicht. So richtig erfreuen sich die Touristen und das Laufpublikum auf dem Petersplatz am Anblick der diesjährigen Weihnachtskrippe nicht. Wassertropfen auf der Brille und den Linsen der Smartphones und Fotoapparate. Der Sand der Krippenlandschaft sieht grau aus. Jawohl: Sand.

Eine Weihnachtskrippe, aus Sand gebaut und auf Sand gebaut. Eine ganze Kolonne von Lastkraftwagen hatte den Sand aus Jesolo auf den Petersplatz gebracht, aus jenem Küstenstädtchen an der Adria, wo seit 20 Jahren überlebensgroße Sandskulpturen zu bewundern sind.
Der Krippe auf dem Petersplatz wäre das gleiche Schicksal beschieden wie den Figuren am Adriastrand: Wind und Witterung würden sie zerfallen lassen – wenn man sie Anfang Januar nicht wegräumen würde. Die dies­jährige Weihnachtskrippe beim Obelisken: aus Sand auf sandigem Grund – ein symbolhaftes Zeichen?

Seit Menschengedenken gilt in der katholischen Kirche die Hierarchie als das Fundament des pilgernden Gottesvolks: Die mit dem Papst, dem Felsen, verbundenen Bischöfe, die Kirche Roms als Zentrum der katholischen Christenheit, die Kardinäle, die dem Stellvertreter Christi in Rom und in der ganzen Welt als Stütze dienen, die Konzilien und Synoden, zu denen der Episkopat zusammentritt, um über Schlüssel­fragen des kirchlichen Lebens zu entscheiden.
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Noch nie hat es ein Jahr wie das vergangene gegeben, in dem die Hierarchie derart in Miss­kredit geraten ist. 2018 war das Jahr der Missbrauchskrise. Es endete, wie es begonnen hatte: Im Dezember wurde bekannt, dass Kardinal George Pell, bis Mitte 2017 amtierender Präfekt des neu geschaffenen Wirtschaftssekretariats des Vatikans, von einem Gericht in seiner australischen Heimat wegen Missbrauchs schuldig gesprochen wurde. Offiziell bestätigt wurde die Nachricht nicht, da die Richter in Melbourne bis zur Urteilsverkündung am kommenden 4. Februar eine Nachrichtensperre verhängt haben. Aber dementiert hat auch niemand. Der Vatikan teilte nur lapidar mit, der Heilige Stuhl habe „größten Respekt vor den australischen Gerichten“.

Begonnen hatte das Miss­brauchs-Jahr mit der Chile-Reise von Papst Franziskus im Januar, die die Wellen der öffentlichen Empörung über die Verbrechen von Klerikern an Schutzbefohlenen nicht glätten konnte, sondern erst recht in die Höhe schlagen ließ. Der Papst hatte den von ihm ernannten Bischof Juan Barros Madrid im chilenischen Osorno in impulsiven Äußerungen vor Journalisten gegen „Verleumdungen“ verteidigt, was ihm den Vorwurf einbrachte, die Miss­brauchsopfer als „Verleumder“ diskreditiert und damit nochmals verletzt zu haben.

Franziskus ließ den „Fall Chile“ nochmals aufrollen, holte die dortigen Bischöfe nach Rom, die boten fast alle den Rücktritt an – und der Papst nahm so manchen Rücktritt an, auch den von Barros Madrid. Besonders in der Kritik steht in Chile Kardinal Francisco Javier Errázuriz Ossa, der ehemalige Erzbischof von Santiago de Chile. Ihn entließ der Papst im Oktober aus dem Rat der ihm bei der Kurienreform assistierenden Kardinäle, ebenso wie den unglücklichen Australier Kardinal Pell.

Missbrauchsskandale beschäftigten die Kirche in der Zeit nach dem Jahr 2000 immer wieder. Zunächst waren es die Fälle in den USA, dann, 2010, waren Deutschland und Irland zwei Kernländer der öffentlichen Erregung. Und nun wieder: 2018. Das Neue jedoch ist, dass es nicht mehr nur um die Verfehlungen einzelner Kleriker geht, sondern um eine Krise der Kirche als System. Als Franziskus am 20. August unter dem Eindruck der erschütternden Erkenntnisse des Pennsylvania-Berichts einen „Brief an das Volk Gottes“ schrieb, entschuldigte er sich nicht nur für die Untaten Einzelner, sondern nahm die Kirche als solche in den Blick: „Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen, und dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben, als wir den Umfang und die Schwere des Schadens erkannten, der sich in so vielen Menschenleben auswirkte. Wir haben die Kleinen vernachlässigt und allein gelassen.“

Der im August bekannt gewordene Bericht über Missbrauchsverbrechen der vergangenen siebzig Jahre auf dem Gebiet von sechs der acht Diözesen im Bundesstaat Pennsylvania geht von Tausenden Opfern aus, denen 300 namentlich genannte Priester Gewalt angetan haben. „Priester haben kleine Jungen und Mädchen vergewaltigt, und die Männer Gottes, die für sie verantwortlich gewesen wären, haben nicht nur nichts getan – sie haben alles versteckt“, heißt es in dem Bericht. „Die Kirche hat ihre Institutionen geschützt – kostete es, was es wolle“. Der in dem Bericht immer wieder genannte Kardinal Donald Wuerl, zunächst Bischof von Pittsburg, später dann Erzbischof von Washington, trat im vergangenen Oktober von seinem Amt zurück. Seinem Vorgänger im Amt des Erzbischofs von Washington, Theodore McCarrick, hatte der Papst schon im Sommer die Kardinalswürde genommen – ein unerhörter Vorgang, die letzte Entlassung aus dem Kardinalsstand lag 90 Jahre zurück.

Im Fall des „Onkel Ted“ McCarrick waren es dessen homosexuelle Umtriebe und der Fall des Missbrauchs eines Minderjährigen, die ihn das rote Birett kosteten. Und es wurden Vorwürfe laut, dass der Lebenswandel McCarricks bei vielen Kirchenverantwortlichen, aber auch im Vatikan schon seit langem bekannt gewesen war.

Es ist nicht zu erwarten, dass der Medienrummel rund um das Thema Kirche und Missbrauch im kommenden Jahr abebben wird. In Deutschland wird dem ehemaligen Vorsitzenden der Bischofskonferenz Erzbischof Robert Zollitsch vorgeworfen, er hätte Missbrauchsvorwürfe gegen Priester seiner Diözese nicht verfolgt. In England gilt das Gleiche für Kardinal Vincent Nichols, den Erzbischof von Westminster. In Lateinamerika ermittelt ein Menschenrechtsgerichtshof in derselben Materie gegen den ehemaligen Erzbischof von Mexiko-Stadt, Kardinal Norberto Rivera Carrera, und die Vorwürfe gegen hohe Kirchenrepräsentanten in Chile sind sattsam bekannt.

Wenn der Stand der Bischöfe jetzt viel Kredit verspielt hat, dann ist die Stunde der Laien, der Laien von der Art, wie der kurz vor Weihnachten beerdigte Philosoph Robert Spaemann einer war: Unverbogen, verblüffungsresistent, einer, der an der Wahrheit festhält – auch wenn man erkennt, dass sich viele dieser Wahrheit nicht als würdig erweisen. Also kein Grund, 2019 den Kopf in den Sand zu stecken.

Es ist die Stunde, in der man mit vielen anderen Gläubigen, die wegen der Vertuschungssysteme im Episkopat eben nicht die Heiligkeit der Kirche in Frage stellen wollen, einfach nur beherzt sagen kann: Unsere Hoffnung setzen wir nicht auf den Klerus, der im Februar im Vatikan mal versuchen soll, auf dem Missbrauchsgipfel mit dem Papst für die Kirche ein Stück an Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

Unsere Hoffnung ist Jesus Christus, der auch dann mit im Boot sitzt, wenn es so aussieht, als würde Er schlafen. Nur Er kann die Wogen glätten und den Sturm bändigen, der das Boot so heftig schlingern lässt. Es ist an der Zeit, die Hoffnung auf Ihn und nicht auf menschliche Schlauheit und kluge Regeln zu setzen.

Tausend-, ja vielleicht millionenfach geben verfolgte und bedrängte Christen im Nahen und Mittleren Osten, in Nordafrika, im Kongo und in der Zentralafrikanischen Republik, in Pakistan und anderen asiatischen Staaten, nicht zuletzt in China, ein Zeugnis dafür ab, was es heißt, Jesus Christus auch unter widrigsten Umständen treu zu bleiben. Sie verweisen auf den, der das wirkliche Fundament ist. Denn wie sagte schon Gilbert Keith Chesterton: „Das Christentum ist oft gestorben und wieder auferstanden. Denn es hat einen Gott, der den Ausweg aus dem Grabe kennt.“

Der Autor ist Chefredakteuer des Vatican-magazins.


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